Neuerscheinung
Heiligabend überall. Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest. Dr. Ronald Henss Verlag. 2004.
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Der kleine Christbaum

Eine Weihnachtsgeschichte von Waltraud Müller


Alle Märchen fangen - es war einmal . . . - an, aber heute erzähle ich meine Geschichte! Wieso ich erzählen kann? Im Märchen können wir doch alles, oder?
Nun aufgepasst, setzt Euch zurecht und lauscht - schlaft nicht ein, erst nachher, wenn Mami das Licht löscht, dann träumt von mir, dem Christkind und den vielen Geschenken, die Ihr heuer ganz sicher unter Eurem Christbaum finden werdet!
Ich wuchs in einem kleinen Wäldchen auf. War nicht besonders groß, doch wunderschön gewachsen. Eines Tages kamen Männer, gruben mich und viele meiner Brüder und Schwestern einfach aus, steckten uns in einen engen Topf und schmissen uns nicht gerade liebevoll auf einen großen Wagen. "Au!", rief ich, doch sie machten ungerührt weiter. Eng war es in dem kleinen Gefäß, meine Wurzeln, etwas gestutzt, zusammengepresst lagen sie mit wenig Erde darin. Doch ich glaubte und hoffte, dass ich eines Tages wieder in guter, weicher Walderde stehen, die Vöglein zwitschern hören und den Wind in den Zweigen spüren könnte.
Das Gerumpel war aus, wir wurden abgeladen, blieben alle beisammen, wir, die vom Wald. Wir kannten uns ja schon. Mit der Zeit wurde ich etwas durstig und müde.
Eine Stimme riss mich aus dem Schlaf. "Der ist lieb!" Ich war gemeint! Nun, ich bin auch der Schönste!
Meine neuen Besitzer waren gleich sehr lieb zu mir, ich wurde gestreichelt und bekam Wasser! Stellte mich anfangs stachelig, da ich ja eine Blaufichte bin und weiß, was ich mir schuldig bin!
Jetzt weiß ich, dass ich ein Christbaum bin - etwas ganz Besonderes.
Heute ist der 3-Königstag!
Ein letztes Mal werden meine kleinen, bunten Lichtlein eingeschaltet - ich habe elektrisches Licht, damit mir nichts passiert!
Mein Frauchen sprach mit mir und sagte, dass ich noch etwas auf die Sonne warten müsste, die schneebedeckte Erde noch zu hart sei, um eingegraben zu werden. Doch ich darf heute auf die Terrasse in die frische Luft!
Leider muss ich mich von meinen lieben Freunden verabschieden! Ich bin wunderschön geschmückt worden, wurde auch geknipst - mit Blitzlicht - hui - ganz grell! Musste schnell die Äuglein schließen!
Doch der liebe rote Weihnachtsmann, der auf einem meiner Zweiglein sitzt, sagte, ich soll mich nicht schrecken, das geht gleich vorbei - er war schon öfter auf einem Baum und weiß wie das ist. Ein Engerl war auch lieb zu mir, überhaupt habe ich sehr liebe Gäste auf mir und niemand tut mir weh. Wir unterhalten uns wunderbar. Ein Kripperl ist unter mir. Die Holzfiguren und das winzige Baby erzählten mir ihre Geschichte. Sie können zwar nicht weit zählen, aber seit cirka zwanzig Jahren dürfen sie zu Weihnachten unter einem Baum stehen. Danach werden sie wieder gut verpackt und kommen mitsamt dem anderen Holz-, Glas-, Stroh- und sonstigem Schmuck in eine große Schachtel. Zum nächsten Fest werden sie wieder herausgeholt.
Das ist alle Jahre wieder, wie sie mir erzählten.
Ein schöne Kripperl wurde einst von einem Kind der Familie in der Schule gebastelt. Schade, dass ich in keine Schule gehen kann!
Dieses Jahr war etwas anders, erzählte mir der kleine weiße Schneemann aus Holz. Er hat einen roten Zylinder auf und einen grünen Schal um. Die Familie ist umgezogen. Früher war es eine etwas andere Umgebung.
Ich freue mich schon auf die gute Erde. Ich werde weiterwachsen. Wenn ich größer bin, bekomme ich Lichtlein und darf vor dem Haus in strahlendem Glanz stehen. Ich passe dann auch auf das Haus und alles was dazu gehört, gut auf, das habe ich mir fest vorgenommen. Sicher sind auch andere Bäume draußen vor der Türe, oh' ich freue mich schon sehr darauf!
Schöne Kugeln hängen auf mir - "rustikal" - haben sie mir hochnäsig gesagt.
Nun ja, sie sind ja auch wunderschön!
Ein Engerl aus Wachs hat mir ihre Geschichte erzählt, die ich aber nicht ganz verstanden habe. Es wurde heiß gegossen, dann kalt gemacht - jetzt hängt es an mir, ist rot und gold.
Bunte, glänzende Kugeln, eine Sonne blau-gold, eine Figur gold-rot, ein Herz mit aufgemalter Melodie, Glockerl aus Silber, Wachssterne, ein kleiner Bauer, der mir immer zulächelt und ein Wichtelmännchen, das ab und zu von einem Zweiglein zum anderen hüpft und lustig dabei singt. Den Glaskugeln ist dies gar nicht recht, da sie Angst haben, dabei herunter zu fallen, sie sind ganz fein gearbeitet. Doch es ist alles gut gegangen!
Perlenketten aus Rosa schwingen um meine Ästlein. Die Musikglocke aus Gold spielt wunderschön "Stille Nacht, Heilige Nacht". Sie steht neben dem Kripperl und ist zum Aufziehen - das können die Menschen!
Ja, ich habe mich wohlgefühlt, doch jetzt , ja was passiert mit mir? Ich werde abgeräumt! Auf Wiedersehen meine lieben Freunde, auf geht's - in die große Freiheit!
Ihr werdet auch nächstes Jahr wieder auf einem Baum hängen, ich werde durch das Fenster schauen (wenn ich größer bin) und Euch zurufen: "Ein schönes Fest - Euch Lieben!"
Dieses Jahr waren schon zwei kleine Kinder da, um uns mit ihren großen, glänzenden Äuglein zu bestaunen. Es tut uns allen gut, bewundert zu werden!
Ah, die Sonne scheint durch die Scheiben - ich freue mich! Vielleicht sehen wir uns mal, wenn Ihr zu uns auf Besuch kommt - ich steh vor dem Haus und bewache es!
Ah, meine Wurzeln dehnen und strecken sich, ich bin nicht auf dem "BIO" gelandet oder dem Lastwagen mit Massenabholung! Oh' es geht mir gut! Wer winkt denn da? Hinter mir steht ein kahler Baum - und dann noch einer - ja, fein! Das wird sicher lustig und unterhaltsam, ich bin nicht alleine!
. . . . . . . . . .
Einige Zeit bin ich nun schon in der Erde. Gestern erzählte mir der große Baum - er bekommt blaue Früchte, die Erwachsenen nennen sie Zwetschken. Auf dem dahinter stehenden wachsen saftige Marillen. Ich weiß zwar nicht wie sie schmecken, hört sich aber gut an! Ich bin in bester Gesellschaft!
Ein kleiner Erdhügel ist vor meinen Wurzeln, was ist denn das? Er bewegt sich!
"Oh, ah, tut das gut! Locker, locker! Hallo, ich bin der Erdbewohner Maulwurf, wir sehen uns noch!"
Ein schwarzes "Etwas" krabbelt aus der Erde - und weg ist er! Wo ist er denn hin? Ah' da, beim Marillenbaum schaut er heraus und winkt mir zu.
Schön ist es hier, liebe Freunde! Ich berichte Euch nächstens weiter! Bis dann! Seid brav und träumt von mir!




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Eingereicht am 28. März 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.