Alle Jahre wieder. Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest. Dr. Ronald Henss Verlag. 2005. 18 Weihnachtsgeschichten aus Deutschland, Österreich und Namibia

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Ein Männer-Weihnachtsmärchen

© Ursula Schmid, Willi Müller (Schreibgruppe WordArt)


Es war bald Weihnachten. Schnee hatte die Bäume gepudert und die Kinder klaubten die weiße Pracht von den Autos zusammen um sich heiße Schneeballschlachten zu liefern. Die Menschen hatten allesamt fröhliche Gesichter. Nur einer war traurig, sehr traurig sogar - Herbertchen. so sehr er sich auch bemühte, er fand keine "Prinzessin", die seine Liebste werden wollte.
Dies hatte natürlich einen guten Grund. Der junge Mann war nicht nur äußerst schüchtern gegenüber Frauen, er war auch noch klein, arm und arbeitslos.
In seiner Verzweiflung beschloss Herbertchen sich vom Turm der Lorenzenkirche zu stürzen. Er kaufte sich eine Turmbesteigungskarte und schlurfte langsam die Treppen nach oben. Als er in der Glockenetage ankam, trat ihm eine Fee mit Kopftuch, Sonnenbrille und einem weißen Kleid entgegen.
"Herbertchen", sagte sie, "ich weiß, du willst dich vom Turm herabstürzen, weil du keine Prinzessin findest, die dich liebt. Ich bin hier zu dir gekommen, immerhin ist bald Weihnachten, um dir deinen Wunsch zu erfüllen. Allerdings unter einer Bedingung: du musst mir einen Mann und eine Frau benennen, die sich wahrhaftig lieben. Drei Versuche hast du."
"Nichts leichter als das, liebe gute Fee," antwortete Herbertchen freudig. Da kenne ich viele. Zum Beispiel den Wöhlmann, der Großtextilhändler in unserer Stadt und seine liebreizende Magmar, einst Schönheitskönigin von ganz Europa. Die lieben sich wahrhaftig."
"Nun mein Herbertchen, ich werde dies prüfen. Am Hl. Abend werde ich wieder bei dir sein, ich erscheine dir dann und wenn ich dir berichten kann, dass sich Wöhlmanns wirklich lieben, dann liegt bald eine Prinzessin neben dir im Bett. Gehe jetzt nach Hause und warte ab."
Geschwind eilte die Fee ins Haus des Fabrikanten und zauberte der einst so wunderschönen Magmar viele Falten ins Gesicht, 21,5 kg Übergewicht und einen Hängebauch. Als der Wöhlmann seine Frau so sah, erschrak er fürchterlich ob ihrer Hässlichkeit, und suchte sich eilends eine Geliebte. Kurz darauf erschien die Fee im Schlafzimmer von Herbertchen.
"Du hast dich geirrt, mein Lieber. Ich habe Magmnar die Schönheit genommen und schon wurde er ihr untreu. Das kann doch wohl nicht die wahre Liebe gewesen sein!"
"Da habe ich mich wohl geirrt," sprach Herbertchen kleinlaut. "In Dostenhof, da leben Hänschen und Gretel Rotauszki schon seit vielen Jahren glücklich und zufrieden. Komme was wolle, die lieben sich wahrhaftig."
"Das werde ich sofort überprüfen," antwortete die Fee mit dem Kopftuch und der Sonnenbrille. "Bald bin ich wieder bei dir!" Und wenn die Rotauszkis sich wirklich lieben, dann liegt bald ein Fräulein neben dir im Bett!"
Schon am nächsten Tag sorgte die Fee bei den Rotauszkis für eine Überraschung. Frau Gretel wurde praktisch über Nacht von der Putzfrau zur stellvertretenden Generaldirektorin der Firma Wöhlmann befördert. In ihrer neuen Stellung entpuppte sie sich als wahres Unternehmertalent und erhielt viel Lob von Herrn Wöhlmann. Eine Woche nach ihrer Beförderung sprach Frau Gretel zu ihrem Mann.
"Hänschen, ich bin jetzt schon eine Woche stellvertretende Generaldirektorin und du bist immer noch Hausmeister. Wenn die Untergebenen in meiner Firma erfahren, dass ich mit dir zusammen bin, muss ich mich fürchterlich schämen. Nimms nicht so tragisch - ich trenne mich von dir. Jeden Augenblick müssen die Möbelpacker kommen, ich nehme nur das Notwendigste mit. Denn in meinem neu angemieteten Luxus-Bungalow passen die alten Möbel natürlich nicht rein. Sei nicht böse, aber wir passen wirklich nicht mehr zusammen!"
Kurz darauf erschien die Fee bei Herbertchen. "Du hast dich geirrt mein Lieber. Ich habe Frau Gretel zur Generaldirektorin gemacht und schwupp-di-wupp, hat sie ihren Mann verlassen. Übrigens heißt sie jetzt bald Beyerlein. Dr. Beyerlein, sie promoviert am Standesamt. Der ist übrigens eine ehemaliger Schulfreund vom Herrn Wöhlmann.
"Da habe ich mich ja wirklich total geirrt," sagte Herbertchen unglücklich und sehr kleinlaut. "Doch ein früherer Arbeitskollege, Mussafa Mekmek und sein Frau Ümülü aus Turkmenistan, die lieben sich wirklich. Die beiden, die halten zusammen, stehen füreinander ein, egal was kommt."
"Ich überprüfe das", sagte die Fee kurz und verschwand.
Sie transformierte Ümülüs traditionelle Denkweisen zu einem modernen westlichen Weltbild. Sogleich begann Ümülü gegen ihre Beschränkungen zu rebellieren. "Mussafa, in welchem Jahrhundert leben wir denn eigentlich? Ich bin eine erwachsene Frau und kann doch selbst entscheiden, genauso wie du, was für mich gut ist. Ich werde ab sofort meine Freiheiten ausleben, genau wie du!"
Doch Mussafa reagierte darauf sehr ablehnend. Undenkbar für ihn seine Wäsche selbst zu bügeln. Er bedrohte seine Ümülü sogar, als diese ohne seine Erlaubnis mit Freundinnen ausgehen wollte. Als Mussafa am nächsten Tag zur Arbeit fuhr, packte Ümülü ihre Koffer und zog in ein Frauenhaus.
Die Fee erschien wieder im Schlafzimmer von Herbertchen. "Du hast dich wieder geirrt, mein Lieber. Ich habe Ümülü verwestlicht und schon hat sie ihren traditionellen Mann verlassen. Sie lebt jetzt im Frauenhaus und wird von feministischen Sozialpädagoginnen betreut. Sie hat ihren Mann nicht richtig geliebt, sondern sich nur ihren Traditionen gefügt.
"Ich bin jetzt am Ende," meinte Herbertchen. "Wenn die sich nicht einmal lieben, dann liebt sich niemand. Ich werde wohl zu Weihnachten doch keine Frau unter dem Christbaum vorfinden. ich glaube, es ist doch besser, wenn ich auf den Turm steige!"
"Ach liebes Herbertchen, du tust mir ja wirklich so Leid. Und weil bald Weihnachten ist, erfülle ich dir trotzdem einen Wunsch. Der schönen Heiderose habe ich mal das Leben gerettet. Sie schuldet mir noch etwas. Ich werde ihr auftragen, dir für die nächsten 3 Tage alle Wünsche zu erfüllen."
Kaum hatte die Fee ausgesprochen, stand die bezauberndste Frau vor Herbertchen, die er je gesehen hatte. Während der nächsten Tage erlebte er die schönste Zeit seines Lebens. Sein Herz füllte sich mit Liebe für die schöne Heiderose. Die Zeit verging viel zu schnell für ihn und exakt nach 3 Tagen verschwand Heiderose und die Fee mit Kopftuch und Brille stand wieder vor ihm. Herbertchen weinte bitterlich.
Zu seiner Überraschung sprach die Fee folgendes zu ihm: "Du musst dich innerhalb der nächsten 3 Minuten entscheiden. Ich habe viel Macht, weißt du, Heiderose soll bei dir bleiben."
Da brauchte Herbertchen nun wirklich nicht lange überlegen und er strahlte. Heiderose stand wieder vor ihm. Schluchzend und mit Schluckauf weinte sie: "Ich will nicht mit dir zusammen sein, du hässlicher, arbeitsloser und verklemmter Gnom. Ich liebe einen anderen, den schönen, berühmten Thomas Geldschrank, der passt viel besser zu mir, als du. Bitte lass mich gehen!"
Nun schluchzte Herbertchen. "Ich mag dich aber doch so sehr. Aber weil ich dich so sehr liebe, lasse ich dich gehen. Es ist ja Weihnachten, deshalb..." Seine Schultern bebten, als er sich umwandte.
In diesem Moment verwandelte sich Heiderose in die Kopftuch- und Brillenfee. "Du hast sie wirklich gehen lassen, Herbertchen? Obwohl du weißt, dass dieser Thomas Geldschrank ein aufgeblasener Lackaffe ist?"
Mit einem Schwung riss sich die Fee ihr Kopftuch und die Brille herunter, öffnete ihre zusammengeknoteten Haare und stülpte das Feenkleid über den Kopf. Herbertchen bekam ganz große Augen.
"Ich bins wirklich, die Heiderose!" Ich wollte dich nur testen, ob du wirklich lieben kannst. Du hast den Test bestanden, nun bin ich dein."
"Was für einen Test?", stotterte Herbertchen. "Ich erkläre es dir: Uns Feen ist manchmal ganz schön langweilig auf der Wolke. Da hilft auch nicht, wenn wir uns Philadelfia aufs Brot schmieren. Die Menschen brauchen uns nämlich nicht mehr. Deshalb haben wir uns im Feengarten neulich ein Wettspiel ausgedacht. Ich habe darauf gewettet, dass ich einen Menschen finde, der zu wahrer Liebe fähig ist und angekündigt, mit diesem die nächsten Jahrzehnte auf der Erde zu verweilen. Als du so schwermütig den Turm hochgestiegen bist, entschied ich mich für dich. Du hast bestanden, nun bin ich dein."
Herbertchen nahm trunken vor Freude und Liebe seine Heiderose in die Arme. Er wurde einer der glücklichsten Menschen auf der Erde. Dies war sein schönstes Weihnachtsfest. Heiderose war nicht so glücklich auf der Erde, denn die Menschen verhielten sich oft sehr seltsam.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann feiern sie Weihnachten noch heute miteinander.



Eingereicht am 05. März 2005.
Herzlichen Dank an den Autor.
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