Neuerscheinung
Heiligabend überall. Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest. Dr. Ronald Henss Verlag. 2004.
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Eine Note findet ihr Glück

Eine Weihnachtsgeschichte von Gaby Schumacher


Die Geschichte nimmt ihren Anfang in einer kleinen verträumten Stadt mitten auf dem Lande. Es ist ein Abend in der Adventszeit. Die Unruhe des Tages ist verflogen und Stille in den Straßen eingekehrt. Die Laternen brennen schon.
Dieser Abend ist ein außergewöhnlicher Abend. Unter verhangenem Himmel liegt die Welt von einer dicken Schneedecke verhüllt friedlich da. Unaufhörlich segeln Flocken gleich weißen Bällen zu Boden. Im Laternenlicht funkeln sie sekundenlang wie kleine Diamanten, ehe sie sich niederfallend zu dem weißen Teppich vereinen. Vor dem Auge des späten Spaziergängers liegt eine Märchenlandschaft, bei deren Anblick dieser Mensch unwillkürlich ins Träumen gerät. Ein blütenweißer Mantel verzaubert nun, was normalerweise nüchtern, gewöhnlich oder vielleicht sogar abstoßend wirkt. Nichts erscheint mehr, wie es ist. Beim Anblick der unberührten Schneelandschaft mit der in ihr herrschenden Stille kann selbst ein mit Sorgen und Problemen belasteter, deshalb nervöser Mensch seine bedrückenden Überlegungen für wenige Minuten verdrängen und sich froheren Gedanken hingeben. Die Seele atmet auf - welch ein oft heilsamer Frieden!
Die vorweihnachtlich geschmückten Straßen zeigen Lichterketten. Doch noch weitaus verträumter wirken die bunt dekorierten Fenster, hinter denen viele, viele Kerzenlichter brennen. Richtig romantisch und auch ein wenig sentimental wird es einem bei diesem Anblick. Das gehört nun einmal in die Weihnachtszeit!
Schweift der Blick des wandernden Menschen an der Häuserfront entlang, entdeckt er auch im Fenster einer ganz bestimmten kleinen Dachwohnung solch ein Wärme und Gemütlichkeit spendendes Licht. Dort wohnt Herr Sänger, ein junger Musiker, der die stillen Abendstunden für seine Arbeit nutzt. Ein absoluter Romantiker! Überall in seiner Wohnung hat dieser Mensch Kerzen in jeglicher Größe und Farbe aufgestellt; alle liebevoll mit Tannenzweigen dekoriert. Auf dem Wohnzimmertischchen, auf sämtlichen Bücherborden, selbst auf dem großen Schreibtisch flackert ein solches Licht vor sich hin.
Er sitzt davor und starrt auf das vor ihm liegende, noch leere, von der Kerze in warme Helligkeit getauchte Notenblatt. Dessen Linien sehen den Künstler herausfordernd an. Ihn drängt es an diesem Abend ganz besonders, eine verträumte Melodie zu komponieren. Nachdenklich stützt er den Kopf in seine Hand und möchte etwas auf die Notenlinien bannen, das es wert ist, den Menschen zur Freude bewahrt zu werden.
Doch trotz intensiven Grübelns fällt ihm so gar nichts ein. Warum nur nicht? Er spürt das Lied doch in seinem Innern. Enttäuscht schaut er ins tröstende Kerzenlicht. Sich nach einer Eingebung sehnend, nimmt er ganz bewusst dessen Leuchten in sich auf. In seine Überlegungen versunken, malt er eine Note auf die Linie. Wunderschön gezeichnet mit einem sorgfältig gespitzten Bleistift. Es ist ein "E", das er dann sekundenlang betrachtet. Er hofft, nun folgten weitere Noten. Vergebens! Es will ihm einfach nicht gelingen!
Schließlich gibt er auf, legt den Stift beiseite und entschließt sich, erst einmal eine Nacht darüber verstreichen zu lassen. Vielleicht brächte der morgige Tag ihm die zündende Idee!
Mit sich recht unzufrieden, begibt er sich zu Bett und versinkt in unruhigem Traum!
Einsam und verloren steht die kleine Note da auf dem ach so großen Blatt. Alles andere als glücklich! Sie weiß, dass sie, das kleine "E", als Einzelnote dem jungen Künstler kaum wird helfen können. Höchstens einmal beim Stimmen seines Instrumentes. Aber selbst dazu nehmen die Menschen in der Regel mehrere Töne. Wäre sie dazu in der Lage, beugte sie jetzt traurig ihren wunderschönen, schlanken Notenhals beugen. Doch, wie es sich eben für Noten geziemt, bewahrt sie Haltung und steht weiterhin auf der ihr zugewiesenen Linie. Wie eine Eins steht sie da!
Aber trotz der ihr aufgezwungenen Unbeweglichkeit bleibt sie nicht untätig. Wofür hat der Meister ihr denn sonst ein so bildschönes, akkurat gezeichnetes Köpfchen geschenkt? Doch wohl, damit sie es einsetzen könne! Die Gedanken beginnen nur so durcheinander zu purzeln in diesem hübschen, dicken Notenköpfchen. Es wird doch einen Weg geben, ihr aus ihrer Einsamkeit und gleichzeitig ihrem Schöpfer zu der gewünschten Melodie zu verhelfen!!
Sie denkt nach. Noten tragen dazu bei, dass die Menschen sich an immer wieder neuen Melodien erfreuen können. "Sicher", überlegt sie, "gibt es leider auch eine Unmenge an Missklängen auf dieser Welt; nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenem Sinne!" Doch da sie nicht noch trauriger werden will wegen all des Leides wie Hunger, Krankheit, Krieg und Tod auf dieser Welt, reißt sie sich gewaltig am Riemen und konzentriert sich auf weitaus erfreulichere Gedanken. Denn ihr Musiker hat sie als Anfang einer leichten, wunderschön romantischen Melodie erschaffen. Also sollte sie sich ausschließlich fröhlichen Überlegungen hingeben!
Und schon kommt ihr in den nächsten Minuten auch die richtige Idee:
Da Noten dazu beitragen, Menschen glücklich zu machen, sind sie etwas Schönes, Liebenswertes. Und etwas Liebenswertes ist auch immer etwas Gutes. Und etwas Gutes hat doch automatisch einen prima Draht zum Himmel, der Heimat alles Reinen und Schönen. Ihr Gefühl sagt ihr - bekanntlich sind Noten äußerst sensible Geschöpfe - dass dort Engel in alle Ewigkeit zu Ehren des Heilandes musizieren. Singen die nicht den ganzen Tag "Halleluja"? Und, um so singen zu können, brauchen sie Melodien. Eine Melodie aber setzt sich aus Noten zusammen!
Das ist die Lösung!
Die kleine Note entscheidet, von daher habe sie das Recht, im Himmel um Hilfe zu bitten. Menschen schließlich haben dort oben ihren Engel, der ihnen in schlimmen Situationen zur Seite steht. Warum also nicht auch eine kleine Note, die doch mit ihrem Ton die Menschen erfreuen will??
Gedacht, getan! Das "E" schickt ein flehentliches Stoßgebet zum Himmel. Obwohl die Engel dort in der Vorweihnachtszeit mit Arbeit reichlich überlastet sind, ist sein persönlicher Schutzengel ein sehr zuverlässiger Kamerad, an dem diese Bitte um Hilfe nicht ungehört vorbeirauscht. Schnellstens reist er zu der Kleinen in die gemütliche Dachwohnung. Dort erscheint er seiner Schutzbefohlenen in einem wunderschönen Licht, das die ganze Wohnung mit seinen Strahlen erwärmt. "Hab' nur keine Angst, kleine Note", sagt der Engel zu ihr, "denn ich will dir helfen, damit dein Wunsch in Erfüllung gehe!" Das "E" hat sich furchtbar erschrocken, doch bei diesen Worten beruhigt es sich sofort. Es fasst Mut und fragt seinen Engel: "Was kann denn ich schon ausrichten? Ich bin doch an diese doofe Linie auf meinem Notenblatt gefesselt!" "Nicht mehr lange!" Lächelt der Engel und fährt fort: "Für diese einzige Nacht wird es dir gewährt, dein Blatt zu verlassen, um dir auf einer Reise durch die Welt eine zu dir passende Melodie zu suchen!!" Und schon verschwindet das Himmelswesen - und mit ihm das wundersame Licht.
Wie betäubt sitzt die kleine Note auf ihrer Linie und versucht, zu begreifen, was ihr da widerfahren ist. "Wenn das stimmt - und da Engel nicht lügen, ist das so - ach, was ist das schön!"
Eine einzige Nacht in Freiheit, hat der Engel gesagt!
Da ist jetzt aber wirklich keine Zeit zu verlieren. Zwar ist der Note völlig schleierhaft, wie sie sich wohl von ihrem Papier lösen könne; aber das würde sich gleich zeigen. Plötzlich spürt sie ein eigenartiges Kribbeln zuerst in ihrem Notenköpfchen, dann im Notenhals und somit in ihrem ganzen zarten Körper.
Huch, was ist denn mit ihr los? Fast schwindelt es ihr, so heftig ruckt ihr Köpfchen hin und her! Immer stärker wird das Rucken, völlig ohne eine auch noch so minimale Anstrengung ihrerseits! Als sie die Überraschung deswegen überwunden hat, jubelt sie los: "Toll, ich kann mich bewegen. Ich kann mich ja von der Stelle rühren!" Selig probiert sie aus, welche Möglichkeiten ihr nun offen stehen. Nicht nur ihren Kopf kann sie bewegen; nein, auch ihr Notenhals neigt sich bei jeder noch so kleinen Bewegung leicht zur Seite. Da - auf einmal hopst sie von ihrer Linie und bewegt sich dann frei nach eigenem Willen. Ihren kleinen dicken Kopf benutzt sie dabei wie ein Rad und rollt vorsichtig durch die Gegend. Klar, dass sie sich in den ersten Sekunden noch etwas unsicher fühlt, so ganz ohne den Halt an ihrer Notenlinie. Aber, da sie eine sehr intelligente Note ist - schließlich ist sie von einem sehr klugen Manne erschaffen worden - sieht sie überall im Raume Ersatznotenlinien. Zuerst die Kante der langen Schreibtischplatte, dann seitlich am Schreibtisch hinunter. Als nächstes nutzt sie die ganze Länge der Seitenkante des großen Teppichs als Hilfslinie. Die leitet sie bis kurz vor die Zimmertür. Mutiger geworden, erhöht die kleine Note ihre Geschwindigkeit. Husch, da rollt sie auch schon an der Türkante entlang bis zum Treppengeländer, setzt sich auf dessen Brüstung und rutscht in rasantem Tempo bis nach unten ins Erdgeschoss. Heißa, macht das Spaß! Alle Unsicherheit ist verflogen, und sie genießt ihr neues Leben in vollen Zügen. "Mich müssten meine Freundinnen in all den Notenheften jetzt beobachten können. Deren Köpfchen würden blass vor Neid!" denkt sie stolz bei sich. Schon hat sie die Haustür durchrollt. Glücklich verhält sie draußen eine Sekunde, um Atem zu schöpfen und alles um sie her richtig in ihr Notenherz aufzunehmen. Wie benommen vor Freude über die noch ungewohnte Freiheit achtet sie überhaupt nicht darauf, ob vielleicht doch ein spätes Auto sich in ihre Straße verirrt hat. Und hopst auf ihrer weiteren Wanderung munter den Bordstein rauf und runter. Gottlob ist kein Fahrzeug unterwegs. Verkehrsregeln zu beachten gehört nämlich nicht zu den Stärken kleiner Noten. Erst recht dann nicht, wenn sie, wie dieses übermütige Geschöpf, zum ersten Male etwas anderes sehen als ihr eigenes Notenblatt!
Beim Anblick der vielen bunten Fenster jubelte sie am liebsten spontan laut los. Aber das ist ihr ja noch verwehrt. In ihrer augenblicklichen Euphorie glaubt sie ganz fest daran, so durch die Gegend rollend bestimmt rasch die ganze Welt zu erobern. Nur schade, dass sie keine Gesellschaft hat. Na ja, vielleicht fände sie ja doch während ihrer langen Reise eine Kameradin!
Rollend setzt sie ihren Weg fort, quer durch die Stadt. Der sich ihre bietende Anblick versetzt sie in immer größeres Staunen. "Was mir als braver Blattnote alles entgangen ist! Am liebsten würde ich für immer so durch die Welt gondeln!" Sie erinnert sich, was ihr der Engel gesagt hat: "Nur für die Dauer einer einzigen Nacht!" Morgen wird sie wieder genauso brav und unbeweglich auf ihrem Notenblatt stehen; geduldig darauf wartend, ob und wann sie in einer Melodie vielleicht einmal, mit größerem Glück mehrmals und mit ganz großem Glück Jahrhunderte lang gespielt wird! Da aber ihr Schöpfer leichte, schwungvolle Melodien liebt, würde sie bestimmt keine Wagnernote werden. Tragisch findet sie das allerdings gar nicht. Das sind nämlich oft schrecklich eingebildete Artgenossen. Ist ja auch verständlich. Immerhin sind sie in berühmte, oft jahrhundertealte Weisen eingebunden. Von begnadeten Komponisten geschaffen, die ihretwegen zu Weltruhm gelangt sind. Solche Geschöpfe geben sich nicht mit rollenden Straßennoten wie ihr ab. Das ist unter deren Würde!
Solchen Gedanken nachhängend, kullert unsere kleine Note dahin. Längst hat sie die vertraute Heimatstadt hinter sich gelassen. Erstmals kann sie schneebedeckte Felder bewundern, an deren Rändern entlang sie dahineilt. Wie schön doch die Welt!
Sie entdeckt von weitem den Kirchturm einer anscheinend sehr großen Stadt. Ein wenig verwirrt betrachtet sie das Häusermeer. So viele Häuser auf einmal hat sie noch nie gesehen. Sie erspäht noch einen Kirchturm, dann noch einen! "Wo bin ich denn hier bloß?"
Da vernimmt sie leises Wellengemurmel, ein angenehmes und besänftigendes Geräusch! Wo es plätschert, ist Wasser ! Das hat sie als gerade gezeichnetes Notenbaby direkt gelernt. In ihrer Heimatwohnung plätschert manchmal der Wasserhahn über dem Spülbecken lustig vor sich hin. Es ist hier allerdings ein sehr viel kräftigeres Wasserrauschen. "Wie groß dieses Gewässer wohl ist, bestimmt riesig?!" Neugierig rollt sie in dessen Richtung, dreht in eine Kurve und bleibt staunend wie angewurzelt stehen! Ein ganz breites Wasser liegt da vor ihr; in seinem Verlauf langgezogen wie der Schal, den ihr Musiker sich an kalten Tagen um seinen Hals bindet. Allerdings ist dies hier eher ein Dinosaurierschal, so lang, dass die kleine Note seine Enden überhaupt nicht erspähen kann. Suchend blickt sie um sich. Ausschau haltend nach einer Hinweistafel, wie das vor ihr sich durch die Stadt schlängelnde Gewässer denn heißt. Da! Da steht es ja, auf einem schönen weißen Schild: "Rhein!" Das also ist der Rhein. Die Note überlegt: "An einem so langen Wasser (Menschen sagen: "Fluss") gibt es bestimmt nicht nur diese eine Stadt, sondern ganz viele solcher Ortschaften. Und in solch großen Orten gibt es sicherlich viele Häuser, in denen Menschen Musikklängen aller Art lauschen. Vielleicht sollte sie sich diese Stadt einmal genauer ansehen!
Auf einem zweiten großen Schild am Straßenrand findet sie in schwarzglänzenden Buchstaben kurz darauf auch den Namen dieser Stadt: Düsseldorf! Einen Moment mal', den hat sie schon einmal vernommen, als sich Herr Sänger mit einem Bekannten zuhause unterhalten hat. Es gehörte sich ja eigentlich nicht, aber da hat dieses sich so allein langweilende Notenkind dem Gespräch gelauscht. (Mit irgendetwas muss man sich doch die schier endlosen Stunden vertreiben!). Regelrecht begeistert ist sie da gewesen, als sie erfahren hat, dass es in Düsseldorf nicht nur gute Theater, sondern sogar eine Oper gibt, in der jeden Tag nachmittags und vor allem abends wunderschöne Melodien gespielt werden. Auch ganz viel Romantisches ist dabei!
Nach einer Weile erreicht die kleine Note die Düsseldorfer Altstadt mit ihren vielen Restaurants und Bars. Überall Musik! Mal romantische, mal eher poppige (rums, knall, bums, peng), auch Jazz und Beat. Ohne sich beirren zu lassen, eilt sie hurtig durch die Gassen. Denn ihr Ziel sind die Theater Düsseldorfs. Wie sie dann beobachtet, hat sich vor jeder dieser Kulturstätten eine kleine Menschenmenge versammelt, die ungeduldig auf Einlass wartet. In den Schaukästen ist auf Plakaten nachzulesen: "Heute wird "Wagner" gegeben!". "Nein, das ist nicht meine Richtung! Ich suche eine leichtfüßige Musik!" Also pendelt sie weiter durch die laternenerleuchteten Straßenzüge. Von all den neuen, auf sie einstürmenden Eindrücken so gefesselt, achtet sie nicht auf den Straßenverkehr, was aber einer so unerfahrenen Musiknote wie ihr natürlich keiner verübeln kann. Denn normalerweise klebt die ja eigentlich still und starr auf ihrem Blatt. Unvorsichtig ist sie auf ihrem Köpfchen ein wenig zu weit auf die Straße gerollt. Plötzlich schrilles Kreischen dicht hinter ihr! Ein Wagen, der ihr in der Dunkelheit hat ausweichen wollen! Wer überfährt auch schon gerne eine so niedliche kleine Note wie diese!! Er hat bei seinem Bremsmanöver einen anderen Wagen gerammt, der auf der Gegenseite parkt. Fluchend steht der junge Fahrer dann neben seinem ebenfalls beschädigten Auto, wütend auf die kleine Note, wütend auf sich selbst und ebenfalls wütend auf den ihm unbekannten Fahrer, weil der seinen Wagen auch unbedingt da hat parken müssen. "Entschuldigung!" stottert die kleine Note völlig eingeschüchtert. Und, unter Schock stehend, fügt sie hinzu: "Darf ich ihnen zum Trost etwas vortönen?" Komisch, der Mann findet diese Bemerkung nicht etwa nicht nur nicht nett, sondern sein Gesicht läuft vor Wut rot an. Hat sie den etwa beleidigt, oder fühlt der sich einfach veräppelt? "Deinetwegen komme ich jetzt erst viel zu spät zur Party!" schimpft der Mann. Die kleine Note weiß darauf nicht viel, um ehrlich zu sein, gar nichts zu ihrer Entlastung zu sagen, murmelt nur etwas Undefinierbares vor sich hin und verdrückt sich schnell. Bloß weg hier - das Ganze ist für sie ja noch einmal glimpflich ausgegangen.
Da hört sie neben sich ein piepsiges, feines Stimmchen: "Das gibt es ja gar nicht! Ich wandere schon seit mehreren Stunden hier durch die Gegend auf der Suche nach Gesellschaft. Und treffe jetzt dich! Aber unter solchen Umständen! Bist du denn das erste Mal ohne dein Notenblatt unterwegs? Weißt du, dass das für uns Noten nicht so ganz ungefährlich ist ?! Wir können uns gegen Übergriffe irgendwelcher Art gar nicht zur Wehr setzen. Sei froh, dass du dir gerade eben nicht den Notenhals gebrochen hast!" Erstaunt, nein - eher perplex dreht sich die kleine Note in Richtung der feinen Stimme. Ja, das war ja was! Wer da auf sie einredet, ist doch tatsächlich eine andere kleine Note, ebenfalls allein unterwegs. Nach dem zu urteilen, was die gerade erzählt hat, reist sie aber im Gegensatz zu ihr bestimmt nicht den ersten Tag selbstständig durch die Welt! "Gut erraten!" bestätigt ihr die Andere. "Ich bin meinem Schöpfer für seine Kompositionen unpassend erschienen. Deshalb hat er mich vor einer Woche einfach aus dem Notenblatt herausgerissen!
Nun suche ich nicht nur eine Kameradin (Noten sind Rudelgeschöpfe !), sondern auch ein für mich passendes Notenblatt. "Lass uns doch gemeinsam herumziehen. Wir können aufeinander achten und sind beide nicht so allein!" schlägt unsere kleine Note vor. "Ich bin übrigens ein 'A', stellt die Andere sich vor.
Gemeinsam wandern sie an vielen Bars vorbei. Unsere kleine Note hat ja noch nie eine von innen gesehen. So überredet sie ihre neue Freundin, kurz in eins dieser Lokale hineinzurollen. Das hätten sie sich doch besser ersparen sollen! Zu dumm! Die kleine Note kann sich ihre Ohren ja leider nicht zuhalten. So furchtbar hat sie sich den Krach und das Getümmel nicht vorgestellt. "Warum können die Menschen sich denn nicht so zivilisiert und vornehm wie wir Noten auf unseren Blättern benehmen?" fragt sie sich. Das sollte doch nicht etwa Musik sein: "Peng, peng, peng - rums; peng, peng, peng - rums!" Dazu die verrückten Verrenkungen der Leute auf der dafür viel zu kleinen Tanzfläche; einfach unmöglich. "Die landen doch sicherlich nach Ende der Party alle im Krankenhaus oder sogar in der Klapsmühle!?" meint sie zu ihrer Freundin. Die steht neben ihr und biegt sich halb den Notenhals weg vor lauter Lachen. Und schlägt ihr doch tatsächlich vor: "Du, sollen wir auch mal'?"
Empört schaut die kleine Note sie an: "Von wegen! Ich vergesse doch nicht meine gute Notenkinderstube und benehme mich dermaßen unwürdig!" hält sie ihrer Freundin vor. "Außerdem fehlt mir wirklich jede Lust, mir bei dem Gedränge von den Menschen auf dem Kopf herumtreten zu lassen. Der tut mir bei dem Gedröhne sowieso schon weh genug!" Das fehlte gerade noch! Eine kleine Note mit in einer Menschendiskothek gebrochenem Notenhals, nein - danke vielmals! Um danach in einem der Menschenkrankenhäuser zu landen. Zumal sie sich absolut nicht sicher ist, ob die überhaupt Ahnung von der Behandlung beschädigter Notenhälse haben. Hinterher gipsen sie ihr den noch falsch herum ein! Dann kann sie ihre weitere Karriere endgültig vergessen!
Nach etwa fünf Minuten reicht es unseren zwei wohlerzogenen, stillen Noten endgültig in diesem Hexenkessel. Sie rollen in Windeseile nach draußen, um sich von dem Krach zu erholen. Was nun? Bei einem suchenden Blick über die Straße fällt beiden gleichzeitig ein bestimmtes Geschäft ins Auge: "Sieh doch! Ein großes Musikgeschäft. Da gehen wir hin. Dort finden wir bestimmt in den Regalen dutzendweise Notenhefte mit ganz vielen, ebenfalls so guterzogenen Noten, wie wir es sind!" meint das "E". Wo findet man in Düsseldorf wohl solch exklusive Geschäfte? Natürlich an der berühmten Düsseldorfer Königsallee! Wer glaubt, zuviel Geld zu haben, der sollte nur einmal dort entlang schlendern. Auch unsere beiden Noten wandern längs der "Kö". Taktisch klug, stehen an den in den Schaufenstern ausgestellten Artikeln keine Preise. Sonst würden manche der Kunden schleunigst abwandern. Die Preise erfährt man deshalb erst, wenn man schon im Ladeninnern gelandet und damit ziemlich fest bzw. unlösbar an der Verkaufsangel hängt - und dann das total leere Geldtäschchen des Prestige wegen anschließend notgedrungen in Kauf nimmt! Darum sind die beiden Noten froh, gar keine Geldmittel zu haben, und somit heile, bzw. in ihrem Falle ungekürzt, von der Königsallee wieder runterzukommen! Doch das Musikgeschäft wollen sie nicht auslassen. Irgendwie haben beide das Gefühl, bald am Ziel ihrer Reise zu sein. An einem solchen Abend wie diesem sind Dinge möglich, die normalerweise unmöglich sind. So spazieren die kleinen Abenteurer durch die verschlossene Ladentür ins Innere. Sie landen in einer völlig anderen Welt! Kommen aus dem Staunen und Bewundern nicht mehr raus! Mein Gott - welch ein faszinierender Anblick! An den Wänden stehen blitzende Musikinstrumente. Geigen, Posaunen, Bässe und Gitarren. Alle wunderschön gearbeitet. Im zweiten großen Raum des Geschäftes aber beginnen die kleinen Notenherzen heftig zu klopfen!
Der schöne hohe Raum ist an seiner einen Längsseite mit Zimmerdecken hohen Regalen vollgestellt, auf denen Hunderte wertvoller Notenhefte lagern. Auf der gegenüberliegenden Seite aber stehen doch wahrhaftig Klaviere und sogar ein riesiger, weißer Flügel. Die beiden Noten stehen sprachlos vor Ehrfurcht davor, und ganz "furchtbar" glücklich! Was kann es aber auch für sie Schöneres geben als sich vorzustellen, auf dem Notenhalter eines solchen Instrumentes auf einem ebenfalls wertvollen Notenblatt zu stehen und dann von begnadeter Pianistenhand in einen jubilierenden Ton verwandelt zu werden?
Fast vergessen die Zwei, weshalb sie hier sind; nämlich, um mit diesen vornehmen Klassiknoten in jenen Heften zu reden, ob diese ihnen einen wirklich hilfreichen Tipp geben können, wie sie "ihre" Melodie endlich finden können!
Ein wenig schüchtern rollen sie an der senkrechten Wand des ersten Regals herauf bis hin zu den Heften mit dem edelsten Äußeren. Mit großer geschwungener Goldschrift tragen diese stolz den Namen des Komponisten zur Schau, dessen Werke sie mit ihren festen Deckeln vor Beschädigung bewahren. Als ob sie wüssten, wie sehr diese Melodien von vielen Generationen der Klassikliebhaber unter den Menschen geliebt werden. Entsprechend hochmütig linsen sie auch auf die heranrollenden Noten herab, die den Mut haben, in diese hochvornehme Gesellschaft vorzudringen. "Die wagen es doch tatsächlich, hier aufzukreuzen, ohne wenigstens auf einem halbwegs anständigen Notenblatt ihre Aufwartung zu machen! Was suchen denn solche ordinären Straßennoten in unserem exklusiven Zuhause? Eine Unverschämtheit, uns in solch einem baren Aufzuge überhaupt ansprechen zu wollen!!" Die meisten dieser Snobs flattern noch nicht einmal, der geringsten Höflichkeit wegen, mit ihrem Deckblatt für ein zurückhaltendes :"Guten Tag!" Nein, still und abweisend liegen sie völlig starr da in ihrem Regalfach und behandeln die armen kleinen Noten wie Luft. Mit so Etwas würden sie doch nicht kommunizieren!
Aber nicht jeder in der vornehmsten Gesellschaftsklasse vertritt diese Einstellung. Zum Glück lassen sich einige nicht von solchen Vorurteilen leiten, sondern sind bereit, ihr Herz für Angehörige anderer Schichten zu öffnen. So auch manche Klassiknoten. Sie sind selbstbewusst genug, um auch nett zu "einfachen" Noten zu sein; haben es nicht nötig, die trotz des eigenen Erscheinungsbildes bestehenden Komplexe hinter einem ostentativen Snobismus zu verstecken.
Auf dem dritten Regal von links treffen unsere Zwei genau auf ein solches Heft. Bereitwillig blättert es sich nach einem freundlichen Grußwort auf, damit die kleinen Straßennoten die Möglichkeit haben, sich ein wenig mit ihren edlen Artgenossinnen auszutauschen. Es wird ein großes Staunen auf beiden Seiten. Die vornehmen Noten in dem Heft lassen sich von den beiden "ärmeren" Freundinnen über die Welt da draußen erzählen, von der sie ja nur, auf ihr Notenblatt gebannt, einige, wenn auch sehr bedeutende Konzertsäle und Theaterbühnen kennen. Das ist zwar eine ausgesprochen tolle Welt, die Welt der Künstler, aber es ist nicht alles! Sie berichten den kleinen Noten von berühmten und berühmtesten Dirigenten, die mit ihrem Taktstock die Weise bestimmen, in denen die ihnen zugehörigen Töne gespielt werden. Sie erzählen von nicht enden wollenden Beifallsstürmen des Publikums, das dann nach der Vorstellung in einer fast feierlichen Stimmung wieder nach Hause fährt.
Bei diesen Schilderungen fällt es den kleinen Noten schwer, nicht vor Aufregung ein wenig hin- und herzurollen, obwohl sie eigentlich guterzogen ganz still auf der Stelle stehen möchten. Diese Klassiknoten beschreiben so lebhaft ihre Welt, dass sie sich alles wunderbar bildhaft vorstellen können.
Hinterher bedanken sich unsere kleinen Noten mit einer zarten Beugung ihres zierlichen Halses. Nun beginnen sie ihrerseits, ihre bisherigen Abenteuer in der großen weiten Welt zu schildern. Sie erwähnen die unendlich vielen, verschiedenen Straßengeräusche, teils angenehmer, teils unangenehmer bis hin zu denen, die kaum zu ertragen sind. Sie schwärmen von den phantasievoll geschmückten Straßen mit all dem Tannengrün jetzt in der Weihnachtszeit, und dem warmem Kerzenschein von Hunderten von Kerzen in den Wohnungen der Menschen. Sie erwähnen die herrliche Schneedecke, die alles so märchenhaft schön erscheinen lässt. Nicht vergessen sie ihr kleines Abenteuer in der verrückten Diskothek. Allein bei dem Gedanken an jenen scheußlichen Lärm vor wenigen Minuten wird ihnen fast ein wenig mulmig. Eine besonders nette Klassiknote hält mit ihrer Meinung darüber nicht hinter den Berg: "Und da habt ihr euch hineingewagt!? Ich wäre vor Schreck auf meinen Hals gefallen - oh Gott, wie furchtbar!" Die kleinen Noten freuen sich über diese sie ein wenig bewundernde Bemerkung der Klassiknote, verlieren dann gänzlich alle Scheu. Sie nehmen ihren ganzen Mut zusammen und stellen die für sie wichtigste Frage aller Fragen auf dieser aufregenden, langen Reise: "Kannst du uns einen Rat geben? Wir pendeln schon fast die ganze Nacht durch die Gegend, um eine passende Melodie für uns zu finden. Sie soll leicht-romantisch-beschwingt sein. Denn die Künstler, die uns geschaffen haben, lieben besonders romantische Weisen. Spielen sie diese dann auf ihren Instrumenten, geraten die Menschen ins Träumen."
"Gerne helfe ich euch", antwortete die Klassiknote, "hört mal gut zu! Ihr seid nämlich fast am Ziel eurer Wünsche! Guckt doch nicht so ungläubig!" Und die nette Note beschreibt ihnen den Weg zu einem besonders gemütlichem Tanzlokal, das ganz in der Nähe in einer Seitenstraße der Königsallee liegt. Aufgeregt lauschen die kleinen Noten ihren Worten. Soll ihr sehnlichster Wunsch tatsächlich in Erfüllung gehen? Aber die Klassiknote redet so überzeugend, dass die beiden Abenteurerinnen langsam, ganz langsam an ihr baldiges Glück zu glauben beginnen.
"Denk' nur!" meint die kleine Note zu ihrer Freundin, "Gleich sollen wir am Ziel unserer Reise sein! Ich hab' das Gefühl, ich träume!" Begeistert verabschieden sich die Noten von ihrer netten Ratgeberin mit vor Freude besonders tiefschwarz blinkendem Köpfchen, wünschen ihr und all den anderen Noten ein Jahrhunderte langes, ruhmvolles Leben und enteilen, um möglichst rasch die Königsallee zu überqueren und mit Spitzengeschwindigkeit in die dritte Seitenstraße links einzubiegen. In ihrer ja verständlichen Aufregung beachten sie keinerlei Geschwindigkeitsbeschränkungen, die zu befolgen jedoch der Sicherheit wegen erst recht für so zarte Wesen wie unsere kleinen Noten dringendst anzuraten wäre. Die Beiden rollen viel zu schnell auf die andere Seitenstraße zu. Gut nur, dass die kleine Note ja ihre Kameradin an ihrer Seite hat, mit viel mehr Erfahrung in der Menschenwelt und somit auch mit den Gepflogenheiten im Straßenverkehr. Nach wenigen Minuten des Dahinrasens siegt bei dieser die Vernunft. Erschrocken hält sie schnellstens unser leichtsinniges Notenkind zurück. "Bist du verrückt geworden? Bei dem Tempo kriegst du doch gleich die Kurve nicht und saust vor den nächsten Baum!" Beschämt bremst die kleine Note ab, indem sie mit der Spitze ihres Notenhalses über das Straßenpflaster kratzt. Na, noch einmal Glück gehabt! Langsamer rollt sie weiter, stets nach dem besagten Lokal Ausschau haltend. "Da ist es!" ruft sie und zeigt mit ihrem Hals auf ein hellerleuchtetes Haus. Trotz der noch größeren Entfernung klingt ihnen bereits Musik entgegen. Was unsere beiden Reisenden da vernehmen, lässt ihr Notenherz höher schlagen. Diese Weisen haben keinerlei Ähnlichkeit mit dem Geheule in der Bar vorhin. Sanft und verspielt sind die Melodien, mit deutlich erkennbarem Takt vorgetragen. Denn in einem Tanzlokal bewegen sich die Menschen auf dem Parkett genau nach dem Rhythmus der Musik.
Neugierig durchrollen die kleinen Noten die große Eingangstür, die Garderobenecke und durch die Tür des Tanzsaales. Staunend betrachten sie alles. Ein großzügig bemessener Saal, rundum mit gemütlichen Sitznischen. In jeder von ihnen stehen hochlehnige Sofas an rechteckigen bzw. runden Tischchen. Alle Tische ziert eine echte, schöne Kerze in einem hübschen Messingständer. Mein Gott, sieht das einladend aus! Und erst die Tanzfläche in der Mitte des Raumes! Alles nicht zu vergleichen mit der Enge in den Jugendbars, sondern einer richtigen Tanzschule ähnlich. In der einen Ecke am Rande der Tanzfläche sorgt ein Diskjockey für das Abspielen der CDs.
Hier fühlen sich die Noten gleich wohl und heimisch. Jedes Mal, wenn ein neues Lied ertönt, stürmen viele Paare auf das Parkett. Es ist eine Freude, zuzuhören und zuzusehen, wie Menschen in eleganter Kleidung sich im Einklang mit der Musik im Kreise drehen. Manche von ihnen tanzen besonders gut. Stolz zeigen sie ihr Können mit komplizierten Figuren und genießen die bewundernden Blicke der Umsitzenden. Zu denen zählen auch die beiden kleinen Noten, denen fast die Augen aus dem Kopf fallen. So fasziniert sind sie von dem gepflegten Unterhaltungsstil, der hier geboten wird.
Eine kurze Pause, dann setzt erneut die Musik ein. Die beiden Noten horchen plötzlich auf. Ihnen wird warm ums Herz, richtig leicht und fröhlich. Bei diesem Lied hält sie nichts mehr auf ihrem Fleck. So eine zarte, jubilierende Weise! Sie spüren beide: "Soo soll unsere Melodie klingen. Ganz ähnlich soll sie sein!" Die Musik durchdringt ihren kleinen Notenkörper. Zuerst zittert ihr Notenhals zögernd hin und her, dann fängt auch ihr Köpfchen an, zur Seite zu rucken! "Sollen wir nicht auch...?" drängt ihre Freundin, dabei sie schon auf das Parkett ziehend. Liebend gern folgt die kleine Note. Langsam drehen sie sich im Kreise, immer im Einklang mit der Musik. Sie neigen beim Tanzen die hübschen Notenhälse und lassen sich einfach von der zarten Melodie ins Traumland tragen. Zu der beschwingten Weise wirbeln die Paare immer rascher im Kreise. Mit leuchtenden Gesichtern, von der Melodie verzaubert. Wie auch unsere Noten. Vor Wonne bilden sie sich ein zu schweben, spüren kaum mehr den Boden unter ihren Füßen, schlingen ihre Notenhälse umeinander und geben sich ihren Träumereien hin. "Wenn dieser Tanz doch niemals endete!" seufzt die kleine Note. Beide schließen die Augen und sind eins mit der Musik.
Als es wieder heißt: "Pause!", wissen sie, dass sie ihre Melodie gespürt haben. Nur komponiert werden muss sie noch! Genau so leicht und verträumt!!
Ob ihrem Meister wohl morgen die entsprechende Idee einfällt? Darf die kleine Note sich eventuell noch ein zweites Mal um Hilfe an den Engel wenden??
Nach kurzem Zögern kommen das "E" und das "A" überein, es einfach zu wagen. Etwas Schlimmeres als eine Absage kann ihnen nicht blühen. Also Mut!
Das "E" konzentriert seine Gedanken auf seinen Kameraden im Himmel, der ihm doch auf so wunderbare Weise schon einmal geholfen hat. Ob er es auch diesmal tut? Nach einem sehnsüchtig vorgetragenem Gebet wartet es gemeinsam mit seiner Freundin auf ein Zeichen von dort oben. Ganz gerade und still stehen die beiden Noten auf ihrem Platz.
Sie müssen sich nur kurz gedulden! Der Engel des kleinen "E's" hat die Bitte vernommen, die Weihnachtsbäckerei unterbrochen. Ein zweites Mal tritt er die Reise zu seiner kleinen Freundin an. Gar nicht lange dauert es, dann leuchtet diesmal vor dem Tanzlokal auf der dunklen Straße wieder dieses wundersame, wärmende Licht. In dessen Strahlenkranz sieht man den Engel. Mit liebevoller Stimme redet er mit seiner Note: "Da du eine besonders liebe Note bist, will ich dir nochmals helfen! Ein Musiker, der seine Noten so zärtlich akkurat aufs Papier bannt, ist ein sehr sensibler Mensch, der auch mit allem Anderen behutsam umgeht. Es ist lobenswert, dass du nicht nur an dein eigenes Glück denkst, sondern, während du deine eigene Freude genießt, auch noch überlegst, wie du deinem Künstler dafür danken kannst, dass es dich gibt. Auch deiner kleinen Freundin soll geholfen werden. Zur Belohnung für euer Verhalten soll eure Freundschaft nach dieser Traumnacht nicht vergehen. Euch wird es beschieden sein, in einer gemeinsamen Melodie euer Glück zu finden. Morgen wird dein Musiker eine Weise komponieren, die noch tausendmal schöner ist als alles, was ihr je in eurem Notenleben gehört habt! Sie wird ihm und euch zu Ruhm und Ehre gereichen!" Spricht's und ist verschwunden. Und mit ihm das wundersame Licht.
Die beiden Noten sehen sich an. Für wenige Augenblicke fehlt es ihnen an Worten. Als sie sich wieder gefasst haben, strahlt nicht nur ihr nun tiefschwarzes Notenköpfchen vor Glück; nein, sie zittern am ganzen Körper vor Freude! "Wir werden auf ewig zusammensein!" jubeln sie. "Nicht nur die Straßen, sondern auch die großen und berühmten Theater dieser Welt werden wir erobern! Während sie solchen Gedanken nachhängen, geschieht etwas mit ihnen. Wunderlich wird ihnen zumute. Fast schwerelos, so fühlen sie sich. Da erklingt eine liebliche Melodie. Als unsere Abenteurerinnen einen Blick zurück auf das Tanzlokal werfen, stutzen sie. Es erscheint ihnen viel kleiner als vor wenigen Minuten. Eigenartig - was ist denn mit ihnen los? Verunsichert halten sich die Noten an ihren Notenhälsen umklammert. "Bei solch zarten Klängen kann uns nichts Böses widerfahren!?" beruhigen sich die momentan etwas ängstlichen Zwei gegenseitig. Das Gefühl der Leichtigkeit, dass sie empfinden, ist keine Einbildung. Nein, die Noten haben sich nämlich vom Boden unter ihnen gelöst, sind hoch in die Luft gestiegen und sausen als winzige Flugzeuge am Himmel dahin. Die Häuser unten bleiben wie Playmobilspielzeuge zurück, die Autos wie bunte Stecknadelknöpfe. Die Menschen können sie schon gar nicht mehr erkennen, so weit haben sie sich emporgeschwungen.
Wie Düsenjäger jagen sie über die Welt dahin. Sie fliegen Kurven und weichen schweren Wolken aus, die der Erde neuen Schnee bescheren wollen. Höher und höher steigen sie, überwinden die dicke Wolkenschicht, um schließlich in die rabenschwarze Nacht über ihr einzutauchen. Aber, halt - so ganz schwarz ist es hier oben nicht! Statt der gelben Sonnenstrahlen des Tages umgeben sie Millionen und Abermillionen winzige und größere, schwächere und ganz hell blinkende Himmelslaternen, die Sterne. Andächtig geworden, setzen die Noten wortlos ihren Flug durch die ewige Stille fort. Viele tiefgründige Fragen stellen sie sich beim Anblick des geheimnisvollen Sternenmeeres: Birgt die Welt unter ihnen, jene kleine Erde in dem riesigen Universum, wirklich das einzige Leben in diesem allumfassenden Wunder? Was wird ihnen noch geschehen?
Trunken von der sie umgebenden Pracht, denkt die kleine Note: "Die Sterne sind unvergleichlich schöner als all die Diamanten in den teuren Geschäften der Königallee!"
Wiederum verändert sich alles um sie her. Jetzt weichen die Himmelslaternen vor ihren bewundernden Blicken zurück und verblassen langsam. Da der Anblick der Sterne die kleinen Noten in ihrem Innern nicht mehr wärmt, beginnen sie zu frieren. Wie das möglich ist? Sie sind zurück in die Wolkendecke eingetaucht! Schwer und dunkel hängt der Wolkenmantel am Himmel. Aus ihrem "Sternentraum" herausgerissen, finden sie in der Kälte ihre Sprache wieder: "Warum können wir denn nicht für alle Zeiten dort oben die Gesellschaft der Sterne genießen?" Fragt die kleine Note ihre Freundin, die ebenfalls vor sich hin zittert. "Hast du denn vergessen, weswegen wir diese Reise unternommen haben?" "Nein, du hast ja Recht. Und, denke ich an das Schöne, das uns erwartet, wird es mir gleich bestimmt wieder wunderbar warm."
Kein Zweifel! Sie sind auf dem Rückflug zur Erde, auf der Heimkehr in ihre kleine verträumte Stadt mitten auf dem Lande! In die Trauer ob all des Zauberhaften, das sie nun hinter sich lassen, mischt sich eine immer intensivere Freude in Erwartung dessen, was noch auf sie zukäme.
An einem sachten hellen Schimmer am Horizont erkennen die beiden Heimkehrerinnen, dass die Nacht, die sie soviel Gutes hat erfahren lassen, sich ihrem Ende zuneigt. Schon können sie die Kirchturmspitze ihrer Kirche erkennen, sehen bereits die vertrauten Straßen unter sich. Noch eine Flugkurve, und sie sind daheim. Das heißt, unsere kleine Note ist daheim! "Von nun an ist dieses Haus auch dein Zuhause. Das hat mein Schutzengel mir fest versprochen!
In den letzten beweglichen Minuten ihres Notenlebens rollen sie durch die Haustür des Heimathauses der kleinen Note, setzen sich auf die Kante des Treppengeländers und huschen hoch bis in den ersten Stock. Da es eine Traumnacht ist, rollen sie durch die geschlossene Wohnungstür, durchqueren den Flur, setzen ihren Weg an der Kante des langen Wohnzimmerteppichs fort und erreichen den großen Schreibtisch ihres Meisters. Husch, rasch die Schreibtischkante hoch und schnellstens an der Kante der Tischplatte zurück auf das dort noch immer wartende leere Notenblatt! Der Ordnung gehorchend, stellen sie sich auf die Notenlinie, die der Künstler der kleinen Note zugewiesen hat. Dort benehmen sie sich von diesem Augenblick an wieder wie alle guterzogenen kleinen Noten auf ihrem Notenblatt. Kerzengerade stehen sie, wackeln weder mit dem Köpfchen, noch zittert ihr Notenhals hin und her. Nein, völlig still und mit stolzer Haltung warten sie da auf ihren Musiker und sind sehr gespannt auf die versprochene Melodie.
Inzwischen wird es langsam hell in der gemütlichen Dachstube. Die Nacht ist vorüber. Es folgt ein Vormittag mit vielen Schneeflocken. Diese Flöckchen verdecken behutsam die Fußspuren des späten Spaziergängers, der am Vorabend durch die Straßen und Gässchen gewandert ist. Alles sieht wieder völlig unberührt aus, und deswegen sehr verträumt.
In der kleinen Dachwohnung rührt sich etwas. Richtig, der Musiker ist aufgewacht. Er reckt sich erst mal kräftig, dann öffnet er, noch immer verschlafen, die Augen. Es scheint ihm, als habe er in der Nacht einen wunderlichen, aber sehr schönen Traum geträumt. Irgendwie ist er sehr guter Laune an diesem Morgen. "Eigentlich doch komisch," sagt er sich, "denn eine Melodie habe ich immer noch nicht!" Fröhlich steht er auf, gönnt sich ein warmes Bad, frühstückt gemütlich und setzt sich dann an seinen Schreibtisch, um sich seinen Kompositionen zu widmen.
Erschrocken und verdutzt hält er plötzlich inne. Wie? Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen? Er weiß doch genau, dass er gestern frustriert den Stift zur Seite gelegt hat, weil ihm einfach nichts einfallen wollte. Und jetzt? Ganz deutlich kann er sie sehen: Diese beiden Noten, von denen er aber doch nur die eine besonders liebevoll auf die Linie gesetzt hat. Aber wo kommt die andere Note her? Ach was, vielleicht ist er trotz Badens und Frühstückens noch nicht richtig wach! Er geht ins Bad und fährt sich vorsichtshalber mit einem eiskalten Waschlappen durchs Gesicht. So, zurück zum Schreibtisch. Da würde nun alles wieder seine Ordnung haben.
Verunsichert betrachtet er das Blatt. So etwas gibt es nicht, das kann einfach nicht sein! Er glaubt zu träumen. Noch immer sieht ihm da diese fremde kleine Note lieb entgegen!
Ganz nachdenklich wird der junge Künstler. "Wir haben kurz vor Weihnachten! Hat dort oben im Himmel vielleicht jemand meine verzweifelten Versuche registriert, etwas Schönes zu komponieren? Ist mir etwa ein kleines Wunder widerfahren?" Je länger er überlegt, umso wahrscheinlicher erscheint es ihm. Der Künstler glaubt nicht an Zauberei. Also gibt es gar keine andere Erklärung für das Auftauchen dieser fremden kleinen Note. Von tiefer Dankbarkeit erfüllt, setzt er sich froh an seinen Schreibtisch. Er nimmt den immer noch sorgfältig gespitzten Bleistift zur Hand und beabsichtigt, diese zweite kleine Note ebenfalls se für seine neue Melodie zu nutzen.
Glücklich in dem Bewusstsein, da0 ihm ein Wunder beschert ist, entsteht in seinem Herzen eine neue Weise. Zuerst klingt sie nur in seinem Herzen.. Doch die nächsten Stunden verbringt er voller Glück eifrig damit, mit Hilfe "seiner" kleinen Note und der kleinen "Himmelsnote" diese Weise ins Leben zu rufen. Emsig schreibt er flink wie ein Wiesel die Noten auf die Linien. Nicht, dass sie ihm in letzter Sekunde wieder entfallen. Seine Finger fliegen nur so über das Blatt. Vor Freude bekommt er rote Wangen. Mit jeder vollgeschriebenen Linie wird er froher, bis er schließlich stolz seinen Bleistift zur Seite legt. Seine Melodie, seine Melodie steht da vor ihm auf dem Papier und sehnt sich offensichtlich danach, gespielt zu werden.
Vorsichtig probiert er auf der Geige den ersten Ton. "Ping!" macht es ganz hell. Das gefällt ihm recht gut. So lässt er weitere Noten folgen.. Ihn erfüllt unbändiger Stolz bei dem, was er da hört. So eine wunderschöne Melodie hat er in seinem ganzen Leben noch niemals vernommen. Heute Nachmittag wird er seinem Freund sein neuestes Werk vorspielen. Während des gemütlichen Kaffeetrinkens erwähnt der Musiker seine neueste Komposition. Natürlich möchte sein Freund sie sofort hören. Rasch holt der Musiker seine Geige. Bereits die ersten Töne lassen den Gast aufhorchen. Je länger er spielt, umso andächtiger lauscht der dieser Weise. Sein Gesicht nimmt einen total verträumten Ausdruck an. Kein einziges Mal unterbricht er den jungen Musiker. Gebannt nimmt der Freund diese Melodie in sich auf.
Der Musiker hat seinen Vortrag beendet und sieht ihn forschend an. Aber Fragen braucht er keine zu stellen.. Die Antwort kann er auf dessen Gesicht ablesen. Pure Begeisterung sieht er da. "Das ist das Schönste, was ich je gehört habe", bemerkt sein Freund. "Diese Musik muss noch viel mehr Menschen erfreuen." In den nächsten Tagen organisiert er ein Künstlertreffen. Auch dort spielt der Musiker die neue Weise vor. Seine Zuhörer reagieren begeistert, drängen ihn, diese Musik einem noch größerem Publikum vorzutragen. Ein Klassikliebhaber kennt den Direktor des Opernhauses gut. Jenem berichtet er von diesem jungen Talent, unserem Musiker. Neugierig geworden, lädt der Direktor den jungen Mann zum Vorspiel ein. Fasziniert lauscht er diese verträumten Weise.
"Was halten sie davon, im Rahmen eines Galaabends dieses Werk zum Besten zu geben?" Der Musiker kann es kaum fassen, dass ihm diese Ehre zuteil werden soll. Doch, damit der Direktor dieses Angebot nicht mehr zurückzieht, sagt er schnellstens zu.
Voller Lampenfieber steht er dann am kommenden Samstag hinter der Bühne, auf seinen Auftritt wartend. Seine Noten hat er unter den Arm geklemmt. Neugierig schiebt er den roten Vorhang der Bühne ein wenig zur Seite, um einen Blick aufs Publikum zu riskieren. Ob das Haus wohl ausverkauft ist? Himmel, vor mehreren hundert Leuten soll er spielen?
Es ist für ihn das erste Mal, auf einer so großen Bühne vor so erlesenem Publikum zu agieren.
Natürlich ist er entsprechend nervös. Mit lautem Herzklopfen wartete er auf seinen Auftritt.
Da hört er, wie er angekündigt wird. Schnell kontrolliert er im bereitstehenden Spiegel noch einmal sein Äußeres, rückt die Schleife seines Smokinghemdes ein letztes Mal zurecht und ist eigentlich recht zufrieden mit sich. Er sieht auch ausgesprochen schick aus in seinem dunkelblauen Anzug.
Nun ist es soweit. Seine Hand umgreift etwas verkrampfter sein Notenheft, er atmet ein letztes Mal tief durch und betritt die Bühne. Es empfängt ihn ein höflicher Begrüßungsapplaus. Nach einer eleganten Verbeugung in Richtung des Publikums nimmt er auf einem Stuhl Platz und beginnt zu spielen. Erst klingen die Töne noch etwas schüchtern dargebracht. Dann aber vergisst der Musiker alles rings um ihn herum, konzentriert sich völlig auf sein Geigenspiel. Seine Noten in ihrem Heft wissen um die Bedeutung dieser Minuten und stehen kerzengerade auf ihren Linien. Ihre stolz blinkenden schwarzen Notenköpfchen vermitteln ihm Zuversicht. Immer ungezwungener, flüssiger wird sein Spiel. Völlig entrückt sitzt er da, keine Zuschauer registriert er mehr, sondern lebt nur noch in seiner Notenwelt und berauscht sich an seiner eigenen Musik.
Schon nähert sich sein Vortrag seinem Ende! Keinen Laut hört man im Publikum. Wie verzaubert sitzen die Leute in ihren Sesseln. Die romantische Stimmung hält alle in ihrem Bann. Der letzte Ton verklingt, der Musiker hat alles gegeben. Nun sitzt er erschöpft auf seinem Stuhl und hat Mühe, wieder in die Wirklichkeit zurückzufinden. Es ist Stille im Saal.
Und dann wird diese knisternde Spannung von einem ersten Klatschen aufgelöst. Ihm folgen immer mehr Hände, die mit ihrem Klatschen dem Musiker Ovationen darbringen. Schließlich erfüllt der Beifall des Publikums den ganzen Saal und lässt den Boden erzittern. Sogar Bravorufe schallen durch den Raum! Der Musiker ist überwältigt. Wieder und wieder muss er sich bei tosendem Applaus verbeugen. Kaum sieht er sein Publikum noch. Denn vor Glück stehen ihm Tränen in den Augen.
Per Zufall wirft er während einer weiteren Verbeugung einen Blick auf das Notenblatt, das vor ihm auf seinem Notenständer liegt. Ist es Einbildung, oder haben ihm soeben seine beiden Anfangsnoten strahlend zugeblinzelt? Er ist sich nicht sicher, aber in seiner überschäumenden Freude blinzelt er, unmerkbar fürs Publikum, ebenso strahlend zurück!
Was er nicht ahnt: Die kleine, von ihm so liebevoll gezeichnete Note denkt in all dem Jubel: "Jetzt sollten mich mal' jene hochmütigen Klassiknoten sehen! Die wunderten sich, was so eine arme Straßennote alles erreichen kann. Deren Notenköpfe würden vor Neid wohlmöglich all ihre Farbe verlieren!" Und ihre Freundin ergänzt: "Nun hätten wir das Recht, sie wie Luft zu behandeln! Denn wir haben es geschafft, nicht nur die weite Welt da draußen, sondern auch noch die berühmten Theater dieser Welt mit unserer Melodie zu erobern!"
Die beiden kleinen Noten sehen sich glücklich an, nicken noch einmal ihrem Musiker zu und geben sich dann ganz der Wonne des sie umrauschenden Beifalls hin. An diesem Abend zum ersten, aber bestimmt nicht zum letzten Male in ihrem sicherlich noch sehr, sehr langem Leben!!




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Eingereicht am 08. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.