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Die kleine Schneeflocke

Eine Weihnachtsgeschichte von A. Barbina


Ruhig und friedlich schlummerte die kleine Schneeflocke vor sich hin, in ihrem warmen, weichen Wolkenbettchen, als eine Glockenmelodie sie sanft aus dem Schlaf weckte. Gähnend und streckend erhob sie sich und blickte sich um. Auch die anderen Schneeflocken kamen aus den Wolken hervor und sahen ebenso verschlafen aus.
Ein Engel aus hellem Licht kam zu ihnen geschwebt und verlas von einer goldenen Nachricht, dass es nun an der Zeit war, die Welt für eine Weile zu besiedeln und auszukundschaften. Die wahre Aufgabe der Schneeflocken war es nämlich nicht, den Menschen eine schöne, weiße Landschaft zu zaubern, sondern die Welt zu beobachten und an Gott zu berichten. Besonders vor Weihnachten war es wichtig, sich umzuhören, ob alles mit rechten Dingen zuging, oder ob es wieder einmal an der Zeit war, dass scharenweise Engel auf die Erde schwebten, um die Menschen einander näher zu bringen oder in schwierigen Phasen zu unterstützen.
Dies herauszufinden, war die Aufgabe der Schneeflocken. Die kleine Schneeflocke war sehr stolz auf ihre Aufgabe und nahm sie sehr ernst. Schon schlüpfte sie in ihren weißen Mantel und zog sich ihre weiße Kapuze auf den Kopf, die sie vor Kälte schützen sollte (auch, wenn man es nicht glaubt, auch Schneeflocken frieren sogar), und sprang munter und fröhlich an den Rand der Wolke in eine große, hölzerne Schale. Als einige Schneeflocken darin Platz genommen hatten, wurde diese Schale von dem leuchtenden Engel umgedreht und die kleine Schneeflocke segelte mit den anderen hinunter auf die Erde. Den Plan, wo ihr Gebiet sich befinden würde, hatte sie schon letztes Jahr erhalten, bevor sie ihren Sommerschlaf angetreten hatte. Zu aller erst würde sie sich eine Weile auf einem Kirchturm aufhalten, dann würde sie hinunter segeln und als Schneeball an ein Haus einer Familie getragen werden, wo sie den Rest ihres Einsatzes verbringen würde.
Während sie langsam auf ihr erstes Ziel zu schwebte, konnte sie schon den Plätzchenduft vernehmen, der in der Luft lag. Die Menschen machten immer so herrliches Weihnachtsgebäck, auf das manchmal selbst die Engel im Himmel neidisch waren. Denn die hatten nur Blütennektar und süße Tautropfen, aber kein Marzipan und Nougat. Die kleine Schneeflocke musste immer versprechen, ein Plätzchen mitzubringen, das dann in einem Zauberofen im Himmel in unendlicher Menge vervielfältigt werden konnte und im ganzen Engelsreich verteilt wurde.
Endlich war sie auf dem Kirchturm gelandet und machte es sich dort gemütlich. Sie hatte eine Thermoskanne warmen Tee dabei und eine Decke, die keine Kälte durch ließ. Als sie ihren Notizblock und einen Stift hervor geholt hatte, begann sie mit ihren Beobachtungen.
Wie jedes Jahr gab es viele, verschiedene Menschen, mit vielen, verschiedenen Stimmungen.
Eine jüngere Frau hetzte gestresst mit einem teuren Pelzmantel, einem übertrieben geschminkten Gesicht und dicken Einkaufstüten an den anderen Menschen vorbei; auf ihrem Gesicht zeichnete sich ein verbissener, genervter Ausdruck. Warum machten sich manche Menschen so viel Stress um Weihnachten? War es wirklich eine so unzumutbare Angelegenheit, sich Gedanken um seine Mitmenschen zu machen und kleine Freuden für diese zu besorgen? Das einzige Problem an dieser Sache war, dass diese Frau es, wie so viele andere, nur aus Pflichtgefühl heraus tat und sich bedauerte, dass sie einen Nagelstudiotermin weniger wahrnehmen konnte. Das Herz dieser Frau schlug in erster Linie nur für sich selbst, kein Wunder, dass sie nicht glücklich sein konnte und alleine jeder Gedanke daran, einmal anderen eine Freude zu machen, für sie untragbar war. Die Schneeflocke zeichnete betrübt einen Minuspunkt auf ihren Zettel.
Als nächstes eilte ein Mann mit verträumtem Gesicht vorbei. Er dachte daran, was ihm seine Frau wohl zu Weihnachten schenken würde und was er wohl vom Rest der Familie geschenkt bekommen würde. Bei dem Gedanken an das Weihnachtsessen lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Auch er hatte eine Tüte in seiner Hand, in der sich teure Geschenke befanden. Denn er hoffte, dass er mit Großzügigkeit ebenfalls Großzügigkeit zurück bekommen würde und seine Geschenke ebenfalls große und teure Sachen von bester Qualität sein würden. Seufzend machte die kleine Schneeflocke erneut einen Strich auf den Zettel.
Nach einer Weile kam eine alte Frau an einem Stock an dem Kirchturm vorbei. Ihre traurigen Augen verrieten, dass sie an ihre Familie dachte und an ihre Enkelkinder, die zu Weihnachten mit ihren Eltern feiern würden; und sie sehnte sich danach, im Kreis ihrer Familie zu sitzen und mit ihnen Weihnachtslieder zu singen. Sie sehnte sich nach glücklich leuchtenden Kinderaugen und nach einem harmonischen Fest, das sie nicht alleine verbringen musste. Ein Pluszeichen erschien auf dem Notizblock der Schneeflocke.
Am nächsten Tag ließ sich die kleine Schneeflocke auf den Schulranzen eines Jungen fallen, der auf dem Heimweg war. Es war der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien gewesen und er freute sich darüber, dass das Fest so nahe gerückt war. Sofort, wenn er nach Hause käme, würde er sein heutiges Türchen seines Adventskalenders öffnen.
Bevor er durch die Türe trat, sprang die Schneeflocke ab und schwebte auf die Fensterbank, von wo aus sie einen guten Blick in Küche und Wohnzimmer hatte. Die Mutter holte gerade frisch gebackene Plätzchen aus dem Ofen und begrüßte ihren Sohn mit einem freundlichen Lächeln. Sie freute sich auf die Weihnachtstage und war schon seit vielen Tagen mit den Vorbereitungen beschäftigt. Das ganze Haus hatte sie mit Weihnachtsschmuck dekoriert, die Pläne für das Weihnachtsessen hatte sie aufgeschrieben und die Einkaufsliste fertig gemacht, und heute Nachmittag würde sie mit ihrem kleinen Sohn, der noch zur Grundschule ging, Weihnachtssterne basteln und Weihnachtslieder hören. Mit einem Lächeln schrieb die Schneeflocke erneut einen Pluspunkt auf den Zettel.
Langsam machte sie sich daran, wieder nach Hause in den Himmel zurückzukehren und bei Gott den Bericht abzugeben. Dieser war zwar nicht berauschend gut, aber auch nicht abgrundtief schlecht. Es herrschte ein Gleichgewicht zwischen hell und dunkel, zumindest nach den Erkundigungen der kleinen Schneeflocke, was die anderen Schneeflocken in Erfahrung gebracht hatten, wusste sie nicht. Was die Schneeflocke dieses Jahr gelernt hatte, war, dass es zwar schwerer war, Licht auf der Welt zu finden, als Dunkelheit, aber dass es durchaus möglich war, Licht zu finden, wenn man an den richtigen Stellen danach suchte.
Als niemand mehr in der Küche war, schlüpfte sie geschickt durch eine Fensterritze und stibitzte ein Plätzchen für die Engel, als sie sich von dem Wind wieder zurück tragen ließ, in die Geborgenheit der weißen Wolken, bis sie sich nächstes Jahr erneut ihrer Aufgabe annehmen würde.


Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.


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