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Das Wunder an der Sieg

Eine Weihnachtsgeschichte von Heinz Ohnezeit


Hans Bremer stampfte schwerfällig durch den tiefen Schnee. Ludwig, sein 10-jähriger Sohn, war ihm schon weit voraus geeilt. Der Junge schien heute sehr lebhaft und völlig verändert.
"Vater, beeil' dich doch ein bisschen!"
Ludwig beugte sich nieder, formte mit den Händen einen kleinen Schneeball und warf die kleine, weiße Kugel dem Vater entgegen.
"Wenn du weiter so bummelst, kommen wir zu spät zur Christmesse!"
Hans verstand nicht, weshalb der Junge so freudig erregt war. Lag es daran, dass Weihnachten war? Oder hatte er einfach nur die Krankheit der Mutter verdrängt?
Natürlich sind Kinder unbeschwerter als Erwachsene, doch Ludwig war in den letzten Wochen sehr still geworden, fast schon zu still. Da konnte man sich doch schon über die plötzliche Euphorie wundern.
Ludwig blieb stehen und wartete bis der Vater bei ihm war.
"Schade, dass Mutter nicht mitkommen konnte, aber ich weiß, sie wird bald wieder gesund und dann wird alles wieder wie es einmal war."
Der Junge schaute einen Augenblick traurig auf seine Stiefelspitzen, formte mit den Sohlen einen runden Kreis in den glitzernden Schnee, ehe er lächelnd fortfuhr.
"Ich werde heute für Mutter beten. Du wirst sehen, dann wird sie bald wieder gesund werden."
Ludwig sah den Vater mit großen Augen an. Er wartete auf eine Antwort der Zustimmung, vielleicht auch nur Trost.
Hans Bremer strich seinem Sohn eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Am liebsten hätte er den Jungen in den Arm genommen und einfach losgeheult.
Nein, die Hoffnung von Ludwig teilte er nicht. Die Ärzte wussten nicht, woran die Mutter des Jungen erkrankt war. Wie also sollte sie geheilt werden?
Vor genau einem halben Jahr ist es geschehen. Elisabeth, seine Frau, legte sich abends ins Bett - keine Schmerzen, keine Anzeichen einer Krankheit. Als sie am anderen Morgen aufwachte waren die Beine und der Rücken gelähmt. Einfach so!
Ja, wenn sie genug Geld hätten, für einen guten und teueren Arzt. - Aber so?
Hans war nur Tagelöhner beim Großbauern, das Geld reichte gerade mal um satt zu werden. Auch sonst gab es niemanden, der ihnen helfen konnte.
Die Glocken im Kirchturm begannen zu schlagen und zerrissen mit ihrem Ding-Dong" die mitternächtliche Ruhe. Laut klangen sie durch die Nacht und riefen auch den letzten Gläubigen zur Messe.
Ludwig zerrte den Vater die Stufen zum Kirchtor empor. Ungeduldig drängte er den Vater ins Innere.
Wie in jedem Jahr erstrahlte die Kirche in festlichem Weihnachtsglanz. Hans Bremer war mit einem mal fest davon überzeugt, dass Ludwig recht hatte, denn er fühlte eine Leichtigkeit in seinem Herzen emporsteigen. Lag es an der besonderen Festlichkeit? Oder war heute wirklich ein Tag, der für Wunder geschaffen schien?
Die Kirche war wie immer an den Weihnachtstagen restlos überfüllt. Ganz Siegburg schien auf den Beinen zu sein um der Predigt des Abtes zu lauschen. Sogar die Bauern, Knechte und Mägde von den großen Höfen im Siegtal waren an diesem Abend gekommen.
Nur mühevoll gelang es Vater und Sohn, noch einen Platz im Kircheninneren zu ergattern.
Als die Messdiener ihre Glöckchen bimmeln ließen und die Orgel laut durchs Kirchenschiff klang, verstummten die Geräusche ringsum. Die Anwesenden fielen in ein andächtiges Schweigen. Hans Bremer lauschte voller Ehrfurcht der Zeremonie und für eine kurze Zeit vergaß er seine Sorgen um Elisabeth.
Ludwig bekam von all dem nichts mit. Andächtig faltete er die Hände und wenn der Vater einmal zu ihm herübersah, bemerkte er das kaum. Der Junge schien in einer anderen Welt entrückt zu sein.
"Vater, lass uns heute am Siegufer entlang gehen."
Ludwig hatte das Gefühl, sie müssten diesen Umweg am Fluss entlang machen. Zwischen den anderen Leuten strömten sie aus der Kirche hinaus ins Freie. Hans Bremer zog tief die frische, klare Winterluft ein. Die Sorge um die kranke Frau daheim kehrte wieder zurück.
"Deine Mutter ist doch allein zu Haus. Sie wird sich Sorgen machen", versuchte er seinen Sohn von dessen Vorhaben abzubringen.
Doch Ludwig blieb unbeirrt. Er zog den Vater am Arm, der ihm nur wiederstrebend folgte.
Das Gelände am Ufer des Flusses war dunkel und unwegsam. Nicht dass Hans Bremer ein Angsthase war, doch in der Dunkelheit waren kaum mehr als Schatten zu erkennen. Der Mond wurde von dicken Wolken, aus denen es wieder zu schneien begann, verdeckt. So fiel nur wenig Licht auf die mitternächtliche Erde.
Vater und Sohn sahen sich immer wieder um, wobei Ludwig nicht, wie der Vater, nach möglichen Strauchdiebe Ausschau hielt. Nein, es sah eher danach aus, als suche er nach etwas Bestimmten.
Fast gleichzeitig sahen sie den Mann, der nahe dem Wasser kauerte. Eingehüllt in seinem Fellmantel bibberte er in der klirrenden Kälte vor sich hin.
"Fehlt ihnen was? Sind sie krank?" Ludwig legte seinen Arm vertrauensvoll auf die Schulter des Alten. In dessen Bart glitzerte der Reif, als er den Jungen kopfschüttelnd ansah.
"Aber Sie werden in der Kälte erfrieren." Flehend sah der den Vater an.
"Bitte Vater, kann er nicht mit zu uns nach Haus kommen? Der Herd brennt und wird ihn wärmen. Und ein Stückchen von der Gans wird sicherlich auch noch übrig sein."
Wie konnte ein Vater so eine Bitte abschlagen? An einem heiligen Abend?
"Nun denn, alter Mann. Unsere Gans ist sicher nicht die Größte, und Fett hat sie auch keins abbekommen, aber ich denke, dass ich mich der Einladung meines Sohnes anschließe."
Hans Bremer machte eine kurze Pause, versuchte sein Gegenüber kurz abzuschätzen, ob von diesem auch wirklich keine Gefahr ausgehen könnte.
"Seien Sie heute unser Gast. Am heiligen Abend sollte niemand in der Kälte sitzen."
Der Alte murmelte so etwas wie "danke", erhob sich laut grummelnd und folgte den beiden mit schlurfenden Schritten. Dabei stütze er sich er sich auf einen Ast, den er sich von einem knorrigen Baum abbrach.
Ludwig ging schweigend neben dem Mann her und schaute ihm immer wieder ins Gesicht. Was erhoffte er hinter dem Berg von zerzausten Haaren zu erkennen?
Der Alte strich dem Jungen liebevoll über den Kopf und knuffte ihn sanft in die Seite. Dabei funkelten seine Augen Ludwig listig und vertrauensvoll an.
Der Junge fühlte sich mit einemmal froh und erleichtert, fasste den Mann bei der Hand und beschleunigte seine Schritte.
"Mutter wird sich auch über diesen unerwarteten Gast freuen", dachte er bei sich.
Einige Minuten später erreichten sie die kleine Hütte. Ohne seinen Mantel auszuziehen, eilte der Vater ins Schlafzimmer, um zu sehen, ob mit Elisabeth alles in Ordnung war.
Ludwig blieb mit dem alten Mann allein in der Stube zurück. Er nahm einen Stuhl, stellte ihn vor den Herd und forderte seinen Gast auf, sich zu setzen.
Dieser nahm dankbar nickend an und rieb sich die Hände über der wärmenden Feuerstelle. Dann sah er sich im Raum um.
"Wo ist euer Weihnachtsbaum?" Seine Stimme war rau, aber sie klang warm und freundlich.
Ludwig hob die Schultern. Resignierend antwortete er: "Wir haben dieses Jahr keinen. Vater sagt, ohne Mutter würde ihn das nur traurig machen."
"Was ist mit deiner Mutter?" Der alte Mann zog den Jungen zu sich heran, tätschelte ihm liebevoll die Wange. Ludwig erzählte ihm von der unheilbaren Krankheit seiner Mutter. Nur mit Mühe gelang es ihm, die Tränen zurückzuhalten.
"Komm!", sagte der Alte und zog Ludwig mit nach draußen. Zielstrebig steuerte er auf den kleinen Schuppen zu und fand ohne Probleme die Axt, nach der er suchte. Dann gingen sie gemeinsam hinüber zu dem kleinen Wäldchen.
Als der Vater die Schlafzimmertür hinter sich schloss und auf den festlich geschmückten Weihnachtsbaum sah, wusste er nicht, ob er nun zornig werden, oder sich freuen sollte.
Noch bevor er etwas sagen konnte, legte der Alte ihm den Zeigefinger auf die Lippe und gebot ihn zu schweigen. Dann schob er Hans Bremer beiseite und betrat, ohne zu fragen oder gar anzuklopfen das Schlafzimmer.
Hans stieg die Zornesröte ins Gesicht. Diese Dreistigkeit wollte er sich nun doch nicht bitte lassen. as fiel dem Alten ein? So darf man sich doch nicht als Gast in einem fremden Haus benehmen. Wütend packte er den Mann bei den Schultern und wollte ihn zurückziehen.
Ludwig, der sich zu den beiden Männern gesellt hatte, griff nach dem Arm des Vaters.
"Nein bitte nicht Vater. Mutter wird sich freuen ihn zu sehen. Bitte Vater, ich weiß es!"
Nur wiederstrebend ließ er von dem Alten ab. Dieser schloss leise die Tür hinter sich zu.
Hans Bremer ging zum Küchenschrank, nahm die kleine, schon vorgebratene Gans heraus und schob sie in den Backofen. Doch seiner Empörung konnte er noch lange nicht Herr werden.
Es dauerte fast eine ganze Stunde, bis der Alte wieder aus dem Schlafzimmer der Mutter kam. Wortlos ging er zu seinem Stuhl und setzte sich wieder an den Ofen. Im Vorübergehen lächelte er Ludwig zu und zwinkerte dabei leicht mit dem rechten Auge.
Der Vater saß stumm am Tisch. Noch immer grollend bemerkte er auch nicht, dass sich ihm jemand leise von hinten näherte.
Ludwig hielt den Atem an. Er konnte nicht glauben was er da sah.
Ganz vorsichtig kam die Mutter aus dem Zimmer. Noch etwas wackelig auf den Beinen, aber sie konnte laufen.
Der Junge wollte aufspringen, auf die Mutter zu laufen, doch der Alte hielt ihn zurück. Erst als der Vater bemerkte hatte, dass plötzlich seine Frau hinter ihm stand, ließ er den Jungen frei.
Die kleine Familie stand lange engumschlungen in der Mitte des Raumes. Ihr Glück kaum fassend, sahen sie sich einander lange Zeit schweigend an. Niemand von ihnen bemerkte, dass ihr Gast das Haus verlassen hatte.
Bis in die frühen Morgenstunden brannte noch das Licht in der kleinen Hütte. Jeder von ihnen wusste, dass an diesem heiligen Abend ein kleines Wunder geschehen war und dass der alte Mann etwas damit zu tun hatte.
Die Mutter hatte nie ein Wort darüber verloren, was in jener Nacht in ihrem Schlafzimmer geschehen ist. Bis über den Tod hinaus schwieg sie dazu und nahm das Geheimnis mit ins Grab.




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Eingereicht am 04. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.