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Ein Engel auf dem Weihnachtsmarkt

© Klaus-Peter Möller


Es geschah am Weihnachtsabend. Der kleine Engel Fridolin hatte den Auftrag erhalten, auf den Weihnachtsmarkt zu fliegen, um einem armen Menschen zu helfen. Sofort machte er sich auf den Weg. Er war mächtig stolz und aufgeregt, denn so eine Aufgabe ist für Engel nicht nur eine besondere Ehre, sondern das größte Vergnügen, das man sich überhaupt denken kann. Sogar wenn man noch ein ganz kleiner Engel ist wie Fridolin. Mit zitternden Händen stopfte Fridolin alles, was er vielleicht brauchen könnte, in seinen kleinen Rucksack: sein graues Mäntelchen, eine Wollmütze, etwas Proviant, ein Stück Schnur, etwas Draht und einen Nagel. Sogar ein paar Exemplare der neuesten Ausgabe der Himmelszeitungen "Der Bote" und "Das Wort" steckte er ein, denn sein Vater hatte einmal zu ihm gesagt: "Eine Zeitung ist immer gut. Man kann sie als Tischdecke verwenden oder zum Feuermachen oder als Fensterscheibenersatz und zu vielen anderen Zwecken." "So", dachte Fridolin, "das war's wohl". Er zog die Schnüre seines Rucksacks zu und warf ihn sich über den Rücken. Dabei verhedderte er sich mit den Flügeln in den Trägern. Fridolin schwitzte und schnaufte vor Anstrengung, aber es wollte ihm einfach nicht gelingen, die Arme durch die engen Riemen zu zwängen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, er musste den Rucksack noch einmal absetzen, die Riemen lösen und, wie seine Mutter immer zu ihm sagte, eins nach dem anderen, den Tragebeutel wieder auf den Rücken setzen, die Riemen unter den Armen hindurchführen und sie an den entsprechenden Ösen und Haken befestigen. "Eins nach dem andern!" dachte Fridolin. Die haben gut Reden! Wenn man so einen wichtigen Auftrag hat, muss man sich doch beeilen, um so schnell wie möglich zur Stelle zu sein. Und wenn das kein wichtiger Auftrag ist! Man darf einfach nicht trödeln, schließlich braucht jemand meine Hilfe!" Endlich war Fridolin reisefertig. Er schüttelte seine Flügel, hopste über zwei, drei Wolken und schwang sich dann in den unendlichen blauen Himmel, um zur Erde hinabzusegeln. Unterwegs traf Fridolin eine riesige, dicke, graue Schneewolke, aus der gerade die ersten Flocken hervortänzelten. So gerne Fridolin sonst mit den hübschen weißen Schneesternen herumwirbelte, heute hatte er dafür keine Zeit. Er musste ja rasch zur Hilfe eilen, er hatte ja einen wichtigen Auftrag. Und so rief er nur laut "Vooorsiiicht!" und sauste an den sachte segelnden Flaumflöckchen vorbei, die erschrocken durcheinanderstiebten. "Der hat es aber eilig", riefen sie einander zu. "Wir nicht! Wir haben Zeit. Laßt uns lieber noch ein wenig tanzen!" Aber ein bisschen neugierig waren sie schon, was es denn da unten auf der Erde wohl gäbe. "Herrlich wird es dort unten sein", begeisterte sich eine von ihnen, "überall wird man sich über uns freuen und uns bewundern." - "Besonders die Kinder", rief eine andere, "die werden Schneemänner aus uns bauen." - "Ja, ja!" riefen wieder andere, "das haben wir auch gehört." Aber so richtig vorstellen konnten sie es sich eigentlich nicht, denn keine von ihnen hatte je einen Schneemann gesehen. Es war für sie alle die erste Reise zur Erde, und keine von ihnen wusste so recht, was sie dort unten erwartete. Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass sie es gar nicht besonders eilig hatten, hinabzukommen, denn sie fürchteten sich vor dem Ungewissen, das sie dort erwartete. Ein Windstoß fuhr unter die tanzenden Flocken und wirbelte sie durcheinander. Vorbei war es mit den Träumen. Der Wind jagte die Schneeflocken vor sich her, die immer dichter aus der Wolke stiebten. Es war um die Mittagszeit, als Fridolin auf einem kleinen Platz direkt neben dem Weihnachtsmarkt landete. Erstaunt sah er sich um. Ringsumher standen riesige Hochhäuser und sahen mit ihren grauen Fassaden auf ihn herab. "Wie eng das hier alles ist", dachte Fridolin, "und wie dunkel!" Nicht einmal der blaue Himmel war mehr zu sehen, denn eine dicke schwarze Schneewolke hatte sich inzwischen über die Stadt geschoben. Kalt blies der Wind um die riesigen Betonblocks und rüttelte an den kahlen Zweigen der Bäume. "Wie gut, dass ich meine Wollmütze und meinen Mantel mitgenommen habe", dachte Fridolin. "Außerdem ist es ja vielleicht sogar ganz gut, wenn nicht jeder gleich sieht, woher ich komme." Rasch nahm er die Sachen aus dem Rucksack, und als er sie übergezogen hatte, sah er wirklich wie ein ganz gewöhnlicher kleiner Junge aus mit einer bunten Pudelmütze, einer grauen Jacke und einem kleinen Rucksack auf dem Rücken. Bevor sich Fridolin auf den Weihnachtsmarkt begab, beschloß er, erst einmal einen Augenblick auszuruhen. Er hatte schon eine ganz schöne Reise hinter sich. Außerdem hatte er Hunger. Es war schließlich schon Mittag. Aber natürlich fürchtete er sich auch ein bisschen. Es war sein erster Auftrag, den er allein ausführen durfte, und er war doch eigentlich noch ein ziemlich kleiner Engel. Doch wo konnte man hier rasten? Es gab einfach nichts, kein Federbettchen, keine Wolkenbank mit weißer Schäfchenwolle. Überall, wo er hinsah, waren nur regennasse Betonplatten. "Wie ungemütlich", seufzte Fridolin. Ihn fröstelte bei dem Gedanken, sich auf das harte, kalte Steinpflaster zu setzen. Schließlich fand er, verborgen unter einer Hecke, eine fortgeworfene Holzkiste. Er drehte sie herum und setzte sich darauf. Ein paar Minuten konnte man es so aushalten, wenn es auch nicht gerade gemütlich war. Aus seinem Ranzen kramte Fridolin sein Frühstücksbrot hervor, um eine Scheibe davon zu verzehren. "Den Rest hebe ich mir lieber noch auf", dachte er, "wer weiß, wie lange ich hierbleiben muss."
Während er aß, schaute sich Fridolin um. "So sieht es also auf der Erde aus. Eigentlich habe ich es mir ganz anders vorgestellt. Irgendwie schöner, alle reden bei uns so viel davon. Als ob das wer weiß was wäre. Dabei ist es hier ganz schön öde. Und wieso werden wir eigentlich immer hier her geschickt, um den Menschen zu helfen. Können sie sich denn nicht selbst helfen? Wenn es hier etwas netter wäre, das ließe ich mir noch gefallen, aber so? Man müßte ihnen das mal sagen. Aber wie? Ich werde mich zu Hause mal mit meiner Freundin Pia darüber unterhalten. Die hat immer so gute Ideen. Schade, dass sie jetzt nicht hier ist. Zusammen wäre das alles bestimmt viel einfacher." Während Fridolin so seinen Gedanken nachhing, war ein kleines Hündchen herbeigelaufen und hatte sich vor ihm auf die Hinterpfoten gesetzt. Weil aber der Engel ganz versunken dasaß und gar nichts bemerkt hatte, blaffte das Hündchen leise und zutraulich. Fridolin schrak zusammen. "Nanu", rief er, "wer bist du denn?" - "Ich bin ein Hündchen, wau, wau, und ich heiße Max. Mein Herrchen ist mir abhanden gekommen, jetzt bin ich ganz allein und weiß nicht, was ich machen soll!." Max jaulte herzzerreißend. "Schrecklich", sagte Fridolin. "Wie ist denn das passiert?" - "Wir waren zusammen auf dem Weihnachtsmarkt, wau, wau, und dort duftet es überall so gut, waauuu, dass einem ganz schlecht davon wird, und dann die vielen Füße, wau, wau, ständig wird man getreten, und herumschnuppern darf man auch nicht, ist das etwa der richtige Ort für so ein kleines Hündchen wie mich? Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich für eine Angst auszustehen hatte, ich habe gezittert, am ganzen Leibe, aber es war nichts zu machen. Mein Herrchen hatte mich an der Leine, ich musste mit. Und dann war da so ein ungeheuer großes Rad aus Licht, und dann krachte und zischte es, so laut, dass ich es fast nicht aushalten konnte. Und dann ist mein Herrchen in ein Haus gegangen, und ich sollte draußen warten. Und ich wäre auch sitzengeblieben, aber dann kam so ein schrecklicher Riese mit einem langen weißen Bart und einem roten Mantel, der hatte so eine gewaltigen Knüppel in der Hand, da bin ich ausgerissen, wau, wau, Und jetzt bin ich ganz allein! Wau, wau! Ich habe kein Herrchen mehr, und so ein kleines Hündchen wie ich kann doch nicht ohne Herrchen sein. Willst du vielleicht mein Herrchen sein?" Fridolin, der sich den Bericht des kleinen Max voller Mitleid angehört hatte, schüttelte den Kopf. "Ich kann nicht dein Herrchen sein", sagte er. Max blickte ihn aus traurigen Augen an und ließ bei diesen Worten seine Ohren hängen. "Aber ich will versuchen, dir zu helfen." - "Hurra!" bellte das Hündchen und wedelte vor Freude mit dem Schwanz. "Hier, iß erst einmal was", sagte Fridolin, und er brach ein Stück von seinem Brot ab und gab es dem Hündchen, das sich artig dafür bedankte. Allerdings wusste Fridolin auch nicht, wie er ihm helfen und sein Herrchen wiederfinden sollte. Er hoffte aber, dass ihm schon etwas einfallen werde. Nachdem sie beide gegessen hatten, stand Fridolin auf und sagte zu dem Hündchen: "So, Max, ich muss jetzt auf den Weihnachtsmarkt. Aber was machen wir so lange mit dir?" - "Auf den www- www- rwww- was?" kläffte Max ängstlich. "Wwww- www- rww- was willst du denn da? Laß uns doch lieber hier spielen!", und er hopste lustig herum und überschlug sich in der Luft. Das sah so komisch aus, dass Fridolin lachen musste. "Nein", sagte er, denn er erinnerte sich an seinen Auftrag, "es geht nicht. Ich muss auf den Weihnachtsmarkt. Ich habe nämlich den Auftrag, jemandem zu helfen. Verstehst du, das ist doch sehr wichtig. Wenn ich nicht rechtzeitig zur Stelle bin, kann vielleicht ein großes Unglück geschehen. Ich würde ja sehr gerne mit dir spielen, aber jetzt geht es nicht." Max schaute Fridolin aus traurigen Äuglein an. "Und was wird aus mir?" - "Ja", sagte Fridolin, "was wird aus dir? Du kommst einfach mit, vielleicht haben wir ja Glück und finden dein Herrchen wieder?" Bei diesen Worten sprang das Hündchen vor Freude in die Luft, ließ aber gleich darauf wieder die Ohren hängen. "Auf den Weihnachtsmarkt gehe ich nicht. Ich habe solche Angst. Wir könnten doch erst mal hier draußen vor dem Tor suchen und warten, ob mein Herrchen nicht herauskommt. Dann kannst du doch immer noch deinen Auftrag erledigen." - "Nein", sagte Fridolin, "ich habe schon zu lange getrödelt. Jetzt wird es Zeit für mich. Wenn du willst, kannst du ja hier draußen auf mich warten." Mit diesen Worten ging Fridolin los, auf das große Tor zu, Max aber blieb wie angewurzelt sitzen und jaulte erbärmlich. "Du hast gesagt, dass wir Freunde sind", winselte er dem kleinen Engel hinterher, "und nun läßt du mich einfach im Stich!" - "Nein", schrie Fridolin wütend, "das stimmt nicht. Ich will dir ja helfen, aber jetzt muss ich erst einmal auf den Weihnachtsmarkt." - "Aber was wird aus mir?" jammerte Max. "Ich habe solche Angst. Ich kann doch nicht schon wieder allein bleiben." Fridolin kehrte um, ging zu dem kleinen, zitternden Wollknäuel zurück, aus dem ihn zwei schwarze Knopfaugen zutraulich anblickten, und streichelte das verängstigte Tier über den Kopf. "Max", sagte er, "du willst, dass ich dir helfe, und hinderst mich gleichzeitig daran, meinen Auftrag auszuführen. Ich glaube fast, dass du Freundschaft für etwas Einseitiges hältst." Das Hündchen blickte beschämt zur Erde, dann sprang es auf und bellte entschlossen: "Es tut mir leid, du hast recht. Das war nicht in Ordnung von mir. Aber ich hatte solche Angst. Ich will mit dir auf den Weihnachtsmarkt gehen. Aber du musst mich ganz fest an die Leine nehmen und darfst mich auf keinen Fall allein lassen." Fridolin jubelte: "So gefällst du mir, Max, ich hab's ja gleich gewusst, was für ein braver, mutiger kleiner Kerl du bist." Aus seinem Rucksack holte er das Stück Schnur hervor, das er mitgenommen hatte, und band es dem Hündchen am Halsband fest. Dann streichelte er Max noch einmal über den Kopf, der ihm dafür mit der Rute zuwinkte. So machten sie sich auf den Weg. Stolz trippelte Max seinem Freund hinterher, schließlich hatte der gesagt, dass er ein braves, mutiges kleines Kerlchen wäre.
Als sie durch das große, bunt geschmückte Tor des Weihnachtsmarktes gehen wollten, zupfte Max seinen Freund vorsichtig am Mantel. "Sag mal, was für eine Aufgabe ist das überhaupt, die wir hier lösen sollen?", fragte er. - "Jemandem helfen", antwortete der Engel. "Ja, aber wem?" fragte der Pudel. - "Jemandem, der unsere Hilfe braucht", erwiderte Fridolin. - "Aber woran willst du ihn denn erkennen?" blaffte Max. "Es sind doch so viele Leute hier. Und sie sehen alle gleich aus." Fridolin erschrak. Er hatte in der Eile ganz vergessen, danach zu fragen. Aber er konnte doch jetzt nicht einfach umkehren. Alle würden ihn auslachen. Und, was noch schlimmer war, seine Hilfe wurde doch gebraucht, jetzt, hier. Er konnte nicht zurück. Er hatte keine Wahl, er musste es so versuchen. "Ich muss es auf gut Glück probieren", sagte er zu sich. Er sagte es ganz leise, so leise, dass es wohl niemand anderes gehört hätte, aber Max hatte feine Ohren, und wenn er auch nicht gerade der Mutigste war, so war er doch klug genug zu begreifen, dass sein neuer Freund in diesem Moment ratlos war. Er zupfte ihn noch einmal am Mäntelchen: "Und wenn das Glück dir nicht beisteht, so verlaß dich nur auf meine Nase, meine Ohren und meine Augen." Fridolin umarmte das kleine Hündchen dankbar. Nun konnte es also losgehen. Zu zweit würden sie es schon schaffen. "Es ist einfach prima, so einen Freund zu haben", flüsterte Fridolin so leise, dass niemand anderes es hören konnte. Max wedelte stolz mit seiner Rute.
Durch das hohe, bunt glänzende Tor betraten sie den Weihnachtsmarkt, Fridolin im grauen Mäntelchen mit der bunten Pudelmütze auf dem Kopf und neben ihm, stolz, mit hochaufgereckter Rute, der kleine schwarze Max Knopfauge. Gleich hinter dem Tor blieb Fridolin erstaunt stehen. So etwas hatte er noch nie gesehen. Rings um den großen runden Platz waren kleine Holzbuden aufgeschlagen, in deren hell erleuchteten Fensterladen Spielzeug ausgestellt war und Holzschnitzereien und hübsch dekorierte Lebkuchenherzen hingen. Außerdem gab es einen Stand mit Leckerbissen, eine Würstelbude und einen Riesenstollen. Etwas weiter hinten wurde ein Bratenspieß über einem qualmenden Feuer gedreht. In der Mitte des Platzes stand eine hohe, mit Lichtern und Glaskugeln geschmückte Tanne, und zu Füßen des Baumes waren kleine Gruppen mit Märchenfiguren aufgebaut. "Das ist Frau Holle", flüsterte Fridolin, "die kenne ich". Ganz in der Mitte aber war unter einem Baldachin eine kleine Krippe aufgestellt, in der ein aus Holz geschnitztes Baby lag. Seine Eltern saßen mit staunenden Augen links und rechts der Wiege, und ein Öchslein und ein Esel schauten ihnen über die Schultern. "Wie hübsch das alles ist", dachte Fridolin. "Hier sollte jemand zu finden sein, der Hilfe braucht?" In diesem Augenblick begann der große Stern auf der Spitze des Weihnachtsbaumes zu leuchten. Weiter hinten sah Fridolin auch das große Lichtrad. Lauter kleine Gondeln hingen daran, und es drehte sich, so dass die Gondeln eine nach der andern in die Höhe gehoben wurden und dann wieder hinabfuhren. Die Menschen, die in den Gondeln saßen, sahen von hier unten betrachtet ganz klein aus, so riesig war das Rad. "Ob die Leute sich so hoch hinauf fahren lassen, um den Weihnachtsmarkt auch einmal von oben betrachten zu können?" fragte sich Fridolin. "Aber weshalb dreht sich das Rad dann so schnell? Und weshalb schreien die Leute, als ob sie Angst hätten?" Das große Lichtrad war nicht die einzige Maschine, mit der sich Menschen in kleinen Kabinen im Kreis herum oder hin- und herfahren ließen. "Na", dachte Fridolin, "auf das große Rad brauche ich jedenfalls nicht, denn wie die ganze Sache von oben aussieht, das weiß ich schließlich schon." Gleich links neben dem Eingang zum Weihnachtsmarkt stand ein kleiner Laden mit Glöckchen und klingenden Metallstückchen, die leise im Wind aneinander schlugen, so dass ihre silberhellen Töne sich mit dem Gedudel, das aus allen Ecken zu vernehmen war, vermischten. Fridolin und Max hätten gern alles in Ruhe betrachtet, aber eine dicke Frau schubste den kleinen Engel von hinten, so dass er gegen die Bude mit den Glockenspielen fiel. "Unmögliche Göre", schrie die Frau, "kannst du nicht mal Platz machen!" Die Metallstäbe schlugen wie wild aneinander und riefen "klim-bim, klim-bim!" Max knurrte böse, aber Fridolin hielt ihn zurück. "Um so was Beschränktes muss man sich gar nicht kümmern, das hält einen bloß von wichtigeren Dingen ab. Laß uns lieber an unseren Auftrag denken und den suchen, der unsere Hilfe wirklich braucht. Diese Dame kommt auch ohne uns ganz gut zurecht, findest du nicht?" Max wedelte zur Antwort mit dem Schwanz, und so machten sie sich denn auf die Suche. Dass der Budenbesitzer hinter ihnen her schimpfte und die Fäuste wie wild schüttelte, bemerkten sie gar nicht in dem Lärm und Gedränge, das sie umgab. Sie hatten genug damit zu tun, darauf zu achten, dass sie nicht getreten oder gestoßen wurden. Die Menschen, die sich den schmalen Gang zwischen den Ständen entlang drängelten, waren wie blind. Und Fridolin und Max waren so klein, dass sie einfach übersehen wurden. Eine ganze Weile waren sie schon zwischen trampelnden Stiefeln umhergeirrt und zwischen stampfenden Beinen hindurchgeschlüpft. Endlich erreichten sie den Platz in der Mitte des Marktes, wo der Lichterbaum stand und die Krippe mit dem kleinen aus Holz geschnitzten Baby. "Uff, bin ich geschafft", stöhnte Max. "Am schlimmsten sind die Gesichter", erwiderte Fridolin. "Hast du diese ausdruckslosen, gelangweilten, leblosen Augen gesehen? Wie ist das nur möglich? So viele hübsche Sachen gibt es hier. Und es scheint fast so, als ob sich keiner so richtig darüber freut." - "Das liegt daran, dass sie zu viel essen", erklärte Max. "Sieh doch nur! Wo du hinschaust, da stehen sie und essen. Rrrr! Da kann einem ja ganz schlecht werden!" Und wirklich, wohin Fridolin auch blickte, überall sah er kauende Menschen. Der eine trug ein Würstchen auf einem kleinen viereckigen Papptellerchen vor sich her und biß im Gehen hastig davon ab, der andere warf sich rasch ein paar geröstete Mandeln in den offenen Rachen. Der dritte knabberte ein riesiges Lebkuchenherz an. Überall, wohin man nur schaute, schienen die Leute mit nichts anderem beschäftigt als damit, kleine Leckerbissen in sich hineinzustopfen. "Vielleicht hast du recht, Max", wunderte sich Fridolin, "das Essen scheint hier die Hauptsache zu sein. Dabei sehen sie gar nicht hungrig aus. Keiner von ihnen. Im Gegenteil. Die meisten sind sogar viel zu dick." - "Und", winselte Max, "glaubst du vielleicht, sie würden etwas davon abgeben? Nichts geben sie ab, nicht mal den kleinsten Bissen." - "Sag mal", Fridolin sah dem Hündchen tief in die Augen, "du bist doch nicht etwa hungrig?" - "Nicht direkt", stotterte Max, "aber es duftet hier überall so herrlich! Davon kriegt man so einen enormen Apetiiit!" B "Weißt du was", sagte Fridolin kurz entschlossen, "wir holen dir einfach ein großes Stück von dem Braten, der dort über dem Feuer gedreht wird. Ich denke, das wird es sein, was dir in die Nase gestiegen ist." Max willigte freudig ein.
Ein großer, hagerer Mann mit einer hohen weißen Mütze drehte gerade den Braten an einem dicken Eisenspieß über dem Feuer herum. "Wie das duftet", dachte Max, "herrlich! Im Himmel kann es nicht besser riechen." - "Ich hätte gern ein Stück von dem Braten", sagte Fridolin, "ein recht großes, mein kleiner Freund hier hat Hunger!" Der Mann glotzte den Knirps, der da vor ihm stand, ungläubig an. "Du willst mich wohl zum Narren halten", schnauzte er. "Glaubst du vielleicht, ich drehe hier den ganzen Tag, und dann ist das alles für die Katz?!" - "Für den Hund", verbesserte Fridolin, "das sieht man doch. Sieht so etwa eine Katze aus?" Dem Mann blieb vor Überraschung der Mund offen. "Unerhört!" brüllte er. "So ein Bengel!" - "Wieso Bengel", erkundigte sich Fridolin höflich, "sie meinen sicher Engel?" - "Das ist doch!" schrie der Mann, und sein Gesicht lief vor Wut und Ärger knallrot an. "Sie werden ja ganz rot", rief Fridolin besorgt, "geht es ihnen gut? Vielleicht war es etwas zu heiß hier die ganze Zeit am Feuer? Sollen wir die Feuerwehr rufen?" Der Mann rollte die Augen und ruderte wie ein Ertrinkender mit den Armen in der Luft umher. "Was er nur hat?" wunderte sich Fridolin. "Verstehst du das?" Max schüttelte den Kopf. So viel stand fest, hier würden sie nichts bekommen. Also traten sie den Rückzug an. Der Mann drohte mit dem Messer und der großen Gabel wütend hinter ihnen her. "Siehst du", sagte Max, "sie geben einem nichts." Fridolin schaute ihn an. "Aber das ist doch nicht möglich, er kann so ein großes Stück Fleisch nicht ganz alleine aufessen!?" - "Doch, so sind sie", knurrte Max, "alle sind sie so." Fridolin schlug vor, noch einen Versuch zu machen. "Ich kann es einfach nicht glauben." Sie traten an eine Würstelbude heran, in der eine unglaublich dicke Frau mit Töpfen und Pfannen herumwirtschaftete. "Ich hätte gern ein Würstchen", sagte Fridolin, "für meinen kleinen Freund hier." - "So", sagte die Verkäuferin und sah ihn groß an. "Ja kannst du denn überhaupt bezahlen?" - "Was ist das, bezahlen?" fragte Fridolin. - "Ich meine, ob du genug Geld hast?" erklärte die Frau. "Nein", gab Fridolin zu, "ich wollte doch nur ein Würstchen, für ..." - "Ja, was denkst du dir eigentlich?" fiel ihm die Würstelfrau ins Wort, "glaubst du, ich habe was zu verschenken? Mir gibt doch auch keiner was umsonst. Entweder du bezahlst ordentlich, oder es gibt nichts." - "Aber ich weiß doch nicht einmal, was bezahlen ist!", gab Fridolin schüchtern zu. "Und Geld habe ich ganz bestimmt nicht. Ich habe eigentlich nur noch einen Nagel in meinem Rucksack, ein paar alte Nummern des "Himmlischen Boten" und von der Zeitung "Das Wort" und ein Stückchen Draht." - "Ein Nagel, ein paar alte Zeitungen, ein Stück Draht!", die Frau schnaubte höhnisch durch die Nase. "Damit kannst du es wo anders versuchen", und sie griff wieder zu ihren Töpfen und Pfannen und schepperte damit so laut herum, dass ein weiteres Gespräch unmöglich wurde.
"Dieses Geld scheint eine ziemlich wichtige Sache zu sein", dachte Fridolin, "wenn ich nur wüsste, was das ist." Nachdenklich waren sie nebeneinander her gelaufen. So waren sie bis vor ein hübsches kleines Häuschen gelangt, in das viele Kinder hineingingen. Neugierig traten Fridolin und Max näher.
"BASTELWERKSTATT" stand mit großen Buchstaben über der Eingangstür. "Mal sehen, was es hier gibt", dachte Fridolin. Sie traten ein. Ringsumher an den Wänden waren kleine Tische aufgestellt, auf denen Farben und Pinsel zum Malen bereitgelegt waren. Und an diesen Tischen nahmen die Kinder eins nach dem anderen Platz, um kleine weiße Gipsfiguren anzumalen. Hinter einem der Tische aber saß eine ältere Dame, die hatte hunderte solcher Figuren vor sich aufgebaut, Dinos, Hippos, Hunde, Katzen, Pferde, Kühe, Igelchen, sogar ein paar kleine Engel waren darunter. Die Kinder traten vor ihren Tisch, meist zusammen mit ihren Eltern, die ihnen ermunternd zunickten, suchten sich eine Figur aus, dann holten die Erwachsenen ein paar Metallstücke oder bunt bemalte Scheine aus kleinen Täschchen hervor, die sie umständlich aus ihren Hosentaschen hervornestelten oder aus ihren Handtaschen hervorkramten, und gaben sie der alten Dame. "Ist das vielleicht Geld?", fragte Fridolin. Die Frau sah ihn groß an. "Du bist wohl nicht von hier?" Fridolin nickte. "Können Sie mir vielleicht ein wenig davon geben?" fragte der kleine Engel höflich. - "Wie bitte?" vergewisserte sich die Frau ungläubig. "Ich soll dir ...?" Fridolin nickte. "Ich möchte nämlich meinem kleinen Freund hier ein Würstchen holen, doch die dicke Frau wollte mir keins geben, weil ich kein Geld hatte." - "So, und nun denkst du, ich schenke dir einfach etwas Geld? Wie denkst du dir das? Kein Mensch kriegt hier was geschenkt. Ich verkaufe die Figuren, dafür erhalte ich etwas Geld. Davon muss ich die Miete für den Stand bezahlen und den Strom und dann, wenn noch etwas übrig ist, kann ich mir etwas zu essen kaufen. So einfach ist das." - "Aha", sagte Fridolin, so funktioniert das also. Vielleicht kann ich das ja auch mal versuchen. Ich habe noch ein paar Exemplare des "Himmlischen Boten" und von der Zeitung "Das Wort" und einen Nagel. Vielleicht kann ich ja etwas davon verkaufen?" Die Frau schaute skeptisch über den Rand ihrer Brille: "Versuchen kannst du es ja, aber ob dir davon jemand etwas abkauft?" - "Kann ich vielleicht meine Sachen hier mit auf den Tisch legen?" frage Fridolin. - "Wo denkst du hin, dafür ist hier kein Platz", antwortete die Frau gereizt. "Außerdem ist es nicht erlaubt. Verboten, verstehst du!" Fridolin sah sie staunend an.
"Merkwürdige Welt", dachte er. Alles sieht so hübsch aus, so nett, aber in Wirklichkeit ist es ganz anders. Traurig verließ er das Bastelhäuschen. All das bunte Geflimmer und die vielen schönen Sachen wollten ihm gar nicht mehr so recht gefallen. "Ich will es trotzdem einmal versuchen", dachte er, holte die Zeitungen aus seinem Rucksack hervor und stellte sich damit unter den großen Lichterbaum gleich vor die Krippe mit dem geschnitzten Baby. Weil er keinen Ladentisch hatte, legte Fridolin die Zeitungen einfach vor sich auf die Erde, und damit der Wind die leichten Blätter nicht davonwehte, beschwerte er sie mit dem Nagel. "So", dachte er, "jetzt wollen wir doch einmal sehen." Er sah die Vorübergehenden an mit seinen großen Augen, fragend, bittend, aber keiner bemerkte den kleinen Engel, und auch für seine Zeitungen interessierte sich niemand. Da standen sie nun also, ein kleiner Junge mit einem grauen Mäntelchen und ein noch kleinerer schwarzer Hund. Die Leute drängelten sich an ihnen vorbei und schienen furchtbar beschäftigt. Nervös flackerten ihre Blicke über all die bunten Sachen hin, die es hier zu sehen gab, aber sie hatten keinen rechten Gefallen daran. Ab und zu blieb einer vor einer der Buden stehen, um rasch etwas auszuwählen und zu kaufen. Aber so richtige Freude schien keiner an dem ganzen Rummel zu haben. "Merkwürdig", dachte Fridolin, "warum tun sie es denn aber?" Ziemlich lange hatten sie so gestanden und dem bunten Treiben zugesehen. Der kalte Wind blies immer stärker, und das kleine graue Mäntelchen half nun auch schon nicht mehr so richtig. Fridolin fror, und auch der kleine Max zitterte ganz erbärmlich. Und beide hingen sie ihren trüben Gedanken nach. "Eigentlich brauchen sie alle Hilfe", dachte Fridolin. "Aber was könnte man nur tun, um sie aufzumuntern?" Max aber träumte von seinem Herrchen, und er malte sich aus, wie es ihm eine riesige leckere Bratwurst schenken würde. Plötzlich schraken die beiden zusammen. Über ihnen dröhnte ein donnerndes Getöse. Was war das? Gleich noch einmal krachte es, als ob ein Blitz eingeschlagen hätte. Max hatte solch einen Schreck bekommen, dass sich sein Fell sträubte. Sie sahen auf und erblickten ein Pferd. "Oh, das tut mir leid, dass ich Sie erschreckt habe", wieherte es entschuldigend, "aber ich ha- ha- ha-ptischihühühü!, ich habe solchen Schnupfen. Schnupfen und Husten. Schrecklich! Ich ha- ha- ha-ptischihühühü!, ich habe mich übrigens noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Jolly." - "Angenehm, ich heiße Fridolin", sagte der kleine Engel, "und das hier ist Max Knopfauge." Dass auch Pferde eine Erkältung haben konnten, hatte Fridolin noch nicht gewusst. "Aber wie ist denn das passiert?" erkundigte er sich teilnahmsvoll. - "Die Kälte", schnaubte Jolly, "und dann dieser eisige Wind! Und ich musste die ganze Zeit draußen stehen und kleine Kinder im Kreis herumtragen. Das alles hätte mir nichts ausgemacht. Aber dann passierte mir dieses Unglück. Irgendwie bin ich mit dem linken hinteren Huf hängengeblieben, und als ich mich endlich mit aller Kraft befreit hatte, fehlte ein Nagel. Das Eisen saß lose und klapperte bei jedem Schritt. Entsetzlich, wie weh mir das tat. Jeder Schritt wurde zur Qual. Es war fast zum verrückt werden. Ich bäumte mich auf, wieherte vor Schmerz, schlug mit den Hufen aus. Mein Herr versuchte, mich zu beruhigen, er sprach mir zu, gab mir ein Stück Zucker, aber das alles half natürlich überhaupt nichts. Ich wurde nur immer wilder. Ich wollte diesen furchtbaren Schmerz los sein. Ich trat wie blind um mich. Da schrie mich mein Herr an: ‚Was ist denn los mit dir, du bockiges Biest, wirst du wohl ...!' Aber es war nichts zu machen. Endlich nahm er mich am Halfter, um mich nach Hause zu bringen. Natürlich war er wütend. Er verstand einfach nicht, was ich ihm sagen wollte. Auf dem Hof versuchte ich es ein letztes Mal, ihm zu zeigen, was passiert war. Ich schnaubte und wieherte und schlug mit dem Huf hinter mich. Leider traf ich dabei aus Versehen sein funkelnagelneues Auto, das er sich erst vor drei Tagen gekauft hatte. Da hättet ihr den Bauern einmal sehen sollen. Er schrie und fluchte, dann besah er sich den Schaden und jammerte. Dabei war wirklich nur eine ganz kleine Beule zu sehen. Und eine Lampe war ein bisschen zersplittert. ‚Zur Strafe kriegst du heute keine Futter!' schrie er mich an. ‚Und in den Stall lasse ich dich auch nicht. Du bleibst einfach die Nacht über auf der Koppel stehen, da wirst du dich schon ein bisschen abkühlen und etwas ruhiger werden.' Dann jammerte er: ‚Mein schönes neues Auto! Oh dieser Satansbraten von einem Gaul!' Und dann brachte er mich hinaus auf die Koppel. Da stand ich die ganze lange Nacht über, es wurde immer kälter, und ich fror und zitterte. Ich konnte nicht einmal laufen und springen, um mich etwas zu erwärmen. Denn jeder Schritt tat mir so weh. Und dann der Hunger. Ich hatte ja kein Abendbrot bekommen, und wo sollte ich um diese Jahreszeit auf der Weide etwas zu fressen finden? Nicht einmal meinen Durst konnte ich stillen, denn das Wasser in der Traufe war zu Eis gefroren. Schließlich knabberte ich ein paar Eiszapfen ab, die von einem Schuppendach herabhingen. Der Mond ging auf, und mir wurde immer kälter. Endlich habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich nahm meine letzten Kräfte zusammen, biß die Zähne fest aufeinander und setzte mit einem gewaltigen Sprung über den Koppelzaun. Das war ein Sprung! Als ich ein wenig verschnauft hatte, lief ich los, immer weiter. Nur fort, dachte ich. Und seitdem laufe ich umher und suche jemanden, der mir hilft. Aber es versteht mich einfach keiner." - "Armes Pferd", Fridolin wollte Jolly trösten. "Hat er dich geschlagen?" Jolly riß die Augen auf und blähte die Nüstern, dann nickte er traurig. "Ich finde, wir sollten versuchen, Jolly zu helfen, was meinst du, Max? Das mit der Wurst klappt ja doch nicht, keiner will unsere Zeitungen haben." Das kleine Hündchen wedelte zustimmend mit der Rute. "Einen Nagel habe ich hier", sagte Fridolin, "was meinst du, ob der geht?" Er hob den Nagel, der so lange die Zeitungsblätter festgehalten hatte, auf und hielt ihn dem Pferd hin. "Oh", wieherte Jolly überrascht, "so ein schöner Nagel! Genau so einen habe ich verloren!" - "Fein", sagte Fridolin, "da brauchen wir also nur noch einen Hammer, um das Eisen wieder festzuklopfen. Ich denke, ein Hammer wird sich doch wohl finden lassen auf diesem Markt hier, oder?" Jolly nieste und hustete vor Freude und Aufregung, als ob zehn Kirchtürme zusammengefallen wären. "Und vor allen Dingen brauchen wir einen Schal für Jolly und eine warme Decke und etwas Hafer. Du ißt doch Hafer?" Jolly wieherte vor Freude, musste aber gleich wieder husten. "Ach ja, und Hustensaft brauchen wir auch noch. - Paß auf, Jolly, du stellst dich am besten hier so lange unter das kleine Zelt zu dem Öchslein und dem Esel aus Holz. Hier bist du etwas besser geschützt, und außerdem wird es keiner bemerken. Wo zwei Tiere sind, da kann schließlich genau so gut auch noch ein drittes stehen. Außerdem bereitet dir das Laufen Schmerzen. Wir beide gehen los und versuchen, Hilfe zu holen. Zum Essen kann ich dir im Augenblick nur dieses kleine Stückchen Brot geben, mehr haben wir beide nicht, aber notfalls kannst du ja ein bisschen an dem Stroh knabbern, das hier ausgestreut ist. Wir beeilen uns, gleich sind wir wieder da." Jolly wieherte dankbar, und vor Rührung standen ihm dicke Tränen in den Augen. "Schau, wau wau!" bellte Max. Der Wind trieb gerade das letzte Zeitungsblatt davon. Nachdem Fridolin den Nagel von dem kleinen Packen genommen hatte, war ein Exemplar nach dem anderen davongeflattert. "Macht nichts", tröstete Fridolin das Hündchen, "es hat sich sowieso keiner dafür interessiert." Aber vielleicht hat ja einer von Euch irgendwo ein Exemplar dieser Himmelspostillen gefunden und gelesen, das wäre doch immerhin möglich. Max wollte dem Zeitungsblatt nachjagen, das der Wind vor sich hertrieb, hoch in die Luft warf, umherwirbelte, wieder auf den Boden segeln ließ, aber Fridolin hielt ihn zurück: "Laß nur, ich finde, wir sollte uns jetzt um Jolly kümmern." Er nahm die große Wolldecke, die der geschnitzte Holzmann um die Schultern trug, und legte sie dem kranken Pferd auf den Rücken. Aus der Wiege nahm er das Tuch und schlang es Jolly um den Hals. Und das Kissen, das man der hölzernen Frau unter die Knie geschoben hatte, legte er Jolly unter den kranken Huf. "Ihr braucht doch keine Decken, Tücher und Kissen", dachte er, "ihr könnt nicht frieren und Schmerzen leiden." Dann machten sie sich auf den Weg.
Der Apotheker Hugo Schimmelpfennig war der geizigste Mann der Stadt. Er besaß ein schönes Haus direkt am Marktplatz, eine Segeljacht und ein Auto. Bloß eines hatte er nie: er hatte nie genug. Tag und Nacht saß Schimmelpfennig über den Büchern und zählte und rechnete und grübelte, wie er noch mehr Geld bekommen könnte. Wurde jemand krank, verdiente er daran. Starb jemand, verdiente er auch. Am meisten aber verdiente er an den Gesunden, denn Schimmelpfennig verstand sich meisterhaft auf die Kunst, ihnen Tränklein und Arzneimittel aufzuschwatzen, die ihnen gar nicht helfen konnten, weil sie sie nicht benötigten. Nur einem nutzten all die Medikamente, die in seiner Apotheke verkauft wurden, ihm, dem Apotheker, Hugo Schimmelpfennig. Er wurde reich und immer reicher. Er besaß bereits so viel Geld, dass er sich stets verrechnete, weil die Zahlen so groß waren und die vielen Nullen ihm immer wegkullerten. Reich war Schimmelpfennig und geizig. Er war so geizig, dass er einen Menschen lieber sterben lassen würde, als ihm ein Medikament, das ihm vielleicht helfen konnte, auch nur zwei Tage lang zu leihen. "Bezahle - oder geh woanders betteln", hieß es bei ihm. Noch niemals war es jemandem gelungen, diesen hartherzigen Menschen zu erweichen. "Wozu soll dieser arme Kranke leben", dachte er, "wenn er nicht mal Geld hat, sein Medikament zu bezahlen?" Und obwohl Schimmelpfennig auf diese Weise im Laufe der Jahre ein enormes Vermögen angehäuft hatte, fürchtete er doch stets, vor dem Ruin zu stehen. Er sparte sich jeden Pfennig vom Munde ab, trug stets alte, abgeschabte Hosen und ein ziemlich verfilztes Jackett, nur sein Kittel, den er sich stets überstreifte, wenn er in den Laden ging, um Kunden zu empfangen, musste ganz neu und weiß sein. Darauf achtete Schimmelpfennig. "Wie einer aussieht, danach bezahlt man ihn auch", pflegte er zu sagen. Der weiße Kittel gehörte zum Geschäft. Natürlich wurde er sofort wieder ausgezogen und sorgfältig über einen Bügel gehängt, wenn Schimmelpfennig den Apothekenladen verließ, um sein Büro aufzusuchen. Auch an diesem Tag saß der Apotheker Schimmelpfennig wieder an seinem Schreibtisch und rechnete und rechnete. Er hatte schon zum dritten Mal von vorn angefangen, als die Ladenglocke zu bimmeln begann. Schimmelpfennig sah auf. Ein Lächeln huschte über sein abgezehrtes Gesicht. "Kundschaft!", dachte er. "Am Feiertag! Um die Uhrzeit! Da kann ich einen hübschen Aufschlag berechnen!" Schimmelpfennig rieb seine dürren Hände, die kalt und steif geworden waren. "Es ist kalt", dachte er, "vielleicht sollte ich mir doch noch eine halbe Kohle genehmigen?" Es klingelte erneut. Der Apotheker nahm seinen weißen Kittel vom Bügel, zog ihn sich umständlich über und ging mit raschen Schritten in den Laden. Er öffnete die kleine Luke in der Ladentür und setzte sein geschäftliches Lächeln auf, dann spähte er hinaus. Draußen stand ein kleiner Junge mit einem schwarzen Hündchen an der Leine. "Nanu", sagte der Apotheker überrascht, "was willst du denn?" - "Ich möchte einen Eimer Hustensaft", sagte Fridolin, "extra stark, unser Pferd hat sich nämlich erkältet." Der Apotheker riß die Augen auf. In seinem Kopf arbeitete es. Auf der einen Seite ratterte die Rechenmaschine: "Das macht, das macht ... das macht ...", auf der anderen Seite konnte er es nicht fassen, denn so einen Auftrag hatte er noch nie im Leben erhalten. "Vielleicht wollen sie mich verschaukeln", dachte er. "Bitte, würden Sie sich etwas beeilen?", erinnerte Fridolin den Apotheker, der wie erstarrt durch das kleine Fensterchen schaute, an seine Bestellung. "Wir wollen Jolly nicht so lange warten lassen." Der Apotheker Schimmelpfennig rannte in den Laden, riß die Schubladen auf, schüttete aus Fläschchen und Flaschen Hustensaft in einen großen Eimer. "So etwas", sagte er immer wieder, "so etwas!" Und zwischendurch klatschte er vor Freude in die Hände. Schließlich hatte er den ganzen Hustensaft seiner Apotheke zusammengebracht, doch der Eimer war noch nicht einmal halb voll geworden. "Mehr ist es leider nicht", sagte Schimmelpfennig zu Fridolin und öffnete die Ladentür, denn die Luke war viel zu klein, der Eimer hätte nicht hindurchgepaßt. "Und der Hustensaft hilft?", erkundigte sich der Engel. - "Garantiert!" beschwor der Apotheker. "So wahr ich Schimmelpfennig heiße! Bei meiner Apothekerehre!" - "Na gut, wir wollen es einmal versuchen. Haben Sie vielleicht auch einen Hammer?" - "Einen Hammer?" Der Apotheker riß die Augen auf. "Du willst das Pferd doch nicht mit dem Hammer ...?" - "Nein, nein", beschwichtigte Fridolin, "ich will nur einen Nagel einschlagen, der verlorengegangen ist." - "Einen Nagel einschlagen, der verlorengegangen ist?" wunderte sich der Apotheker. - "Natürlich einen genau gleichen, der den verloren gegangenen ersetzen soll", erklärte Fridolin bereitwillig. "Ach so", murmelte Schimmelpfennig. "Nein, mit einem Hammer kann ich nicht dienen. Vielleicht kannst du ja mal nebenan bei Herrn Steinmann im Eisenwarenladen fragen. Aber ob der um die Zeit etwas heraussuchen wird?" - "Vielen Dank, Herr Schimmelpfennig, ich wünsche Ihnen noch ein frohes Fest!" Mit diesen Worten wollte sich Fridolin von dem Apotheker verabschieden. "He, halt!" rief dieser hinter ihm her. "Mein Geld! Du musst doch den Hustensaft noch bezahlen." - "Wieviel ist es denn?" fragte Fridolin. Der Apotheker nannte eine Zahl. "Ist das viel oder wenig?" erkundigte sich der kleine Engel. "Viel natürlich!" So etwas hatte Schimmelpfennig noch nie erlebt. Wollte ihn dieser Knirps vielleicht doch verschaukeln? So etwas gab es doch gar nicht. Einen Menschen, der keine Ahnung vom Wert des Geldes hatte. "Du hast wohl in der Schule nicht richtig aufgepaßt?" fragte Schimmelpfennig. "Nein, nein, das ist es nicht", erklärte Fridolin, "nur mit dem Geld habe ich noch keine Erfahrung". Der geizige Apotheker war überrascht. So etwas durfte es doch nicht geben. "Du flunkerst", sagte er misstrauisch, "du bist noch gar nicht in der Schule." - "In der dritten Klasse", sagte Fridolin stolz. "Und im Rechnen bin ich sogar ganz besonders gut." - "Im Rechnen", wiederholte Schimmelpfennig ungläubig. "Immerzu denken Sie, dass ich sie anlüge. Wie kommen Sie nur darauf? Sie können mir ja zur Probe einmal eine Aufgabe stellen." - "Na schön", brummte Schimmelpfennig, "also wieviel ist 17,98 mal 13,73 minus 25% plus 45%?" Ohne lange nachdenken zu müssen, nannte Fridolin das Ergebnis. "Es stimmt bis auf die dritte Stelle hinterm Komma!" Der Apotheker war verblüfft. Er versuchte es mit zwei weiteren Aufgaben. Stets konnte Fridolin das Ergebnis sofort, ohne lange nachdenken zu müssen, nennen, und stets stimmte es haargenau. "Junge, wie machst du das?" - "Ich rechne einfach mit", sagte Fridolin. "Nicht schlecht", zischte der Apotheker, "für den Anfang gar nicht übel. Willst du nicht einmal später zu mir in die Lehre kommen? So einen tüchtigen Jungen könnte ich gut gebrauchen!" - "Ich will es mir überlegen", lachte Fridolin. Jetzt muss ich aber zurück, um Jolly den Hustensaft zu bringen." Aber natürlich wollte der Apotheker ihn nicht so ohne sein Entgelt gehen lassen. Er lief ihm nach und nahm ihm den Eimer aus der Hand. "Ohne Bezahlung gibt es nichts bei Schimmelpfennig, wo kämen wir da hin?" In diesem Augenblick schlug hinter ihm die Ladentür mit einem Knall zu. Der Apotheker blieb wie angewurzelt stehen. "Oh je! Der Schlüssel!" jammerte er. "Ich habe den Schlüssel auf dem Schreibtisch liegen gelassen! Wenn ich jetzt den Schlüsseldienst rufen muss, kostet mich das ein Vermögen!" Er rüttelte an der Tür, aber da war nichts zu machen. "Und hier draußen ist es so kalt! Ich werde mir den Tod holen! Das ist doch gegen die Berufsehre", jammerte er. "So ein Pech, womit habe ich das nur verdient!" - "Ich glaube, ich habe eine Idee", sagte Fridolin. "Was würde es denn kosten, wenn Sie den Schlüsseldienst holen müßten, um die Tür öffnen zu lassen?" Schimmelpfennig nannte eine Zahl. "Mit Festtagszuschlag, versteht sich." - "Das ist ja sogar noch mehr, als Sie von mir für den Hustensaft verlangt haben." Der Apotheker nickte traurig. "Wenn ich Ihnen nun den Schlüssel besorgen würde, wäre uns beiden geholfen", freute sich Fridolin, "Sie könnten wieder in das Haus und ich könnte Jolly die Medizin bringen. Sie hätten sogar noch etwas dabei gewonnen." - "Gewonnen?" maulte Schimmelpfennig. "Ein schöner Gewinn! Und wie willst du es überhaupt anfangen?" murrte er misstrauisch. "Das verrate ich nicht", antwortete Fridolin. "Sie müssen mir zuerst eine Zusage über den Tausch machen. Ich besorge Ihnen den Schlüssel, Sie geben mir den Hustensaft." Schimmelpfennig schwankte. Schließlich siegte der Geiz. "Na schön, was bleibt mir übrig. So ein Pech auch!" Fridolin flüsterte so leise, dass es nur Max verstehen konnte: "Was meinst du, Max, du hast doch alles mit angehört. Ob du es schaffst?" - "Klar", kläffte das Hündchen. - "Gut", flüsterte Fridolin. Dann wendete er sich an den Apotheker: "Sie müssen Max einfach durch die Luke in das Haus springen lassen. Er findet sich schon zurecht. Er hat eine ziemlich gute Nase." Fridolin löste die Schnur, die solange als Hundeleine gedient hatte, vom Halsband des kleinen Max. Schimmelpfennig hob das Tier auf die Luke. Von dort sprang es in den Laden hinab, und es dauerte nicht lange, da kam Max mit dem Schlüsselbund zwischen den Zähen bis an die Ladentür gelaufen. Der Apotheker staunte nicht schlecht. "Die Luke ist zu hoch", blaffte er, "so hoch kann ich nicht springen!" - "Da müssen wir uns etwas einfallen lassen", dachte Fridolin. "Jetzt habe ich nur noch den Draht in meinem Rucksack. Natürlich, das ist es!" Er holte das kleine Ende Draht hervor und bog es zu einem Haken, den er an der Schnur befestigte. "Mit dieser Angel ziehen wir den Schlüssel einfach herauf", sagte er zu Schimmelpfennig. Und nach ein paar missglückten Versuchen hatten sie es wirklich geschafft. Sie öffneten die Tür, Max sprang heraus und kläffte vergnügt. "Das hast du großartig gemacht", flüsterte Fridolin so leise, dass nur das Hündchen es verstehen konnte. "Ohne dich hätten wir das nicht hingekriegt. Jetzt wollen wir aber rasch zu Jolly, um ihm die Medizin zu bringen." Sie verabschiedeten sich von dem Apotheker und liefen rasch zurück zum Weihnachtsmarkt. Auf einen weiteren Versuch mit einem Laden verzichtete Fridolin. Der Besuch in der Apotheke hatte ihm genügt. Den Hammer mussten sie auf andere Weise finden.
Dass sich ein richtiges, lebendiges, ausgewachsenes Pferd der Krippengruppe hinzugesellt hatte, war indessen nicht unbemerkt geblieben. "Schau mal, ein Pferd mit einem roten Halstuch", hatte ein kleines Mädchen gerufen. "Unerhört!" schimpfte sein Vater. Man sollte die Polizei holen." Immer mehr Menschen waren stehengeblieben, um das Schauspiel zu betrachten. "Das ist gar kein Halstuch", sagte eine spindeldürre Frau, "das ist das Bettuch, mit dem das Christkind zugedeckt gewesen war." - "Das ist ja ungeheuerlich!" schrie einer. - "Und die Decke gehört eigentlich dem Joseph! Vorhin hatte er sie noch auf den Schultern!" - "So eine Gemeinheit!" sagte ein kleiner Junge. "Jetzt muss das arme Christkind frieren!" Jolly stand ganz stumm da und zitterte vor Angst und Aufregung. Was sollte er nur tun? Er konnte diesen Leuten ja nicht erklären, wie das alles passiert war. Sie würden ihn ja nicht verstehen. Er blähte die Nüstern und schnoberte vorsichtig und zutraulich. Als aber ein besonders Mutiger an Jolly herantrat, um ihm das Tuch und die Decke abzunehmen, bäumte er sich auf und tänzelte ängstlich. "Wie wild das Tier aussieht! Wie es die Augen aufreißt!" kreischte eine Alte. "Das Pferd muss bestraft werden. Es ist unerhört, einfach so unseren Frieden zu stören. Auf dem Weihnachtsmarkt." - "Man sollte es verprügeln", schrie einer. - "Nein, man muss den Tierarzt rufen und es einschläfern lassen", brüllte ein anderer. "Es ist tollwütig, das sieht man doch. Ein tollwütiges Pferd ist eine Gefahr für alle." - "Jawohl", stimmten ihm mehrere zu und rückten vorsichtshalber ein Stück weiter fort. Keiner wollte Jolly mehr zu nahe kommen. Ein Uniformierter trat in den dichten Kreis, den die Menge inzwischen gebildet hatte. Er ging auf Jolly zu, tätschelte ihm vorsichtig die Flanke. Dann nahm er die Decke vom Rücken des Pferdes und hängte sie der Josephsfigur über die Schultern. Und als er auch das rote Halstuch abgeknüpft und das aus Holz geschnitzte Christkind damit wieder zugedeckt hatte, salutierte er und sagte laut und zackig: "Es muss alles seine Ordnung haben." Die Menge applaudierte. "Bravo! Bravo!" In diesem Augenblick erklangen die Glocken vom nahe gelegenen Kirchturm, und als eine alte Frau mit hoher, dünner Zitterstimme zu singen begann, stimmten alle Umstehenden mit ein:
Sti-hille Nacht, Heilige Nacht,
alles schläft, einsam wacht
nur das traute hochheilige Paar,
holder Knabe im lockigen Haar,
schlaf in himmlischer Ru-uh,
schlafe in himmlischer Ruh.
Als das Lied verklungen war, standen die Besucher des Weihnachtsmarktes, die eben noch wütend auf das Pferd geschimpft hatten, andächtig und mit merkwürdig verklärten Gesichtern im Halbkreis um die Krippengruppe herum. Nun war die Welt wieder in Ordnung, es konnte Weihnachten werden.
Es geschah aber etwas ganz ungewöhnliches. Keiner hatte damit gerechnet. Es traf die gerührten Seelen ganz unvermutet. Ein schmutziger, zerlumpter Kerl, ein heruntergekommener, halb verhungerter Bettler war in den Kreis getreten und schrie die Leute an: "Verlogene Bande! Heuchelei! Ein armer Kerl, dem die miesen, fetten Schweine nicht mal ein Zimmer geben wollten, weil er nicht genug Geld hat, um ihren Wucherpreis zu bezahlen, und der deshalb mit seiner Frau unter einer Brücke pennen muss, nicht einmal, dass seine Frau hochschwanger ist, kümmert diese miesen Spekulanten, und unter der Brücke ist es feucht und kalt, wißt ihr, wie es sich da schläft, wenn es kalt ist, und der Wind heult und die Hunde, und dann setzen die Wehen ein, weil sie den ganzen Tag gelaufen sind, viel zu weit, denn sie konnten sich kein Taxi leisten, und die Wehen werden immer schlimmer, und keine Hebamme da und kein heißes Wasser, was ist da für eine ‚Stille Nacht, Heilige Nacht'? Geschrien hat sie wie ein Vieh! Und dann ist das Kindchen da, so winzig, weil es viel zu früh gekommen ist, und ganz blau vor Kälte, und er denkt, es stirbt, und sie liegt da ganz matt, und er weiß nicht, was sie morgen essen werden ..." Und nachdem er dies in einem einzigen Atemzug wütend herausgebrüllt hatte, nahm er die Decke und legte sie dem Pferd wieder über den Rücken. Dann zog er das Tuch aus der Wiege und schlang es Jolly wieder um den Hals. "Aber was ist eigentlich mit dem Huf?" dachte er. Keiner der Umstehenden hatte nämlich das kleine Kissen bemerkt, auf dem Jollys Huf immer noch ruhte. Auch dem Uniformierten war es entgangen. Er bückte sich, um den kranken Huf aufzuheben und ihn näher anzusehen. "Na", dachte er, "da haben wir ja den Schaden!" Als er sich wieder aufrichtete, traf ihn ein Fausthieb mitten ins Gesicht. Es blitzte, dann wurde ihm ganz schwarz vor Augen.
"Was geht dort vor sich", dachte Fridolin und drängelte sich durch die Menge der Gaffer, "hoffentlich ist Jolly nichts passiert." Das Pferd stand noch auf demselben Platz, wo sie es vor einer Stunde verlassen hatten. Aber warum blähte es so aufgeregt durch die Nüstern? "Oh je!", rief Fridolin erschrocken aus, als er mitten auf dem Platz einen Menschen liegen sah, der aus einer Wunde am Kopf blutete. Rasch sprang er hinzu, zog ein Tuch aus der Tasche, um die Wunden vorsichtig zu säubern. Dann riß er sein graues Mäntelchen von seinen Schultern, um es dem Fremden unter den Kopf zu schieben. Er dachte gar nicht mehr daran, dass er ja eigentlich hier auf der Erde war und der Mantel ihn nicht nur vor dem kalten Wind schützen, sondern auch seine eigentliche Gestalt verbergen sollte. Ein Glanz ging von ihm aus, wie ihn noch keiner der Versammelten je gesehen hatte. Sie waren entsetzt. "Feuer!" schrie eine schrille Stimme. "Feuer, Feuer!" Und alles begann zu trampeln und zu schieben und zu rennen. Mütter rissen ihre Kinder mit sich fort, und wer zu schwach war, wurde einfach an die Seite gedrückt oder zu Boden gestoßen und niedergetrampelt. Die Buden stürzten ein und die Pfefferkuchenherzen kullerten in den Schmutz. Nach wenigen Augenblicken war der Weihnachtsmarkt wie leergefegt.
Der Fremde kam langsam zu sich. "Ein Glück!", seufzte Fridolin. "Wo bin ich?", fragte der Niedergeschlagene benommen. "Ich glaube fast, ich bin schon bei den Engeln." Fridolin kicherte. "Nein, nein", beruhigte er seinen Schützling, "hab keine Angst, es ist nicht, wie du denkst. Du bist noch nicht bei den Engeln, ein Engel ist bei dir." - "Fabelhaft", sagte der Bettler, "ich wollte schon immer mal einen Engel sehen. So seht ihr also aus. Bloß, dass ihr auch kleine schwarze Hündchen habt, hätte ich nicht gedacht. Aber vermutlich träume ich die ganze Sache nur." - "Schon möglich", kicherte Fridolin, "geht es Ihnen gut?" - "Ob es mir gut geht?", fragte der Fremde nachdenklich. "Wenn du wirklich ein Engel bist, dann wird es mir wohl gut gehen. Ich denke, du wirst mich gleich mitnehmen." - "Willst du das denn?", fragte Fridolin besorgt. - "Es würde mir nichts ausmachen. Es wäre vielleicht sogar ganz schön. Du siehst ja selbst, was hier los ist. Ich meine, was mit mir los ist. Ich meine, dass mit mir nichts los ist." Fridolin war überrascht. Dass so ein junger Mensch einfach sterben wollte, betrübte ihn. Dann hatte er eine Idee. "Gut", sagte er, "es geht also los. Bist du bereit?" Der Fremde nickte. "Na schön", stotterte der kleine Engel, "aber so schnell, wie du dir das denkst, geht es nicht. Zuerst musst du mir sagen, wie du heißt, wer du bist und so weiter. Ich weiß ja noch nicht einmal, ob du überhaupt schon dran bist." - "Seid ihr dort auch so?", fragte der Fremde mühsam und gequält. "Das hätte ich nicht gedacht." Dabei hatte Fridolin einfach Zeit gewinnen wollen, um nachzudenken, was zu tun sei. So gerne er diesem Verzweifelten geholfen hätte, er wusste einfach nicht, wie er es anfangen sollte. "Na gut", stöhnte der am Boden liegende. "Ich bin Beppo, der Brückenpenner. Ich weiß nicht, wie viele Jahre ich schon so lebe. Aber eines weiß ich, es sind zu viele." - "Und man kann dir ganz bestimmt nicht helfen?", erkundigte sich Fridolin vorsichtig. Beppo schüttelte den Kopf. "Na gut", sagte Fridolin, "dann machen wir uns also reisefertig." Er überlegte fieberhaft, was er tun sollte. Er war doch hier, um einem Menschen zu helfen, und nun kam ihm dieser Beppo dazwischen, und wollte einfach so sterben. "Gibt es denn nicht irgendjemanden, den du rasch noch einmal sehen möchtest?", fragte er. "Ich meine, um dich zu verabschieden, oder um noch irgendetwas auszurichten?" Beppo schüttelte den Kopf. Fridolin war verzweifelt. "Es gibt keinen Menschen, der dich liebhat und dem du fehlen würdest?" Beppo schüttelte den Kopf. "Keinen Menschen, den du liebhast, kein Tier, das dich braucht?" Beppo schüttelte den Kopf. "Oh je", dachte Fridolin, "das ist aber traurig." Vielleicht ist es wirklich besser, den armen Kerl mitzunehmen. "Gut", sagte er zu Beppo, "dann gehen wir also. ... - " In dem Augenblick fiel ihm etwas ein. "Gibt es nicht vielleicht noch etwas, das du vorher erledigen musst?" Beppo schüttelte den Kopf. "Oder was du gerne tun würdest?" - "Nein", sagte Beppo, "mir fällt nichts ein." - "Ich meine, vielleicht wolltest du schon immer gerne mal irgendetwas tun, und du hast dich nur nicht getraut oder es immer wieder verschoben ... Ich meine, bevor man aufgibt, sollte man sich das genau überlegen. Nachher gibt es kein Zurück mehr." - "Nein", sagte Beppo. "Es gibt nichts." - "Du wolltest also schon immer sterben", erboste sich Fridolin, "das kann ich einfach nicht glauben. Du musst doch irgendwann mal etwas anderes gewollt haben, vielleicht hattest du mal einen Traum ..." - "Das ist lange her", sagte Beppo schwach. Er richtete sich halb auf. "Ganz lange. So lange, dass es schon gar nicht mehr wahr ist. Früher, als ich noch ein kleiner Junge war, da wollte ich Zirkusreiter werden. Ich träumte immer davon, wie ich auf einem Pferderücken allerhand Kunststücke vorführen würde, und die Kinder in der Manege würden lachen und klatschen. Ich hatte Tiere immer so gerne. Ein kleines Hündchen sollte auch dabei sein. Ich hatte mir so eine hübsche Nummer ausgedacht, ein Pferd, ein Hündchen und ich. Natürlich nur im Traum. Meine Eltern durften nichts davon erfahren. Und mein Lehrer und die Klassenkameraden auch nicht. Einmal habe ich es gesagt. Als wir gefragt wurden, was wir denn gerne werden wollten, da habe ich gesagt, ich möchte zum Zirkus. Da haben sie mich ausgelacht. ‚Beppo Zirkusclown' haben sie gerufen. Wochenlang haben sie mich gehänselt. ‚Du musst etwas Ordentliches lernen', sagte mein Vater. ‚Was soll das, Clown, das ist nichts anständiges.' - ‚Ja, ja', stimmte meine Mutter ihm weinerlich bei, ‚und immer unterwegs, immer an einem anderen Ort, nirgends ein richtiges Zuhause.' Dabei ist es doch so hübsch, mit einem großen Wohnwagen umherzureisen. Es gibt doch überall so viele Kinder. Und sie freuen sich doch so, wenn der Zirkus kommt. ‚Nein', sagte mein Vater, ‚du musst etwas Anständiges lernen, Zirkus erlauben wir nicht, das ist eine brotlose Kunst.'" - "Und", fragte Fridolin, "findest du, dass er damit recht hatte?" - "Natürlich nicht", protestierte Beppo. - "Und warum hast du dich denn damit abgefunden?", fragte Fridolin. "Findest du nicht, dass man es wenigstens einmal versuchen sollte?" - "Was versuchen?" fragte Beppo verständnislos. - "Na, ich meine, wenn man einen Traum hat, irgend etwas erreichen will, dann darf man doch nicht aufgeben, bevor man es überhaupt richtig ernsthaft versucht hat. Du hast es doch versucht?" - "Hmm", Beppo schnaufte. - "Nicht?" fragte Fridolin. - "Nein", sagte Beppo ziemlich kleinlaut. Ich hatte ja nie eine Chance." - "Und findest du nicht, du solltest es wenigstens jetzt einmal versuchen?" - "Du meinst ..." - "Ja klar, warum nicht! Was hast du schon zu verlieren?" - "Stimmt", sagte Beppo, "was habe ich schon zu verlieren." - "Und ich kann mir wirklich auch etwas schöneres vorstellen, als dem hartherzigen Bauern alle möglichen Dienste zu leisten und dafür am Ende noch schlecht behandelt zu werden", schnaubte Jolly. "Ich glaube, ich würde am liebsten mit Beppo in den Zirkus gehen." Beppo staunte. Tränen der Rührung standen ihm im Gesicht. "Und ich gehe auch mit", kläffte Max Knopfauge. "Hurraa, hurraa, zum Zirkus!" Beppo wusste gar nicht, was er sagen sollte. "Ihr wollt wirklich mit mir gehen und es mit mir zusammen versuchen?" Jolly und Max nickten und wieherten und bellten vor Freude. "Und ich denke auch, dass wir Glück haben werden", lachte Jolly, "schließlich - wenn man so einen Nagel im Huf hat ...!" Und er grinste, wie nur Pferde grinsen können, breit und herrlich, dass alle seine großen und kleinen Zähne zu sehen waren. "Na schön", sagte Beppo, und erhob sich langsam vom Boden. "Versuchen kann man es ja wirklich mal. Versuchen wir es also." Max sprang vor Freude hoch in die Luft und wetzte drei Runden um den Lichterbaum. "Wir gehen zum Zirkus! Wir gehen zum Zirkus! Hurraaa! Hurraaaa!"
Fridolin hob den Nagel auf, der immer noch auf der Erde neben dem kranken Huf von Jolly lag. "Manchmal ist es gar nicht so viel, was man braucht", sagte er. "Manchmal muss man sich einfach nur trauen und einen Versuch wagen. Nichts muss so sein, wie es ist. Alles könnte anders sein. So ein kleines Ding, ein Nagel. Ich wusste selbst nicht, warum ich ihn eingesteckt habe. Weil man manche Sachen eben immer mal brauchen kann. Und jetzt fängt mit diesem Nagel eine ganz neue Geschichte an, auf die ich gespannt bin wie ein Flitzbogen." Und er drückte Beppo den Nagel in die Hand, die vor Aufregung und Glück zitterte. "So ein schönes Weihnachtsgeschenk habe ich noch nie bekommen", schluchzte der, und er sagte es immer wieder. "So ein schönes Weihnachtsgeschenk. Danke, danke!" - "Für mich ist diese Geschichte zu Ende", sagte Fridolin, "ich glaube, ich werde hier nicht mehr gebraucht." Er verabschiedete sich von seinen Freunden, warf sich in die Luft und schwang sich auf, und in seinem Herzen jubelte und lachte es wie in einem ganzen Orchester. Unten aber auf dem runden Platz mitten in der kleinen Stadt standen Beppo, Jolly und Max und sahen ihm nach, und sie winkten und riefen, und Beppo hielt seinen Nagel in der Hand. Er hielt ihn ganz fest und winkte dem Engel damit hinterher.



Eingereicht am 07. März 2005.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

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