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Ein Tag wie kein anderer

© Felix Woitkowski


"Heute", so sagte Herr Lehmeyer leise zu sich selbst, als er sich auf den Weg zu seinem Supermarkt machte. "Heute ist ein Tag wie kein anderer." Und so wollte er ihn auch begehen.
Im Radio lief eines dieser modernen Weihnachtslieder. Herr Lehmeyer sog kräftig die Luft ein, dann begann er zu summen und trällerte schon nach wenigen Augenblicken lauthals mit. Ja, heute war ein besonderer Tag. Heute war die Weihnacht.
Der Parkplatz war überfüllt als er ihn erreichte. Überall standen Autos, große und kleine, neue und alte. An jeder Ecke sah er Menschen, lachende, sprechende, singende, glückliche Menschen. An einem anderen Tag wäre es für ihn eine Qual gewesen, sich hier einen Parkplatz zu suchen, doch heute ließ es sein Herz höher schlagen.
Schließlich fand er, was er suchte. Noch immer singend stieg er aus und betrat seinen Supermarkt. Seine Angestellten staunten nicht schlecht als er auf sie zutrat. Als Chef hätte er eigentlich Urlaub gehabt, doch heute hielt ihn nichts zu Hause. Nichts. Heute konnte er nicht allein zu Hause sitzen. Heute war doch ein Tag wie kein anderer. Ein besonderer Tag.
Leider blieb keine Zeit für eine kurze Unterhaltung mit den Angestellten. Sie hatten einfach zu viel zu tun, denn es strömten noch immer überaus viele Menschen durch die Verkaufshallen. Herr Lehmeyer betrachtete lange Zeit seine Kunden. Sie waren so unterschiedlich wie ihre Autos auf dem Parkplatz und heute erfreute sich Herr Lehmeyer an jedem von ihnen. Am liebsten wäre er auf sie zugegangen, hätte ihre Hände geschüttelt, wäre den Kindern durch die Haare gegangen, hätte gelacht mit ihnen, gesungen und getanzt. Doch hielt ihn etwas zurück.
Erst einmal wollte er sich in sein Büro setzen und das Geschehen von dort weiterhin, aber unbeobachtet betrachten. Doch hier hielt es ihn nicht lange. Bald schon packte ihn eine innere Unruhe. Denn als er die Verkaufshallen hinter sich ließ und in die Stille seines Büros einkehrte, fühlte er sich allein. Auf einmal verschwand all seine Freude, seine Heiterkeit, das Lächeln aus seinem Gesicht.
Heute war ein ganz besonderer Tag. Heute wollte er nicht allein sein, nicht der stille Beobachter, nicht der einsame Mann, der er sonst immer war. Heute sehnte er sich danach rauszugehen, ein Teil der Menschen um ihn herum zu werden und ihnen einfach nur etwas Gutes zu tun. Genau! Das war es. Einfach nur Gutes tun.
Vor dem Supermarkt lag ein Obdachloser, so erinnerte er sich jetzt. Zu ihm ging er nun, gab ihm ein wenig Geld und sah lächelnd zu, wie der Mann aufsprang und in den Laden rannte.
Herr Lehmann freute sich und schritt frohen Mutes zurück in den Supermarkt, doch gab er so den Weg frei für ein paar dunkle Gestalten. Denn sobald er fort war, kamen sie und durchwühlten die wenigen Habseligkeiten des armen Mannes und nahmen ihm vieles, was ein wenig Wert besessen mochte.
Währenddessen stand Herr Lehmeyer längst im Eingangsbereich seines Supermarktes. Hier waren die eifrigsten seiner Angestellten damit beschäftigt, größere und kleinere Geschenke an kleinere und auch größere Kunden zu verteilen. Zumeist waren es Süßigkeiten: Ein wenig Gebäck, dazu noch Marzipankartoffeln und Schokolade in allen möglichen Formen.
Herr Lehmeyer verteilte gerade zwei Weihnachtsmänner an zwei seiner jüngsten Kunden, - Die Beiden strahlten wie kleine Engel. - als der Obdachlose zurückkehrte. In seiner Hand hielt er eine Dose voll Bockwürste und einen billigen Wein. Verwundert betrachtete ihn Herr Lehmeyer und winkte ihm dann kurz. Grinsend antworte der alte Mann mit einem Nicken. Auch er hielt bald einen Zimtstern in der Hand.
Unterdessen drängten und drängelten sich unzählige Kunden im Eingangsbereich des Supermarktes. Alle von ihnen wollten wissen, was dort los war, jeder wünschte sich etwas Süßes, aber niemand war bereit zu warten. Die Menschen schubsten und boxten sich voran, setzten ihre Ellenbogen ein, fuhren ihren Vorderen mit dem Einkaufswagen von hinten in die Beine und taten alles, um nur schnellstens an die Reihe zu kommen. Es könnte ja sein, dass es nicht für jeden reichte. Eltern fluchten, Alte schrien, Kinder weinten. Doch all dies wurde von den schönsten Weihnachtsliedern übertönt.
Für Herrn Lehmeyer sah dies alles so aus, als ob die Menschen sich freuen würden. Schreie wurden zu Lachen, Weinen zu Gesang. Die Menschen, die ihn erreichten waren glücklich, ihre Augen glänzten, ihre Lippen lachten und so gab Herr Lehmeyer reichlich und ließ schließlich sogar noch zwei seiner Angestellten in die Süßwaren-Abteilung laufen und neues Gebäck, neue Marzipankartoffeln und nicht zuletzt neue Schokolade holen. Es sollte ja für alle reichen. Diesen Tag gab es nur einmal im Jahr. Da konnte man doch niemandem ein kleines Geschenk verwehren.
So verbrachte Herr Lehmeyer den Nachmittag und auch den frühen Abend. Er lachte und verschenkte Spekulatius, sang und reichte Marzipanbrote und wurde mit jedem Dominostein, den er weitergeben durfte, glücklicher.
Langsam leerte sich der Laden. Die Menschen zogen sich zurück, um endlich mit ihrer Familie das Fest begehen zu können. Herr Lehmeyer stellte sich vor, wie die Familien gemeinsam die Kirche besuchten, dann zusammen einen Festschmaus hielten - bei dem natürlich alle über die Menge und ihre Bäuche stöhnen würden - und schließlich, wie die Kinder immer unruhiger wurden. Der Abend würde in der Bescherung enden, der niemand entgehen konnte und wollte. Wenn alle dann schlafen gingen, würden selbst die Augen Erwachsener strahlen wie es sonst nur Kinderaugen können. Die Augen glücklicher Kinder. So wie sie es heute in der Weihnacht taten.
Der Supermarkt war leer, doch noch immer geöffnet. Herr Lehmeyer blickte sich um. Nirgends war noch ein Kunde, alle waren sie wunschlos glücklich aus dem Supermarkt verschwunden. Schließen konnte er allerdings noch nicht. Es mochte ja sein, dass noch jemand kommen würde.
Ein zweites Mal schaute er um sich. Da kam er auf eine Idee. Schließen konnte er nicht - Nein. - und das wollte er nun auch nicht mehr. Er rief seine Angestellten. Noch bevor sie alle bei ihm zusammengekommen waren und er ihre müden Augen erblickte, war seine Idee zu einem Entschluss gereift.
"Frei", sprach er. "Ich gebe euch allen frei. Geht nach Hause, ruht euch aus und feiert mit euren Lieben. Heute ist ein Tag wie kein anderer. Also geht!"
Seine Worte wurden von Beifall begleitet. Die Müdigkeit wich aus den Gesichtern und plötzlich sah Herr Lehmeyer in die Augen, von denen er eben noch geträumt hatte. Strahlende Augen glücklicher Menschen, mit ihm als Glücklichsten unter ihnen.
Allein setzte Herr Lehmeyer sich an eine Kasse und dachte eine Stunde über alles nach, was ihm in den Sinn kam. Als dann noch immer kein letzter Kunde mehr eintraf, löschte er die Lichter, schloss den Laden und die Tür. Doch noch etwas tat er, denn zu Hause erwartete ihn niemand. Er nahm eine Dose voll Würstchen aus ihrem Regal und dazu einen billigen Wein. Den Obdachlosen fand er noch immer vor der Tür des Supermarktes. Zu ihm setzte sich Herr Lehmeyer und lernte, dass Zeit für Zeitlose und Gesellschaft für Einsame die schönsten Geschenke sind, die er einem Menschen machen konnte. Ab nun würde er jede Weihnacht so verbringen, beschloss er für sich.
Denn hinter Herrn Lehmeyer lag wirklich ein Tag wie kein anderer.



Eingereicht am 30. August 2005.
Herzlichen Dank an den Autor.
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