Neuerscheinung
Heiligabend überall. Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest. Dr. Ronald Henss Verlag. 2004.
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Schmittbeugel

Eine Weihnachtsgeschichte von Stefanie Schumann


Endlich hatte sie sich dafür entschieden, ihre Lieblingshose aus weichem, sandfarbenem Cord anzuziehen und dazu das schwarze T-Shirt mit dem Carmenausschnitt. In der Hose fühlte sie sich zu Hause, der Ausschnitt des T-Shirts machte die Linie ihres Halses dort, wo sie überging in die Schultern, auf eine besondere Weise sichtbar. Sie mochte diese Stelle an sich.
Die Auswahl der Kleidung hatte den gesamten Vormittag über gedauert.
Schließlich hatte das Ganze auch etwas Feierliches, Erhabenes.
Das war der eigentliche Grund.
Vielleicht würde es notwendig sein, eine Strumpfhose unter die Hose zu ziehen. Es hatte hohe Minusgrade draußen, schon seit einigen Tagen.
Die Schubladen der Kommode ließen sich nur schwer öffnen. Zum ersten Mal hatte sie es geschafft, ihre gesamte Kleidung, gewaschen und sorgfältig zusammengelegt, in den Schränken und der Kommode zu verstauen. Die beiden Strumpfhosen, die zuerst aus der Schublade quollen, hatten ein Loch an der Stelle des großen Zehs. Sie legte sie zurück, weiter unten nachzuschauen, das würde die Ordnung zerstören. Wäre es sinnvoll, die Strumpfhosen noch zu stopfen? Oder sollte sie sie wegwerfen? Das ging nicht, sie hatte den Abfall bereits weggebracht.
Geräusche im Treppenflur. Hastig schob sie die Schublade wieder zu. Es würde so gehen. Natürlich würde es so gehen. Ein paar dicke Socken vielleicht...
Stimmengewirr hinter der Wohnungstür, Kinderlachen, aufgeregtes Quietschen, ein dumpfer Stoß, etwas war zu Boden gefallen, ein lauter Fluch, eine besänftigende Frauenstimme, Schritte vieler Füße.
Sicher der Festtagsbesuch für die Wagners, oben. Ratsenners von nebenan verbrachten die Feiertage nie zu Hause. Die Wohnung neben Wagners stand seit vier Tagen leer.
Sie erinnerte sich an früher. Da waren es immer die mit den Kindern gewesen, bei denen gefeiert wurde, abwechselnd. Großeltern, kinderlose Verwandtenpaare sowie alleinstehende Onkel oder Tanten pilgerten im einen Jahr in das Haus von Tante Hedwig, Onkel Hartmut und ihren vier Kindern und besuchten im darauffolgenden, mitsamt Hedwigs und Hartmuts, ihre eigene Familie. Vater, Mutter, ihre Schwester Alexandra und sie selbst.
Ihr Vater bereitete zu diesen Anlässen eine thüringische Variante des "Karpfen blau" zu. Der Karpfen lebte ein paar Stunden in der Badewanne. Sie hatte sich oft vorgestellt, wie und in welcher Form Geräusche zu ihm drangen. Und sie hatte sich gefragt, ob er von seinem bevorstehenden Tod wüsste.
Alexandra, drei Jahre jünger als sie selbst, hatte einmal eine dramatische Rettungsaktion versucht, die letztlich am Karpfen selbst gescheitert war. Er hatte schlicht nicht ins Klo gepasst.
Sie selbst hatte niemals an Rettung gedacht. Seine Bestimmung als Festtagsessen, sein Tod, waren ihr unabwendbar vorgekommen. Etwas, womit man zu rechnen hatte. Eine Berechenbarkeit, die zugleich Sicherheit beschrieb.
Etwas, das sie mit ihrer Schwester noch immer teilte, war die tiefe Abscheu gegen jegliche Form gekochten Fisches.
Die Geräusche im Flur verloren sich. Die Füße bewegten sich nun auf dem Parkett über ihrem Kopf. Vereinzeltes Frauenlachen. Sie kannte einige Frauen, die so laut auflachen konnten, dass es durch Wände drang.
Bereits seit den Morgenstunden hatte sich ein Essensgeruch im Haus breit gemacht, war schließlich unter ihrer Wohnungstür hindurchgewabert. Fleisch. Fleisch, das geschmort, gegrillt, gebraten oder sonst wie malträtiert wurde.
Gegen 10:37 Uhr hatte sie sich übergeben.
Das war kurz nach dem Anruf ihrer Mutter gewesen.
Diese hatte Frau Schachtschneider oder Frau Riemenschneider auf dem Markt getroffen, die ihr von der Zusage für ein Stipendium ihres Sohnes oder ihrer Tochter für ein Studienjahr an einer englischen oder amerikanischen Universität erzählt hatte. Und davon, dass es ihrem Mann wieder besser ginge, der entweder einen Schlaganfall oder ein Zuckerkoma erlitten hatte. Daraufhin hatte ihre Mutter Grünkohl oder Blumenkohl gekauft, wohl eher Grünkohl.
Von Ferne war das Hupen eines Autos zu hören gewesen.
Ich muss Schluss machen, mein Taxi. Ich gönne mir heute ein Taxi, um zu Alexandra zu fahren, es ist ja nicht weit und ich muss dann nicht so viel schleppen.
Die Atemlosigkeit ihrer Mutter, das Stakkato der Wörter und Sätze hatten noch sekundenlang in der Hörmuschel nachpulsiert. Dann war es still.
Sie stellte sich vor, wie ihre Mutter, nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, einfach weitersprechen würde. Wie sie sprechend die Taschen mit den Geschenken für Alexandras Kinder ergreifen, sich sprechend mit dem Abschließen der Wohnungstür abmühen, sprechend in das Taxi einsteigen und schließlich, ohne einmal unterbrochen zu haben, in Alexandras Haus gehen würde. Dort würde sich ihr Sprechen mit dem der Tochter verstricken, das Sprechen der Kinder käme hinzu. Sprechend verbrächten sie Tage miteinander und selbst im Schlaf hingen noch Schwaden von Gesprochenem in den Räumen und über dem Esstisch. Roland, Alexandras Mann, würde dazu zunächst freundlich lächelnd den Mund bewegen, synchronisiert durch die Frauenstimmen, später würde er fernsehen.
Jahrelang hatte sie immer wieder den Vorsatz gefasst, sich dem zu entziehen. Nicht mitsprechen müssen, sich Gehör verschaffen, einmal als einzige sprechen. Oder Wegbleiben. Nicht teilnehmen.
In diesem Jahr hatte sie zum ersten Mal den Versuch gewagt, zaghaft anzudeuten, dass sie über die Feiertage nicht kommen mochte. Es klappte gleich beim ersten Mal. Erwies sich quasi als Selbstläufer. Nach dem ersten Telefonat mit ihrer Mutter rief sie sie ein paar Stunden später noch einmal an, da sie sich die so gelassene und akzeptierende Reaktion nur dadurch hatte erklären können, dass ihre Mutter ihr Anliegen nicht wirklich realisiert hatte. Dem war nicht so. Ein paar Stunden später reagierte ihre Mutter eher ungehalten.
Das hast du mir doch schon neulich gesagt.
Sie löschte die letzten Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Manchmal behielt sie bestimmte Nachrichten noch eine Weile im Speicher, weil sie sie besonders witzig fand oder besonders schön.
Raschelnd löste sich ein gelbes Blatt von der Grünpflanze neben dem Telefon und fiel mit einem leisen Geräusch auf den Tisch. Sie zupfte zwei weitere, schon gelblich sich verfärbende Blätter ab und legte sie auf die Blumenerde.
Sie blickte sich in ihrer Wohnung um. Alles lag an seinem Platz oder zumindest dort, wo sie den Platz der Dinge vermutete.
Sollte sie die Heizung herunterstellen? Könnten die Fische erfrieren?
Die beiden gold- und rotfarbenen Fische gründelten hektisch.
Lothar und Matthäus. Das war Ritas Idee gewesen.
Sie hatte ihr das Aquarium geschenkt. Es war beklebt mit Windowcolours-Unterwasserpflanzen, bunten Fischen und einem Herz: R&N, für Rita & Nessie. Auch das, Ritas Erfindung, "Nessie" als Kurzform von Vanessa. Das hatte ihr gefallen. Nessie, die Meerjungfrau, Nessie das Ungeheuer vom Loch Ness, Nessie von "Robbi, Tobbi und das Fliehwatüüt", eine Kinderserie, die sie beide kannten. Ein Roboter und ein Junge waren in einem hubschrauberähnlichen Gefährt unterwegs und suchten unter anderem das Ungeheuer vom Loch Ness.
Schon bald hatte sie damit begonnen, ihre Briefe mit diesem Namen zu unterschreiben. Unter der Adresse Nessiemail@web.de hatte sie im Internet endlose Mails mit Rita getauscht. Fortsetzungsgeschichten, besonders lustige oder besonders ekelhafte, Liebesbriefe, Briefe, Briefe. Es gab so viel zu sagen, dass die Treffen und Telefonate eine Weile lang nicht ausgereicht hatten. Oft hatte sie vor dem Computer gesessen und laut lachen müssen, nachdem Rita wieder einen ihrer unsäglichen Ergüsse geschickt hatte.
Das Schönste war ihr Humor. Ihr schönes Lachen und ihre witzigen Ideen.
Sie hatte es sogar fertig gebracht, sich humorvoll von ihr zu verabschieden. Das müsste ihr erst mal jemand nachmachen!
Vanessa hatte kaum Gelegenheit gehabt, in Tränen auszubrechen. Am Ende hatten sie sogar wieder ein wenig zusammen gelacht.
Die Trauer kam erst später, als Rita schon fort war.
Sie schüttete Lothar und Matthäus eine Siebentageportion Fischfutter ins Wasser. Bis dahin würde jemand kommen und sie füttern.
Von oben, Bing Crosby.
Wie konnte es sein, dass es überhaupt jemanden gab, der "Bing" mit Vornamen hieß?
Sie schloss zweimal ab und steckte den Schlüssel in den Oleandertopf im Flur. Beim Bücken klackte ein Schlittschuh auf den Steinboden. Sie verknotete die beiden Schuhe neu, sodass sie weniger weit herabhingen.
Es schneite, dank Bing.
Kleine, wirbelnde Flocken, die in die Haut bissen.
Bald würde die Dämmerung einsetzen. Ihre Schuhe glitschten über eine zugefrorene Pfütze.
Schaute jemand durch eines der warm beleuchteten Fenster hinaus, beispielsweise Frau Wagner, weil sie gerade in der Küche nach einem sauberen Glasschälchen suchte und dabei wie zufällig durch den Rahmen der Weihnachtsmannlichterkette spähte, dann könnte ohne Weiteres der Eindruck entstehen, dass Frau Lohmann, von unten, gerade auf dem Weg zur Bescherung im Elternhaus wäre. Zielstrebig, schick gekleidet, jedoch ohne große Beutel oder Taschen, nur mit einem Paar verknoteter Schlittschuhe über der Schulter. Schlittschuhe? Die hätte sie aber doch nun wirklich in Papier einschlagen können! Das lange, braune Haar frisch gewaschen, weil die Locken so weich und so schmiegsam um den Mantel, der Mund frisch bemalt, magentafarbig, sichtbar, bis in den ersten Stock.
Frau Lohmann verschwand um die nächste Häuserecke und Frau Wagner fand kein Glasschälchen, weil offenbar alle inzwischen in der Spülmaschine gelandet waren.
Mit dem Passieren der Häuserecke, mit dem Eintritt in die nächste Straße, mit dem Einschlagen des Weges Richtung See, nach Norden, 35 Fußminuten, wurde es ernst. Die Klarheit ihres Entschlusses, eher noch die Folgerichtigkeit, kam ihr wieder in den Sinn. Scharf umrissen und deutlich.
Neulich noch hatte sie davon geträumt.
Ein Meerestier sein. Schwerelos gleiten. Das Fressen als Lebenszweck, das Gefressenwerden unabdingbar in Kauf zu nehmen.
An einem Fensterbrett, das auf einen Vorgarten zeigte, hing eine Mundorgel aus Eiszapfen.
Sie fror.
Schon jetzt.
Die Mantarochen sind die Schnellsten unter den Fischen, die Riffhaie gehören zu den Gefräßigsten. Ganz gleich, im Meer sein bedeutete schwerelos sein.
Dort gab es kein Telefon, das tagelang nicht klingelte.
Keinen Postboten, der klingelte, weil die Nachbarin gerade nicht da war.
Dort gab es eine Stille, die Stille war und nicht das Nichtvorhandensein von Geräuschen.
Die Straßenlaternen flackerten auf. Viel zu früh eigentlich. Wie früher, du musst zuhause sein, wenn die Laternen angehen, spätestens. Immer viel zu früh.
Zuhause. Eine Sammlung von Bildern, die problemlos anwendbar waren auf das, was andere als Zuhause bezeichneten. Ein Ort, an den man gehört, mit Menschen, die sich beziehen auf etwas, das mit einem selbst zu tun hat. Sie tun es in Gesprächen. Über das Wetter, über die neue Holunderbeerkonfitüre, über die Nachrichten, über die neue Frisur oder über die Form und Beschaffenheit der Lippen, die einem gegenübersitzen. Ein Ort, an dem man sein kann, kurz nachdem die Laternen angegangen sind. Spätestens.
Aus dem Licht der geradeaus liegenden Laterne löste sich ein Schatten, was eigentlich nicht sein konnte, denn für wirkliche Schatten war es noch zu früh.
Es war ein kleiner Schatten, nicht größer als ein Meter Zwanzig, auf keinen Fall größer, vielleicht eher kleiner.
Ein Kind, so eines wie früher die Kinder der Schmittbeugels. Alle hatten rote Haare, sahen irgendwie blöd aus und hatten blöde Sachen an.
Schade, dachte Vanessa, jetzt habe ich nicht mal einen von diesen halbgeschmolzenen Miniweihnachtsmännern aus Milkaschokolade dabei, die an Nikolaus vor meiner Tür gelegen haben. Aus unerfindlichen Gründen hatte an Nikolaus ein kleines Meer aus Schokoladenweihnachtmännern auf der Abtrittmatte vor ihrer Tür gelegen. Vielleicht waren die ausgesetzt gewesen.
So, wie ihr dieses Kind vorkam.
Welches Kind läuft an Heiligabend ohne Mantel allein auf der Straße herum?
Das konnte nur ein Schmittbeugelkind sein, oder ein ähnliches.
Die Schmittbeugels, damals, hatten kein Geld. So vieles andere auch nicht. Deshalb waren die Schmittbeugelkinder dreist und frech und ungepflegt und auch etwas unheimlich. Anne Schmittbeugel war schlimmer als eine Bettnässerin gewesen, sie hatte sich auch tagsüber eingepisst. Das wussten alle. Auch Vanessa. Obwohl sie selbst nur in der Parallelklasse war.
Das Schmittbeugelkind unter der Laterne flößte ihr Angst ein. Auch deshalb, weil sie sich daran erinnerte, wie Anne Schmittbeugel einmal in der Mädchentoilette gekotzt hatte und dabei Vanessas neue Schultasche beschmutzt hatte. Außerdem hatte Anne Schmittbeugel damals einen blutigen Schlüpfer an, peinlich, dabei war sie erst Acht.
Ein hässliches Kind unter einer Laterne.
Na und, sie musste zum See. Aus ganz anderen Gründen.
Die Dämmerung war inzwischen fortgeschritten. Es gab Lichterketten in Vorgärten, manche blinkend, aufblinkend und rhythmusblinkend.
Hinter den Fenstern, geschmückte Bäume, natürlich. Manche amerikanisch prall, andere diskret, nur blau, nur rot, nur weiß.
Bruchstücke von Mobiliar, Glasvitrinen, schwere Schränke, altes Holz. An einem Küchenfenster auf dem Fensterbrett zwei Steingutbecher, vielleicht mit Schriftzügen darauf, es war inzwischen zu dunkel geworden. Möglicherweise stand auf dem einen Becher "Paul" und auf dem anderen "Erika".
Unregelmäßig farbgewischte Wände, ein Kerzenleuchter, der mehrere Arme aus der Wand streckte, offene Regale mit Töpfen, Gläsern, Weinflaschen. Nein, Erika und Paul wohnten hier wohl nicht. Vielleicht eher "Florian" und "Silke". Oder "Ich" und "Du".
"Schatzi" und "Mausi", so ein Blödsinn!
Es ist gut, allein zu leben. Es schafft Freiheit.
Nichts anderes als das war ihr Vorhaben.
Sie nahm sich die Freiheit, ihr Allein-Leben zu beenden.
Keine Wochenenden mehr, an denen sie es vergessen hatte, sich zu verabreden. Keine Freizeit mehr, die in dicken Tropfen auf das Tischtuch perlte, träge und schwer. Keine Trägheit mehr und keine Schwere. Keine "Schatzis" und "Mausis" mehr, die nur anriefen, wenn die Abwesenheit des anderen dokumentiert werden musste.
Kein schmutziges Geschirr mehr, das auch nach Tagen noch auf die kleine Anrichte passte, kein Wäschekorb mehr, der nicht voll wurde.
Sie hätte die Windowcolours vom Aquarium abkratzen sollen. Mit 42 hat man keine Aquarien, die mit transparenten Bildchen beklebt sind.
Nicht mehr darüber nachdenken müssen, was man mit 42 noch hat und was nicht mehr.
Eine Entscheidung. Eigenverantwortlich und erwachsen.
Vor den beiden Mausibechern knallte eine Jalousie auf das Fensterbrett. Eine deutliche Aussage. Sie musste minutenlang davor gestanden haben.
Unwillkürlich blickte sie sich nach dem Schmittbeugelkind um.
Es stand wie festgefroren auf der anderen Straßenseite. Im Licht der Laterne glitzerte Rotz unter der Nase.
Geh nach Hause!
Es rührte sich nicht. Vielleicht konnte es kein Deutsch.
Sie spuckte dem Kind noch einmal den selben Satz hin, unwirsch, wütend, ihre Hände verjagten ein imaginäres Insekt.
Gleich weint es, dachte sie.
Doch das Kind tat nichts. Es schaute nur. Direkt auf den Mantelknopf in Bauchnabelhöhe.
Was ist? Habe ich da was?
Vanessa blickte an sich herunter und berührte den Knopf.
Vielleicht hatte das Kind kein Zuhause. Vielleicht war es durchgebrannt oder aus dem Waisenhaus geflohen. Vielleicht hatte es jemand ausgesetzt. War es notwendig, darauf zu reagieren? Es war ihr lästig. Ebenso, wie ihr Menschen lästig waren, die auf der Straße zusammenbrachen oder bettelten, nach Wochenendtickets fragten, gaukelten, musizierten, von anderen belästigt wurden oder Wachtürme verteilen wollten. All das forderte eine Reaktion, Anteilnahme, das soziale Gewissen, Zivilcourage. Nicht, dass sie all das nicht in sich verspürte.
Sie wollte nicht reagieren müssen. Nicht heute Abend. Sie war unterwegs zum See.
Kein Platz für ein Schmittbeugelkind. Überhaupt kein Platz für irgendein Kind.
Geh weg!
Geh woanders hin!
Das Kind rührte sich nicht.
Sie drehte sich von ihm weg und ging schnellen Schrittes Richtung Park. Bald würden die Häuserreihen Lücken bilden, irgendwann würden nur noch vereinzelte, freistehende Häuser inmitten von Gärten zu sehen sein. Dann würde es sicher Angst bekommen und zurückbleiben.
Die Kälte hatte ihre Füße erreicht. Wanderte langsam die Beine hinauf, als sie den Saum des Parks erreichte. Der Himmel, schwer, von noch nicht gefallenem Schnee und hell vom gefallenen Schnee, der das Mondlicht zurückwarf. Davor, scharfe Schatten der Bäume. Nur noch ein paar hundert Meter.
Die Straße mündete in einen ungepflasterten Weg, an dessen Beginn man ein Drehkreuz passieren musste. Als sie sich, die Hand schon am Kreuz, umdrehte, war die Straße leer.
Hatte es sich vielleicht hinter parkenden Autos versteckt?
Aus welchem Grund hätte es so etwas tun sollen?
Nur aus ihrem Grund.
Zeugenschaft. Sie wollte unbegleitet gehen. Niemand sollte sehen, was sie am See tat. Sie hatte ein Recht darauf, allein zu sein. Was-wäre-wenn, das alte Spiel. Nun würde sie erfahren, was wäre, wenn. Aber die Regel war, dabei allein zu sein. Daran war sie gewöhnt. Das war ihr vertraut.
Sie durchschritt die Bäume, meterhohe Tannen, das Gefühl, in einem Zimmer zu sein. Ein kaltes, dunkles Zimmer.
Der See, eine weite Fläche Zeit. Bleichgefroren, weiß geschmückt.
Sie musste die Hände aneinander reiben, um den Knoten der Schnürbänder zu lösen. Es war schwierig, die Schlittschuhe im Stehen anzuziehen. Einmal fiel sie in den Schnee.
Es war leicht, die Eisfläche zu betreten.
Der See schien wie mit Flutlicht beleuchtet. Mondflut.
Sie versuchte ein paar weit ausgreifende Gleitschritte.
Bewegung und Rhythmus. Ein Tanz.
Eigentlich konnte sie nicht Schlittschuh laufen. Eigentlich konnte sie nichts von dem, was sie da gerade im Begriff war zu tun. Die Angst war zurückgeblieben, am Seeufer. Aber sie machte sich bemerkbar. Von dort aus.
Versinken. Ein Mantarochen sein. Oder ein schillernder, karibischer Fisch. Vielleicht ein fliegender Fisch oder einer mit großen, stillen Augen.
Nun hatte sie die Mitte des Sees erreicht. Hier also.
Sie konnte sie schon sehen.
Keine ausgreifenden, schreitenden Bewegungen. Nur ein Gleiten. Wie auf einem Laufband. Kein Mantel, eine Daunenjacke. Langes, langes Haar, glatt und hochfliegend mit dem Fahrtwind.
Da bin ich, sagte sie. Einfach nur, da bin ich.
Du also, sagte Vanessa.
- Ja. Hast du dir einen anderen Menschen vorgestellt?
- Lass mich sehen.
Das Haar, dunkel, wie die Stimme und die Jacke. Die Haut wie der See. Weiß geschmückt, hell. Darin ein Mund, den hatte sie sich genau so vorgestellt.
- Dein Mund ist so, wie du ihn beschrieben hast.
- Deiner nicht. Er sieht viel weicher aus.
- Warum wolltest du dich ausgerechnet hier mit mir treffen?
- Das habe ich dir doch in meiner Mail erklärt. Nachts auf dem See können wir einander besser erkennen. Keine Kneipenatmosphäre, kein Spaziergang, keine Begegnung, weißdergeierwo, kann das leisten.
Das Lachen der anderen. Ein schönes Lachen, wie gluckerndes Wasser.
Ein Risiko, das mit der Kontaktanzeige im Internet. Frau sucht Frau. Meine Güte! Ihre Briefe waren so wunderbar gewesen. Nicht zu glauben, die Nähe, die daraus entstanden war.
Und nun stehen sie einander gegenüber. Lächelnd und verwundert darüber, dass die Entzauberung nicht kommen will.
Komm, sagt die andere, wir sausen einmal ganz rum.
Schwindel von Geschwindigkeit. Herzklopfen von Herz. Atem. Lachen. Kleine Blicke nach rechts oder links.
Vanessa traut sich ein uuuuuuuuuuuuhhhhh!!!!!!. Weil die andere es auch macht, einfach so.
Sie haken einander unter. Unterhaken findet Vanessa eigentlich blöd, tantig, irgendwie. Aber jetzt nicht. Jetzt ganz und gar nicht. Für immer untergehakt sein. Na und? Wenn schon!
"Your love is better than icecream", ein Song von Sarah McLaughlin, den die andere ihr per Mail geschickt hatte. Wieder und wieder hatte sie den Windows Media Player angeklickt. Aber das kannst du ja noch gar nicht wissen, hatte sie gedacht.
Bestürzend unwissend singen sie, weil es so schön hallt, über den See.
Noch im Singen und Kichern bremst die andere plötzlich, sodass Vanessa erschrickt und wegrutscht.
- Guck mal, da liegt was im Schnee.
Ein Bündel vielleicht. Oder ein Baumstamm mit Flügeln. Oder eine Tasche.
Ihre Hose ist durchnässt, an den nackten Beinen darunter bildet sich eine Gänsehaut. Vanessa rappelt sich am Arm der anderen auf und sieht genauer hin. Sie fahren zum Ufer, zu der Stelle im Schnee.
Das Schmittbeugelkind liegt da wie tot. Es hat sich Flügel aus Schnee gemacht, indem es die Arme offensichtlich entsprechend bewegt hat. Die Augen hält es geschlossen. Der Rotz an der Nase gefroren.
Die andere zieht ihre Jacke aus, nimmt das Kind auf und legt es in die Jacke.
- Nicht einschlafen! Du darfst nicht einschlafen! Alles wird gut!
Vanessa zieht die Schlittschuhe aus und dem Schmittbeugelkind ihre dicken Socken an. Massiert die Füße. Spricht Worte, sanft und weich.
Die andere spricht auch, alles, was ihr einfällt, und streicht dem Kind über das Gesicht, den Leib, die Arme und Beine.
Nach Minuten öffnet das Kind die Augen und sieht Vanessa an.




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Eingereicht am 31. Januar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.