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Die Geschichte vom kleinen Engel

© Alexander Schwarz


Die Stube ist weihnachtlich geschmückt. Dicke rote Kugeln schmeicheln zarten grünen Tannenzweigen. Der Wind trägt zerrissene Strophen aus der kühlen Kirche durch das angelehnte Fenster. Das Feuer im Kamin prasselt. Viele verschiedene Päckchen liegen bunt verpackt unter der Blautanne und wie jedes Jahr wird unter ihr das Christkind in Plastik geboren, umringt von gaffenden Tieren, drei Königen und einem Engel, der mit einer Sicherheitsnadel, die seinen Flügel durchsticht, an die Scheune gefesselt ist. Sonst ist der Raum leer, wenn man von allerlei Krimskrams absieht, der dem Raum seine nötige Wärme und Individualität verleiht. Das Excelsio aus der Kirche verklingt, wie von Geisterhand öffnen sich die hölzernen Fensterläden und ein kleiner Engel schwebt in die Stube.
Sein kleines Gesicht ist rosig von der Kälte, doch in den blauen Augen schwimmt Trauer. Sein Flügel ist gebrochen und flieht in einem hässlichen Winkel vom Körper, er zittert, Schnee schmückt sein blondes Haar. Er landet auf dem roten Teppich und kriecht vorsichtig auf seiner linken Seite dem Kamin entgegen. Ein kleines Lächeln kommt auf seinem Gesicht zum Vorschein, flüchtet aber vor einem Geräusch in der Küche in die untere Gesichtspartie. Schnell flüchtet der kleine Engel hinter das Sofa und die Fensterläden schließen sich fast ohne Geräusch.
Eine Frau betritt den Raum. Sie trägt ein weißes Kleid, dessen lange Schleppe von einem Diener in Uniform fast beiläufig hinter ihr her getragen wird. Sie lässt sich auf dem Sofa nieder und der Diener bettet den Saum des Kleides in sicherer Entfernung vom Kamin. Dann nickt er unterwürfig und verlässt ohne ein Wort den Raum. Man hört, wie er das Haus verlässt, und den Tritt seiner Schuhe auf der Straße, während er ein altes Lied, das seine Mutter immer sang der Kälte entgegen pfeift.
Die Frau sitzt still in einem von zwei großen Sesseln, hält den Kopf in Richtung der Tür gereckt und lauscht auf das zarte Pfeifen, das bald nicht mehr vom Zug im Kamin zu unterscheiden ist. Dann, nach ein paar Minuten, erhebt sie sich, öffnet behutsam einen alten Schrank und holt mit gebeugtem Rücken aus einem der unteren Fächer einen großen schwarzen Koffer aus seinem Inneren hervor.
Der kleine Engel ist an der Rückseite des Sofas bis an die Kante vorgerückt und betrachtet mit großen Augen die alte Frau, welche den Koffer öffnet und ihm ein altes Grammophon entnimmt, das sie vorsichtig auf dem Tisch aufbaut. Sie verlässt den Raum, wobei sie ihr weites Kleid mit einer Hand zusammenrafft und über die Schulter wirft, und kehrt dann mit einer Schallplatte und einem gerahmten Bild zurück, auf dem ein älterer Mann in einem eleganten Anzug verlegen in die Kamera lächelt. Sie hält kurz inne, betrachtet das Foto mit einem liebevollen Blick und streicht dann wie in Gedanken über das vertraute Gesicht hinter Glas. Dann stellt sie das Bild neben das Grammophon, zieht vorsichtig mit den Fingerspitzen die Platte aus der Hülle, legt sie auf den Teller und lauscht auf das Knistern, als sich die Nadel senkt. Mit der rechten Hand stützt sie sich auf den Tisch und als die ersten Töne aus dem gebogenen Lautsprecher dringen, füllen sich ihre Augen mit Tränen. Eine Zeit lang starrt sie in die Ferne der Wand und beginnt dann vorsichtig mit ihren Füßen im Takt der Klänge zu wippen und je länger sie sich bewegt, desto stärker weicht die Trauer und nach ein paar Minuten schwebt sie sanft durch den Raum, in den ausgestreckten Händen das Bild und die Erinnerung.
Der Engel ist während sie tanzt Stück für Stück aus der sicheren Deckung des Sofas hervorgekrochen und hat, wie magisch angezogen von der Musik, schon ein Drittel des Wohnzimmers durchquert. Neugierig, wie ein kleines Kind, von den sanften Klängen gelockt. In diesem Moment erstarrt die Frau in ihrer Bewegung.
Wie in einem Traum hatte sie sich um die eigene Achse gedreht, energisch geführt, wie von unsichtbaren Händen, dann den Blick zu Boden gesenkt und den Engel entdeckt, der verzückt seine kleinen Finger zu der Musik bewegt. Zuerst weicht sie einen schritt zurück, doch dann fällt ihr Blick auf den verletzten Flügel und sie beugt sich hinab und streckt zögernd die Hand nach dem kleinen Engel aus. "Was hast du nur mit deinem Flügel gemacht mein Kleiner. Hab nur keine Angst. Ich werde es mir ansehen." Zuerst reagiert er nicht und sie grübelt einen Moment darüber ob er sie verstanden hat, doch dann als sie sich wieder auf dem Sessel niederlässt, kriecht er ein Stück nach vorne und lässt sich bereitwillig in ihren Schoß heben. "Sehr gesprächig bist du ja nicht, mein Kleiner." Sie streicht sanft über die weichen Federn, vergisst für einen kurzen Moment alles um sich herum und ist wie verzaubert von dem kleinen, warmen, atmenden Körper. Dann kommt sie mit einem Mal wieder zu sich. "Ein Verband. Ich muss einen Verband holen. Warte hier kurz auf mich." Mit diesen Worten bettet sie ihn vorsichtig auf dem Sessel und läuft hinüber in die Küche, wo man sie Schubladen aufziehen und schließen hört, bis sie wieder in das Wohnzimmer zurückkehrt. Der kleine Engel liegt noch immer an der gleichen Stelle, hat sich in das weiche Polster gekuschelt und die Augen geschlossen, so dass es aussieht, als würde er schlafen. Behutsam hebt sie ihn empor, setzt sich wieder und beginnt einen Verband um den verletzten Flügel zu wickeln. Der Engel zuckt einige Male zusammen, doch sein Gesicht ist fröhlich und er lächelt die alte Frau an, während sie ihn verbindet. Es dauert eine Weile, bis der Flügel, ein wenig zerzaust und durch den engen Verband etwas steif geworden, ungefähr so aussieht wie der andere. Sie streichelt ihm über den kleinen, lockigen Kopf und blickt in seine tiefen blauen Augen. "Du hast bestimmt Hunger, mein Kleiner.
Warte, ich hole dir einen Apfel aus dem Keller. Wieder erhebt sie sich, verlässt das Zimmer und schließt behutsam die Tür, damit die Wärme nicht aus dem Raum entweichen kann.
Der kleine Engel lächelt. Ein wenig unbeholfen schlägt er mit den Flügeln und schwebt auf die hölzernen Fensterläden zu, die sich ohne einen Laut öffnen und ihn ins Freie entlassen. Schnell gewinnt sein kleiner Körper an Höhe. Dann ist er verschwunden.
Inzwischen ist die alte Frau in das Wohnzimmer zurückgekehrt. In ihren Händen trägt sie eine große, bemalte Messingschüssel mit zwei großen roten Äpfeln und allerlei Gebäck. Sie stellt sie auf den Tisch und blickt sich suchend um. Sie ist alleine. Sie blickt hinter das Sofa, geht sogar auf die Knie um unter den Schrank zu schauen, doch der Engel bleibt verschwunden. Mit traurigen Augen wendet sie sich vom Schrank ab und schreitet zurück zum Sessel auf dem sie sich niederlässt und gerade in dem Moment als sie kurz davor ist wieder zu weinen, klingelt es an der Tür.
Der kleine Engel ist in einem großen Bogen zu dem Haus zurückgeflogen und sitzt auf der fensterplatte vor dem Fenster vom Wohnzimmer. Eine alte Melodie dringt bis zu ihm nach draußen durch das Glas und während der Schnee immer dichter fällt, die Straße weiß glänzt und in der Ferne bereits die ersten Lichter die Dunkelheit schmücken, kann man drinnen, vor dem prasselndem Feuer im Kamin zwei Gestalten tanzen sehen.



Eingereicht am 11. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an den Autor.
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