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Taschenspieler

© Petra Schulz


Einmal im Jahr kam er in unseren Ort, ich erinnere mich genau.
Einmal im Jahr! Und Wochen vorher kriegte ich es schon immer mit der Angst zu tun. Der Taschenspieler, seine Tasche zwar prall gefüllt mit schönen Dingen, wovon ich auch meist eins geschenkt bekam. Aber das drum herum erschreckte mich immer wieder aufs Neue.
Kam er doch immer zur gleichen Zeit angefahren mit seiner Kutsche. Der Gnom hockte auf dem Bock, peitschte die Pferde und zu gleich rasselte er mit seiner riesigen Kette. Schon ein paar Straßen bevor er an unser Haus gelangte, hörte ich ihn.
Meist versuchte ich mich dann zu verstecken, doch meine Eltern fanden mich immer. Und immer und immer wieder führten sie mich dem Taschenspieler vor.
Sie schienen einen riesigen Spaß daran zu haben wie ich vor Angst nur noch stammeln konnte.
Ich war zwar vorbereitet, dass der Tag der Jahresabrechnung auf mich zukam, doch überlegte ich wieder fieberhaft nach einem passenden Versteck.
Dieses Mal sollten sie mich nicht finden. Dieses Mal würde ich ihm und seinem Dreckszwerg schon entkommen.
Ich saß in der Küche und sah mich um. Ich schaute auf unsere Spüle, ich schaute auf den Schrank unter der Spüle und bevor ich den Gedanken ausgedacht hatte, saß ich schon in diesem.
Eingepfercht zwischen "Ata, Pril und Klosteinen mit diversen Düften und diesem verdammten Abfluss. Die Luft in diesem kleinen Schrank wurde schnell dünn, aber hier würden sie mich nicht vermuten.
Ich hörte schritte in der Küche und das rufen meines Namens. Erst noch freundlich, dann bestimmter. Ich wagte kaum zu atmen. Die Schritte und das Rufen entfernten sich um dann wiederzukommen.
Ein leises Kribbeln machte sich in meiner Nase breit - der Scheiß Klostein mit Zitrusduft - machte mir zu schaffen. Ich versuchte krampfhaft ein Niesen zu unterbinden doch es ging nicht. Von einem großen Rotzschwall begleitet, schoss es aus mir heraus und die Schranktür auf.
"Da haben wir dich ja", riefen meine Eltern entzückt und ich klammerte mich am Abflussrohr fest.
"Nun komm schon raus da, du wirst erwartet, mach doch nicht immer so ein Spiel " lamentierten sie, während sie an mir zerrten.
Ich blieb tapfer, das Abflussrohr nicht, es gab einen Knall, das Rohr riss ab, ich fiel aus dem Schrank, meine Mutter auf den Hintern und mein Vater wurde grün im Gesicht.
Nicht wegen mir, nein der Moder der sich aus dem Abflussrohr ergoss schien ihm nicht zu gefallen.
Meine Mutter rappelte sich auf und lief nach Eimer und Lappen, während unten an der Tür der Gnom mit seiner Kette rasselte.
Ich hatte es wieder nicht geschafft.
Zitternd folgte ich meinem Vater, der das Abflussrohr notdürftig mit Handtüchern abgedichtet hatte, ins Wohnzimmer.
Da stand ich vor ihm, ihm dem großen Taschenspieler mit seinem verhassten Buch.
"Na, warst du denn auch brav"?, fragte er mich unverblümt.
Mir verschlug es die Sprache, wie immer.
Der Kettengnom rasselte, dieses Mal hatte er auch einen Reisigbesen mitgebracht.
"Wenn du nicht antwortest, kriegst Du nichts aus meinem Sack", sagte der Taschenspieler, "und der schwarze Zwerg wird dich verhauen."
Um dies zu untermauern, jaulte der Zwerg auf und schlug mir mit dem Reisigbusch ein paar Mal auf den Hintern. Da mein Vater mich quasi im Schwitzkasten hatte, war es mir nicht möglich zu entkommen. Und das verbale Martyrium prasselte auf mich herab.
Sieben mal Hausaufgaben vergessen, Zimmer zweihundertachtundsiebzig Mal nicht aufgeräumt, Fingernägel gekaut, am Essenstisch in der Nase gebohrt. Nichts ließ er aus, gar nichts.
Strafmildernd sollte ich ein Gedicht aufsagen.
Das kannste haben, du armer alter Mann. Der, der einen Zwerg braucht um auf seine verhackte Kutsche zu kommen.
"Zicke, zacke Hühnerkacke", hörte ich mich ausrufen um gleich wieder zu verstummen, als ich den Blick meiner Mutter sah.
Der Gnom setzte an mir die Restpackung zu geben.
Da sagte der Taschenspieler: "Nun gut mein Kind, immerhin hast du dieses Jahr ein wenig mit mir gesprochen."
Der Gnom hielt ihm seinen Überraschungssack in Augenhöhe und der Taschenspieler holte ein aufwendig eingepacktes Präsent für mich heraus.
Zögerlich, dennoch begeistert von meinem eigenen Mut, nahm ich es mit leuchtenden Augen entgegen.
"Denke daran, nächstes Jahr wenn ich wiederkomme, möchte ich keine Schandtaten vorlesen müssen", rief er noch als er polternd, seinen Giftzwerg im Schlepptau nach draußen ging.
Unser Lied, das wir aus voller Brust erklingen ließen, hörte er sicher noch ein paar Häuser weiter.

Nikolaus, komm in unser Haus,
pack die große Tasche aus
lustig, lustig, trallerallala
heut ist Nikolausabend da ...




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Eingereicht am 18. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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