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Frohe Weihnachten, Mary!

© Elena Martynova


Die alte Holzuhr schlug Mitternacht. Der alte Mann blätterte die letzte Seite im Photoalbum um und machte es zu. "Ach, Mary, Mary, wieder kann ich nicht einschlafen!" Der Alte seufzte schwer und schaute durchs Fenster, wo große, weiße Schneeflocken langsam vom Himmel fielen. "Tja, noch eine schlaflose Nacht...", seufzte der alte Mann wieder und bekam keine Antwort. Es gab auch keinen im kleinen Zimmer, der ihm antworten konnte. Der alte Mann war alleine hier. In der Stadt. In der ganzen Welt.
Aber früher! O, das waren die Zeiten! Sie waren drei Brüder, alle drei hübsch und schlank, mit dunklen wilden Locken. Sie sahen ein bisschen wie Zigeuner oder Italiener aus, vielleicht deswegen mochten die Mädchen sie so gerne! Auch seine Frau verliebte sich ganz schnell in ihn und nannte ihn manchmal statt "Peter" - "Pedro", wobei sie das Ganze mit dem italienischen Akzent auszusprechen versuchte. Und beide lachten und waren glücklich. Dann wurde geheiratet. Alle drei heirateten fast gleichzeitig und fast gleichzeitig kriegten alle den Nachwuchs. "Pedro" und Mary kriegten einen Sohn - Stolz und Hoffnung der Eltern. "Ach, stell dir vor, Pedro, irgendwann wird unser Christoph groß und schlau, geht studieren und macht irgendeine wichtige Entdeckung, wichtig für die ganze Menschheit! Und wir sind dann die stolzen Eltern, dann können wir zu allen sagen: 'Das ist unser Sohn!' Ist das nicht schön?!" Ja, das wäre schön gewesen... Aber dann kam der Krieg. Als erster war der ältere Bruder ums Leben gekommen, dann ging es fast gleichzeitig und fast der Reihe nach, wie es immer in dieser Familie war. Der Tod von Christoph hat am härtesten Mary getroffen. Das war auch verständlich, sie war die Mutter. Die Krankheit von Mary hat am härtesten "Pedro" getroffen. Das war auch klar. Er war ihr Mann. Er war der einzige aus der ganzen Familie, der noch lebte. Er und Mary. Mary und Er. Und dann blieb nur Er.
Der alte Mann holte aus verwaschener Hose ein Taschentuch und wischte sich die Augen. Es waren keine Tränen. Keine Tränen mehr. Er hat schon alles ausgeweint. Dann legte er die karierte Decke, in die er seine Beine wickelte, weg, erhob sich aus dem Sessel und ging ans Fenster.
Draußen war es still und leer. Nur Schneeflocken fielen und fielen vom Himmel. "Morgen ist Weihnachten, Mary!"
"Morgen ist Weihnachten, wir müssen fertig mit dem Umzug sein!"
"Ja, Schatz, das schaffen wir schon. Neue Möbel sind schon da, alte lassen wir teilweise hier, Teppiche auch."
"Ja, kein Wunder, dass wir sie hier lassen müssen, hätte bloß dieser verdammter Hund sie mir nicht so dreckig gemacht!"
Die Frau, die grade ein Tuch in der Hand hatte, haute damit auf den Hund, der neben dem Umzugskarton lag. "Hau ab, kann dich nicht mehr sehen!"
Der Hund zog den Schwanz ein, sank den Kopf und schlich leise aus dem Zimmer.
Das war ein alter Hund. Er war schon fast sechzehn Jahre alt. Sein Alter war leicht festzustellen - nicht nur wegen immer tränenden eitrigen Augen, dem grauen Fell, das hier und da schon ausfallen begann, nicht wegen fehlenden Zähnen, die das Kauen fast unmöglich gemacht haben und weswegen ab und zu ein Stück auf dem teueren Teppich landete, nein, das war viel einfacher - den Hund kriegte John, der Sohn der Familie, zu seiner Geburt. Der Hund war damals auch ein Welpe. Jetzt ist John fast sechzehn. Er ist ein attraktiver junger Mann. Er geht aufs College. Sein Lieblingssport ist Polo, der mit den Pferden und dm Ball. Teuer, natürlich. Aber die Eltern können sich es leisten. Genauso wie ein neues Haus auf The New Avenue. Eigentlich brauchen sie keins, aber der Mann hat vor kurzem den Doktortitel gekriegt, und das neue Haus gehört zu neuem Erscheinungsbild der Familie. Nur wer erfolgreich und gut in Geschäft ist, kann und muss ein Haus auf The New Avenue- ein Viertel, extra für Reiche gebaut, besitzen. "Na ja, das ist einfach so, Schätzchen," erzählte die Frau vom Doktor ihrer Cousine zweites Grades "jetzt, in unserer Lage, nachdem mein Mann den Doktortitel gekriegt hat, können wir in diesem Haus nicht mehr bleiben. Außerdem, in den Kreisen, wo wir jetzt verkehren, ist es total in, ein Haus auf The New Avenue zu haben!"
Ja, das war der Grund, warum das Haus jetzt voll von den Umzugskartons war, die die Arbeiter in blauen Overalls in den Umzugswagen trugen.
"Mam, ich gehe heute nach dem Polospiel mit Kathrin aus!"
"Oh, das ist ein schönes Mädchen! Wer ist ihr Vater noch mal?"
"Botschafter, er ist ein Botschafter... Eeeh.."
"Was ist? "
"Jeck hat wider auf meine Schuhe gesabbert, iiii, eklig!"
"Ach, dieser dämliche Hund! Der kriegt gleich von mir!"
"Bis dann, Mam!"
"Ja, viel Spaß, Schatz! Jeck, wo bist du? Komm raus! Ich habe ein Leckerchen für dich!"
Der Hund kam langsam an die Frau. Er konnte nicht mehr schnell laufen- Rheuma schont auch Hundeknochen nicht, aber mit dem Schwanz wedeln, das konnte er noch. Obwohl auch nur langsam- hin und her, hin und her.
Genauso langsam nahm die Frau einen Schuh in die Hand und warf es in den Hund. Der Schuh traf seinen Rücken. Das Tier jaulte kurz auf und lief weg. "Du, verdammtes Vieh!"
"Ich hoffe, du hast es nicht zu mir gesagt, Liebling?"
"Nein, natürlich, nicht. Das ist dieser blöde Hund. Er macht mich total verrückt. Er macht nur Dreck .Er hat mein Lieblingssofa ruiniert und fast alle Teppiche sind voll Flecken! Ich halte das nicht mehr aus!"
"Ja, Schatz, ich verstehe dich, aber er ist doch alt!"
"Na und? Das heißt doch nicht, dass wir uns weiter mit ihm quälen müssen. Weißt du was, wir lassen ihn einschläfern!"
"Ja, das können wir machen. Aber erst nach dem Weihnachten, alle Kliniken haben jetzt zu."
"O, nein, das glaube ich einfach nicht! Warum haben wir das früher nicht gemacht? Heißt das etwa, wir müssen ihn in unser neues Haus mitnehmen? Aber da liegen schon überall neue Teppiche, meine wertvolle Teppiche, und die Vasen aus Porzellan, die kann er kaputt machen! Nein, nein und noch mal nein! Ins neue Haus kommt er nicht!"
"Ja, da hast du Recht! Weiß du, was wir machen? Wir lassen ihn einfach auf der Straße sitzen!"
"Wie meinst du das?"
"Ganz einfach. Letzte Kartons werden noch heute im neuen Haus sein, morgen sind wir mit dem Umzug fertig, wir setzen uns ins Auto und fahren davon, ohne Jeck!"
"Denkst du nicht, dass er hinterm Auto laufen wird?"
" Nein, das schafft er nicht mehr!"
"Ja, so machen wir das! Deine Idee gefällt mir gut, Schatz!"
"Weihnachten, heute ist Weihnachten!" sang auf verschiedene Motive ein Junge, der zusammen mit seinen Eltern eilig über die Straße ging. Die Menschen eilten sich. Aber nicht, weil sie zu spät waren, nein, es war einfach zu kalt draußen. Sie wollten schnell in die Wärme, in ein gemütliches Zimmer, wo ein geschmückter Tannenbaum steht und es nach gebratener Gans riecht. Plötzlich blieb der Junge stehen. "Mama, guck mal, da ist ein Hund!"
"Wo?"
"Da, am Baum!"
"Ach, ja, jetzt sehe ich, dass es ein Hund ist, der ist ja voll mit dem Schnee bedeckt!"
"Ist er tot?"
"Ich glaube schon. Wer hält es bei solchen Temperaturen draußen aus?" antwortete der Vater des Jungen. "Jetzt kommt schon! Ich bin so durchgefroren…warmer Punsch ist das, was ich jetzt brauche!"
"Tot? Bin ich wirklich tot? Aber warum spüre ich immer noch diese eisige Kälte? Oder ist es im Himmel auch kalt?" Der Hund machte langsam die Augen auf. "Nein, ich lebe noch … Schade. Sonst wäre schon alles vorbei - vor allem der Schmerz" Der Hund versuchte aufzustehen, aber die alten Knochen konnten sein Gewicht nicht mehr halten. Das Tier versuchte es immer wieder, aber der Schmerz war unerträglich. Er jaulte nur ab und zu und blieb liegen.
Aber was sind die körperlichen Schmerzen, wenn die Seele wehtut?!
"Wie konnten sie es mit mir machen? John! Was ist mit John? Er kommt doch und holt mich! So was kann er mir nicht antun! Wir waren immer Freunde! John und Jeck! Jeck und John! Ich habe ihm bei seinen ersten Schritten zugeschaut, bei seiner ersten Fahrradtour war ich dabei und als er zur Schule ging, durfte ich ab und zu seine Tasche tragen und bekam dafür ein Stück von seinem Pausenbrot.... Brot...würde ich jetzt auch gerne essen, ein Stückchen, ein ganz kleines Stückchen, bitte, ich habe so ein Hunger, nur ein ganz kleines Stück… John, warum holst du mich nicht? Wir waren noch am See. Wir mochten es gerne, zusammen zu baden- John warf mir ein Stock ins Wasser und ich holte es ihm. Er hat sich immer so gefreut, wenn ich das machte! John, wo bist du, wir sind doch Freunde! Freunde ... Freunde …"
Langsam fielen dem Hund die Augen zu. Vom Himmel fielen die Schneeflocken - auf die Häuser, auf die Straße, auf den Hund. Bald konnte man ihn fast nicht mehr sehen.
"Heute ist Weihnachten, Mary!" Der alte Mann setzte sich an den Tisch, auf dem ein altes Photoalbum lag und ein Teller mit Brot und Käse stand, und schaute durchs Fenster. Es schneite. Es ist wärmer geworden. Bei der Kälte gibt's so große und schöne Schneeflocken nicht!
Genauso gab's nichts Neues draußen. Das war die vertraute Umgebung für den alten Mann, wo er alles kannte. Um die Ecke ist die Apotheke, Stück weiter ist ein Park und im Haus gegenüber wohnte irgendwann sein Bruder.
Jetzt steht es leer. Da zieht keiner mehr ein. Das Haus ist zu alt, das ganze Viertel hier ist alt und wird bald ganz verschwinden. Von allen Seiten kommen schon neue Häuser, bald werden sie auch hier sein- hoch, bequem und modern. Aber da wird er nicht mehr da sein. Da wird er viel glücklicher sein. Er wird zusammen mit Mary sein!
Plötzlich hörte es auf zu schneien. So, als ob jemand den Schneeflockenhahn zugedreht hat. Der alte Mann schaute auf andere Seite der Straße und bemerkte unter einem Baum einen komischen Hügel. "Was ist das denn? Heute Morgen war es noch nicht da." Der Alte zog seinen Mantel mit einem großen Loch an der Tasche an, nahm seinen Gehstock und ging raus.
Er bückte sich vor dem Hügel, und plötzlich stöhnte der Hügel! Der Mann schaute genauer hin… "Das ist ja ein Hund! Was machst du hier, Armer? Ist ein Wunder, dass du überhaupt noch lebst!"
Eine Weile später lag der Hund schon im kleinen Zimmer des alten Mannes .Er war in die karierte Decke eingewickelt, es war ihm immer noch kalt.
Aber Hunger hatte er nicht mehr! Brot und Käse waren zwar schwer zu kauen, aber dafür ganz lecker! "Ach, du, armes Wesen, hast hier alles voll gesabbert. Hast wohl auch keine guten Zähne mehr! Komm her, ich wische das ab! Nächstes Mal werde ich dir Brot in der Milch einweichen!" Der Mann wischte die Schnauze des Hundes mit einem Tuch ab, machte noch ein paar Flecken auf dem Fußboden weg. "So, jetzt ist alles schon sauber!"
Der Alte stand auf, schaute durchs Fenster, wo jemand schon wider den Schneeflockenhahn aufgedreht hat, sagte leise: "Frohe Weihnachten, Mary!" und ging ins Bett.
Das war die erste Nacht seit Jahren, die der alte Mann durchgeschlafen hat.



Eingereicht am 15. März 2005.
Herzlichen Dank an den Autor.
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