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Sternenstaub

© Sigrid Wohlgemuth


Dem Weihnachtsmann platzte der Kragen. "Herrje! Wo soll das noch enden?" Er zerknüllte den gerade gelesenen Brief und stapfte durch die Spuren der Schneeschlitten und der Rentierhufe. Polternd öffnete er die Tür zur Werkstatt.
"Ich begrüße euch zur Weihnachtsbesprechung."
"Guten Tag, Weihnachtsmann."
"Wer hat neue Ideen?" Er schaute in die Runde der Nordsternbewohner.
Hans meldete sich zu Wort. "Weihnachtsmann, ich habe die Briefe der Kinder vom Vorjahr gelesen. Action ist gefragt! Wer will heute noch langweiligen Kram. Und ..."
"Hör auf, Hans!", rief der Weihnachtsmann. "Wie kannst du ..."
"Ich sagte doch, ich habe die Briefe gelesen." Hans stand vom Stuhl auf.
"Hier hast du einen solchen Gewaltwunschbrief." Der Weihnachtsmann warf den vom ihm zerknitterten Bogen auf den Tisch.
"Komm rüber zur Glaskugel, von der aus wir die Erde beobachten können. Ich werde dir zeigen, wie die Kinder reagiert haben", sagte Hans und drückte den Knopf, auf dem ‚Weihnachten-Vorjahr' stand. Die ersten Bilder erschienen. Ein Junge, der unter dem Weihnachtsbaum eine Eisenbahn schönster Machart vorfand, war zu sehen.
"So ein Mist! Da schreibe ich dem Weihnachtsmann, mache mir die größten Hoffnungen - und bekomme eine doofe Eisenbahn."
Ein junges Mädchen öffnete sein Geschenk und fing zu weinen an. "So eine blöde Puppe! Es gibt gar keinen Weihnachtsmann." Sie rannte aus dem Zimmer. Weitere Aufnahmen der gleichen Art folgten.
"Siehst du, Weihnachtsmann?", fragte Hans, "du musst dich umstellen, moderner denken. Keiner möchte das, was wir produzieren!"
"Ich beweise euch das Gegenteil", brummte der Weihnachtsmann und spulte den Film vor.
"Schaut sie euch an, wie glücklich ihre Augen strahlten. Es waren mehr zufriedene Kinder, als solche, die sich nicht über die Geschenke gefreut haben."
"Wer's glaubt wird selig", sagte Hans.
Die Gesichtsfarbe des Weihnachtsmannes wechselte ins Rot. "Hans!" Er sprang auf, ging im Raum auf und ab und gestikulierte mit den Armen. "Wie kannst du es gutheißen, Kindern zerstörerische, gewalttätige Geschenke zu geben. Hast du nicht gesehen, was unten auf der Erde vor sich geht? Gibt es nicht genug Unfrieden und Elend? Sollen wir dazu beitragen? Bei den Kindern müssen wir anfangen, die können noch lernen. Wir leben hier seit Tausenden von Jahren in Frieden. Mit Freude in unseren Herzen stellen wir Spielsachen her. Solange ich lebe, wird sich daran nichts ändern. Ich hoffe, keiner von euch hat Ideen wie Hans." Er schaute in die Runde und verließ mit seiner Frau Eleonora die Werkstatt. Kopfschüttelnd sah er sie an. "Ich kann's nicht glauben!
Hans und ich arbeiten seit hundert Jahren zusammen!"
"Sei nicht grimmig. Er hat versucht, neue Spielsachen zu entwickeln und möchte so wie du, dass sich alle Kinder am Weihnachtsabend freuen. Ruh dich eine Weile aus."
Der Weihnachtsmann erwachte am frühen Abend.
"Ich gehe zu Hans."
"Er wird sich über deinen Besuch freuen", sprach Eleonora.
Der Weihnachtsmann stieg die Stufen im Haus empor und klopfte an die Tür. Hans öffnete. Sie gingen ins Wohnzimmer und setzten sich auf die Couch.
"Hans, es tut mir leid, dass ich dich angebrüllt habe."
"Ich verstehe dich. Seit Jahrhunderten werden im Nordsternland die Spielwaren angefertigt und du bringst sie am Weihnachtsabend in ihre Häuser. Aber es ist nicht mehr die Welt, wie sie einmal war. Die Kinder möchten mehr Action, mehr erleben. Die Erwachsenen, Fernsehen, Computerspiele machen es ihnen vor. Ich gebe dir Recht, denn wenn wir anfangen diese Kinderspiele zu bauen, dann lernen sie von klein auf damit umzugehen, und aus Spiel könnte leicht Ernst werden."
"Wir müssen an das Wohl und die Zukunft der Kinder denken."
Am folgenden Tag trafen sich alle in der Werkstatt.
"Hans und ich haben beinahe die ganze Nacht durch diskutiert. Wir sind zu keinem Ergebnis gekommen. Habt
ihr Anregungen?"
Langes Schweigen. Am Ende des Tisches stand Etwina auf.
"Weihnachtsmann, lass die Kinder auf der Erde entscheiden. Wir hier oben können keine Lösung finden, weil wir anders leben, als sie dort unten."
"Ein guter Vorschlag. Und was ist, wenn sie Gewaltspiele möchten?"
"Wir sollten eine Aktion starten. Die Medien arbeiten mit uns zusammen. Wir lassen bekannt geben, dass jedes Kind seine Spielzeugwünsche aufschreiben soll", rief Volker.
"Ich werde es sofort weiterleiten", sagte der Journalist und ging zum Schreibtisch.
"So einfach geht das nicht. Ihre Wünsche waren die Kriegsspiele."
"Wir müssen es nur richtig formulieren", meinte Hans.
"Nun gut, in der Zwischenzeit fangen wir an, die üblichen Sachen zu bauen, doch wir werden sie verschönern. Poppige Farben, neue Modelle", sprach der Weihnachtsmann.
Der Aufruf in den Zeitungen und Fernsehsendern lief, und die ersten Briefe erreichten den Nordstern. Der Weihnachtsmann und Eleonora saßen zusammen und lasen im Stillen Zeile für Zeile.
Josef, ein neunjähriger Junge, schrieb: ‚Mein Vater ist arbeitslos geworden. Wir müssen sparen, drum wünsche ich mir eine Pfeife für ihn und für meine Mutter eine Handtasche. Danke, Weihnachtsmann.'
Der Weihnachtsmann nahm den nächsten Brief: ‚Ich heiße Ruth. Meine beste Freundin ist krank. Seit einem Jahr bekommt sie Medikamente, die helfen, und es geht ihr besser. Doch die sind teuer und die Eltern müssen viel zuzahlen. Nun sind ihre Ersparnisse aufgebraucht. Bitte bring meiner Freundin diese Tabletten, damit sie wieder gesund wird. Ich drück dich, Weihnachtsmann.'
"Was hast du? Du bist ganz bleich im Gesicht!", sagte Eleonora.
"Lies mir deinen Brief vor."
"Mein Wunsch ist, dass meine Eltern sich wieder versöhnen. Wenn jeder von ihnen ein Geschenk bekommt und denkt, es sei von dem anderen, haben sie sich wieder lieb. Ich grüße dich, Weihnachtsmann. Dein Thorsten."
Eleonora schaute überrascht auf.
"Das ist aber ein ausgefallener Wunsch. Was stand in deinen?"
Der Weihnachtsmann erzählte, was in den Briefen stand.
"... und hier ein Junge, der möchte für den Vater einen Laptop, sodass er zu Hause arbeiten kann, damit er ihn wenigstens mal zu sehen bekommt. Die Welt hat sich verändert. Ich wusste nicht, dass es so schlecht in den Familien aussieht und die Kinder dies mitbekommen." Er strich mit der Hand über seinen Bart. "Ob die Bitte, uns ihre Spielsachen-Wünsche mitzuteilen, falsch verstanden wurde? Reich mir den Artikel herüber."
Eleonora gab dem Weihnachtsmann die Zeitung.
"Liebe Erdenkinder, Weihnachten steht vor der Tür. Wir möchten ganz besondere Wünsche erfüllen. Helft uns dabei! Schreibt an: Der Weihnachtsmann, Postfach 2412,
Nordstern." Er nahm die Brille von der Nase. "Sie haben nicht gedruckt, dass es um neue Ideen für Spielsachen geht. Jetzt kann ich die Bitten der Kinder verstehen."
Sie gingen gemeinsam zur Werkstatt. Da herrschte geschäftiges Treiben.
"Hört alle her und schaltet die Maschinen ab", rief der Weihnachtsmann. Im Nu trat Stille ein.
"Unzählige Briefe haben uns erreicht. Wir haben alle gelesen. Einige Kinder haben Wünsche geäußert, die wir erfüllen können. In wenigen wird um Action-Spielsachen gebeten. Diese Kinder bekommen den kleinen Roboterhund. Doch in den meisten Briefen ..." Er erzählte vom Gelesenen. "Was machen wir? Uns bleiben nur noch zwei Wochen Zeit."
"Was hältst du davon", sprach Hans, "wenn wir die Wünsche der Kinder erfüllen? Die Sachen, die wir nicht vorrätig haben, müssten wir zusätzlich anfertigen oder besorgen." Er sah in die Runde der Versammelten.
"Lasst uns anfangen", riefen die Dorfbewohner begeistert.
"Gut und schön", sprach der Weihnachtsmann, "ich freue mich über euren Arbeitseifer, doch was bekommen die Kinder, die sich was Gutes für andere erhoffen?"
Alle wurden ruhig. Die hatten sie vergessen.
"Das wird uns noch einfallen", versuchte Hans den Weihnachtsmann zu beruhigen.
Im Hintergrund liefen die Maschinen, hektisches Treiben war im Gang. Die Werkstatt füllte sich von Tag zu Tag, die Regale bogen sich unter der Schwere der Last. Die Paketpacker fingen an, die Säcke nach Ländern zu sortieren. Der Weihnachtsmann wurde ungeduldig.
‚Wenn mir nicht bald eine Idee kommt, dann ...' Er kratze seinen langen Bart und sah zum Himmel.
23. Dezember. Die Maschinen ruhten, die Regale waren leer. Tausende von Säcken standen bereit, zur Erde befördert zu werden.
"Meine lieben Dorfbewohner, morgen ist die Nacht der Nächte. Wir haben es geschafft, alles ist vorbereitet und ..."
"Halt!", rief Eleonora und kam mit einem Umschlag winkend in den Raum. "Gerade ist Post eingetroffen."
Sie reichte den Brief ihrem Ehemann.
"Mein lieber Weihnachtsmann. Ich glaube an dich und freue mich auf die Weihnachtsnacht. Dein Joschi." Der Weihnachtsmann war gerührt und strich sich eine Träne von der Wange. "Den Joschi dürfen wir nicht enttäuschen. Könnten wir als Symbol einen Weihnachtsmann anfertigen?"
"Du musst mir Modell stehen", sagte der Zeichner.
"Wir holen Holz aus dem Wald", rief Theodor.
"Halt, ihr sollt mich nicht getreu nachbauen, sondern in der Größe einer Puppe."
"Überleg mal, Weihnachtsmann, das ist die gesuchte Idee. Wir schenken den Kindern, die sich nur etwas für Andere
wünschen, einen handgefertigten Weihnachtsmann", sagte Theodor.
"Ein guter Einfall. Wir fangen sofort mit dem Fertigen an, uns bleibt nur diese Nacht Zeit dazu."
Die Dorfbewohner liefen aufgeregt hin und her. Der Weihnachtsmann legte sich gegen Abend zur Ruhe.
Als er erwachte, zog er sein festliches Gewand an. Eleonora brachte ihm einen Rucksack mit Speisen. Der Schlitten wurde beladen. Die Dorfbewohner versammelten
sich im Vorgarten und verabschiedeten den Weihnachtsmann. Eleonora ging zum Rentierschlitten, umarmte ihren Ehemann und wünschte ihm eine gute Fahrt. Der Weihnachtsmann lächelte und nahm die Zügel in die Hand.
"Schneeflug, Friedensstifter, meine treuen Anführer, es geht los. Hoho." Die Rentiere setzten sich mit Glöckchenklingeln in Bewegung. Der Schlitten fuhr langsam über den schneebedeckten Weg. Kein Nebel war auf dem Gipfel des Berges zu erkennen. Schon ging es ab in die Lüfte. Sie drehten eine Runde über dem Nordsternland.
"Hoho, hoho."
Ein Sternenschweif, und er war nicht mehr zu sehen.
Seine erste Landung erfolgte auf den Mariana Islands, danach folgten Japan, Korea, China, Sibirien, Australien, Indien, Afghanistan, Iran, Afrika, Europa, Brasilien, Nord- und Südamerika. Kein Land ließ er aus, egal ob es arm oder reich war. An Weihnachten herrschte
Frieden auf der Erde. Er landete auf den Häusern, rutschte durch die Kamine. Die Rentiere gaben ihr Bestes, erschöpft von den Tausenden von Kilometern. Nach vielen Stunden kamen sie zurück zum Nordstern. Vorsichtig landeten die Rentiere auf der Waldstraße und trabten zum Tierhaus. Dort war der Stallbursche zur Stelle, half dem Weihnachtsmann aus dem Schlitten und befreite die Rentiere vom Geschirr. Langsamen Schrittes ging der Weihnachtsmann zur Werkstatt, öffnete die Tür und schaute hinein. Sie war leer. Aus einer Kammer holte er einen Sack. Im Haus war es ruhig. Leise trug er die Geschenke ins Wohnzimmer und legte sie für die Dorfbewohner unter den Tannenbaum. Danach zog er den Festumhang aus, schlüpfte ins Bett und schlief mit Gedanken an die Weihnachtsmannpuppe ein.
Herrlich duftender Kaffeegeruch weckte den Weihnachtsmann am Morgen. Er vernahm geschäftiges Treiben in den unteren Etagen, kleidete sich an und stieg die Stufen zum Wohnraum hinunter. Dort waren alle Dorfbewohner versammelt.
"Frohe Weihnachten, Weihnachtsmann."
"Gesegnete Weihnachten, liebe Dorfbewohner."
"Wie war die Fahrt?", fragte Eleonora.
"Es war eine wunderschöne Reise. Jedes der Häuser, alle Hütten und Zelte waren festlich geschmückt."
Gemeinsam genossen die Bewohner das Frühstück.
Danach gingen sie zur Werkstatt, um in der Glaskugel zu schauen, ob sich die Kinder der Erde über die Geschenke freuten.
"Ich bin aufgeregt", sagte Hans.
"Bleib ruhig." Der Weihnachtsmann schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter. Dann sahen sie die Bilder. Kein Kind war unglücklich über das, was es unter dem Tannenbaum vorfand. Auch die Kinder mit Gewaltwünschen freuten sich über den Roboter. Gespannt warteten sie auf Joschi. Sie sahen die Wohnung, in der er mit seiner Familie lebte. Joschi ging langsam zum Weihnachtsbaum und packte vorsichtig sein Geschenk aus.
"Oh", hörten sie ihn ausrufen.
"Was ist denn das? Was hat die Puppe in der Hand?" Hans drehte sich zum Weihnachtsmann um.
"Es ist Sternenstaub."
"Sternenstaub?"
"Ja! Ich habe ihn auf meiner Reise eingesammelt und jeder Puppe in die Hand gelegt, damit ... Nun, ihr wisst doch, wie das ist. Wer traut sich an den Weihnachtsmann zu glauben? Auch wenn er Jahr für Jahr die Geschenke unter den Tannenbaum legt. Ich möchte, dass die Kinder ihren Glauben und die Hoffnung nicht verlieren. Da wir in diesem Jahr nicht nur Spielsachen, sondern auch Medikamente und vieles andere geschenkt und die Kinder mit diesen Wünschen nicht enttäuscht haben, sollten sie etwas Besonderes bekommen: Die Weihnachtsmannpuppe mit Sternenstaub."
"Das war eine segensreiche Idee."
"Und wenn sich alle auf der Welt vertragen, gesund werden und die Kinder sorgenfrei aufwachsen können, ist dieses Weihnachtsfest das schönste seit Jahrhunderten",
sagte der Weihnachtsmann und konnte sich der Freudentränen nicht erwehren.
"Oh, du fröhliche, oh, du selige Gnaden bringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich ... ", sangen sie. Danach öffneten die Nordsternbewohner ihre Geschenke und feierten das Weihnachtsfest. Vor den Fenstern standen die Rentiere. Sie schauten ins Haus und gaben Rufe von sich. Es hörte sich nach "Hoffnungsvolle Weihnachten" an.



Eingereicht am 18. März 2006.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

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