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Weihnachtsgrüße

Eine Weihnachtsgeschichte von Peter Nikolaus


Kommissar Werner Hetzler hatte sich am Vorabend des heiligen Abends bei seinem Freund und Vorgesetzten, Direktor Herbert Berger, zum Essen eingeladen, wie es in den letzten drei Jahren immer der Fall gewesen war.
Pünktlich um 17.00 Uhr, obwohl es gut wie nichts zu tun gab im Kommissariat von Solingen, stand Werner Hetzler von seinem Schreibtisch auf, nachdem er stundenlang seine Unterschriften unter Dokumente gesetzt hatte, die ihm seine Mitarbeiter reingereicht hatten. Doch trotz des pünktlichen Aufbruchs sollte es nicht zu dem alljährlichen Treffen um 18.00 Uhr kommen.
Auf der Treppe vom 2. Stock in den 1. Stock begegnete Hetzler dem Postboten, der ihm freundlich "Fröhliche Weihnachten!" wünschte. Verärgert nahm er die Briefe entgegen, die überall anders auf der Welt bereits am Vormittag eingetroffen wären. "Ihnen auch! Und falls wir uns nicht mehr sehen werden vor Neujahr - überdenken Sie Ihre guten Vorsätze!"
Trotz der schönsten Jahreszeit von allen, wie Hetzler fand, hatte er schlechte Laune, wie immer, wenn es nichts zu tun gab - sowohl privat als auch beruflich. Die Weihnachtsgeschenke für seine beiden Kinder und seine Ehefrau hatte er bereits seit einem Monat beisammen, der Weihnachtsbaum fing bereits an, die Nadeln zu verlieren und im Kommissariat war ebenfalls tote Hose. Er hasste es, nichts zu tun zu haben.
Umso neugieriger wurde er, als er unter den Briefen einen in Farbe und Gestalt von den anderen abweichenden Brief betrachtete. Er steckte in einem roten, halb so großen Umschlag wie es üblich war. Neugierig las er sich den Text durch:
Wo kein Schnee liegt, darf Auto gefahren werden.
Fröhliche Weihnachten, ein Freund
Hetzler stutzte. Wollte ihn der Verfasser dieses Textes verarschen? Er las sich die Anschrift noch einmal genau durch:
Hauptkommissar Werner Hetzler, Mordkommission Taubenstr. 23
Es gab keinen Zweifel. Die Weihnachtsgrüße waren an ihn gerichtet. Doch was hatte dieser Satz zu bedeuten: Wo kein Schnee liegt, darf Auto gefahren werden? Er konnte es sich nur damit erklären, dass sich jemand einen Scherz erlaubt hatte und schloss sein direkt vor dem Kommissariat im Parkverbot parkendes Auto auf. Wo kein Schnee liegt, darf Auto gefahren werden. Was hatte es mit diesem Satz auf sich?
Langsam fuhr er die Taubenstraße lang und bewunderte die weißen Häuser links und rechts. Es war fast ein Wunder, dass es in Solingen geschneit hatte, wenn auch nicht viel, es reichte, um sich auf Weihnachten einstimmen zu können. Seine schlechte Laune verflog, zumal er sich endlich wieder mit einer Aufgabe befassen konnte: was bezweckte der Autor des Briefes mit diesem Satz? Gründlich sah er nach rechts und links, überall lag Schnee. Ein etwa dreizehnjähriges Mädchen schupste ihren Hund in den Schnee, der daraufhin zu jaulen anfing und panisch das Weite suchte.
Wo liegt kein Schnee? Wo darf man Auto fahren? Durch eine plötzliche Eingebung fiel es ihm ein: in einem Parkhaus. Wo war das nächste Parkhaus?
Er beschleunigte, fasziniert von der Einfachheit des Rätsels. Nur zehn Minuten später war er in der Winkelstraße und fuhr zur Einfahrt des Parkhauses, zog ein Ticket und fuhr hinein. In der 1. Etage war nichts ungewöhnliches zu sehen. Vier Autos parkten dort, wo für zweihundert Platz waren. In der 2. Etage bot sich dem Kommissar ein ähnliches Bild. Als er die Abfahrt zur dritten Etage hochfuhr, hörte er Sirenengeheul. Er nahm es nur unbewusst war, da er sich voll und ganz seiner Aufgabe widmete. In der dritten Etage wurde er fündig. Ein Mann von vierzig Jahren schoss auf seinen Wagen zu und Hetzler wurde gezwungen, abrupt zu bremsen.
"Was ist denn los?", fragte der Kommissar neugierig.
Der Mann deutete auf eine alte Frau, die am Boden lag. "Ich habe gerade die Polizei gerufen - warten Sie mit mir?"
Der Mann schien schwache Nerven zu haben.
"Ich bin von der Polizei - Hetzler, Mordkommission!", stellte er sich vor und zeigte seinen Ausweis.
Der Mann wurde weiß im Gesicht, Hetzler fürchtete schon, er würde umkippen.
"Ich bin rein zufällig hier - es hat nichts mit dem Unfall zu tun!", beeilte sich der Kommissar zu ergänzen und sah, wie die Farbe in den Mann zurückkehrte. Danach untersuchte er die Frau und stellte ihren Tod fest.
"Wo haben Sie sie gefunden?", fragte er neugierig.
"Sie lag in einem Einkaufswagen!", sagte Wilfried Müller, der sich als dieser kurz zuvor zu erkennen gegeben hatte. Er deutete auf die Reihe Einkaufswagen, die neben einem Aufzug stand, der zu einem Großhandel über dem Parkhaus fuhr. Hetzler alarmierte seine Kollegen und die Spurensicherung und schickte Herrn Müller mit einem "Fröhliche Weihnachten!" nach Hause.
"Tut mir Leid, Herbert, das mit dem Essen wird wohl heute Abend nichts mehr!"
"Hast du wieder einmal eine Leiche aus dem Rhein gefischt? Na dann, trotz allem, fröhliche Feiertage!"
Es war das dritte Mal in Folge, dass Hetzler ein Abendessen bei Berger abgesagt hatte und schon beim letzten Mal musste er schwören, dass es nicht an den Kochkünsten dessen Frau Sandra lag. Sein Beruf forderte eben große Flexibilität.
Frederik Burgsmüller, der Leiter der Spurensicherung, trat mit langsamen Schritten auf den Kommissar zu. "Gibt es in diesem Haus denn keine Überwachungskamera?", fragte er.
Gerade hatte Burgsmüller die Untersuchungen abgeschlossen und war zu dem Schluss gekommen, dass das Opfer überfahren worden war. Es musste also mit allergrößter Wahrscheinlichkeit im Parkhaus passiert sein.
"Ich denke schon!", antwortete Hetzler und deutete auf eine Überwachungskamera.
Da der Tod laut Diagnose des Arztes vor rund vierundzwanzig Stunden eingetreten war, sahen sie sich die Bänder vom Vortag an und entdeckten den Täter. Es war eine blutjunge, hübsche, junge Dame gewesen, die die alte Dame umgefahren, ihren Tod festgestellt, und die Dame spontan in den Einkaufswagen geschleppt hatte - und zwar in einen der hintersten, von wo aus sie für die Benutzer der Einkaufswagen nicht sichtbar gewesen war. Müller hatte vorher ausgesagt, er wäre durch den starken Geruch auf die Leiche aufmerksam geworden und hätte sie, da er sie zuvor nicht als solche erkannte, herausgeholt und versucht haben, sie wiederzubeleben.
Das Video zeigte auch noch eine weitere Handlung der Täterin. Sie holte aus einer Einkaufstüte eine Menge roter Umschläge und ein Blatt Papier. Dann ging sie aus ihrem Auto zu der Telefonzelle neben dem Aufzug, nahm das Telefonbuch mit und las. Als sie die Adresse gefunden hatte, die sie suchte, fing sie an zu schreiben...


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