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Krippenspiele

© Susanne Weinhart


Vielleicht war es die Krippe, die meine Großmutter meiner Mutter vermacht hatte wie ihr einziges Juwel, ein wunderschönes, geschnitztes Stillleben mit vierzig Figuren, überdacht von einem zackigen Kometen, wenig Farben, fern von Kitsch, die mich letztendlich bewog, dieses Päckchen an meinen Vater zu schicken. Sie stand plötzlich in der Diele wie ein zugelaufenes, zutrauliches Haustier, aus der Küche hörte ich kernige Radiostimmen, die Terroristennamen wie schwarz gewordene Plätzchen herumreichten, in der Hand hielt ich ein vibrierendes Handy und die angsteinflößende Rechnung einer Rohrreinigungsfirma, und ich sah verwirrt die Figuren an, die sich in dieser Krippe wie in einem abgeschlossenen, mit Stroh ausgepolsterten Cockpit des Glücks befanden. Das leuchtende, laternenbehangene Zentrum: Vater plus Mutter plus Kind, ein vollkommenes, perfektes, versiegeltes Ei, wie unter Naturschutz. Wer hatte bei uns das Ei aufgestochen und den Dotter herausgesaugt, fragte ich mich, und irgendwas in mir wollte aufspringen, in Latzhosen, Ringelsocken und Schuhgröße 29 durch die Gänge laufen, weit weg von diesem Glücksarchipel. Das Ganglicht hatte die Farbe von Reiseübelkeit. So war das, wenn man nicht mehr im Cockpit saß.
Mein Vater war Chirurg in einer bayerischen Unfallklinik, eine Tatsache, von der ich als Kind vor allem durch seine permanente Abwesenheit etwas mitbekam. Meine Mutter ging einmal, als ihr Herz noch an ihm baumelte wie das scheinbar mit seinem Kittel verwachsene Stethoskop, zu einem befreundeten Arzt, ließ sich eine riesige Röntgenaufnahme von ihrem Kniegelenk machen und schickte sie ihm in die Klinik, ihr symbolischer, willybrandtgleicher Kniefall, dazu schrieb sie einen langen Text, den ich damals noch nicht lesen konnte. Ihre Absicht, sein Interesse von skelettösen auf familiäre Dinge auszuweiten, schlug fehl, fast schien es, dass er nur noch nach Hause kam, um zu schlafen, die aus meiner Perspektive tankergroßen Poststapel zu sichten oder die zwei knallbunten Koikarpfen im extra angelegten Gartenteich zu füttern, die er von einem steinreichen Japaner nach einer gelungenen Sprunggelenksoperation geschenkt bekommen hatte, sie waren so etwas wie sein schwimmender OP-Pokal. Ich hasste die beiden Fische von dem Moment an, an dem ich merkte, dass meine Mutter und ich gegen die gelb-rosa gesprenkelten Tiere in seinen Augen verblassten, vor Normalität ergrauten, ja, lästig waren, weil wir mehr verlangten als Fischfutter und gesunde Gelenke.
Ich kann mich nur an ein Weihnachten erinnern, an dem mein Vater da war, und das war gleichzeitig das letzte gemeinsame. Meine Großmutter war aus der Schweiz gekommen, mitsamt Schokoladentalerberge, Dackel Wilhelm Tell und montblancgroßer Besorgnis um die Ehe ihrer Tochter. Von früh bis spät stand sie in unserer sonst kochresistenten Küche, als könnte sie die aufgeklafften Sprünge zwischen den beiden mit geeistem Kaiserschmarrn, Zander auf Wirsing oder Unmengen an Plätzchen zukleistern, lukullisch kitten, las mir mit Frau-Holle-Stimme Charles Dickens vor und meinem Vater im verschneiten Garten zwischen Teich und Biotonne die Leviten.
Ich stand in meinem Zimmer am Fenster, in der Hand ein Plätzchen in Form eines Wildschweins, und beobachtete die beiden, sah die Schneeflocken wie Eicheln auf sie herunterprasseln. In dem Moment liebte ich meine Großmutter dafür, dass sie 75-jährig in Schürze und roten Bäckchen, ohne Jacke, mit leichten Hausschuhen inmitten der Schneetürme stand, ich hörte nicht, was sie meinem Vater alles zu sagen hatte, aber ich wusste instinktiv, dass jedes Wort an diesem Gore-Tex-Vater abprallte, dass sie seinen Unwillen potenzierte, wenn das überhaupt noch möglich war. Ich ging die breiten Holztreppen ins Wohnzimmer hinunter, blieb auf halber Höhe stehen und sah meine Mutter, ihre schmale Gestalt, die auch am Fenster stand und verzweifelt lauschte, am Boden neben ihr eine zerbrochene, dickbauchige Christbaumkugel, sie musste gerade beim Schmücken des Tannenbaums gewesen sein. Ich schlich die Treppe wieder hoch, bis ich hörte, wie die Haustür krachte.
"Ein Koi ist tot!", schrie mein Vater, sein Gesicht eine rötlich-weiße Traube, und stürmte die Treppen hoch, ohne mich wahrzunehmen, meine Großmutter kam weit nach ihm ins Haus, die Brille beschlagen, hilflos schnaufend. Meine Mutter klopfte ihr stumm den Schnee von Haar, Schultern und Rücken. "Das ist sinnlos", flüsterte meine Großmutter, meine Mutter nickte, und ich ahnte, dass es nicht um die Sinnlosigkeit des Schneeabklopfens ging, wo sie bis auf die Haut durchnässt war. Sinnlos war anderes.
Ich rannte in den Garten zum Teich und sah den gelben, toten Koi, der schon in einer Holzkiste lag wie ein vom Himmel gepflückter Komet, während der andere unruhig und blassblau im dunklen Wasser zwischen frostigen Seerosenblättern herumzuckelte. Mit gemischten Gefühlen, den Koi-Tod betreffend, schwankte ich ins Haus.
Um fünf Uhr war dann die Bescherung. Ich hatte mir einen großen Stoffdelphin gewünscht, den ich noch heute habe, ich packte in der eisigen Stille zwischen den Erwachsenen das schäferhundgroße Paket aus und weinte in die Delphinflossen hinein, froh, dass es so aussah, als würde die Freude mich überwältigen. Derweil standen im Flur drei große, schlecht gepackte Koffer meines Vaters und warteten geduldig auf seine Abreise wie bestens erzogene Kinder auf das Christkind.
Die Pappschachtel mit den gelben, mottigen Styroporchips, die ich im Speicher auf einem Bauernschrank entdeckt hatte, in dem meine Mutter etwa siebenundzwanzig ausrangierte Golfschläger (Dreiereisen, Siebenereisen, Putter, ihr obskures Golfdreigestirn) sowie eine Unmenge an erdigen Bällen, unverarbeiteten Tweedstoffen, verkrustenden Radlacken, freundlich abgenutzten Beilagscheiben sowie Straßenkarten anno 1965 aufbewahrte wie eine verkleckste Lithographie ihrer Jugend, ließ sich nicht mehr halten und polterte krampushaft neben mir auf den Holzboden. Der Deckel flog auf, im Bruchteil einer Sekunde stand ich in einem gelben, sanft einnebelnden Rough, eine transparente Plane, einst zum Abdecken des Nähmaschinenarsenals meiner Großmutter benutzt, löste sich von der Schrankdecke und umhüllte mich in dem wilden Gestöber wie eine modernde, erstickende Schneekugel.
Als ich ein paar Minuten und Spinnenattacken später, eine gelbe Chipspur hinter mir her ziehend, ins warme, penibel aufgeräumte Wohnzimmer pirschte, lag meine Mutter auf der Couch in therapeutischer Horizontalen und sah sich mit hochgezogenen Augenbrauen eine Gesundheitssendung an, in der Kräuter angepriesen wurden. Allein das Wort "Gesundheit", das wusste ich nur zu gut, machte sie, die für ein Ärztejournal arbeitete, schon krank. Es duftete nach trotzigem, wagnerianischem Dresdner Stollen und Mandarinenplasma.
"Fündig geworden?", fragte sie abwesend, während ihre dunklen Augen einen Löwenzahnendoskopen genussvoll erdolchten, ihn mit Rapsöl übergossen und zwischen die violettgrünen Salatblätter schleuderten.
Ich nickte, überlegte mir, ob ich sie vorsichtig auf das Chaos ihrer Speicherschränke ansprechen sollte, entschied aber mit Blick auf den schillernden Weihnachtsbaum neben dem offenen Kamin, dass der 22. Dezember eindeutig kein Tag war, um über Banalitäten wie quirlige Spinnennester in Golfballtüten zu reden, und legte stattdessen die leere Schachtel auf den Teppich wie ein Sparschwein, von dem ich hoffte, dass es gefüllt wurde.
"Die Adresse", sagte ich hoffnungsvoll bis vorwurfsvoll.
"Weißt du denn schon, was du ihm schenkst?", fragte sie, sich plötzlich interessiert aufsetzend, obwohl tanzende Thymianpixel um ihre mörderische Aufmerksamkeit buhlten.
Ich schüttelte den Kopf so, als könnte ich mir damit selbst den Gedanken, ihm etwas zu schenken, ausradieren.
"Vielleicht nur den leeren Karton. Heiße Luft, das wäre doch passend."
Wir sahen uns an, Mutter und Tochter, im Blick reine, destillierte Vergangenheit, viel Verletzung, ein bisschen Pflaster, ein bisschen Schorf, ein bisschen Narbe und viele heilende Jahre.
"Ich wüste da was Besseres." Sie schnitt eine Grimasse, sprang dennoch auf und holte aus ihrem Zimmer ihr rotes Adressbuch und einen dicken schwarzen Filzstift.
Ich schrieb die neue Frankfurter Adresse auf einen Postaufkleber und ärgerte mich, dass meine Hände dabei zitterten. Vor allem, dass meine Mutter es sah.
Aber meinem Vater schrieb ich nun mal nicht alle Tage.
Im Grunde war es das erste Mal, und das mit 21.
Ein Spätzünder in Sachen Vaterliebe?
Er war nicht lange an der Unfallklinik geblieben, er wechselte nach München ins Uniklinikum rechts der Isar, kaufte im Lehel eine viel zu große Eigentumswohnung mit einem schwimmbadgroßen Bassin für den Koi-Waisen, und meldete sich nur telefonisch, wenn es denn unbedingt nötig war. Erst viele Jahre später, als ich schon in der Mittelstufe war, sah ich ihn wieder, ohne Vorwarnung, bei einem Ausflug unserer Klasse in die Münchner Glyptothek, in Begleitung einer blonden, großen, einen beigen Trenchcoat tragenden Frau. Sie hing lasziv an seiner Schulter, deutete kichernd auf die Genitalien der griechischen Statuen, flüsterte ihm unablässig ins Ohr und schien seine Aufmerksamkeit zu zweihundert Prozent einzufordern, wie ein guter, ordentlicher Splitterbruch. Ich stand mit ein paar Schulfreundinnen und dem bemühten, in sein schwarzes Barthaar schwitzenden Lateinlehrer vor der Davidstatue, ohne noch ein Wort von seinen drögen Ausführungen in puncto Statik und Proportionalität mitzubekommen. "Was ist los?", flüsterte schließlich Nina, alarmiert durch mein minutenlanges Schweigen und den starren Blick, der durch Davids Oberschenkelhals hindurchglitt. "Nichts." Ich suchte meinen Vater zwischen den grauen Plastikbeinen, aber er war verschwunden. "Ich geh mal auf die Toilette", murmelte ich, während Herr Pachert der kaugummitaustauschenden Klasse die Bedeutung des Eros in der griechischen Kunst nahe zu bringen versuchte. Ich wollte einfach nur kurz allein sein. Nur allein. Ich sperrte mich in eine Kabine und lehnte mich von innen gegen die Tür wie eine ausrangierte Schneeschaufel. Kurz darauf hörte ich die Tür zu den Damentoiletten ins Schloss fallen und heftiges Kichern. "Schließ von innen ab!", keuchte eine vertraute männliche Stimme. Es klickte, die raue Stimme beteuerte, wie scharf sie auf die Frau wäre, während die Frau, entsetzt oder erfreut, stöhnte, ein Hemdenknopf rollte über den Boden in meine Kabine, ich hörte diverse Schnallen und Haken aufschnappen und feuchte, fordernde Küsse. Ein beiger Mantel fiel auf den Boden. Wie in Trance öffnete ich die Tür, ich sah durch den Türspalt im Spiegel meinen Vater, der mit seinem steifen Penis die glitzernden Brustwarzen der blonden Frau massierte, über ihre Rippen Stück für Stück herunterfuhr und schließlich keuchend in sie eindrang. Als beide stöhnend in den weißen Waschbecken hingen, schlüpfte ich durch die Tür, ließ die Haupttür zu den Toiletten aufschnappen und stürzte in den schmutzig getünchten Gang hinaus. Aus der Toilette hörte ich noch aufgeregtes Gemurmel.
"Jetzt haben Sie meine ganzen Ausführungen zum Eros verpasst", empfing mich ein gut gelaunter Herr Pachert im Erdgeschoß.
Ich fuhr mit dem Rad vorsichtig durch die festlich geschmückten, eisglatten Straßen in unserem Ort, die Mütze tief über die Ohren gezogen, kolibrileicht ums Herz. Die Reifen schnitten dort tiefe Furchen, wo der Schnee noch lag. In zwei Tagen war Weihnachten, in drei Tagen würde Weihnachten gewesen sein. So einfach war das. Und ich würde meinen Vater, ob er wollte oder nicht, in dieses Weihnachten einbeziehen, indem ich ihm etwas schenkte.
In einer Buchhandlung, die ich, obwohl ich den Inhaber nicht leiden konnte, wegen der für den kleinen Ort gigantischen Auswahl meistens aufsuchte, traf ich meinen fast gleichaltrigen Nachbar Patrick, der sich in einem Spanienreiseführer festgelesen hatte. Patrick war Schreinermeister und früher ein paar Mal bei uns an Weihnachten dagewesen, weil seine Mutter bei einem Unfall gestorben war und sein Vater mit Weihnachten nichts am Hut hatte. Ich überlegte kurz, beschloss, dass meine Mutter über zusätzliche gansvertilgende Gäste wohl mehr als erleichtert war, da Großmutter dieses Jahr nicht mehr dabei war, und lud Patrick ein, der erfreut zusagte. "Kommt Dein Vater auch?", fragte er nebenbei, als er den koi-bunten Führer ins Regal zurückstellte wie eine kariesauslösende Süßigkeit, auf die man besser verzichten sollte. "Wieso sollte der plötzlich kommen?", fragte ich verdattert. "Na ja, es gibt doch noch Zeichen und Wunder." Patrick grinste, auf die grün-braunen Harry-Potter-Berge der Balustrade deutend.
Vielleicht gab es diese Zeichen und Wunder. Vielleicht hatte mein Vater auch eine Krippe gesehen. Vielleicht wurde Deutschland 2006 Fußballweltmeister. Vielleicht wurde George W. Bush Botaniker und entdeckte in Texas unter einer vergrabenen Schrotflinte eine neue Flechtenart. Aber solche "Vielleichts" waren verdammt mager. Meine resolute Großmutter würde verächtlich, über den weihnachtlichen Truthahn gebeugt, sagen: "An dem Federvieh ist auch überhaupt nichts dran." Ich kaufte meinem Vater schließlich, unschlüssig, ob er überhaupt ein "Lesender" war, Tolstois "Krieg und Frieden". Da war was dran. Eigentlich mehr Krieg als Frieden. Vielleicht verstand er das ja. Vielleicht.
Nach dem Vorfall in der Glyptothek vermutete ich wütend, dass mich die Bilder aus der Toilette eine Weile verfolgen würden, dass ich sie, in den ungeeignetsten Momenten und nicht nachvollziehbaren Zusammenhängen, vor mir sah, was dann tatsächlich prompt eintraf. Ich saß in einer schwierigen Stochastikklausur und sah über den Bernoulli-Ketten den muttermalbesprenkelten Rücken meines Vaters, wie er sich über die Frau beugte. Ich spielte Basketball, hörte beim Korbwurf das tiefe Stöhnen und zielte daneben. Ein netter Junge wollte mich auf dem Pausenhof küssen, ich sah mich schon in irgendwelchen öffentlichen Waschbecken kauern und verzichtete ohne Bedauern. Aber mit der Zeit tauchten die Bilder weniger auf, bis sie schließlich auf dem Boden des Unterbewusstseins liegen blieben wie ein abgesoffenes Schiff, nicht völlig weg, aber nur noch schwer zu reaktivieren, an die Oberfläche zu hieven. Nach vier weiteren vaterlosen Jahren kam nach dem Abitur eine überraschende telefonische Einladung von ihm, ich solle doch mit ihm dieses Jahr auf das Münchner Oktoberfest gehen, eine Idee, die ich nach all dem langen Nichtmelden, dem nach dem Auszug gezeigten absoluten Desinteresse an unserem Wohl- oder weniger-Wohlergehen völlig daneben fand. Ich ging naturgemäß gern mit Verwandten oder Freunden auf die Wiesn, liebte die wimmelnde Jahrmarktsatmosphäre und die verschwenderische Bierzelteuphorie, aber sie war eben bestimmt kein Ort für tiefschürfende Gespräche oder echte, promillelose Gefühle nach vierzehn Jahren Absenz. Trotzdem sagte ich ja (eigentlich jaaahhh), gut, ich komme, Käfers Wiesnschänke, Mittwoch, 15.00 Uhr, ich freu mich. Ich mich auch, sagte er stotternd, wohl unangenehm überrascht von meiner Zusage.
Als ich dann mittwochs im schwarz-grünen Dirndl in warmen Septembersonnenschein über die im Ausnahmezustand befindlichen, zeppelinumkreisten Theresienwiese eilte wie zu einem freudigen Rendez-vous, wollte ich mich am liebsten zu den blechernen Dosen im Schießbudenstand gesellen und abknallen lassen. Dennoch, ich zwang mich die fleischgewordene Chronologie des professionellen Exzesses (Fischer-Vroni - Hippodrom - Ochsenbraterei - Hofbräuhaus - Augustinerbräu - Hackerbräu - Schottenhamel - Bräurosl) entlang, an unzähligen Dekolletés und "Ich liebe Dich"-Lebkuchenherzen vorbei, bis ich dann vor "Käfers Wiesnschänke" stand wie vor einer Mischung aus Dozentensprechstundenzimmer, El-Kaida-Ausbildungslager und Standesamt. Ich ging in das heiße, lärmende Zelt und irrte an den langen, singenden Tischreihen herum. Schließlich entdeckte ich ihn im hintersten Eck, in Alltagsgewand, kauend vor einem gebratenen Geflügel sitzend. Er erkannte mich, schien unschlüssig, ob er winken sollte, und kaute stattdessen heftiger. "Gut siehst du aus", sagte er, als ich mich ihm gegenüber setzte und warf mir einen Blick zu, den er wohl normalerweise für ausgesuchte Glyptothekbesucherinnen und geheilte Schlüsselbeinfrakturen aufsparte. "Tja, bei den Genen", antwortete ich. Darauf sagte er nichts mehr, sondern zerriss krachend die zweite Hendlhälfte. Er war noch hagerer geworden, wenn das überhaupt möglich war, seine Wangenknochen stachen aus dem Gesicht, sein braunes Haar wirkte getönt. Einen so rötlichen Unterton hatte es früher auf jeden Fall nicht gehabt. Ich bestellte eine Wiesnbreze, eine Maß und einen Teller Kässpatzen. "Und, wie geht es dir?", fragte ich ihn schließlich, da er nicht fragte. "Gut", nickte er, sich ständig umschauend, gestern wurde die orthopädische Abteilung um dreißig Betten aufgestockt." "Bestens", nickte ich, die Breze verhalten lächelnd von der Salzflut befreiend. Mein Vater und "Anton aus Tirol", das war schon eine bizarre Mixtur. "Und privat?", fragte ich sorglos. "Hast du eine Freundin?" Unverzüglich verschluckte er sich und hustete im Takt zu DJ Ötzi. "Wie kommst du denn auf so was?", entgegnete er röchelnd, als hätte ich ihn gefragt, ob er nebenbei QiGong unterrichtete. Ich sah weiße Waschbecken und beige Trenchcoats. "Nur so." Er trank seine Maß aus und ordnete die Knochen auf seinem Teller an wie einen Holzhaufen. "Ich muss wieder in die Klinik. Du weißt ja." Ich betrachtete ihn reaktionslos, wie er aufstand und hinausging und wunderte mich zum hunderttausendsten Mal, dass mein Vater Arzt war. Fachlich schien er ein Ass zu sein. Menschlich eine einzige Fraktur.
Die entstaubte Krippe meiner Großmutter stand jetzt im Wohnzimmer, wie eine kleine, bewohnte Hütte unter dem Christbaum. Die Laterne darin funkelte, als blinzelte meine Großmutter hinter ihren Brillengläsern uns zu. Meine Mutter, Patrick und ich saßen mit Gans im Bauch und Glühweintassen und Zimtsternen in der Hand auf den roten, warmen Bodenfliesen und diskutierten satt, verbröselt und glücklich über den Bürgermeister der Gemeinde und anstehende Bauprojekte. Wenn wir schwiegen, hörten wir das Holz im Kamin knacken und den frostigen Schneewind um das Haus heulen. Kurz vor dreiundzwanzig Uhr taumelten wir in unsere Mäntel und in die Kälte, in die Kirche hinaus, in das Krippenspiel hinein. Krippenspiele haben etwas unvergleichbar Tröstendes, wie eine warme Decke für die Verkühlungen und Erfrierungen des fast vergangenen Jahres oder sogar Lebens, gespickt mit Menschen, die einem die Tür vor der Nase zuschlugen und viel zu wenig Engeln, Hirten und Weisen. Vielleicht ist die Situation in der Krippe nur eine kurze Momentaufnahme. Aber wir vergessen nie, sie uns wieder herbeizuwünschen. Und schicken vielleicht deswegen Pakete nach Frankfurt, ohne erklärenden Zettel.



Eingereicht am 06. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

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