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Feuer über Bethel

© Leander Wonhalla


KOM Melchior sah auf seine Uhr. "23:30", schubste er seinen Kollegen KOM Sawatzky an. "Zeit für Curry mit Pommes!", lächelte er Sawatzky entgegen. Sawatzky nickte und drehte den Zündschlüssel um. Laut Gas gebend fuhren die beiden los und verschwanden aus ihrer Revierecke Moltkestrasse. Sie fuhren Streife im Stadtteil Bethel, wo es in letzter Zeit zunehmende Unruhen durch "Rechte" gegen Asylanten gegeben hatte und sogar Sonderstreifen gefahren werden mussten. Bei "Heinz`s" Pommesbude angekommen, schälten sie sich etwas Müde von der Schicht aus ihrem Polizeiwagen und trotteten an die Pommesbude, wo sie Heinz mit einem: "Na, Ihr zwei...!", begrüsste. "Viel los heute?", fragte Melchior ein weiteres bekanntes Gesicht an der Bude. Casparek kämpfte noch mit einem Bissen im Mund und nuschelte: " Wie immer...!". Casparek war Sozialarbeiter in Bethel und hatte die vornehmliche Aufgabe, sich um die in den Plattenbauten Bethels untergebrachten Asylbewerber zu kümmern. Er wirkte selbst wie ein Ausländer mit seinen tiefschwarzen Haaren und dem dunklen Teint. Seine abgewetzte Lederjacke und die verwaschenen Jeans machten das Klischee eines Sozialarbeiters irgendwie perfekt. Den Rucksack, den er immer mit sich rumschleppte, liess er nie aus den Augen. Entweder war er an ihm wie angetackert oder er presste ihn, wie jetzt gerade zwischen seine Beine. Es handelte sich dabei um so genannte "Notversorgung", wenn ein Klient gerade mal eine Zigarette oder anderes Tröstliches in der Not brauchte. Nach und nach gesellten sich ein Paar Nachtschwärmer zu dem illustren Publikum an der Pommesbude. Melchior lachte halblaut, als Heinz einen vielleicht fünfzehnjährigen Jungen mit: "Alkohol erst ab 16 Jahren!" abwies, weil er genau wusste, dass Heinz ohne Polizeipräsenz sich nicht davon abhalten liess, an die Kids Alkohol auszuschenken. Heinz sah den Polizisten grinsend in die Augen, als er ihnen ihre Curry mit Pommes hingestellt hatte. Und fast einem Ritus gleich, steckte er zwei Plastikgabeln nahezu gleichzeitig in die beiden Portionen. Der Schneefall setzte wieder ein und Sawatzky nahm sich eine weihnachtliche Papierserviette aus dem Halter, um sich den Mund abzuwischen. "Nett, die Dinger...", sah er Heinz an und kramte nach Kleingeld in der Hosentasche. Heinz antwortete: "Ist doch bald Weihnachten und ein bisschen Stimmung darf doch auch hier sein", und deutete auf den unermüdlich grinsenden "Superiluplasteweihnachtsmann", der frisch aus Korea eingeflogen, die Stimmung in der Bude weihnachtlich heben sollte. Als beide Beamten gehen wollten, wandte sich Heinz rasch ihnen etwas näher kommend zu und sagte leise: "Ich hab gehört da ist wieder was im Busch...!" Melchior und Sawatzky kamen dichter heran und warteten gespannt auf einen der vielfach bewährten Tipps, die Heinz immer mal wieder an seiner Bude von meist zwielichtigen Gästen aufgeschnappt hatte. Auch Casparek spitzte die Ohren und neigte sich den Dreien neugierig zu. "Gestern waren ein paar Glatzen mit Springerstiefeln und so an meiner Bude. Nach ein paar Schnäpsen und Pops lallten sie etwas von "...an Heilig Abend brennen nicht nur die Kerzen am Weihnachtsbaum sondern auch die Luft...". Ich hab die Typen hier noch nie gesehen und ich glaub auch nicht, dass die Spaß gemacht haben. Ich konnte sogar, die eine oder andere Waffe in den Jacken stecken sehen und ich war froh, dass sie mir in ihrem Suff die Bude nicht auseinander genommen haben. Ich hörte was von "Neue Zecken in den Platten" und von "abfackeln" und ich bin sicher, die waren trotz dem Sprit in ihren Röhren ziemlich entschlossen, was dummes anzustellen"., schloss Heinz etwas beunruhigt seine Geschichte. "Wir sehen uns mal bei den Platten die nächsten Tage intensiver um.", sagte Melchior und wandte sich Casparek angestrengt zu: "Sind neue Asylbewerber gekommen?". Casparek fühlte sich bei seiner Lauschattacke ertappt und entgegnete stotternd: "Vorgestern sind albanische Bewerberfamilien angekommen. Wir haben sie in einer der sanierten Gebäude untergebracht. Da funktioniert wenigstens die Heizung und die sanitären Anlagen sind auch instand gesetzt. Morgen bin ich wieder dort, um Anträge zu bearbeiten.", schloss Casparek, nun wieder entspannter, seine Ausführungen. "Gut...!", setzte Melchior wieder an. " Dann schauen wir morgen gleich mal mit rein. Soll keiner sagen, wir kümmern uns nicht!" und mit einem gutgelauntem "Nicht wahr Sawatzky...?", fasste Melchior seinen Kollegen um die Schulter und beide verschwanden aus dem Lichtkegel der grellen Neonbeluchtung der Imbissbude. Die Türen klappten und die Beamten verschwanden in der Dunkelheit der schneevermatschten Strassen Bethels. Zwei Tage vor Heilig Abend; am Rande einer Industriestadt, die sich vor sozialen Problemen kaum mehr retten konnte und in Bethel inzwischen aus allen Nähten vor lauter Aggression, Hoffnungslosigkeit und einer trüben Aussicht zu platzen drohte.
"Sind Sie Herr und Frau Berisha?", fragte Casparek in seiner geduldigen Art die Neuankömmlinge aus Albanien. Dabei hielt er ein Klemmbrett in der Hand und vervollständigte die Anträge seiner neuen Klienten. Der Mann antwortete sehr gebrochen: "Ja, ich bin Josephus Barisha und das,... meine Frau Mara Barisha!", und deutete dabei auf seine hochschwangere Frau Mara. Sie stand kurz vor der Niederkunft und Casparek machte sich Sorgen, ob das eigentlich die richtige Unterbringung in dieser Situation sei. Das nächste Krankenhaus war 15 km von hier entfernt und der Notarzt hatte oft an anderen Ecken Bethels akute Notbehandlungen zu bewältigen. Sie kamen aus einem der Unruheherde Albaniens und die italienische Regierung ersuchte die Bundesbehörden um Unterstützung für deutschverwandte Albaner, die als politisch Verfolgte, Recht auf Asyl haben könnten. Das waren die Klienten von Casparek und da er selbst fast albanisch aussah, trauten ihm die Bewerber, zumindest rein äußerlich, seinem Tun und seinen Fragen. Er bat eine junge Studentin, die ihm als Assistentin beigestellt war, um eingehendere Betreuung der beiden und dass sie ihn sofort verständigen sollte, wenn es so weit ist.
Es war noch eine gute Stunde bis Schichtende und das verlässliche Gespann Melchior/Sawatzky fuhren ihre letzte Runde durch die gräulichen Betonschluchten Bethels.
Da lief ihnen ein Junge direkt vor ihr Auto und Melchior konnte gerade eben noch auf die Bremsen steigen. Er ließ die Scheibe herunter und gab laut und eher erschrocken von sich:" Kannst Du denn nicht aufpassen, Du Bengel...?", als er erkannte, wer ihm da vor das Fahrzeug gelaufen war. "Ach nein, Senior Balthazar Gonzalez Dias...!", und erleichtert stieg Melchior aus dem Wagen, um nach dem Jungen zu sehen. "Oh, Senior Melchior, ich hab Sie nicht gesehen. Habe es eilig, weil Papa Philippe wieder böse auf mich...!, so der Junge weinerlich.
Balthazar war ein 14 jährige Junge, kubanischer Einwanderer, und seine Haut war eher afrohispanisch und daher sehr dunkel. Melchior kannte den Jungen bereits seit einigen Jahren und beide verband der Zorn seines Vaters Philippe, wenn Balthazar etwas ausgefressen hatte und wieder einmal Prügel mit dem "Baisy" drohte. Melchior hatte Balthazars Vater deswegen des Öfteren in der Mangel. Doch Philippe, als reuiger Katholik, drückte dann seinen Sohn Balthazar fast überschwänglich und zu Tränen gerührt an seine Brust und strich dem Jungen zärtlich und leidenschaftlich über den Kopf. Das genügte Melchior oft, um zu wissen, dass man sich hier nur begrenzt einmischen durfte und so blieb es bei inzwischen rituellen Ermahnungen. Trotz der Dummheiten Balthazars, war er doch ein sehr aufgeweckter Junge, der sich mit viel Literatur beschäftigte und als "Senior Allwissend" bei seinen gleichaltrigen Kumpels einen Namen gemacht hatte. Vor allem hatte er einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und seine salomonischen Urteile waren sogar bei älteren gefragt. So hielt er sich am Überleben und gewann zunehmend, auch bei den beiden Beamten, an Anerkennung. "Hoffentlich kann der wenigstens einmal studieren, um vielleicht seinen Landsleuten eine wirkliche Hilfe zu sein...!, sinnierte Melchior oft über den Jungen. Melchior fragte den Jungen: "Sag mal, Balthazar, hast du in letzter Zeit irgendwelche Typen rumstreunen sehen, die Dir fremd vorkamen?" Ängstlich sah Balthazar seinen "Freund" an und hastete:" Manchmal kommen kahlköpfige Gringos in einem Jeep vorbei und grinsen immer dabei, wenn sie uns hier auf der Strasse sehen. Einer hatte sogar einmal eine Pistole in der Hand und tat so, als würde er auf uns Zielen. Dann halten Sie auch brennende Zeitungen in der Hand und werfen sie in unsere Richtung!" Melchior ahnte, dass sich da etwas zusammenbraute und würde das bei der kommenden Dienstbesprechung zur Sprache bringen.
Er liess den Jungen wieder gehen, ermahnte ihn aber die nächsten Tage lieber im Haus zu bleiben und auf seine Eltern und die beiden Geschwister aufzupassen und Weihnachten zu feiern. Balthazar nickte und stapfte eilig durch den inzwischen liegen gebliebenen Schnee davon. Melchior schüttelte sich vor der Kälte und rieb sich noch im Wagen die Hände. Zu Sawatzky sagte er noch: " Ich glaube, wir brauchen hier bald Verstärkung! Der junge Dias erzählte mir etwas, was ganz zu Heinz`s Story passt. " Sie sahen sich für eine kleine Ewigkeit an und brausten dann davon.
Die Dienstbesprechung vor der nächsten Schicht war noch frustrierender als die bisherigen Informationen aus dem "Ghetto" Betthel. Kein zusätzliches Schichtpersonal für Weihnachten war die Order und längere Bereitschaft war auch bereits angesagt worden. Trotzdem gelang es Melchior zwei weitere Kollegen für Zusatzstreifen im "Krisengebiet" zu gewinnen. Es lag eine merkwürdige Spannung in der Luft und von den fremden Typen bisher keine Spur mehr in Bethel. Auch verstärkte Nachfragen bei der Bevölkerung brachten keine weiteren Erkenntnisse.
So verlief die Schicht eher ruhiger als sonst und fast war es, als ob alle ihre Kräfte, für das was noch kommen sollte, sammelten.
Heilig Abend und die Schicht begann für Melchior und Sawatzky Punkt 18:00 Uhr. Irgendwie war es ihnen heute mulmig zumute. Vielleicht lag es auch daran, dass beide, zum dritten mal hintereinander, Heilig Abend wieder nicht bei ihren Familien verbringen konnten und die wachsenden Schuldgefühle an ihnen nagten. Vielleicht aber auch an dem seltsamen Zauber dieser Nacht, der das Land mit Sehnsucht nach Harmonie und Frieden überzog und trotz der oft verfälschten Weihnachtsstimmung mit Budenzauber und Edelshoping etwas an sich hatte, das sich tiefgreifend ins Herz bohrte, ohne erklärt werden zu können. Diese Nacht war eben etwas besonderes und das sollten die nächsten Stunden noch offenbaren.
Casparek hatte alle Hände voll zu tun. Da er ledig war und seine Eltern am anderen Ende der Republik wohnten, gab er sich damit zufrieden, für die ärmsten unter den armen da zu sein, um so etwas ähnliches wie einen Weihnachtsabend für die christlich orientierten der Gemeinde Bethels zu organisieren. Vor allem für die Kinder mühte er sich ab; ein bisschen Wärme hatten in diesen Zeiten alle nötig und eifrig schmückte er mit den Latinos des benachbarten Hauses den kärglichen Weihnachtsbaum. Schliesslich sollte er unter der geschmückten Last, sein kümmerliches Aussehen verbergen und Kinderaugen zum Leuchten bringen. Inzwischen fanden sich doch einige Dutzend interessierter Menschen in dem kleinen Gemeindeflachbau wieder. Manche brachten Backwerk, Kaffe oder Glühwein mit oder wühlten etwas Baumschmuck aus ihrer Heimat hervor, um dem Baum ihre Ehre zu erweisen.
Casparek wollte gleich noch zu den albanischen Neuankömmlingen, um sie für die Weihnachtsfeier abzuholen. Balthazar, der bisher eifrig damit beschäftigt war, eine polnische Neueroberung an den Zöpfen zu ziehen, bemerkte Caspareks Aufbruch und fragte ihn drängelnd: " Senior Casparek! Darf ich mit Ihnen kommen und helfen...?" "Na klar!", antwortete er und nahm den Jungen an seine Hand. Balthazar zog seine Hand aber langsam wieder zurück, als sie an dem polnischen Mädchen vorbeigingen und sehnsüchtig sah er sich noch einmal nach ihr um, als sie den Raum verliessen.
Vom angrenzenden Hügel der Trabantenstadt hatte man einen recht guten Überblick über Bethel. Dort angekommen, bezogen Melchior und Sawatzky ihren Posten und machten eine Raucherpause. Der Schnee fiel nun stärker auf die Stadt und die beiden Beamten sahen eher aus wie Schneemänner, als sie auf dem Hügel stehend, den Rauch in die Luft pusteten und die Gegend mit ihren Blicken abtasteten.Plötzlich sagte Sawatzky:" Hey, Melchior...! Siehst Du das da drüben..., rechts auf dem Dach?" Melchior kniff die Augen zusammen und versuchte auszumachen was sein Kollege meinte. "Sieht aus wie ein funkelnder Stern.", Sawatzky weiter. " Dafür schlagen da zu viel Flammen raus...", fiel Melchior seinem Kollegen fast ins Wort. "Ne Du, das ist kein Stern...!" und nach einer kurzen Pause wieder: "Da ist Feuer auf dem Dach und das was da brennend vom Dach fällt, sind Fackeln. Die greifen den Bau mit den neuen Albanern an. Los ruf Verstärkung und die Feuerwehr, Sawatzky!" und eilig preschten sie mit dem Wagen an den Unruheherd davon.
Als Casparek und der junge Balthazar an dem Gebäude der Neuankömmlinge ankamen, flog ihnen auch schon die erste Fackel vom Dach des Nachbargebäudes vor die Füsse. Casparek zog Balthazar in eine uneinsehbare Nische am Gebäude, um nicht getroffen zu werden.
"Du bleibst hier stehen und rührst Dich nicht, Balthazar. Ich versuche reinzukommen. Vielleicht kann ich da drinnen die Polizei erreichen. Mein Handy ist nämlich kaputt und ich muss das Haustelefon erreichen.", bedeutete er dem Jungen eindringlich und tastete sich dann an der Wand, den Eingang immer fest im Blick, entlang. Inzwischen erreichten die brennenden Wurfgeschosse auch schon die eine oder andere Fensterscheibe und schliesslich ging eine davon, durch die Wucht der Fackel zu Bruch. Sie fiel mitten in die Stube des Albaners Berisha und seiner schwangeren Frau. Die Fackel entzündete gleich das Tischtuch und mit rasender Geschwindigkeit entflammte das Feuer den Kunstfaserteppich griff auf die mit einem Gobelin behangene Wand über. Die Flammen frassen sich durch die dargestellte Frühlingslandschaft Albaniens und in kürzester Zeit schlugen die Flammen von der Decke herab und züngelten gierig nach dem am Boden kauernden Paar. Laut grölend und mit "Scheisshausparolengetöse" tobte der Mob auf dem Nachbardach und ihr teuflisches Gelächter versetzte die ganze Nachbarschaft in Angst und Schrecken. Viele flohen aus den Eingängen. Manche hielten schützend ihre Hände über die letzte Habe aus der Heimat; in kürzester Zeit glich die Szenerie einem Bürgerkriegsepos. Schüsse gellten vom Dach und Balthazar, von Panik getrieben, verliess seine geschützte Deckung, um seinem Freund Casparek nachzukommen. Mit kreischenden Bremsen kamen Melchior und Sawatzky vor dem, in dichten Rauch eingehülten Gebäude zum Stehen. Die Türen gingen auf und die Beamten suchten mit gezückter Waffe an der Fassade des Gebäudes der Unruhestifter ihre Deckung. Sawatzky verschwand als erster im Eingang und Melchior sah, wie Casparek aufgeregt versuchte, die Menschen aus dem gegenüberliegenden Gebäude zu schaffen. Die oberen zwei Drittel des Gebäudes waren durch die Feuersbrunst bereits tief geschwärzt und immer mehr Qualm machte das Atmen sogar schon auf der Strasse schwierig. Dann trafen weitere Streifenwagen ein und begannen, das auf dem Dach besetzte Haus, zu umstellen. Immer wieder fielen Fackeln vom Dach und Melchior sah entsetzt wie eine Fackel den jungen Balthazar auf dem Weg ins brennende Gebäude zu Fall gebracht hatte. Eilig hastete Melchior auf die andere Strassenseite und warf sich auf den Jungen, dessen Jacke sich bereits am Rücken entzündet hatte. " Bist Du okay..!" fragte er in panischer Lautstärke den Jungen. Balthazar nickte verstört."Los dann weg hier...!", herrschte er den Jungen an. Doch Balthazar riss sich los und rannte in das brennende Gebäude, um seinem Freund Casparek zu helfen. "Verfluchter Bengel...!", wütete Melchior hinterher und ohne lange zu überlegen, eilte er dem Jungen nach. Josephus und Mara Barisha lagen bewusstlos am Boden, als Casparek mit Wucht die Stubentür eintrat. Plötzlich stand der junge Balthazar hinter ihm und Casparek sagte stark erregt:" Ich hab`Dir doch gesagt...; na ja egal, hilf mir mit anpacken!" und jeder griff den Opfern rücklings unter die Arme, um sie aus der stark verqualmten Wohnung zu schleppen. Mara hielt krampfhaft ein Holzkästchen in Ihrer Umklammerung. Schliesslich fiel es ihr dann aus den Händen und etwas Goldschmuck und eine Fotografie entleerte die furnierte Schatulle. Schliesslich kamen beide wieder auf die Beine und während Casparek das Paar das Treppenhaus hinunter zerrte, schrie Mara weinend auf:" Die Schachtel, die Schachtel...!" Balthazar sah sich nach oben um und entschlossen nahm er die Stufen in Dreierschritten wieder hinauf zum Höllenfeuer. Casparek rief ihm noch voll Sorge nach, als Melchior neben ihm auftauchte und sehen konnte wie der Junge im Rauch verschwand. "Ich hol ihn, Casparek und Sie bringen die Leute hier raus!", befahl Melchior und sürzte dem Jungen hinterher. Schliesslich im Korridor angekommen, sah Melchior wie die Flammen aus Barishas Wohnung schlugen und er musste sich seine Jacke vor das Gesicht halten, um nicht einem Hustenanfall zu erliegen. Dann sah er, wie Balthazar über dem Kästchen liegend bewusstlos zusammengebrochen war. Zwei Goldanhänger und die Fotografie lugten ein wenig aus seinen Hosentaschen und Melchior hob den Jungen auf, um ihn, aus der inzwischen unerträglichen Hitze, heraus zu schaffen. Plötzlich ergoss sich ein dichter Wasserschwall über Melchiors Gesicht und erleichtert registrierte er wie die ersten Feuerwehrleute das Gebäude stürmten und von aussen begonnen hatten mit Wasser zu löschen. Russgeschwärzt und triefendnass trug er den jungen Balthazar auf seinen Armen aus dem Eingang des völlig verwüsteten Hauses. Es war als dehnte sich die Zeit und Melchior hörte in diesem langen Augenblick nicht den leisesten Laut aus dem wirren Getöse von Geschrei, Sirenen und Feuerraunen. Vorsichtig legte er den Jungen auf eine, von der Feuerwehr im Schnee ausgebreitete, Goldfolie. Dann kam Balthazar hustend wieder zu sich und sah Melchior mit seinen grossen, dunklen Kinderaugen an: "Senior Melchior, was ist...?"
Melchior presste zwei Finger auf den Mund des Jungen und hielt ihn an, sich zu schonen und nicht zu sprechen. Der Junge blickte hinter sich und bemerkte wie Caspar ihm kniend über den Kopf strich. Die beiden Männer sahen sich erleichtert an und währenddessen wurden mehrere kahlköpfige Jugendliche und zwei ältere "Rechte" von der Polizei abgeführt und unter lauthalsem Gepöbel in die Einsatzfahrzeuge verbracht. Dann kam Sawatzky mitten aus einer Traube von Polizeibeamten und Feuerwehr auf die drei zu und sagte bereits von weitem:
"Die Kerle hatten sogar Sprengstoff in dem Jeep bei sich. Wir kamen wirklich rechtzeitig.
Alles in Ordnung mit Euch?", fragte er besorgt. "Ja, alles in Ordnung.", entgegnete Melchior und alle drei lächelten sich an. "Wo ist die Frau und ihr Mann?, fragte Balthazar jetzt wieder klarer und sah dabei Caspar wissbegierig ins verrusste Gesicht. "Ganz in der Nähe.", sagte Caspar und fuhr fort: " Die Frau hat nach dem Schrecken sofort entbunden und wir haben die beiden, pardon, die drei, ganz in der Nähe, in einer der Flachdachgaragen untergebracht, bis der Krankenwagen kommt. "Ich hab etwas aus dem Feuer für die Frau geholt!", setzte Balthazar erneut an. "Sie will es sicher wieder haben", stand dann von seinem goldenen Lager auf und ging in die Richtung der Garagen. Caspar und Melchior sahen sich kurz an und folgten dem entschlossenen, tapferen kleinen Jungen. Sawatzky blieb im Schneetreiben zurück und spürte, dass er jetzt fehl am Platze wäre, würde er sich anschliessen. Als Caspar und Melchior an der Garage der Niedergekommenen ankamen, blickten Sie in einen, von einer kleinen aber unglaublich stark leuchtenden Kerze, erhellten Raum hinein. Nichts erinnerte an eine Garage, so seltsam still und feierlich war es darin. Sie sahen, wie Balthazar dem in den Armen Maras lächelndem Neugeborenen, die geretteten Goldkettchen in die kleinen Hände legte und Josephus die Fotografie aus dem Heimatdorf in Albanien in die geschundene Hand drückte. Caspar und Melchior betraten die sonderbare Stille und dann öffnete Caspar den Rucksack und holte ein paar Räucherkerzen hervor, die er für den Gemeinde-Weihnachtsabend besorgt hatte. Vorsichtig entzündete er eine davon an der Kerze und steckte sie in eine schmale kleine Vase die, am Boden vergessen, im Staub lag. Melchior grub in seinen Taschen und wenn auch von Löschwasser durchfeuchtet, hielt er ein kleines Säckchen mit "Winterzaubertee" in den Händen. Den mochte seine Frau so sehr und war als kleines Mitbringsel bestimmt. Nun konnte er bessere Dienste tun. Behutsam legte er den reich mit Sternenstrass bestickten Beutel neben die Räucherkerze. Der Wiederschein der Kerze erleuchtete die erschöpften Gesichter der kleinen Gemeinde und ein zufriedenes Lächeln lag auf dem feinen Gesicht des Neugeborenen.



Eingereicht am 10. April 2005.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

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