Alle Jahre wieder. Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest. Dr. Ronald Henss Verlag. 2005. 18 Weihnachtsgeschichten aus Deutschland, Österreich und Namibia

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Der kleine Tannenbaum

© Ingrid Meyer


In der Tannenschonung neben dem Wald wuchsen schöne große Tannenbäume und warteten auf den Winter. Für jeden von ihnen war es der schönste Traum als Weihnachtsbaum festlich geschmückt in einem warmen Wohnzimmer zu stehen und von großen Kinderaugen bewundert zu werden. Die Bäume reckten sich nach der Sonne, auf dass sie gut wuchsen. Sie putzen sich und schüttelten ihre Zweige damit ihre Nadeln sauber und schön anzusehen waren. Nur ein kleines hässliches Bäumchen, das zwischen den anderen kaum zu sehen war, tat dies alles nicht. Es war sehr traurig, weil es so klein und hässlich war und die Großen sich über es nur lustig machten, wenn sie es überhaupt beachteten. "Au", schimpfte eine große Blautanne neben ihm, "pass doch auf, wo du deine krüppeligen Zweige hinsteckst, du hast mich schon wieder in die Seite gestochen!" "Tschuldigung!" murmelte die kleine Tanne beleidigt, " ich hab ja eh fast keinen Platz zwischen euch, da kann es schon mal passieren, dass ich einen mal stupse. Nimm dich nur nicht so wichtig!". Die Blautanne plusterte sich auf und wurde ganz dunkelgrün vor Zorn: "Das ist doch die Höhe, wie redest du eigentlich mit mir du kleiner Wicht, was glaubst du wer du bist!" " Eine Tanne wie du, nicht mehr und nicht weniger." Die Blautanne bebte vor Wut: "Wie kannst du dich mit mir vergleichen, du ... du ... du... Zwerg, du Krüppelkiefer, ---- du hässlicher Gnom, es wird Zeit, dass du abgehackt wirst." "Ja" meldete sich eine andere Tanne "du nimmst uns unnötig den Platz weg, Kleiner " "Stimmt" fielen auch die anderen Bäume mit ein "dich will eh keiner haben, du Winzling!" Die kleine Tanne stopfte sich zwei abgebrochene Zweige in die Ohren, damit sie die Boshaftigkeiten der anderen nicht mehr hören musste, aber es half nichts, sie riefen immer lauter. "hässlicher Winzling... Winzi, Winzi!!!" Die kleine Tanne schleuderte die abgebrochenen Zweige davon und rief: "Wartet´s nur ab, ihr eingebildeten Schönlinge, eines Tages werde ich es euch schon zeigen!" Die anderen Tannen lachten nur. "Du?" sagte Daggi, eine wunderschöne Douglastanne neben Winzi "dafür musst du auch etwas tun. Du kümmerst dich auch nicht um deine Nadeln, du schüttelst dich nicht, damit sie schön sauber sind." "Wenn ich mich schüttle verliere ich nur noch mehr Nadeln" brummte Winzi. "Du reckst dich auch nicht nach der Sonne wie wir" gab Daggi zurück. "Wie könnte ich das, als ich zu sprießen anfing wart ihr ja schon größer als ich!" Daggi schaute nachdenklich drein, "vielleicht hast du recht" sie betrachtete Winzi von allen Seiten "vielleicht hattest du noch gar keine Chance schön und groß zu werden." Daggi schaute traurig auf Winzi: "Es tut mir Leid, dass wir so hochmütig dir gegenüber sind, wir schauen zu viel auf unsere eigene Schönheit und kümmern uns zu wenig um andere." Von nun an hatte Winzi eine Freundin gefunden. Daggi rückte ihre Zweige an schönen Sonnentagen zur Seite, damit Winzi ein paar Sonnenstrahlen einfangen konnte. Manchmal strich sie vorsichtig über ihre Nadeln, damit diese nicht allzu verschmutzt waren. Die anderen Tannen rümpften nur die Nase und meinten zu Daggi es lohne sich ohnehin nicht, sich mit Winzi Mühe zu geben, aus ihr werde doch nie etwas, aber Daggi hörte nicht auf die Anderen.
Der Sommer ging zu Ende und die Tannen lachten über die Laubbäume die jetzt immer kahler wurden und auch noch das letzte Blatt verloren. Es wurde immer kälter und die Tannen immer aufgeregter. Sie putzten sich noch sorgfältiger als vorher, denn sie wussten, die Weihnachtszeit rückte immer näher. Winzi wurde es immer unbehaglicher, sie wurde immer stiller und hatte Angst vor dem Besuch des Försters. Sie befürchtete, dass alle anderen Tannen auf den Weihnachtsmarkt mitgenommen wurden und sie allein zurückblieb. Auch Daggi konnte sie nicht aufmuntern. Und dann war es eines Tages so weit: der Förster kam und betrachtete alle Tannen. Er machte Zettelchen mit verschiedenen Farben an den Stämmen fest, nur Winzi bekam keinen. Einige Tage später kamen die Arbeiter und hackten die Tannen ab. Sie nahmen auch Daggi mit und lobten ihren schönen gleichmäßigen Wuchs. Winzi war auf einer Seite inzwischen etwas dichter gewachsen, wo Daggi sie gepflegt hatte. Aber der Rest von ihr waren wild durcheinanderstehende Äste mit manchen angebrochenen Zweigchen. Der Förster kam und sah sich die abgehackten Tannen an." "Schön sind sie gewachsen, die bringen sicher gutes Geld" freute er sich. "Was machen wir mit der da:?" fragte ein Arbeiter und zeigte auf Winzi. Der Förster betrachtete Winzi von allen Seiten und untersuchte ihre Wurzeln, dann nickte er zufrieden und sagte zu dem Arbeiter: "Grab sie aus und steck sie in einen Topf." So geschah es und Winzi wurde mit neuer guter Erde in einen Topf gesetzt. Sie hatte Angst, denn sie wusste nicht was das zu bedeuten hatte. Am nächsten Tag jedoch wurde sie auf ein Auto verladen und ... zum Weihnachtsmarkt gebracht. Oh, wie glücklich war sie da. Sie wurde an schön geschmückten Buden vorbeigetragen, die mit kleinen Lämpchen beleuchtet waren. Es gab Buden mit handgeschnitzten Lichterbögen und Räuchermännchen, andere waren gefüllt mit glänzenden Christbaumkugeln, wieder andere dufteten nach den herrlichsten Leckereien, wie Lebkuchen, gebrannten Mandeln, Zimt und Anis. Die Budenbesitzer hauchten in ihre kalten Hände und traten von einem Fuß auf den anderen um sich zu wärmen. Viele Kinder standen mit offenem Mund und roten Backen vor den Spielwaren und ihre Augen leuchteten.
Winzi wurde an einen Verkäufer abgegeben und - neben die anderen Tannenbäume gestellt. Sie erkannte viele Tannen aus ihrem Wald und auch Daggi war da. Daggi raschelte erfreut mit ihren Zweigen als sie Winzi sah. Die anderen Tannen rümpften die Nase und fragten sich was die hässliche Tanne hier sollte, aber Winzi war das egal.
Die Tage vergingen und die Reihen bei den Tannen wurden lichter. Eines Tages kam eine Familie mit ihrer Tochter. Das Mädchen deutete aufgeregt auf Daggi und rief: "Mama, Papa, schaut euch mal diese schöne Tanne an. Ist sie nicht wunderbar? Die sollen wir kaufen, bitte, bitte!" Die Eltern des Mädchens betrachteten Daggi eingehend, schauten sich an und die Mutter sagte: "Du hast recht, Mirjam, sie ist wunderschön" und zum Vater gewandt: "Was meinst du, Gerd?" Der Vater neigte den Kopf und sagte: "Wenn sie nicht zu teuer ist, ich werde mal mit dem Verkäufer reden" Er wandte sich um und sprach den Verkäufer an. Sie verhandelten ein paar Minuten, dann kam Gerd lächelnd zurück und sagte: "Ist geritzt, Siggi, wir nehmen sie mit. "Toll", freute sich Mirjam, und so wurde Daggi in ein Netz eingepackt. Winzi schaute verzweifelt auf Daggi, doch sie beruhigte sie: "Glaube mir, auch du wirst noch deine Chance bekommen." Trotzdem waren beide ein bisschen traurig als sie getrennt wurden. Winzi ließ traurig ihre Zweige hängen. Da spürte sie wie jemand über ihre Nadeln strich. Ein kleines blondes Mädchen war zu ihr gekommen und streichelte gedankenverloren ihre Zweige. "Marlen!" rief der Vater des Mädchens, er hatte noch zwei andere Kinder an der Hand. " wo bist du denn jetzt wieder hin." Das Mädchen dreht sich um und piepste " hier, Papa" die beiden anderen Kinder liefen herbei. "Ist die klein", sagte das größere Mädchen, " und hässlich" meinte der Junge als sie Winzi betrachteten. Da drehte sich der Verkäufer um und sagte zu den dreien: "Da habt ihr die Richtige ausgesucht!" "Die:?" rief die Mutter gedehnt "was soll an der gut sein?" "Tja, manchmal muss man die Dinge genauer betrachten. Schauen Sie sich mal die kräftigen Wurzeln an und da" der Verkäufer zeigte auf Winzis verkrüppelte Seite "schauen Sie sich die jungen Triebe an. Im Wald hatte sie durch die großen Tannen keinen Platz und zu wenig Licht, aber wenn Sie die allein in den Garten pflanzen wir sie prächtiger als all die anderen Tannen hier. man muss ihr nur eine Chance geben." Die Mutter beäugte Winzi kritisch und rief ihrem Mann zu: "Jörg, komm doch mal her, was meinst du zu diesem Bäumchen?" Jörg schürzte die Lippen und legte den Kopf schief: "Wenn der erst mal geschmückt ist wird er sicher sehr hübsch sein. Was denkt ihr Kinder?" "Jaaaa" riefen diese zusammen und sprangen um Winzi herum "schmücken, schmücken, wir wollen diesen Baum schmücken." Sie packten Winzi vorsichtig ein und nahmen sie mit.
Am Tag vor Heilig Abend wurde Winzi ins Wohnzimmer gestellt, die Mutter kam mit jeder Menge Schachteln und die Kinder brachten ihre selbst bemalten Gipsanhänger mit. Gemeinsam schmückten sie Winzi, dass diese kaum noch alles tragen konnte, doch Winzi war so glücklich wie noch nie. Als sie fertig waren stand die ganze Familie vor Winzi und alle strahlten. "Toll" sagte Britta, das große Mädchen "ist sie nicht schön geworden?" "Ja" meinte Mark "der schönste Baum den wir je hatten!" Und Marlen strich wieder über Winzis Nadeln und lächelte.
Am nächsten Tag wurde Weihnachten gefeiert. Die Gäste kamen und staunten über den schönen Weihnachtsbaum. Weihnachtslieder erklangen und alle packten ihre Geschenke aus. Das war das schönste Erlebnis für Winzi. Sie stand noch zwei Wochen an ihrem Platz und die Kinder holten sich immer wieder Schokoanhänger von ihren Zweigen.
Im Januar wurde Winzi abgeschmückt und als der Frost vorüber war wurde sie in den Vorgarten gepflanzt. Dort war sie die Größte, größer als die Grashalme, Blumen und Pflanzen. Sie bekam viel Sonne ab und wuchs zu einer wunderschönen Tanne heran. Die Vögel schaukelten auf ihren Zweigen und die Katzen Maggie und Biggi legten sich gerne in ihren Schatten. Nun hatte Winzi ihre Chance bekommen und konnte endlich zeigen was in ihr steckte. Und von nun an wurde sie jedes Jahr zur Weihnachtszeit mit Lichtern behängt leuchtete wunderschön in der Dunkelheit.



Eingereicht am 03. August 2005.
Herzlichen Dank an den Autor.
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