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Warme Schneeflocken

© Victoria Süß


Ein wunderschöner Wintermorgen. Die Straßen sind weitgehend leer, die Menschen sitzen in ihren Häusern gemütlich beisammen. Denn draußen ist es kalt, man muss sich einpacken wie ein Eskimo, um vor die Tür gehen zu können.
 
Er legte den Arm um sie und sie lehnte sacht ihren Kopf dagegen.
Von den anderen um sie herum ging eine triste Stimmung aus, die sie vorhatten zu ignorieren. Gewiss lag die Mehrheit nicht im Unrecht und man konnte ihre Reaktion auch ein wenig nachvollziehen. Aber dennoch, was nicht zu ändern war, musste man eben hinnehmen und versuchen sich damit so gut wie möglich abzufinden. Ihnen blieb vielleicht nur noch diese eine Nacht. Wenn sie jedoch länger Zeit hätten, viel länger, würden sie dann wirklich etwas daraus machen? Im Moment verbrachten fast alle die Zeit mit Trübsalblasen, anstatt sie zu nutzen. Sie verschwendeten ihre möglicherweise letzten Stunden damit, sich gegenseitig zu erzählen, was sie noch alles hätten tun wollen. Fast alle.
Nur die beiden nicht. Sie sprachen vielleicht nicht viel, aber das war wohl auch nicht nötig. Sie hielten sich nur in den Armen und strahlten vor sich hin.
Diesen Zustand genossen sie und wenn er jede Sekunde zu Ende wäre, so konnten sie doch wenigstens sagen, dass sie es nicht bereuen würden. Und dass sie immer wieder ihre letzte Zeit auf diese Weise nutzen würden.
Die beiden.
Die anderen verstanden es nicht und warfen ihnen ab und zu skeptische Blicke zu.
 
Die Bäume sind so gut wie alle kahl. Nur die Nadelbäume nicht, diese leuchten in einem hellen Grün.
Obgleich es erst früher Nachmittag ist, dämmert es draußen bereits. Die Wolken stehen dicht am Himmel und verbergen den Blick auf die Sonne. Einige Leuchtschriften und Laternen brennen in der Stadt und die Letzten tätigen ihre Weihnachtseinkäufe. Insgesamt vermittelt die Stadt das Bild von einem harmonischen Wintertag. Kleine Kinder bewerfen sich zum Spaß mit altem Laub, der als Alternative für den Schnee dient.
 
Und die beiden saßen immer noch Arm in Arm beieinander, während der Rest von ihnen traurige Gesichter zog. Der Tag war also nun schon fast vorbei und an ihrem allseitigen Zustand hatte sich nichts verändert.
Die beiden schauten sich kurz an und er fing sofort die flüchtige Angst auf, die durch ihre Augen schoss.
Er drückte fest ihre Hand und auch wenn sie ihn sanft anlächelte, wusste er, dass es nicht leicht werden würde. Aber sie hatten ihr Ziel vor Augen. Ganz gleich, ob die anderen sie dabei unterstützen würden oder nicht. Sie beide würden es tun, notfalls auch alleine; sie sahen es einfach als ihre Pflicht an.
 
Als die Sonne untergeht und es langsam Nacht wird, sitzen viele Leute hoffnungsvoll vor dem Fenster und warten sehnsüchtig auf die ersten Schneeflocken - jedoch vergeblich.
Der Mond steht jetzt hoch oben am Himmel und erhellt die Straßen mit einem gelben Schein.
 
Ein letztes Mal blickten sich die beiden tief in die Augen und danach nicht mehr. Komme was wolle, sie würden nun zusammenhalten. Die anderen Schneeflocken saßen auf den Wolken und wollten noch nicht hinab auf die Erde, um dann am nächsten Tag als dreckiger Matsch zu enden. Doch die beiden wussten, sie würden damit zahlreichen Menschen eine Freude machen und das wäre es allemal wert. Außerdem hatten sie einander gehabt, sei es auch nur für kurze Zeit. Schlussendlich waren sie zufriedener als der Rest von ihnen. Die anderen hassten es Schneeflocken zu sein und ihrer Bestimmung als solche Jahr für Jahr nachgehen zu müssen.
Er stand auf, zog sie automatisch mit sich und sie musterten durch eine dünne Wolke die Welt da unten.
Wie leicht doch die Menschen glücklich zu stimmen waren, warum es ihnen also verweigern? Mit diesem Gedanken und sich nach wie vor an den Händen haltend beugten sie sich mit einem Satz nach vorne und verließen ihre gemütlich flauschige Umgebung. Während sie so hinunterschwebten strahlten sie wie noch niemals zuvor und empfanden ein unendliches Glücksgefühl, was sie sich nie hätten träumen lassen.
Zwar würden sie als zwei einzelne Schneeflocken in einer großen Stadt kein Aufsehen erregen und nichts bewirken, aber sie wollten es dennoch tun. Und sie hatten es nun auch getan.
 
Traurig blickt ein kleines Mädchen aus dem Fenster, in der Hoffnung, dass es bald schneien würde. Plötzlich schreit es laut auf und zieht die Mutter ans Fenster.
"Schau mal Mama, da halten sich zwei Schneeflocken an den Händen!" Die Mutter lächelt ihr Kind an, gibt ihm einen Kuss und geht zurück in die Küche. Sie tut es als Träumerei ab und macht sich nicht einmal die Mühe hinzusehen. Ein wenig enttäuscht presst das Mädchen ihre Nase an die Scheibe, um so deutlich wie möglich hinausblicken zu können. Nachdem die Schneeflocken auf einer Laterne unter der Hitze schmelzen und als Tropfen runterfallen, läuft dem Kind eine Träne über das Gesicht. Es wischt sich die Augen und als es diese wieder öffnet, schweben unzählige Schneeflocken vom dunklen Himmel auf die Erde. Sie hüllen die ganze Stadt in ein sanftes Weiß wie ein feiner Glitzerregen.
 
Die letzten Schneeflocken sprangen vergnügt von den Wolken um es den anderen gleichzutun. Sie hatten all die Jahre damit verschwendet unglücklich zu sein, sodass sie diesen Spaß nie erlebt hatten. Insgeheim dankten sie alle den beiden, die das ausgelöst und den Menschen doch noch eine weiße Weihnacht beschert haben.



Eingereicht am 30. März 2005.
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