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Oh du fröhliche ...

© Ilka Sehnert


Ganz still ist es. Feine Schneekristalle trudeln vom Himmel und setzen den Bäumen lustige Zipfelmützen auf die Wipfel. Endlich. Die Menschen haben sich seit Tagen gewünscht, dass es endlich schneit. Weiße Weihnacht! Es ist Heiligabend. In den Dörfern vertreiben sich die Kinder die Zeit.
"Aua!" - ein Schneeball hat hart getroffen. Aber das macht nichts. Hinter dem Kinderrücken lauert schon die Rache. Väter werden eingeseift, fröhliches Kreischen dringt bis hinein in die Stille des verschneiten Waldes. In den kleinen Häusern ist es gemütlich warm und die wunderschön geschmückten Weihnachtsbäume zaubern eine beschauliche Atmosphäre in alle Stuben. Wer jetzt durchgefroren heimkommt, hat es gut ...
Hanna sitzt frierend und zähneklappernd mit hoch gezogenen Schultern auf dem Boden. Wahrscheinlich sind ihre Lippen schon blau verfärbt vor lauter Kälte.
Hanna hat keine Ahnung. Nicht den leisesten Schimmer. Nicht, wo sie war.
Nicht, wie sie hierher gekommen war. Nicht einmal, wer sie war. Ihr Hirn scheint leer. Aber vielleicht war es auch nur erfroren. Sie musste ohnmächtig gewesen sein.
Es schien kein angenehmer Ort. Nicht nur, dass es stockdunkel war. Es war auch kalt. So kalt, dass sogar ihre dicke Daunenjacke, die sie eng um sich gezogen hatte, nichts bewirkte.
Wie lange sie hier war, wusste sie auch nicht. Es mussten Stunden sein.
Oder Tage. Oder Wochen. Hanna hatte jedes Zeitgefühl verloren.
Anfangs hatte sie versucht, einen Ausgang zu finden. Um sich herum ertastete sie mit ihren vor Kälte klammen Fingern nur Gestein. Eine Mauer.
Rund. Ein Turm? Aber der musste doch eine Tür haben.
Hanna hatte vorsichtig Schritt für Schritt immer ganz dicht an der Mauer entlang gesetzt und mit den Händen nach irgendwelchen Spalten, Ritzen, Öffnungen getastet, aber da war nichts.
Irgendwann später hatte sie angefangen, mit den Fingernägeln in den Fugen zwischen den Gesteinsblöcken zu kratzen. Sie hatte es aufgegeben, als ihre Fingernägel abgebrochen und die Fingerspitzen blutverkrustet waren und schmerzten.
Dann hatte sie gerufen. Lange. So laut sie konnte. Aber niemand hörte sie.
Irgendwann konnte sie nur noch heiser krächzen. Ihre Stimme war immer leiser und verzweifelter geworden, bis sie am Ende keine Kraft mehr hatte.
Jetzt ist es um sie herum dunkel und still.
Hanna hockt regungslos am Boden und wartet auf nichts mehr. Nicht auf Hilfe. Nicht auf Sterben. Sie ist leer. Einfach leer.
In der Küche des kleinen Hauses ist es gemütlich warm. Auf dem Tisch steht ein kleines weihnachtliches Gesteck. Vier Kerzen flackern lustig vor sich hin. In der Ecke ein kleiner gusseiserner Ofen. Im alten Kohleherd züngeln die Flammen und erhitzen den Wasserkessel, der auf der Eisenplatte steht.
Die alte Frau hantiert mit einer Teekanne.
Aus der Ecke ein Miauen. Ein dicker grauer Kater erhebt sich und streckt sich langsam und genüsslich. Dann springt er auf den Boden, um gleich darauf seiner Besitzerin schnurrend um die Beine zu streichen.
"Na, Dickerchen", sagt sie, "hast wohl Hunger, was? Gleich gibts was."
Hanna erwacht aus ihrer Starre, als sie ein dumpfes Grollen in ihrer Magengegend spürt.
Hunger empfindet sie. Furchtbaren Hunger. Und Durst. Schrecklichen Durst.
Da sitzt sie frierend mit Schmerzen allein in einem dunklen Gefängnis, leer, müde und kraftlos, ohne Gedanken - und dann führt sie ein so primitives Gefühl wie Hunger und Durst wieder zurück ins Leben? Aber es ist so. Sie hat Hunger.
Fast muss sie lachen, aber es ist ein hilfloses, bitteres Lachen. Ihr Gehirn beginnt wieder zu arbeiten. Vielleicht, wenn sie sich erinnern könnte, wo sie war, bevor sie herkam?
Langsam nur arbeiten ihre Gedanken, immer wieder unterbrochen von Hungerkrämpfen, aber: sie arbeiten.
Das Letzte, woran sie sich erinnert, ist eine Besprechung...ein Büro...was für ein Büro? Was tat sie da? ... Und worum war es in der Besprechung gegangen?
Nur wie Streiflichter gehen Bilder und Gedanken durch ihr Gehirn. Daraus das Puzzle zusammen zu setzen, gelingt ihr nicht.
Oder doch...ja...da war ein Plan...was für ein Plan...
Immer wieder zieht sich ihr Magen krampfartig zusammen. Der Schmerz verschlägt ihr den Atem und sie ringt nach Luft. Ihre Lippen spannen.
Trocken. So trocken.
Vor ihren Augen tanzen plötzlich bunte Kreise. Kurz bevor sie in Ohnmacht fällt, dringt ein neuer Gedanke zu ihr durch ...ein Buch...eine Geschichte...irgendwas war da mit einer Geschichte...
Das Wasser im Kessel kocht. Die alte Frau gießt langsam und bedächtig den Tee auf. Süßer, weihnachtlicher Zimtgeruch dringt durch das Zimmer.
Dann schlurft sie zum Sofa, stellt die Kanne ab und setzt sich. Langsam und vorsichtig tut sie das - das Rheuma macht ihrem alten gebeugten Körper sichtlich zu schaffen.
Darauf nimmt ihr Kater keinerlei Rücksicht. Kaum dass sie sitzt, springt er ihr mit einem Satz auf den Schoß. Seine bernsteingelben Augen schauen sie erwartungsvoll an. "Alterchen, ja doch, wart noch ein Weilchen " sagt sie, indem ihre knorrigen Finger dem Tier das dichte graue Fell kraulen, "nicht so ungeduldig."
...eine Geschichte...was für eine Geschichte?...
Hannas Erwachen aus der Ohnmacht und ihr Hinübergleiten in eine Art Dämmerzustand sind eins: Bilder ziehen vorbei. Bäume, ein Haus, zwei Kinder...
Was bedeutet das nur?
Ihr Kopf scheint zu zerplatzen. Was um Himmelswillen waren das nur für Bilder? Warum fällt ihr das Denken bloß so schwer?
Plötzlich hört Hanna etwas. Über sich. Ein Geräusch.
Ein Spalt öffnet sich, durch den ein Strahl so hellen, gleißendes Lichts fällt, dass sie schmerzvoll die Augen zukneift.
Aber das ist nebensächlich: Das Licht bedeutet Hoffnung! Ihr wird geholfen. Endlich. Langsam richtet sie sich, an die Wand gestützt, auf.
Von oben ruft eine Stimme. "Hallo?" hört sie "Sagen Sie doch was..." Hanna will antworten, aber sie bekommt aus ihrem trockenen Hals nur wenig mehr als ein Krächzen heraus. Wenn man sie nun dort oben nicht hören kann?
Sie strengt sich an.
"Ja" röchelt sie, und "Bitte helfen sie mir!" Dann lauscht sie angestrengt und erwartungsvoll einer Reaktion entgegen.
Aber niemand antwortet. Hat man sie tatsächlich nicht gehört? Aber lauter geht es doch nicht, denkt sie verzweifelt und versucht es erneut: "Hilfe! Bitte ..."
Ihre Stimme erstirbt voll Schrecken: Statt der erhofften Antwort ist es plötzlich wieder dunkel um sie herum.
Nacht.
Der Deckel ihres Gefängnisses hat sich einfach geschlossen!
Was soll das? Man musste sie doch gehört haben! Der Mensch dort oben wusste doch, dass hier jemand war! Er hatte ja "Sagen Sie doch was" gerufen...
Mit einem Schlag jedoch ist Hanna klar, was das bedeutete. Kein Retter war das gewesen. Nein, sie ist eingesperrt und man wollte sich nur vergewissern, ob sie noch lebte! Mein Gott, warum sie? Wem hatte sie etwas getan? Warum war sie hier?
Schluchzend rutscht Hanna in sich zusammen. Auf ihrem Gesicht schmutzige Spuren von Tränen. Neue weint sie nicht. Auch ihre Tränendrüsen scheinen ausgetrocknet.
"Alterchen, es tut mir Leid. Du musst noch ein bisschen warten", sagt die alte Frau.
Böse fauchend funkelt der graue Kater sie an. "Ist ja schon gut, ich hol Dir was zum Knabbern. Ich denke, eine kleine Ecke wird sich schon noch finden lassen. Warte." Mit diesen Worten schlurft die Alte zum Küchenschrank und entnimmt ihm eine kleine runde Dose.
Als sie sie schüttelt, wie um zu prüfen, ob sie leer ist, springt der Kater herbei und schaut erwartungsvoll nach oben. Es klappert ein wenig in der Dose. Die Alte hat wohl Recht gehabt. Da ist noch was. Ein kleines Stückchen Lebkuchen ist alles, was sie in der Dose findet.
Das gibt sie ihm. "Da, schau. Mehr haben wir nicht mehr." In das kleine Schälchen auf dem Boden gießt sie einen Schluck Milch.
Gierig macht sich das Tier über Beides her.
Dann geht die Alte nach draußen.
Die Bilder vom Wald, den Bäumen und den Kindern gehen Hanna nicht mehr aus dem Kopf. Als könnten die erklären, warum ihr das alles geschah.
Noch mal zurück: ... ein Büro ... eine Besprechung ... eine Geschichte ... Wald ...
Da! Ein Name! Ein Name flackert auf in ihrem Gedächtnis. Hanna. Johanna.
Ein Schreck durchfährt sie plötzlich: Ist das das Ende? Soll sie jetzt sterben? Sterbende werden manchmal hellsichtig, das weiß sie.
Johanna. Johanna Hensel. Sie. Sie ist Johanna Hensel.
Nein, und sie will jetzt und hier nicht sterben. Plötzlich sind alle Erinnerungen da. Sie illustriert Bücher. Kinderbücher. Und sie war in den Wald gegangen, um Motive für ihren neuesten Auftrag zu finden. Es war Heiligabend und es hatte endlich geschneit. Wunderschön sahen die verschneiten Tannen aus. Daraus konnte sie etwas machen! Ja, und dann war sie plötzlich im Schnee ausgerutscht und hin gefallen. Oder hatte ihr etwas die Füße weg gezogen? Jedenfalls war sie erst wieder in ihrem dunklen Gefängnis erwacht, allein, ohne jegliches Zeitgefühl, frierend, hungrig und durstig.
Dann war das hier vielleicht nur eine Tierfalle, in die sie versehentlich geraten war?
Kein Gefängnis? Aber die Mauer? Wie ein alter Brunnen mutete der Raum an, in dem sie sich befand. Und die absolute Dunkelheit? Und der Mensch, der den Deckel geöffnet und dann einfach wieder geschlossen hatte?
Nein, es musste eine andere Bewandtnis haben mit ihrem Hiersein. Aber welche?
Hanna hatte keine Feinde. Jedenfalls keine, von denen sie wusste. War sie zufällig in die Hände eines perversen Verbrechers gefallen? Was hatte der mit ihr vor?
Sie war nicht reich. Berühmt auch nicht. Wozu dann Kidnapping? Wer sollte für sie schon zahlen...
Zum ersten Mal, seit sie hier ist, verspürt Hanna reale, kalte, nackte Angst. Alles vorher war wie im Nebel, unwirklich und unerklärlich gewesen.
Jetzt bekommt ihr Gefühl einen Namen: Angst. Was wird mir ihr passieren?
Wieder und wieder krampft sich ihr Magen vor Hunger zusammen. Aber noch viel schlimmer ist der Durst.
Die meisten Menschen, die so zu Tode kommen, verhungern nicht. Sie verdursten. Das weiß sie. Sie leckt immer wieder über ihre aufgerissenen, verkrusteten Lippen, aber das macht es nur schlimmer.
Die Wände ihres Gefängnisses, die sie ertastet, sind vollkommen trocken.
Kalt, aber trocken.
Keine Chance, auch nur einen einzigen Wassertropfen zu finden.
Durst und Angst. Todesangst. Ihre Gedanken verwirren sich. Kinder. Bäume.
Bücher. Ein Haus. Kinder. Bäume. Bücher... Die Bilder in ihrem Kopf drehen sich.
Wieder und wieder gleitet Hanna in einen Dämmerschlaf hinüber. Bald wird sie zu schwach sein, sich dagegen aufzulehnen.
Gebeugt unter der Last eines großen Korbes betritt die alte Frau ihr Häuschen.
Holz hat sie geholt. Trockene Scheite zum Befeuern ihres Ofens, die sie sorgfältig in einer Ecke stapelt.
Noch knistert es gemütlich im Ofen, aber es wird bald Zeit, nachzulegen.
Der Kater liegt zufrieden zusammen gerollt auf seinem Kissen.
Auf dem Weg zum Sofa streift der Blick der Alten den Spiegel. Mit einem Tuch verhüllt hängt er an der Wand. Wie lange hat sie dort nicht mehr hinein geschaut?
Jahre? Jahrzehnte? Es kommt ihr vor, als wären es Jahrhunderte.
Seit dem Unfall, als sie sich die schlimmen Verbrennungen zugezogen hatte.
Niemals wieder will sie ihr entstelltes Gesicht im Spiegel betrachten.
Deswegen das Tuch.
Damals war sie nur knapp dem Tod entgangen.
Gut, dass alle geglaubt haben, sie wäre verbrannt. Man hatte sie nicht gefunden und deshalb für tot gehalten. Aber sie war es nicht. Sie lebte.
Sie weiß, dass man in der Gegend oft von ihr redet. Aber es kommt niemand mehr.
Der alte Kater ist der Einzige, der ihr Gesellschaft leistet.
Leise schnarchend träumt er vor sich hin. Ihre dünnen, vernarbten und von der Gicht gezeichneten Hände streichen über sein Fell, als sie sich vorsichtig zu ihm setzt.
"Bald, mein Kleiner, bald." sagt sie.
Als sich der Deckel ihres Gefängnisses ein weiteres Mal öffnet, merkt es Hanna nicht. Zu tief ist sie bereits in den Dämmerzustand gedriftet, der sie umfängt.
Eine Leiter wird hinein geschoben und mit langsamen, vorsichtigen Schritten steigt jemand zu ihr hinab.
Eine Hand greift nach ihr. Schüttelt sie. Eine Stimme. Nichts davon jedoch dringt mehr zu ihr durch.
Der Herd ist heiß und glühend. Neue Scheite türmen sich in ihm und brennen.
Auf dem großen schweren Holztisch liegt ein mit Mehl bestäubtes Backblech.
Der alte, durchlöcherte Teppich in der Wohnstube ist zur Seite gerollt.
Mit aufgeregt aufgerichteten Ohren hört der graue Kater, wie seine Herrin unter Keuchen und Schnaufen etwas Schweres die Leiter hinauf schleppt.
Hanna.
Hanna, die nicht mehr merkt, was mit ihr geschieht.
Nur noch ein lebloser Körper. Bewusstlos.
"So, mein Kleiner" kichert die Alte zu ihrem Kater hinüber, "gleich gehts los. Die da wird mich nicht reinlegen. Die nicht mehr. Oder denkst Du, ich wäre nochmal so dumm wie damals bei den beiden verzogenen Gören? Dieses Jahr werden wir beide einen feinen Weihnachtsschmaus haben..."
Ein Skizzenblock fällt zu Boden, als die Alte das Blech in den Ofen schiebt.
Hannas aktueller Auftrag.
"Hänsel und Gretel" sollte sie illustrieren.
Sie war auf Motivsuche gewesen.
Der frische Schnee hatte das Seil, das ihr die Füße wegzog und sie im Fallen auf den harten Boden aufschlagen ließ, gut verborgen.
In der Ferne läuten die Glocken der kleinen Dorfkirche den Heiligen Abend ein.



Eingereicht am 10. März 2005.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

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