Alle Jahre wieder. Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest. Dr. Ronald Henss Verlag. 2005. 18 Weihnachtsgeschichten aus Deutschland, Österreich und Namibia

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Wintermärchen

© Gaby Schumacher


Klirrendkalter Winter. In einer mit einer glitzernden Schneedecke bedeckten Gegend mitten auf dem Lande. Zwischen Feldern steht abgelegen ein kleines Bauernhaus. Die Natur ringsum schweigt. Stille liegt über allem.
Doch plötzlich vernimmt man helles Lachen. Zwei Kinder sind aus dem Haus gestürmt, stürzen sich begeistert in den Schnee. In einem kleinen Eimerchen tragen sie zwei schwarze Kohlen, eine Mohrrübe und ein schmales Stöckchen mit sich. Sie wollen einen Schneemann bauen. Mit Feuereifer begeben sie sich an die Arbeit. Sie rollen zuerst einen großen Ball, dann einen mittelgroßen, dann einen noch kleineren, klopfen und streichen sie mit rot gefrorenen Händen zu glatten Kugeln. Dann setzen sie die Kugeln aufeinander. Jetzt erkennt man den Schneemann. Als Augen schenken sie ihm die Kohlen, die Mohrrübe als Nase, das schmale Stöckchen darunter als Mund. Danach formen sie noch zwei Arme für den Eisgesellen. In die eine Armbeuge klemmen sie noch einen langen, etwas dickeren Stock. Wie ein Wanderstab schaut der aus.
Noch eine kurze Weile bewundern sie stolz ihr Werk, freuen sich daran, wie toll der Schneemann ihnen gelungen ist. Dann wenden sie sich zufrieden ab und rennen durch das köstliche weiße Nass davon.
Gerade genoss er noch den ihn anstrahlenden Blick der Kinderaugen. Doch nun schaut der Schneemann traurig hinter den Kleinen her. Denn er bleibt allein zurück. Mutterseelenallein auf dem weiten Feld. Nur ein wenig getröstet von der Wintersonne, die ihn leicht glitzern lässt. Die Einsamkeit betrübt ihn immer mehr. Er wird ganz melancholisch. Die Menschen leben in Familien oder auch als Paar zusammen, auch die meisten Tiere fühlen sich an diesem kalten Tage geborgen in der Gemeinschaft mit ihresgleichen.
"Und ich ... was ist mit mir?" Er seufzt.
Es ist Vorweihnachtszeit. Ob er sich etwas wünschen dürfte?? "Ach, wenn ich doch nicht so allein hier stehen müsste, was wäre das schön!" flüstert er vor sich hin.
Die Stunden vergehen. Dem Schneemann kommen sie vor, als wären es Tage. Langsam bricht die Dunkelheit herein. Es wird noch kälter. Was der Schneemann nicht ahnt: Seine wehmütigen Gedanken hat jemand gehört und Mitleid mit diesem einsamen Gesellen. Es wird Mitternacht. Plötzlich erleuchtet ein goldener Schein die in unheimlicher Schwärze liegende Landschaft. Unser Eisgeselle reißt in ungläubiger Fassungslosigkeit seine Augen auf. Vor ihm in diesem warmen Licht steht ein Himmelswesen, ein Engel. Und sagt zu ihm: "Sei nicht länger traurig. Dir wird dein Wunsch in Erfüllung gehen. Warte ab!" Was ist das(!)? ?
Im selben Moment spürt unser kalter Freund, wie er sich vom Untergrund löst. Ein Gefühl von Freiheit bemächtigt sich seiner. Aufgeregt staunend stellt er fest, dass er auf zwei ganz normalen Beinen steht. Beinen, mit denen er sich vom Fleck bewegen kann. Er probiert zögerlich erste Schritte, ist noch etwas unsicher. Schließlich gehört es nicht zu den üblichen Gepflogenheiten eines Schneemannes, selbstständig durch die Welt zu spazieren. Aber nach wenigen Minuten wird er mutiger, ist die Ängstlichkeit verflogen. Fest entschlossen, endlich dem Alleinsein zu entfliehen, begibt er sich voller Euphorie auf die Suche nach Gesellschaft. Munter stapft er durch die Nacht.
Lange braucht er nicht zu suchen. Erst an zwei lang gestreckten Feldern ist er vorbei marschiert. Da sieht er sie von weitem! Täuschen ihn seine Augen? Kaum wagt er es, ihnen zu trauen. Dort am hinteren Rande des nächsten Ackers hebt sich gegen den Nachthimmel der Umriss einer Gestalt ab. Je näher er kommt, umso mehr größer seine Freude. Dort steht doch wahrhaftig ein Schneemädchen. Nicht so groß wie er. Ein eher winziges, sehr schlankes Schneemädchen. Auch ihm haben die Kinder große Kulleraugen aus Kohlen eingesetzt, eine Mohrrübe als Nase und ein Stöckchen als Mund. In seinem Arm hält es ebenfalls einen kleinen Wanderstab. Und, was dem Schneemann dann auffällt: Dieses Schneemädchen guckt genauso traurig wie er noch einige Minuten zuvor.
Doch schon bemerkt es den Schneemann. Fängt vor Freude an zu lächeln. "Ich bin soo allein. Bitte, bleib bei mir!", flüstert es flehend mit Sehnsucht und Hoffen in der Stimme. Nichts in der Welt tut der Schneemann lieber als das. Sein Gesicht leuchtet. All sein Kummer ist verflogen. Ganz dicht stellt er sich neben sie, so dicht, dass ihre Arme sich berühren. Froh sehen sie sich an.
Jetzt sind sie nicht mehr einsam.
Jetzt sind sie glücklich.



Eingereicht am 04. Dezember 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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