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Ein ungewöhnlicher Weihnachtswunsch

Eine Weihnachtsgeschichte von Manuela Wirbel


Es war ein Winter der ungewöhnlich viel Schnee mit sich brachte. Die Pflanzen und auch so manche Tiere die ihren Winterschlaf hielten, schliefen unter einer dicken Schneedecke. Es war kurz vor Weihnachten. Viele Menschen waren unterwegs auf den Straßen um noch die letzten Weihnachtseinkäufe zu machen.
Sebastian stand in der Fußgängerzone mitten im Weihnachtsmarkt und beobachtete die vielen Menschen die dort lachten oder auch grimmig dreinschauten. Er hatte sich eine Tüte Maroni gekauft, die er mit großem Appetit aß. Er liebte diese Jahreszeit, alles war so märchenhaft, nur die Menschen nicht. An einem Stand neben ihm versuchte eine Frau die eine Weihnachtskrippe erwerben wollte, diese runterzuhandeln. Man hörte sie laut auf dem ganzen Weihnachtsmarkt: "Sie können doch wenigsten 50 € runtergehen, schließlich kaufe ich ja die Krippe und die gesamten Figuren dazu. Jetzt stellen Sie sich doch nicht so an, bei einem Betrag von 500 € müssen doch 10 % drin sein. Wenn Sie sich weiter so stur stellen, dann kaufe ich sie an einem anderen Stand. Anscheinend wollen Sie kein Geschäft machen." Ein Mann stand daneben, der sie am Ärmel zerrte und versuchte auf sie einzureden, das war wohl ihr Ehemann. Der schaute sich um und war unheimlich verlegen, er schämte sich für seine Frau, das war zu spüren.
War das Weihnachten? Der Mann an dem Krippenstand hatte alles von Hand geschnitzt und auch die Krippe selbst zusammengebaut, eigentlich ist so etwas unbezahlbar, dachte sich Sebastian. Er ging ein Stückchen weiter, da stand ein kleines Mädchen das stampfte und heulte bitterlich: "Ich will aber diese Marionette haben, ich will, ich will! "Uäh"!!! Die Mutter zog das Kind weiter, redete auf die Kleine ein, doch ohne Erfolg. Jeder schaute den beiden nach!
Da plötzlich hörte Sebastian einen wunderschönen Gesang! Es war ein Kinderchor, der verkleidet als kleine Engel in der Mitte des Marktplatzes. Sie sangen wunderschöne Weihnachtslieder. Endlich mal etwas weihnachtliches, dachte Sebastian. Er lauschte ihnen zu und als sie "Vom Himmel hoch da komm ich her" sangen, summte er leise mit! Die Weihnachtszeit hatte doch noch eine schöne Seite.
Sebastian schaute auf die Uhr! Oh, es war schon fast 15.30 Uhr und er musste schnellstens nach Hause, denn sein Vater und er wollten heute in den Wald gehen und einen Christbaum aussuchen. Sein Vater war Jäger und hatte vom Förster die Genehmigung immer an Weihnachten aus einem bestimmten Bezirk im Wald einen Weihnachtsbaum selbst zu schlagen. Das war immer eine aufregende Sache, denn mitten im Winter bei so viel Schnee, da musste man durch den tiefen Schnee stampfen und es waren viele Waldtiere zu sehen.
Er beeilte sich und kam gerade noch rechtzeitig. Sein Vater fuhr schon in die Garage als er um die Ecke in seine Straße bog. Sebastian rannte und rief von weitem schon: "Hallo Paps! Gehen wir heute den Weihnachtsbaum holen?" Seine Augen glänzten bei dem Gedanken. Er fühlte sich dabei immer unheimlich erwachsen, denn er durfte richtig mithelfen den Baum mit der Axt zu schlagen. Die meisten seiner Schulkameraden beneideten ihn auch darum, denn für die war es immer ein Drama mit den Eltern einen Weihnachtsbaum kaufen zu gehen. Der eine Baum gefiel dem Vater und die Mutter meinte er hat zu lange Äste, der andere gefiel der Mutter und der Vater meinte wieder der hat eine krumme Spitze usw.
Sebastians Vater lachte und sagte als er gemeinsam mit ihm ins Haus ging: "Klar gehen wir heute. Das Wetter ist doch super schön. Aber wir müssen uns beeilen, dass wir bevor es dunkel wird fertig werden, also zieh dich warm genug an. Ich bin gleich fertig, muss mich auch nur noch umziehen, die Axt kannst du schon holen."
Sebastian beeilte sich und stand bereits am Auto mit der Axt, als sein Vater mit einem Salzstein, einem Sack voll Futter und seinem Gewehr kam. "Wieso nimmst du dein Gewehr mit?", fragte Sebastian. "Steig ein, dann erzähl ich es dir!", sagte sein Vater. Sie fuhren aus der Hofeinfahrt heraus und bogen nach rechts von der Straße direkt auf einen Feldweg ab, der sie in den Wald führte. Unterwegs erzählte sein Vater, dass der Förster zu ihm gesagt hatte, dass er unbedingt sein Gewehr mitnehmen solle, denn er hätte gestern im Revier Blutspuren gesehen, die von einem Reh stammen könnten, jedoch gefunden hatte er es nicht. Sebastian war etwas verwirrt und fragte: "Was hast du dann vor? Das Reh erschießen, wenn du es findest?" "Ja", sagte sein Vater, "Es hat im Winter keine Überlebenschance und deshalb müssen wir es erschießen. Dann haben wir schon einen Weihnachtsbraten", sagte sein Vater und lachte laut dabei.
Doch Sebastian war es nicht mehr zum Lachen. Er wusste zwar, dass sein Vater Jäger war und dass er oft auch Hasen und Rehe mitbrachte, doch miterlebt hatte er es noch nie, wie sein Vater ein Reh erschossen hat.
Mit einem mulmigen Gefühl stieg er aus dem Auto aus, als sie am Waldrand parkten.
Der Schnee war sehr tief und es war anstrengend sich durchzukämpfen. Nach einer Viertelstunden kamen sie an eine neue Aufzucht von Bäumen, die ausgedünnt werden musste. Sie gingen durch die Reihen der Bäume und entdeckten sehr schnell einen wunderschönen Tannenbaum. Sie beschlossen genau diesen als Weihnachtsbaum in die Wohnung zu stellen. Sie schüttelten den Schnee herunter und da stand er in voller Pracht. Es war ein wunderschöner Baum, sehr dichte Äste und mindestens 2,50 m hoch, doch das machte nichts, denn sie stellten den Baum immer in den bis zum Dach geöffneten Flur gleich gegenüber der Haustür.
Sebastians Vater begann den Baum mit der Axt zu fällen, da der Anfang immer sehr präzise sein musste und viel Kraft erforderte, war dies die Arbeit des Vaters. Kurz bevor er fiel, durfte Sebastian die letzten Schläge setzen. Als der Baum umgefallen war, hörte Sebastian ein Geräusch. Er schaute sich um und sagte zu seinem Vater: "Hast du das auch gehört? Es kam von dort! Was kann das gewesen sein?" Sein Vater schaute ebenfalls in diese Richtung. Er meinte: "Ich vermute es war das verletzte Reh. Wir bringen den Baum zum Auto, dann holen wir den Salzstein, das Futter und mein Gewehr und gehen zum Hochsitz an der Lichtung. Wenn es noch ein wenig gehen kann, wird es zur Futterstelle kommen."
Sie gingen zum Auto, banden den Baum aufs Dach und marschierten mit dem Futter und dem Gewehr wieder los. Tatsächlich nach ein paar Metern sahen sie Bluttropfen, die den Schnee rot gefärbt hatten. Die Spuren führten direkt zur Futterstelle an der Lichtung. Sebastian schüttete das Futter in die Futterkrippe und legte den Salzleckstein hin. Sein Vater stieg auf den Hochsitz und wartete.
Als Sebastian fertig war stieg er ebenfalls auf den Hochsitz und es dauerte nicht lange bis sich das arme verletzte Tier zur Krippe schleppte. Ein Hinterlauf war blutig und es hüpfte auf drei Beinen daher. Sebastians Vater legte gerade das Gewehr zum Schuss an, als Sebastian laut schrie. Das Reh erschrak und konnte sich trotz seiner Verletzung schnell im nahe gelegenen Dickicht verstecken.
Sebastian weinte. Sein Vater war wütend und sagte laut: "Was fällt dir ein? Warum hast du das gemacht? Das Tier wird jämmerlich verenden! Du tust ihm keinen Gefallen damit!" Doch Sebastian hatte eine andere Idee die er seinem Vater mitteilen wollte. Sebastian schluchzte noch so, dass er erst ein paar Minuten brauchte, bis er es sagen konnte welche Idee ihm eingefallen war. "Paps, lass uns zum Tierarzt fahren, der kann das Reh doch betäuben und verbinden! Es hat vielleicht nur eine Fleischwunde und gar nichts gebrochen. Wir könnten es dann mitnehmen und hinten bei uns im Garten beim Gartengerätehaus wieder aufpäppeln. Bitte Papa! Es ist doch bald Weihnachten und ich habe mir noch nichts gewünscht. Mein größter Wunsch ist, dass wir diesem armen Tier helfen und es nicht erschießen. Bitte! Bitte Paps!"
Der Junge schaute so traurig und bettelte so sehr, dass sich sein Vater tatsächlich umstimmen ließ und nicht nach seinem Jägerinstinkt entschied, sondern seinem Sohn den Gefallen tun wollte. Er hatte zwar wenig Hoffnung, dass der Plan funktionieren würde, doch man konnte es ja versuchen.
Es war schon fast dunkel, als sie beim Tierarzt ankamen und ihm die Bitte von Sebastian erzählten.
Dieser war gleich bereit mitzukommen. Er nahm sein Betäubungsgewehr und ein Trage mit und so fuhren sie in der Dämmerung wieder zur Futterstelle. Als sie sich langsam anschlichen, sahen sie, dass einige Tiere dort am Fressen waren. Sie kletterten leise auf den Hochsitz. Gott sei Dank kam der Wind aus der entgegengesetzten Richtung und so konnten die Tiere die Menschen nicht wittern. Die Drei schauten sich um und da entdeckten sie inmitten der anderen auch das verletzte Tier.
Der Tierarzt legte zum Schuss an und setzte einen gezielten Schuss ins Hinterteil des Tieres. Es taumelte sogleich und fiel dann um. Die anderen Rehe waren so erschrocken, dass sie sich schnellstens aus dem Staub machten.
Sebastian, sein Vater und der Tierarzt stiegen vom Hochsitz herunter, liefen zu dem verletzten Tier und legten es mit vereinten Kräften auf die Trage. Das Reh war ganz schön schwer und so mussten die drei sich unheimlich anstrengen um es zum Auto zu bringen. Als sie das verletzte Reh in den Kombi des Tierarztes eingeladen hatten, fuhren sie direkt in die Tierarztpraxis. Dort trugen sie das Tier ins Behandlungszimmer des Tierarztes. Er meinte: "Das ist ein seltener Patient für mich. Ich hatte schon Schlangen und vieles mehr, doch ein Reh lag hier noch nie auf meinem Tisch!" Er rief seiner Frau, die ihm half den Hinterlauf des Rehs zu röntgen. Langsam wachte das Reh wieder aus seiner Betäubung auf, denn die Betäubungsspritze verlor ihre Wirkung und so musste der Tierarzt das Reh noch mal mit einer Spritze länger betäuben, denn er hatte festgestellt, dass der Knochen leicht angebrochen war. Er vermutete, dass irgend ein Fallensteller unterwegs war und dieses Reh wohl in so eine Falle geraten war. Er behandelte die Fleischwunde und bandagierte dann den angebrochenen Hinterlauf.
Sebastian und sein Vater legten das Tier in ihrem Auto auf eine Decke auf dem Rücksitz und brachten es nach Hause.
Sebastians Vater sagte: "So nun darfst du Mutter erklären, wer unser Gast ist für die nächsten Wochen!" Als Sebastian und sein Vater das Reh mit vereinten Kräften das Gartengerätehaus trugen, sahen sie schon, dass die Mutter hinter dem Vorhang stand und beobachtete was ihre beiden Männer da machten. Sie legten das noch betäubte Reh auf ein Lager aus Heu und stellten ihm etwas Wasser, ein wenig zu fressen und auch einen Salzstein hin. Dann schlossen sie das Gartengerätehaus ab nahmen den Weihnachtsbaum vom Auto den sie auf die Terrasse hinterm Haus stellten. Danach gingen sie durch die Garage in die Wohnung. Dort wurden sie von Sebastians Mutter bereits erwartet. Sie schaute die beiden nur fragend an und sagte: "Habt ihr mir etwas zu sagen?" Sebastian drückte herum und erzählte dann die ganze Geschichte. Die Mutter hörte ruhig zu und als Sebastian fertig war und schon Angst vor einer Moralpredigt hatte, kam seine Mutter auf ihn zu und sagte: "Sebastian das hast du vollkommen richtig gemacht, wir werden das Reh schon wieder auf die Beine bekommen. Ich werde dir dabei helfen, denn wer so einen Wunsch hat als Weihnachtsgeschenk, dem kann man diesen Wunsch nicht abschlagen." Sie nahm Sebastian in den Arm, der schluchzte vor Freude.
In dieser Nacht schlief Sebastian überhaupt nicht, immer wieder musste er aus dem Fenster schauen, ob er nicht etwas im Gartengerätehaus sehen konnte. Erst gegen Morgen fiel er in einen tiefen Schlaf. Es war Samstag der 23. Dezember als Sebastians Mutter ihn dann schließlich um 10.00 Uhr aufweckte und sagte: "Komm Sebastian, komm mit, dein Reh steht schon im Gartengerätehaus. Es geht ihm schon viel besser! Die ersten vorsichtigen Gehversuche hat es auch schon gemacht."
Sebastian stand gleich auf, wusch sich und zog sich an. Das Frühstück das auf dem Tisch stand interessierte ihn überhaupt nicht. Er rannte raus und schaute zum Fenster in die Hütte hinein und tatsächlich, das Reh stand da und schaute zu ihm zum Fenster hin. Sebastians Vater hatte bereits einen Maschendraht besorgt und zog einen Zaun um die Hütte herum, damit das Reh aus dem Gartenhaus heraus konnte und nicht immer eingesperrt sein musste. Gleich nachdem Sebastian gefrühstückt hatte, half er seinem Vater und als sie gegen Mittag fertig waren, öffneten sie die Tür der Hütte. Langsam und sehr vorsichtig humpelte das Reh heraus. Es aalte sich im Schnee. Sebastian und sein Vater hatten den Eindruck, dass es sich tatsächlich schnell erholen würde.
An diesem Tag besuchten einige Schulkameraden Sebastian zu Hause, denn sie hatten von dem Reh gehört. Jeder wollte es sehen und konnte es kaum glauben, dass jemand ein Reh im Garten halten wollte, auch wenn es nur vorübergehen war.
Am nächsten Tag war Heilig Abend und Sebastians Mutter und Vater hatten am Abend zuvor noch den wunderschönen Baum geschmückt. Doch für Sebastian gab es auch an diesem Tag nichts wichtigeres als sein Reh, dem es von Tag zu Tag besser zu gehen schien. Er fütterte es und seine Mutter hatte einen großen Sack Karotten besorgt, sie meinte: "Auch unser Reh soll heute ein Festtagsmenü bekommen!" Am Abend als die ganze Familie dann von der Weihnachtsmesse kam, standen sie zwar vor dem schönen, großen und wunderschön geschmückten Weihnachtsbaum, doch jeden zog es ans Fenster im Wohnzimmer und zu schauen, wie es dem Reh ging.
Es stand stolz im Garten und nagte genüsslich an den Karotten. Sebastians Vater sagte: "Danke Sebastian, für die gute Idee dem Reh zu helfen. So ein Weihnachten hatten wir noch nie und es wird uns allen wohl besser in Erinnerung bleiben, als alle anderen Jahre zuvor. Ich bin stolz auf dich mein Junge!"
Sebastian, seine Mutter und sein Vater sangen an diesem Abend zusammen und sie fühlten sich weihnachtlicher denn je, denn sie hatten eine gute Tat vollbracht.




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Eingereicht am 20. November 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.