Neuerscheinung
Heiligabend überall. Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest. Dr. Ronald Henss Verlag. 2004.
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LAMETTA

Eine Weihnachtsgeschichte von Timothy McNeal


(1)
Sie gehörten zu den ersten, die wieder draußen waren; sie hüpften, trampelten auf der Stelle, die Hände in den Manteltaschen, sahen sich an.
Allmählich kamen nun die Besucher heraus, die weiter vorne gesessen hatten, ältere zumeist; es blieb nicht mehr viel Zeit.
Stakkatohaft wurden Satzfetzen durch die Atemsäulen gestoßen, Zigaretten herumgereicht, mit abgewandten Körpern angezündet, hinter dem Rücken versteckt.
"Was macht ihr morgen?"
"Familie."
"Am zweiten?"
"Weiß nicht."
"Treffen wir uns?"
Sie standen im Kreis, vier, fünf, ein sechster, siebenter traten hinzu; sie drifteten heran wie Treibholz und verharrten für die kurze Zeit, die ihnen verblieb, bis ihre Eltern ebenfalls herausgekommen waren und nach dem obligatorischen Austausch der Festtagswünsche mit Bekannten und Nachbarn durch das Labyrinth des überfüllten Parkplatzes zu ihren Autos gefunden hatten.
"Wie war´s, was denkst du?"
"Nicht schlecht."
"Der Chor war gut."
"Phantastisch, die Bläser."
"Gute Rede."
Lachen, Augen, die jetzt schon begannen sich umzusehen; wo, wie weit waren die Eltern?
Hektischer wurden ihre Bewegungen, hastiger wurde geraucht.
"Ich saß direkt unter der Empore, sah den Dirigenten als Schatten an der Wand."
"Kein Schatten ohne Gestalt."
"Schattenboxer."
Fast zu lautes Lachen, Zigaretten wurden schon fallengelassen, ausgetreten.
"Alle frei übermorgen?"
"Wir treffen uns."
"Einen Gang machen."
"Vielleicht schneit´s doch noch."
"Bringt was zu trinken mit."
Schon war alles gesagt, nur wenige Leute standen noch vor dem Portal, drängendere Rufe der Eltern - nicht so laut, heute - und doch standen sie immer noch beisammen, nun wieder beide Hände in den Manteltaschen, sahen sich an, traten auf der Stelle.
"War gut heute, was?"
"Ja, war schon schlechter."
"Klasse Musik."
"Wenn man bedenkt, dass es Schatten waren."
"Gute Interpretation."
"Ja, hat viel rausgeholt."
"Hätte ich ihm gar nicht zugetraut."
"Ohne Schmus und Schmonzes."
"Also, bis zum zweiten."
Es war höchste Zeit; schwerfällig lösten sie sich aus dem Kreis, blickten zurück, winkten. Es tat gut zu wissen, dass man sich am zweiten Feiertag wiedersehen würde.

(2)
Der Soldat saß im Bahnhofskino, um die Zeit bis zu seinem Anschlusszug zu überbrücken. Das Kino war fast leer; er hatte Seesack und Koffer auf die beiden Sitze neben sich gestellt, seine Beine auf die Rückenlehne vor sich gelegt; in der einen Hand hielt er einen Flachmann, eine Zigarette in der anderen.
Er hatte die Augen halb geschlossen und blinzelte in die Wintersonne eines Werbespots, die von einer märchenhaften Schneelandschaft reflektiert wurde. Ein Mann fuhr im Pferdeschlitten zu Tal, um dort sein Rasierwasser geschenkt zu bekommen.
Vielleicht war es ganz gut, dass er nach der Feiertagsdienstbefreiung sofort zum Lehrgang abkommandiert war; dann hatte er das Gröbste hinter sich und konnte in Ruhe seiner Beförderung entgegensehen.
Helen würde weinen, wenn er nach solch kurzer Zeit wieder abreiste, mit der Perspektive, ihn nur alle paar Wochen einmal zu Gesicht zu bekommen.
Zuhause saßen sie jetzt zu Tisch; Kartoffelsalat und Würstchen würde es geben, wie schon seit Urgroßelternzeiten. Er wusste, dass es später, bei Helen und ihm, ebenfalls Kartoffelsalat und Würstchen geben sollte; in einer Zeit, da alles Tradierte schon fast verdächtig war, musste das Individuum eben selbst sein Minimum an Kontinuität, Tradition erschaffen.
Er würde seine Zeit eh zerteilen müssen, Großeltern, Eltern, Helen; Treffen mit Ehemaligen nach der Kirche, hoffentlich!
Komisches Fest, bei dem man nicht zur Besinnung kam.
Er würde gerne länger bleiben, mit jemandem reden; er erinnerte sich, dass ihm mehr als einmal zum Heulen gewesen war. Doch wie würde es wohl aussehen, wenn er das propagierte Ziel nicht erreichte?! Reserveoffizier, Studium, Helen.
Als der Mann auf der Leinwand sein Rasierwasser mit dem Ausdruck höchster Verzückung aus Feenhänden in Empfang nahm, läuteten die Glocken, und der Soldat merkte, dass er weinte.

(3)

Herbert Schuster ging auf dem Bahnsteig auf und ab, rauchte Kette. Schon zehn Minuten Verspätung; noch fünf, und er würde seinen Anschluss verpassen.
Schöne Bescherung.
Die Kinder waren eigentlich alt genug, die Verzögerung zu verstehen. Würde Gabriele alleine mit dem Truthahn zurechtkommen?
Als Schuster die beiden Militärpolizisten gewahrte, erinnerte er sich, dass er auch einmal in Uniform den Heiligen Abend auf diesem Bahnhof verbracht hatte.
War ihm sein Leben seinerzeit nicht beschwerlich erschienen? Lieber ein Dutzend der damaligen Lehrgänge als ein Meeting mit diesen Haien heute; Umsatzsoll nicht erfüllt! Wie denn auch bei der Konjunktur?
Helen hatte bei ihrer Trennung geweint ...
Er wunderte sich, dass in der MP Soldaten mit solch kleiner Statur Dienst taten, noch dazu Brillenträger; ob die sich überhaupt durchsetzen konnten? Er jedenfalls hatte sich durchgesetzt, auch ohne Studium.
Ein großgewachsener Schwarzer in Uniform torkelte an Schuster vorbei; einer der beiden Militärpolizisten fasste den Neger am Arm, sagte etwas zu ihm. Der Betrunkene vollführte eine halbe Körperdrehung, und der kleine bebrillte Soldat flog etwa einen Meter zur Seite. Der zweite zog seinen armdicken Gummiknüppel und hieb ihn zweimal in das Gesicht des Schwarzen; noch während dieser zusammensackte, konnte man die beiden hellen Striemen sehen. Die beiden schleppten den Betrunkenen den Bahnsteig entlang, Richtung Ausgang.
Schusters Zug war eingelaufen, aber er bemerkte es nicht. Er hatte sich auf seinen Koffer gesetzt, die Unterarme auf die Knie gelegt, die Hände gefaltet.
Er starrte zu Boden.




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Eingereicht am 18. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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