Neuerscheinung
Heiligabend überall. Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest. Dr. Ronald Henss Verlag. 2004.
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Der gelbe Klecks

Von Matthias N. Schütz


Philipp hörte sehr deutlich ein Rascheln und Knistern in seinem Kinderzimmer. Er lag schon lange an diesem Abend in seinem Bett und konnte nicht einschlafen. Der Wind brauste vor seinem Fenster hin und her und heulte ab und zu, wenn er um das Haus herum fegte. Philipp deckte sich bis über beide Ohren zu und versteckte sich wie ein Räuber in seiner Höhle, weit hinten unter seiner Bettdecke. An diesem Abend wurde es draußen vor dem Fenster ganz besonders schauerlich. Es war der 23. Dezember. Die Wolken zogen wie kleine Schlitten unaufhaltsam am Himmel entlang und die ersten Schneeflocken sausten wild an seinem Fenster vorbei. Der Herbst hatte sich bereits vor vielen Wochen verabschiedet und die Natur verkleidete sich. Einzig und allein die Blätter wehrten sich noch gegen die weiße Pracht. Doch ihr buntes Kleid verlor mit jedem Tag von ihrer bunten Schönheit. An ihrem abwechslungsreichen und bunten Farbenspiel hatten sich die Menschen lange erfreut und keiner glaubte mehr an weiße Weihnachten. Die Schneeflocken fielen auf alle Wege, Straßen und Wiesen, sie bedeckten die Dächer der Häuser und verwandelten die bunte Stadt in ein großes weißes Blatt. Auch der große Baum im Garten beteiligte sich an dem Treiben, denn in dieser Nacht, als der Mond sein Licht auf ihn warf, sah er aus wie ein Engel. Er hatte viele weit gefächerte dicke und dünne Äste, die wie Flügel in den nächtlichen Himmel ragten. Es war der letzte Tag an dem die unterschiedlichen Formen und Farben, rote und gelbe, grüne und braune, glänzende und matte Blätter wie Tränen am Boden lagen und immer mehr mit Schnee bedeckt wurden.
Das Licht in Philipps Zimmer war schon längst erloschen und die Augen fielen ihm beinahe zu, als es noch einmal raschelte. Das Fenster war verschlossen und trotzdem konnte er dieses Rascheln sehr deutlich hören. Philipp wunderte sich, dass Schneeflocken so laut rascheln können. Von den Blättern wusste er, vor allem wenn er durch die vielen Blätter lief und sie mit seinen Schuhen durch die Luft wirbelte, dass sie rascheln. Vorsichtig streckte er seinen Kopf unter der Bettdecke hervor. Philipp war besonders neugierig aber er konnte leider nichts sehen, es war ja dunkel in seinem Zimmer. Langsam nahm er all seinen Mut zusammen und kroch vorsichtig aus seinem Bett, er krabbelte wie ein Indianer auf allen Vieren ganz tief geduckt zu seinem Maltisch. Dort angekommen stand er auf und drückte auf den schwarzen Knopf der Tischlampe. Philipp sah sich sein Schloss an, das er am Nachmittag mit Wasserfarben auf einen großen Bogen Papier gemalt hatte und auf seinem Tisch lag. Der König guckte aus einem weit geöffneten Fenster seiner Gemächer in den Hof hinunter und die Königin hatte ein blaues Tuch in der Hand und winkte neben dem König stehend zu Philipp hinüber. Ein wirres und buntes Treiben bevölkerte den Schlosshof. Auch ein Mönch stand da inmitten der vielen Kaufleute, gekleidet in einer braunen Kutte mit einer großen Kapuze über dem Kopf, die ihre Waren zum Kauf anboten. Sein mit Heu beladener Wagen, der von einem Ochsen gezogen wurde, stand mitten auf dem Platz. Es war Markt an diesem Tag auf dem Schloss. Der Mönch kam jede Woche einmal aus einem benachbarten Kloster, wo er mit vielen anderen Mönchen lebte, arbeitete und betete. Philipp setzte sich auf seinen Stuhl, verschränkte die Arme auf dem Tisch, legte seinen Kopf darauf und wartete auf das Geräusch das er gehört hatte. Ein Auge hatte er geschlossen und mit dem anderen blinzelte er über seine Zeichnung hinweg. Er wartete lange und wäre fast wieder eingeschlafen, als es plötzlich und sehr deutlich unter seinem Arm raschelte. Er hatte es klarer und viel lauter als zuvor gehört. Philipp hob seinen Kopf hoch und betrachtete abermals sein Bild das er mit seinen Armen abgedeckt hatte. Das Rascheln kam von diesem Bild. Es war der gelbe Klecks, das Heu das er gemalt hatte, das, das auf dem Wagen lag, den der Ochse in den Schlosshof gezogen hatte.
Der gelbe Klecks, also das Heu, bewegte sich, ganz alleine, wie von Geisterhand unsichtbar geschüttelt.
Und da geschah es!
"Philipp", sagte der gelbe Klecks, "ich habe den ganzen Nachmittag die vielen bunten Blätter am Fenster vorbei fliegen sehen, getragen durch den Wind, ich fühle mich sehr einsam. Philipp, ich möchte nicht ganz alleine auf deinem Maltisch liegen, hier als Heu auf diesem Wagen, wo doch alle anderen bunten Kleckse da draußen im Garten vom Wind getragen, herumspringen und sich freuen."
Philipp erinnerte sich daran, dass seine Mutter ihm einmal erzählt hatte das es keine Gespenster gibt. Die hat man nur für Märchen erfunden, um die Kinder zu erschrecken. Philipp drehte seinen Kopf staunend zu dem gelben Klecks hinüber.
"Du bist doch gar kein Blatt, wie die in unserem Garten."
"Ja", sagte der gelbe Klecks, "aber wenn du die Schere nimmst und mich ausschneidest damit ich wie ein Blatt aussehe, was der Mönch sicherlich auch nicht bemerken wird, dann wird das sicherlich auch keinem der anderen Blätter in deinem Garten auffallen und ich kann mit ihnen spielen".
"Aber dann habe ich ein Loch in meinem Bild", antwortet Philipp. "Hör zu gelber Klecks, es ist jetzt sowieso zu spät, denn seit heute Abend schneit es. Du konntest es ja auch nicht sehen, denn die Vorhänge haben dir den Blick nach draußen verwehrt. Es gibt keine Blätter mehr, die mit dem Wind umherspringen. Die Schneeflocken, die vom Himmel fallen, bedecken alles mit einem weißen Teppich. Du kannst nicht mehr mit den anderen Blättern spielen, sie haben sich alle unter dem Schnee versteckt."
Der gelbe Klecks begann zu weinen und war sehr traurig. Philipp sah, wie die gelbe Farbe - also das Heu - der gelbe Klecks - vom Wagen des Mönchs lief und auf den Steinboden in den Schlosshof tropfte.
Morgen ist Weihnachten, da darf niemand traurig sein, dachte Philipp. Er überlegte einen Augenblick lang, danach nahm er einen kleinen Becher von seinem Tisch in die Hand und hielt ihn unter den Wagen. Als der Klecks mit dem Weinen fertig war und der Wagen von dem Mönch ohne Heu im Hof des Schlosses stand, stellte er den Becher zur Seite.
"Hört zu", sagte er zu den gelben Tropfen die sich in dem Becher gesammelt hatten, "ich werde jetzt einen Kühlschrank malen, in den stelle ich euch so lange hinein bis ihr zu Eis gefroren seid. Die gelben Tropfen staunten. Gesagt, getan. Er malte einen Kühlschrank mitten in den Schlosshof und stellte den Becher mit den Tropfen hinein. Der König und die Königin wunderten sich und der Mönch lief ganz aufgeregt durch den Hof und suchte sein Heu. In der Zwischenzeit malte er auf einem neuen Blatt in seinem Zeichenblock einen großen Schneemann. Einen Schneemann mit einem schwarzen Hut, Augen, Mund und Armen, mit bunten Knöpfen und einem Besen. Drum herum viel Schnee und viele spielende Kinder. Philipp legte danach das Bild zur Seite und ließ es trocknen.
Inzwischen waren auch die Tropfen in seinem Kühlschrank zu Eis gefroren. Philipp nahm den Becher heraus, drehte ihn um und setzte die gelben Eistropfen die zu einer Scheibe gefroren waren dem Schneemann als Nase ins Gesicht. Die Kinder hörten auf, wild und durcheinander, um den Schneemann zu laufen. Die gelbe Nase freute sich. Endlich nicht mehr allein. Philipp sah gespannt zu, wie die Kinder staunend vor dem Schneemann mit der gelben Nase stehen blieben. So etwas hatten sie noch nie zuvor gesehen. Er sah den Kindern noch eine Weile zu, wie sie wieder tanzten, lachten und umher sprangen. Als es dann auch noch anfing zu schneien war die gelbe Nase, das ehemalige Heu, sehr glücklich. Philipp sah noch eine Weile aus dem Fenster, wo es auch schneite, bevor er sich in sein Bett legte und von vielen Schneemännern mit gelben Nasen träumte die alle glücklich waren.
Am nächsten Morgen wachte er spät auf. Es war der 24. Dezember, Weihnachten. Über Nacht entstand überall eine zauberhaft weiße Winterlandschaft. Er sprang aus seinem Bett und eilte an seinen Maltisch um zu sehen, wie es dem Schneemann ging. Der Schneemann mit der gelben Nase aber, war nicht mehr da. Das Blatt war weiß. Auch die Kinder waren verschwunden. Hatte er heute Nacht nur geträumt! Er öffnete sein Fenster und sah hinaus. "Da ist er ja", rief er ganz laut.
Und tatsächlich, auf der Wiese spielten Kinder und mitten drin stand sein Schneemann, der mit der gelben Nase. Philipp war glücklich und freute sich schon auf den Abend, auf den bunt geschmückten Tannenbaum, auf das Christkind und die Geschenke. Denn brav war er ja gewesen. Zumindest einmal ganz bestimmt! Er hatte einen traurigen gelben Klecks in eine Nase verwandelt und eine Freude bereitet.




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Eingereicht am 08. März 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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