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Ach du lieber Weihnachtsmann!

© Heike Wendler


Weihnachten in Familie: geschmückter Baum, leise rieselnder Schnee und Plätzchenduft, der durchs Haus zieht! Caro wollte nichts anderes, als dieses friedlichste Fest des Jahres in aller Ruhe genießen. Doch ihre Vorstellungen waren das Eine, die Realität sah anders aus.
Ach du lieber Weihnachtsmann!
Rückblickend war es ein Fest, wie kein zweites, und das - so hoffte Caro - würde auch so bleiben. Geplant war ein friedliches, total entspanntes Weihnachtsfest mit der Familie. Ihre Kinder, der siebenjährige Jannik und die fünfjährige Tess, spekulierten insgeheim damit, endlich das lang ersehnte und herbei gewünschte Haustier zu bekommen. Doch zumindest in diesem Punkt war sich Caro mit ihrem Mann Stefan absolut einig: Tiere sind nichts, was man zu einem Anlass verschenkt, schon gar nicht zu Weihnachten!
Die Kinder waren bereits Tage vorher ganz aus dem Häuschen, besonders Tess! Mit Fünf glaubt man noch an den Weihnachtsmann, zumindest zeitweise. Jannik hegte diesbezüglich bereits seine Zweifel.
"Ihr verulkt mich doch!", brummte er, als Caro ihn aufforderte sein Zimmer aufzuräumen, weil sonst der Weihnachtsmann nichts bringen würde. Sie hatte nämlich beschlossen, ihren Kindern den Glauben an Weihnachten wenigstens in diesem Jahr noch zu erhalten.
"Diese Illusion verlieren sie noch früh genug!", untermauerte sie ihre Meinung und Stefan gab ihr Recht. Es blieb ihm auch nichts anderes übrig.
Schon seit Anfang Dezember war Caro mit nichts anderem beschäftigt, als dem Ausschmücken des Gartens, des Hauses und dem Backen von Plätzchen. Vielen Plätzchen - für Kindergarten und Schule und natürlich für Stefans Kollegen. "Mach dir nicht so viel Stress!", grummelte der dann auch prompt.
"Du weißt doch, dass ich von diesem ganzen Brimborium ohnehin nicht so viel halte wie du! Und bitte, Caro, keinen Aufstand wegen dem Essen! Das ist unpassend, schließlich leiden genügend Menschen auf diesem Planeten Hunger! Auch zu Weihnachten! Und lass dich bloß von meiner Mutter nicht beschwatzen!"
Während Caro sich noch fragte, was genau die Hungersnot in Afrika mit ihrem Weihnachtsspeiseplan und ihrer Schwiegermutter zu tun hatte, war Stefan bereits aus der Küche getürmt.
"Deine Eltern sind Weihnachten doch immer bei deinem Bruder!", rief sie ihm noch hinterher, bezweifelte allerdings, dass er auch nur ein Wort davon mitbekommen hatte.
"Was hältst du von Gänsebraten?", fragte Caro ihren Mann, nachdem sie ihn das nächste Mal zu fassen bekam. "So aufwändig ist das gar nicht!", behauptete sie stocksteif.
"Wenn es denn sein muss!", brummte Stefan. "Aber warum machst du nicht was Einfaches und vor allem dir nicht so viel Arbeit! Die Kinder lieben ihre Nudeln mit Ketchup, das reicht vollkommen aus, um sie glücklich zu machen!"
Caro dachte, sie höre nicht richtig, bremste sich aber rechtzeitig.
"Lass mich mal machen!", sagte sie und schob ihn aus der Küche. Doch so schnell gab sich ihr Gemahl nicht geschlagen. "Schatz, und übertreib bitte nicht so mit der Dekoration, ja? Man kann ja jetzt schon kaum noch treten!" Dann verzog er sich ins Wohnzimmer und Caro blieb einigermaßen wütend zurück. Ihr Blick fiel auf die niedlichen Fensterbilder mit kleinen Schnee- und Weihnachtsmännern, die viele bunte Pakete schleppten, und unzähligen Tannenzapfen. Übertrieben? Ich brauche diesen Kitsch eben, gestand sie sich ein und beschloss, noch ein paar Weihnachtskugeln an den Büschen im Vorgarten zu drapieren.
Der Heilige Abend begann friedlich und heiter. Draußen strahlte die Sonne vom stahlblauen Himmel herab und nichts deutete darauf hin, dass Petrus vielleicht doch noch ein Einsehen haben würde und Schnee vom Himmel hinab schicken würde. Es war lediglich kalt, eiskalt. Caro warf dem strahlenden Blau einen bösen Blick zu, dann hörte sie es: Tumult im Vorgarten! Jannik und Tess tobten und das andere Geräusch, das unvermittelt an ihr Ohr drang, war eindeutig Hundegebell! Nichts fürchtete Caro mehr als Hunde und die Vorstellung von einem losgelassenen Vierbeiner in ihrem Garten trieb ihr Angstschweiß auf die Stirn. Wenn man von der Lautstärke des Gebells auf die Größe des Hundes schließen konnte, malte sie sich aus, dann war das ein sehr, sehr großer Hund. Während ihr Verstand noch damit beschäftigt war, das Gehörte zu verarbeiten und nach einer Lösung zu fahnden, sah sie den Übeltäter auch schon: ein weißes, überdimensioniertes Wollknäuel, deren Anfang oder Ende sie von ihrer Position nicht ausmachen konnte.
"Mama, schau mal, wir haben einen Hund!", rief Jannik aufgeregt, als er seine Mutter am Küchenfenster stehen sah. "Er ist ganz doll süß!", hörte sie nun auch Tess plappern. "Können wir ihn behalten?"
Caro blieb vor Entsetzen fast das Herz stehen. "Kommt überhaupt nicht in Frage! Wo ist eigentlich Papa?"
"Der guckt auf der Straße, ob er das Herrchen findet!", erklärte Jannik.
Eine halbe Stunde später erspähte Caro ihren Mann wieder im Garten. Die Idee mit der Weihnachtsdekoration der Büsche hatte sie vorerst aufgegeben, keine zehn Pferde brachten sie in den Garten, wenn dort ein Hund sein Unwesen trieb.
"Kommst du mal!", rief sie Stefan zu sich ins Haus, um dann loszupoltern: "Was soll das da draußen? Dieser Hund muss weg, und zwar sofort! Du weißt doch, dass ich mich seit meiner Kindheit vor Hunden fürchte! Wie konntest du zulassen, dass er sich in unserem Garten breit macht?" Ihre Stimme überschlug sich fast.
"Schatz, bitte, beruhige dich! Ich habe nichts zugelassen! Als ich vorhin raus ging, war er schon da und die Kinder hatten ihn auch schon entdeckt. Und draußen auf der Straße war weit und breit niemand zu sehen! Er muss ausgerissen sein oder jemand hat ihn ausgesetzt, eine andere Erklärung gibt es nicht!"
"Bring ihn weg!", forderte Caro hartnäckig. "Von mir aus ins Tierheim! Oder sonst wohin! Oder finde seine Familie, aber tue was! Und zwar sofort!" Caro war einem Schreikrampf nahe. Stefan legte ihr beruhigend seinen Arm um die Schulter und zog sie an sich.
"Bitte, Schatz, es ist doch Weihnachten, die Kinder sind glücklich, dass sie einen Spielgefährten haben und glaub mir, es gibt keinen ungefährlicheren Hund als diesen!" Doch Stefan hätte auch ebenso gut den Küchentisch beschwören können, Caro warf ihm lediglich einen giftigen Blick zu. "Bring ihn weg!", forderte sie nachdrücklich. "Eben weil Weihnachten ist! Ich will ein ruhiges, besinnliches Fest und keinen Hund im Haus!"
Schweren Herzens machte sich Stefan auf den Weg, im Schlepptau Jannik, Tess und einen traurigen Hund. Caro indes regte sich ab, in dem sie ihre Idee von der Gartenverschönung wieder aufgriff und jede Menge Kugeln und Lametta über Büsche und Sträucher verteilte.
Ungefähr eine Stunde später sah Caro ihre Familie wieder. Das Lächeln auf Janniks Gesicht wirkte verräterisch. Und richtig, keine Sekunde später sprang das weiße Etwas wieder durch den Garten direkt auf sie zu.
"Das darf doch nicht wahr sein!", brummte sie, ahnend, dass sie sich nicht rechtzeitig hinter die schützende Terrassentür flüchten konnte. Doch anstatt über sie herzufallen, lies sich das Geschöpf direkt vor ihr nieder und hechelte sie an.
"Siehst du, der ist ganz lieb!", bekräftige Tess ihre Ansicht. "Er ist so süß, Mama, und es ist doch Weihnachten!" Ihre kleinen blauen Augen füllten sich auch prompt mit Tränen und nicht mal Caro brachte es übers Herz, ihre Jüngste jetzt vor den Kopf zu stoßen.
"Das Tierheim ist überfüllt, wir sollen es nach den Feiertagen noch mal versuchen!", klärte Stefan seine Frau auf. "Komm, wir gehen erst mal rein, ändern können wir es jetzt auch nicht"
Gesagt, getan, doch kaum in der Küche angekommen, hörten sie es draußen scheppern.
"Ich sehe mal nach!", rief Stefan, bevor er nach draußen stürzte.
"Es waren nur die Blumenkästen!", erklärte er Caro, als er nach einer Weile zurückkam. "Und deine Keramikdeko drüben an der Hecke." Dabei vermied er es, sie anzusehen. Die ockerfarbenen Kugeln und Baumbehänge, mit denen Caro die Hecke zu Müllers hin verziert hatte, waren Handarbeit. Und zwar Caros. Blitzartig zuckte es ihr durch den Kopf, wie viel sie damals für den Töpferkurs bei einer stadtbekannten Keramikkünstlerin bezahlt hatte - ein kleines Vermögen. Ihre Begeisterung für Bobby kannte keine Grenzen. Und als sie durch die Terrassentür ihre treu-schwarzen Augen sah, fühlte sie zwar einigen Ärger in sich, aber keine Angst. Die wird gerade von meiner Wut überdeckt, erklärte sie sich das schnell selbst. Sie schloss die Augen und zählte bis zehn, bevor sie beschloss, sich nicht aufzuregen. Es hatte ja ohnehin keinen Sinn. Im Garten tobten Jannik und Tess inzwischen ausgelassen mit dem Hund.
"Lassen wir sie doch die Zeit genießen", flüsterte ihr Stefan zärtlich von hinten ins Ohr. "Sie wissen doch, dass es eine einmalige Gelegenheit ist!"
"Die würden ihn doch am liebsten gleich adoptieren!", flüsterte Caro zurück.
"Schon, aber wir sind die Eltern!", beruhigte sie Stefan augenzwinkernd. "Und sie wissen, dass es niemals ein Tier zum Fest geschenkt gibt, weder zu Weihnachten, noch zu Ostern oder gar zum Geburtstag!"
"Hoffentlich bleibt es dabei auch!", murmelte Caro gottergeben.
Die zertrümmerte Keramik war erst der Anfang. Es folgte im Laufe des Nachmittages eine heruntergerissene Gardine, zwei versteckte Schuhe und als Krönung sozusagen zog Bobby am Kaffeetisch so lange an der Tischdecke herum, bis die Kaffeekanne ins Kippen kam und umfiel. Daraufhin sprangen Jannik und Tess vor Schreck so heftig vom Tisch auf, dass ihre Stühle nach hinten umkippten und die beiden Blumentische aus Glas zertrümmerten.
"Aber Bobby kann nichts dafür!", verteidigte Jannik seinen neuen Spielgefährten heldenhaft, als Caro wutentbrannt den Hund anfunkelte. Bobby indes kniff den Schwanz ein und setzte seinen treusten Hundeblick auf, bevor er seinen Kopf ganz langsam auf den Boden legte und Caro von unten her quasi anflehte.
"Der wollte doch bloß auch was vom Kuchen abhaben!", jammerte nun auch Tess los.
"Und überhaupt, wenn du nicht den Kindern verboten hättest, ihm was abzugeben, dann wäre das alles auch nicht passiert!", fing Steffen auch noch an. Da sah Caro Rot!
"Seid ihr denn alle verrückt geworden?", schrie sie. "Der Hund kriegt Hundefutter und sonst gar nicht! Und außerdem, ihr wolltet euch um ihn kümmern! Und erzogen ist er auch nicht!"
Stefan mühte sich redlich, Caro wieder von ihrer Palme runter zu holen, währenddessen die Kinder sich mit Bobby in den Garten verzogen.
"Und wer räumt das jetzt hier auf?", fluchte sie, als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte.
"Ich hole den Besen, ruh dich doch ein bisschen aus!", erklärte Stefan freimütig.
Aus dem Ausruhen indes wurde nichts. Die Bescherung in zwei Stunden rückte näher, die letzten Handgriffe am Baum standen an und die Geschenke für die Kinder wollten noch platziert werden. Caro hetzte von einer Ecke des Hauses in die nächste und schaffte es sogar noch, sich nach einer schnellen Dusche umzuziehen. Punkt sechs schwang sie ihr goldenes Glöckchen, das - wie jedes Jahr - den Beginn der weihnachtlichen Bescherung einläutete. Anders, als in den Vorjahren, warteten ihre Kinder jedoch nicht gespannt und aufgeregt vor der geschlossenen Esszimmertür.
"Wo seit ihr denn? Kommt endlich! Oder soll der Weihnachtsmann seine Geschenke wieder mitnehmen?", rief sie, als auch kurz nach sechs niemand eintrudelte.
"Wir kommen schon!", hörte sie Stefan rufen. "Ich habe Bobby in der Küche eingeschlossen, er ist ein bisschen wild!"
Nervös warf Caro einen Blick auf die Uhr, jeden Moment musste der Student auftauchen, im Weihnachgsmannkostüm selbstverständlich, und sie überlegte, ob sie ihm einen dezenten Hinweis auf den Hund geben sollte. Doch er kam nicht. Dafür erschienen endlich ihre Kinder.
"Ein bisschen mehr Begeisterung bitte!", grummelte sie, als sie sah, dass weder Jannik noch Tess ihre Alltags- gegen Sonntagssachen getauscht hatten.
"So gefallt ihr dem Weihnachtsmann bestimmt nicht!", unkte sie.
"Es gibt doch keinen Weihnachtsmann, Mami!", erklärte Jannik nun seiner Mutter. "Die Geschenke kauft ihr doch, hört auf, uns anzulügen!"
Caro verschlug es vor Entsetzen die Sprache.
"Also, Jannik, das mit dem Weihnachtsmann klären wir später, jetzt gehen wir erst mal rein!", reagierte Stefan geistesgegenwärtig. Zum Glück schien Tess ihren Bruder nicht gehört zu haben.
"Kommt jetzt der Weihnachtsmann?", fragte sie neugierig und endlich bekamen ihren Augen jenen unbeschreiblichen Schimmer, den Caro so sehr an Weihnachten liebte. Die Tür öffnete sich, der Baum strahlte und der Glanz einer fast vollendeten Weihnacht sprang endlich auch auf Caro, Stefan und Jannik über. Die Eisenbahn, die Jannik sich so sehr vom Weihnachtsmann gewünscht hatte, dreht fröhlich pfeifend ihre Runden und Tess brauchte keine zehn Sekunden, um die Babypuppe samt Wagen unter dem Baum zu entdecken.
"Fröhliche Weihnachten, mein Schatz!", flüsterte Steffen seiner Frau ins Ohr. "Du bist das Beste, was mir je passiert ist!" Dann wurden seine zärtlichen Worte je von einem unüberhörbaren Krachen unterbrochen.
"Was ist das?", schrie Caro entsetzt und ahnte Schlimmes.
"Bobby!" Mit einem Satz sprangen Caro und Stefan in die Küche, Jannik und Tess hinterher.
"Oh nein! Das ist die Gans für morgen!", rief Caro entsetzt. "Gehst du weg von unserem Braten!" Wütend versuchte sie Bobby daran zu hindern, sich die Gans schmecken zu lassen. Doch ohne Erfolg.
"So was Leckeres hat er bestimmt noch nie bekommen!", versuchte Jannik seine aufgebrachte Mutter zu beruhigen, während Stefan seine Frau aus der Küche zu schieben versuchte und ihr einen Schnaps in die Hand drückte. "Der wird dir gut tun!", beschwor er sie. Und Caro fügte sich in ihr Schicksal. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass der Student wohl auch nicht mehr kommen würde. Ihre Kinder waren indes mit Bobby beschäftigt, die meisten Weihnachtsgeschenke lagen noch unausgepackt unter dem Baum und sie ließ ihren Tränen freien Lauf. Dann verzog sie sich. Sie hatte genug von Heiligabend.
Die folgende Nacht war einfach nur unbeschreiblich. Zunächst wollten die Kinder partout nicht ins Bett, dann verlangte jeder, dass Bobby in seinem Zimmer schlafen sollte. Doch Bobby wollte nicht schlafen. Weder bei Jannik, noch bei Tess, schon gar nicht unten im Flur hinter der Tür. Er tollte wie aufgezogen durchs ganze Haus und bellte. Und das in einer Vorstadtsiedlung mitten im Grünen, wo man nicht nur nachts, sondern auch am Tag, vor lauter Ruhe jede Stecknadel fallen hört. Es dauerte dann auch nur ungefähr zwei Stunden, bis eine nicht mehr ganz freundliche Frau Müller von nebenan klingelte und fragte, ob sich der Geräuschpegel etwas dämmen ließe.
"Sie wissen ja, meine liebe Frau Reichelt, dass ich für ihre beiden Süßen jedes Verständnis der Welt aufbringe, aber mussten Sie sich unbedingt einen Hund anschaffen?"
Der Vorwurf in ihrer Stimme war nicht zu überhören und ihr Stirnrunzeln sprach ebenfalls Bände.
"Es tut mir leid, dass Bobby so laut ist, aber er ist uns zugelaufen und das Tierheim ist überfüllt!", flehte Caro um Verständnis.
Nach einem tiefen Seufzer und einem mitleidigen Blick in Caros verwüsteten Hausflur gab Frau Müller ihr Bemühen auf und wünschte noch eine ruhige Nacht.
Mit den ersten Sonnenstrahlen öffnete sich für Bobby die Terrassentür und Caro genoss einen Augenblick der Stille. Doch der währte nicht lange. Jannik und Tess kamen die Treppen herunter gesaust und stürmten, beide noch im Schlafanzug an mir vorbei in den Garten. Und Stefan hinterher.
"Ruf sie rein!", schrie sie ihm nach, doch niemand hörte auf sie.
Der erste Feiertag war traditionell Caros Eltern vorbehalten. Doch angesichts des unangekündigten Besuchs meldete ihre Mutter höchste Bedenken an.
"Weißt du, Kind, wir kommen vorbei, wenn der Hund wieder weg ist. Du weißt doch, dass ich mich selbst vor Frau Schneiders Aragon fürchte!" Frau Schneider war Mamas Nachbarin und der gefährliche Vierbeiner ein vierzehnjähriger Pudel, der kaum noch einen Zahn im Mund hatte und froh war, wenn er das Katzenklo benutzen durfte. Wenn es auf dieser Welt einen Hund gibt, den selbst Caro freiwillig gehütet hätte, so wäre ihre Wahl mit Sicherheit auf ihn gefallen. Selbst eine Stubenfliege ist gefährlicher.
Klasse, dachte Caro als sie den Hörer aufgelegt hatte, ein ganz phantastisches Weihnachtsfest!
Den ganzen Tag achtete Caro streng darauf, dass sich jederzeit jemand mit Bobby im Garten aufhielt, denn bereits während des improvisierten Mittagessens - schließlich hatte Bobby die vorbereitete Gans bereits als Abendmahl genossen - zu dem sie ihren vierbeinigen Gast nach draußen verbannt hatte, rief Frau Müller an und jammerte, dass Bobby in ihrem Garten herumjagte.
"Holen Sie ihn da bloß raus, aber schnell. Sonst kann ich für nichts garantieren!", giftete sie. Als sich Caro später ihre lädierten Beete besah, verzieh sie ihr diesen Ton sofort.
"Bobby ist das hier alles nicht gewöhnt, Schatz! Wir müssen Geduld mit ihm haben!", appellierte Steffen an Caros Tierliebe. "Er fühlt sich bestimmt einsam und fremd, da macht man so was eben!"
Caro setzte eine freundliche Miene auf und schwieg. Auch, als sie ihre demolierte Vorgartendekoration in Augenschein nahm.
"Vielleicht mag er ja keine Weihnachtskugeln!", spekulierte Jannik, als Caro ein paar zerkaute Exemplare im Müll verschwinden ließ.
Die nächste Nacht war auch nicht viel besser. Das gleiche Spiel wie die Nacht zuvor, nur, dass Frau Müller gar nicht erst den Versuch unternahm, Ruhe zu erzwingen und Caro irgendwann vollständig die Geduld verlor und sich auch vom treusten Hundeblick nicht mehr beeindrucken ließ.
"Du bleibst jetzt hier!", erklärte sie Bobby irgendwann gegen Mitternacht, als sie diesen auf den Dachboden brachte. Außer alten Schränken, die noch dazu an der Wand befestigt waren, gab es hier nicht viel, was er umrennen oder zerbeißen konnte. Er jaulte zwar, als sie die Tür hinter ihm schloss und rannte auch noch eine ganze Weile hin und her, aber irgendwann war der Geräuschpegel zumindest so weit gesunken, dass Caro tief und fest einschlief.
Auch der zweite Feiertag verlief ähnlich. Bobby stellte das Haus auf den Kopf, strapazierte Caros Nervenkostüm und vergnügte sich mit den Kindern. Während Caro damit beschäftigt war, ständig Scherben aufzuheben oder sich über den Geräuschpegel zu ärgern, versuchte sie sich krampfhaft einzureden, dass wenigstens ihre Kinder Spaß an der Sache hatten.
"So ein ungewöhnliches Weihnachtsfest hatten wir noch nie!", stellte auch Stefan zum Abend hin fest und sorgte damit für weitere graue Haare bei Caro. "Darauf kann ich gern verzichten! Ich hätte es lieber geruhsam und feierlich!"
"Langweilig!", neckte Stefan seine Frau, bevor er dem nassen Schwamm auswich, den sie ihm wutentbrannt entgegen schleuderte.
Abends gab sich Stefan dann doch noch alle Mühe, Caros Heileweltsgefühl wieder herzustellen. Er räumte freiwillig den Tisch ab, sogar die Kinder halfen ihm eifrig dabei, dann brachte ihr Wein und ließ ihr sogar ein heißes Bad ein. Caro beäugte die Situation misstrauisch, irgendwo war garantiert ein Haken, vermutete sie. Doch sie ließ sich zum Bad überreden, wo sie in eine mit Rosenblüten verzierte Wanne stieg und sich am Duft der vielen Rosenkerzen erfreute. Woher er nur die Rosen hat - grübelte sie. Von draußen drang kein einziges Geräusch zu ihr vor, endlich Ruhe! Doch so richtig wollte die Entspannung sich nicht einstellen. Was sie wohl mit dem Hund angestellt hatten, so ruhig war er doch sicher nicht freiwillig, überlegte sie. Dann ging die Tür auf und Stefan servierte seiner Frau eisgekühlten Champagner auf Erdbeeren.
"Das magst du doch so gerne!", erklärte er ihr liebevoll.
Genüsslich genehmigte sich Caro ein Gläschen, dann setzte sie sich auf. "Jetzt aber raus mit der Sprache! Was habt ihr angestellt?"
Stefans Versuch, einen empörten Gesichtsausdruck aufzusetzen, ignorierte sie.
"Ich weiß Bescheid! Oder ich kriege es noch raus! Also, was ist los?"
"Weißt du, Schatz, ich muss dir was beichten! Wir können Bobby nicht im Tierheim abgeben!"
"Und warum nicht?" fragte Caro argwöhnisch. "Dafür sind solche Heime schließlich da, oder etwa nicht?"
"Das schon", gab Stefan zu, "doch in dem Fall geht das nicht! Nach den Feiertagen ist es erst recht überfüllt und außerdem ist Bobby dort schon mehrfach ausgebüxt! Ich habe nachgefragt!", ließ er die Katze endlich aus dem Sack.
Ein leises Geräusch an der Tür ließ Caro aufhorchen. Durch den Türspalt waren Jannik und Tess deutlich zu erkennen und wenn ihre Augen sie nicht völlig täuschten, dann saß Bobby ebenfalls vor der Tür. Als sie sahen, dass sie von ihrer Mutter bemerkt worden waren, kamen sie rein. Nun schauten Caro vier blaue Kinderaugen und zwei schwarze Knopfaugen flehendlich an. Und wie zur Bestätigung legte Bobby ihre feuchte Schnauze direkt auf den Wannenrand und setzte ihren treusten Blick auf.
"Ich pass auch auf, dass sie keine Krach mehr macht!", versprach Tess und Jannik setzte hinzu: "Wenn doch der Weihnachtsmann sie zu uns geführt hat, Mama, dann dürfen wir sie nicht wegschicken! Man kann doch beim Weihnachtsmann nichts reklamieren!"
Hilflos blickte Caro ihren Mann an. Doch der war - wie so oft - keine Hilfe. "Schatz, überleg doch mal, wir können nichts zurückgeben, was der Weihnachtsmann bringt!" Und leise flüsterte er ihr zu: "Du wolltest doch unbedingt, dass sie daran glauben - nun tun sie es!"
Und das war dann der Moment wo Caro die Argumente ausgingen. Sie kapitulierte: "Von mir aus, Weihnachtsasyl für Bobby!"



Eingereicht am 24. März 2005.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

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