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Die Weihnachtsfeier

© Christa Schmid-Lotz


"Schwester Marlene, ich habe eine große Bitte an Sie. Könnten Sie den Dienst am Heiligen Abend übernehmen? Die anderen Schwestern sind alle familiär gebunden ..."
"Aber selbstverständlich, Doktor Marten. Das mache ich gerne!"
Marlene nahm sich vor, den Patientinnen ein unvergessliches Fest zu bereiten. Eigenhändig goss sie Kerzen aus Bienenwachs, bastelte Strohsterne und Ketten aus rotem Stanniol, vergoldete Nüsse und besorgte den großartigsten Baum, der ihr jemals untergekommen war. Auf jeden Nachttisch stellte sie eine Schale mit selbstgebackenen Plätzchen. Die Hauswirtschaft wies sie an, ein besonders festliches Menü zu kochen:
Avocadocremesuppe mit Krabben
Babarie-Entenbrust, Kartoffelgratin und Wirsingschaum
Sorbets von Mango und Ananas
Heiligabend, kurz vor achtzehn Uhr. Marlene hatte alles bis ins Detail vorbereitet. "So, meine Damen, jetzt geht's los!", sagte sie feierlich in die Runde und stellte sich vor den Weihnachtsbaum, der ihr schöner erschien als alle, die sie je gesehen hatte. Sie zückte ihr Feuerzeug und zündete eine Kerze nach der anderen an. Es begann honigsüß zu duften. Schließlich war der Raum in warmes Gold getaucht.
Marlene schaute dankbar in die leise knisternden Flammen.
"Melanie, dein Auftritt", wandte sie sich dann an ihre Nichte, die sie als Glanzpunkt dieses Abends engagiert hatte. Melanie stellte sich lächelnd vor den Baum und begann:
Wo die Zweige am dichtesten hangen
Und die Wege am tiefsten verschneit,
da ist um die Weihnachtszeit
im Walde das Christkind gegangen ...
"Wann gibt es denn endlich was zu e s s e n?" schrie eine Stimme aus der Ecke, in der die Frauen mit den Bandscheibenvorfällen lagen. "Wir haben H u n g e r!", tönte es von allen Seiten.
"Einen Moment", versuchte Marlene die Situation zu retten, "erst müssen noch die Geschenke verteilt werden".
Mit nun schon etwas schiefem Lächeln ging sie von Bett zu Bett und verteilte die Gaben. Es waren kleine Spieluhren, mit viel Liebe ausgesucht.
Die Dame aus der Bandscheibenecke grunzte: "Was soll ich denn mit diesem Staubfänger? Sorgen Sie lieber dafür, dass meine Bandscheiben wieder funktionieren! Das war jetzt schon die dritte Operation!"
Aus der anderen Ecke kam die Antwort:"Ach, halt's Maul, alte Jammerliese! Sei froh, dass du so was überhaupt erleben darfst! Was soll ich denn sagen? Mir haben sie einen faustgroßen Tumor aus dem Kopf geholt."
"Also, wenn ich so was hätte, täte ich den Mund nicht so wagenweit aufreißen!"
Die beiden Kontrahentinnen kochten aneinander hoch, während die anderen Frauen sich verlegen in ihre Decken verkrochen. Nervös kaute Marlene an ihrer Unterlippe. Dann kam ihr der rettende Gedanke: das Festessen!
Ein Knopfdruck an der Gegensprechanlage. Und schon marschierten sie herein: an der Spitze der dicke Koch mit einer Kaskade von brennenden Wunderkerzen, dahinter die Küchenfeen, Silberplatten mit Suppe, dampfenden Entenbrüsten, schäumendem Wirsing und goldgelb überkrustetem Gratin über dem Kopf balancierend.
"Schwester Marlene, ich m u s s mal!"
"Ich auch!"
"Ich h a b e schon, konnte es nicht mehr zurückhalten, huhuhuh."
Ohne eine Miene zu verziehen, trug Marlene die Bettpfanne hinaus. Schon in der Tür, glaubte sie ihren Ohren nicht zu trauen:
"Was haben d i e sich denn wieder ausgedacht? Gibt es hier denn kein anständiges Schnitzel?"
Als sie wieder hereinkam, stocherten alle lustlos in ihrem Essen; das Küchenpersonal war verschwunden. Melanie schaute leicht bedeppert vor sich hin. Marlene entfuhr ein abgrundtiefer Seufzer.
Die Frau mit der Bandscheibe kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und sagte drohend: "Haben Sie gerade "Blöde Kuh" zu mir gesagt?"
Marlene presste die Hände an die Ohren, schnappte sich ihre Nichte und flüchtete ins Nachtwachenzimmer ...
So enttäuscht hatte sie sich in ihrem ganzen Leben noch nicht gefühlt. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Melanie stemmte die kleinen Arme in die Hüften und sah ihr ins Gesicht. "Tante Marlene", sagte sie, "Du hast einen Fehler gemacht. du glaubst, dass alle anderen das schön finden müssen, was dir gefällt. Dass sie ebenso auf feine Küche stehen wie du. Aber da irrst du dich. Du hättest es vorher mit ihnen absprechen müssen!"
So hatte noch nie jemand mit Marlene geredet; ihr fiel es wie Schuppen von den Augen.
In den nächsten Tagen - sie hatte frei - dachte sie sehr viel über sich, ihren Beruf und ihre Zukunft nach. Wie sehr hatte sie sich abgerackert, wie oft war sie enttäuscht zurückgeblieben. Und warum? Weil sie viel zu hohe Erwartungen hatte!
Sie musste eine Weile etwas ganz anderes machen, hatte auch schon eine Idee.
Im neuen Jahr meldete sie sich zu einem Computerlehrgang an, nahm ihren gesamten Urlaub und hatte sich ein Jahr später als Börsenbrokerin eine goldene Nase verdient. Den Dienst im Krankenhaus quittierte sie und genoss das neue Leben in vollen Zügen.
Wenn jemand sie fragte: "Warum hast du die Kranken im Stich gelassen?", pflegte sie zu antworten: "Eine Mutter Theresa war ich lange genug - es war höchste Zeit, mal wieder aufzutanken!"
"Und wie verbringst du jetzt die Weihnachtstage?"
"Ich fliege nach Teneriffa und gehe unter Drachenbäumen spazieren. Oder ich fahre mit Freunden auf eine verschneite Berghütte, zünde Honigwachskerzen an und genieße festliche Menüs!"



Eingereicht am 14. März 2005.
Herzlichen Dank an den Autor.
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