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Weihnachtsidylle

© Maria Schuster


Eine der schönsten Erinnerungen an meine Kindheit ist die an die Weihnachtszeit. Während es draußen kalt und schon dunkel war, saßen ich und meine Schwestern unten in der warmen Küche und halfen meiner Mutter beim Plätzchenbacken. Natürlich gab es unter uns Geschwistern, vier Mädchen, Streit darum, wer wobei helfen durfte und wer welche Ausstechförmchen bekam.
Wenn meine Mutter abgelenkt war oder gerade nicht hinschaute, stibitzten wir etwas von dem Teig und steckten ihn schnell in den Mund, bevor sie etwas bemerkte. Natürlich bekamen wir wie alle Kinder zu hören, dass man Bauchschmerzen oder was auch immer davon kriegen kann, aber es gehörte einfach dazu und war super lecker. Deswegen ließen wir es uns nie nehmen, etwas von dem Teig zu probieren, wenn gebacken wurde, aber Brotteig ist nicht zu empfehlen, weil er geschmacklich nicht viel hergibt.
Sobald die Plätzchen im Ofen waren, konnten wir es kaum erwarten, die ersten zu essen und belauerten den Backofen ungeduldig bis sie endlich fertig waren. Wir vertrieben uns die Zeit damit, das nächste Blech mit Keksen vorzubereiten, denn bei so einer großen Familie, wir hatten auch noch unzählige Cousins und Cousinen, wurde viel gebacken, so dass wir meistens Wochen nach Weihnachten noch welche hatten.
Während wir die Kekse ausstachen, war es die Aufgabe meines Vaters darauf zu achten, dass die im Ofen nicht verbrannten. Er war immer stolz, wenn er sie gut hinkriegte, aber es kam auch schon mal vor, dass er einschlief und wenn es von uns nicht bemerkt wurde, konnte es passieren, dass sie leicht verbrannt waren und dann schimpfte meine Mutter natürlich.
Es war eine herrliche Zeit, der ich schon entgegenfieberte, wenn sich die ersten Blätter im Herbst färbten und es langsam kälter wurde. Obwohl ich mich nicht sehr gut daran erinnere, weiß ich noch, dass wir auch einen Brief mit unseren Wünschen an den Weihnachtsmann schrieben, aber ich glaube nicht, dass wir das oft gemacht haben, denn ich wusste schon relativ früh, dass es ihn nicht gibt und dass meine Eltern sich um die Geschenke kümmerten. Der Weihnachtsmann musste in der Vorweihnachtszeit öfter mal als Druckmittel herhalten und dann hieß es: "Seid brav, denn der Weihnachtsmann sieht alles und bringt euch keine Geschenke und wenn ihr schlimm seid, schickt er Knecht Ruprecht mit der Rute." Diese Drohungen verfehlten ihre Wirkung nicht, aber mit den Jahren ließen wir uns nicht mehr davon beeindrucken.
Einige von den Keksen benutzen wir auch als Christbaumschmuck, indem wir mit einem Strohhalm ein Loch in den Teig machten, sodass man sie später auf einen Faden reihen und aufhängen konnte. Den Baum zu schmücken war für uns Kinder immer ein Ereignis ohne Gleichen. Mein Vater holte einen Baum und wir durften ihn mit allem was wir hatten schmücken: Kugeln, Kerzen, Lametta, den selbst gemachten Keksen und was sonst noch da war an Baumschmuck, nicht zu vergessen die Krone, das Allerwichtigste. Wenn wir fertig waren, stellten wir uns vor den Baum und bewunderten unser Kunstwerk. Nun konnte der Weihnachtsmann kommen.
Aber bevor er kam, war natürlich erst der Nikolaus dran, für den wir ein Gedicht auswendig lernten, das wir aufsagten, wenn er kam, und dafür dann eine Kleinigkeit aus seinem Sack einheimsten. Meistens war es unser Nachbar oder ein Onkel, der sich verkleidet hatte und obwohl wir das wussten, minderte es unsere Freude keineswegs.
Wenn Heiligabend dann endlich gekommen war, putze sich jeder für die Kirche heraus, denn abends ging das ganze Dorf in die Kirche. An diesem Tag war sie immer voll und wir Kinder waren aufgeregt und voller Erwartung, denn in der Kirche bekamen wir auch eine Tüte mit Süßigkeiten, Nüssen und Orangen, was etwas Besonderes war, denn Orangen waren bei uns eher selten. Es war für uns ein Spaß, die Männer, vor allem meinen Vater und Onkel, die vorne saßen, zu beobachten und gespannt darauf zu warten, wer zuerst einschlafen würde.
Sobald die Kirche zu Ende war, konnten wir nicht schnell genug nach Hause kommen, wo unsere Geschenke schon auf uns warteten. Hoffentlich hatte der Weihnachtsmann auch das Erwünschte gebracht, obwohl ich glaube, dass das eher die Ausnahme war, freuten wir uns dennoch außerordentlich. Wenn an Heiligabend auch noch Schnee lag, meistens ungefähr ein halber Meter, war alles perfekt und wir waren wunschlos glücklich. Dann kümmerten uns die Geschenke auch nicht sonderlich, die sowieso nur ein kleiner Teil dessen ausmachten, was uns an Weihnachten und an der Zeit davor so gefiel. Der Spaß, den wir am Schnee hatten, war unbezahlbar. Schneeballschlachten, Schlittenfahren, auf einem Plastiksack gefüllt mit Stroh einen Hügel hinunter rutschen und die gefrorenen Eiszapfen von den Regenrinnen zu essen, obwohl unsere Mutter deswegen mit uns schimpfte, war für mich das größte Glück auf Erden. Ich vermisse dieses Gefühl und den Zauber einer friedlichen Schneelandschaft, wenn alles zu schlafen scheint, die ganze Welt noch in Ordnung ist und man aus Angst, diese Idylle zu zerstören, es kaum wagt Spuren im Schnee zu hinterlassen.



Eingereicht am 17. November 2005.
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