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Wann ist denn endlich Weihnachten?

Eine Weihnachtsgeschichte von Andrea Suhr


Es war Ende September, und das Unvermeidliche geschah: im Supermarkt, im Gang, der direkt zu den Kassen führte, blieb Nina stehen und sah mit großen Augen auf die Lebkuchen, Marzipankartoffeln, Christollen, Spekulatius, Dominosteine und vor allem auf die Schokoladenweihnachtsmänner, die in den vielfältigsten Größen und Formen ausgestellt waren. Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht: "Mama, guck doch mal, jetzt ist bald Weihnachten". Ihre Mutter zog sie weiter: "Ach, Nina, es dauert noch drei Monate bis Heiligabend". "Drei Monate? Wie lang ist denn das?"
Ein Vierteljahr - für Erwachsene ein klar strukturierter Zeitraum, und überhaupt: wie schnell doch die Zeit vergeht. Ein Vierteljahr - für eine 5-Jährige, die sich auf Weihnachten freut, eine Ewigkeit. Wie sollte man Nina eine solche Zeitspanne erklären? Ihre Mutter suchte Hilfe bei der Natur: Als sie den Einkaufswagen Richtung Auto schob, zeigte sie auf die Bäume, die den Parkplatz begrenzten: "Schau, Nina, die Blätter sind noch ganz grün und hängen noch an den Bäumen. Weihnachten sind die Bäume alle vollständig kahl, bis auf den Tannenbaum, den wir uns dann ins Wohnzimmer stellen". Ja, das erschien Nina logisch, nur ein Problem war da noch zu klären: "Wissen denn die im Supermarkt nicht, dass erst Weihnachten ist, wenn alle Blätter abgefallen sind?". "Nein, Nina, anscheinend wissen die das nicht". "Na, dann musst du das denen aber ganz dringend mal sagen". Und die Mutter versprach, das auf jeden Fall zu tun.
Einen Monat später fuhren sie mit dem Auto von den Großeltern nach Hause, und Nina, die auf dem Rücksitz saß, sang nach einer selbsterdachten Melodie leise vor sich hin: "Bald kommt der Weihnachtsmann, Weihnachtsmann, Weihnachtsmann. Und er bringt mir viele, viele, viele Geschenke". Ihr Vater fragte: "Was singst du denn da? Es ist doch noch zwei Monate hin bis Weihnachten".
Zwei Monate? Das klang ja noch genauso lang wie drei Monate. "Aber Mama hat doch gesagt, wenn die Bäume keine Blätter mehr haben, dann ist Weihnachten. Und seht doch mal", sie wies auf die Bäume am Straßenrand, "die Blätter sind alle schon gelb oder braun, und ganz viele sind schon runtergefallen". Ninas Vater warf seiner Frau einen kurzen Blick zu. Wie konnte sie solche falschen Äußerungen machen, obwohl sie doch ganz genau wusste, dass Nina für so etwas ein phänomenales Gedächtnis hatte? Da waren nun seine erzieherischen Fähigkeiten gefragt: "Also, Nina, was die Mama gesagt hat, ist natürlich richtig. Aber, weißt du, es reicht nicht aus, dass nur das Laub herunterfällt. Das sähe doch viel zu trübselig aus. Wenn Weihnachten ist, muss außerdem noch Schnee liegen". "So ein Quatsch", mischte sich Ninas Mutter ein, "wie oft hat es erst im Januar geschneit. Willst du Heiligabend dann ins neue Jahr verschieben?". Eigentlich hatte sie damit recht, aber das konnte Ninas Vater natürlich nicht einfach so zugeben. Also kam es zu einer heftigen Diskussion darüber, wie oft, angefangen bei ihrer eigenen Kinderzeit, an Heiligabend Schnee gelegen hatte.
Nina verfolgte den Wortwechsel der Eltern aufmerksam, wurde dadurch aber auch nicht schlauer. Also fragte sie abends, als sie ins Bett gehen sollte, ihre Mutter: "Wie lange dauert es denn jetzt noch bis Weihnachten?". Ihre Mutter nahm den Kalender von der Wand und zählte die Tage ab: Noch 63 Tage bis zum Heiligabend. Dann ging sie ins Schlafzimmer, kramte eine Weile in der Kommode und kam mit einem Maßband und einer Schere zurück. Sie zeigte Nina, wie lang 63 Zentimeter waren und schnitt genau dort das Maßband ab. "Das hängen wir jetzt neben dein Bett, und jeden Tag schneiden wir einen Zentimeter ab. Und wenn wir das letzte Teil abschneiden, dann ist Weihnachten".
Bevor Nina in ihr Bett stieg, betrachtete sie das Zentimetermaß, das nun an der Wand hing. 63 Zentimeter - das war wirklich furchtbar lang. Und auch in den nächsten Tagen schien das Band, obwohl ihre Mutter jeden Morgen ein Stückchen abschnitt, nicht merklich kürzer zu werden. Doch je mehr Tage und Wochen vergingen, desto deutlicher sah man, dass das Maßband sich verkürzte. Und auch andere Anzeichen ließen erkennen, dass Weihnachten näherrückte: Im Kindergarten begannen sie damit, Weihnachtsschmuck und Weihnachtsgeschenke zu basteln. Mama und Nina verbrachten fast einen ganzen Sonntag damit, Weihnachtsplätzchen zu backen, deren verführerischer Duft dann durchs ganze Haus zog. Auf dem Markt kauften sie einen Adventskranz, den Ninas Vater im Wohnzimmer aufhing.
Endlich wurde auch die Weihnachtskiste aus der Abstellkammer geholt, und überall im Haus standen und hingen nun Engel, Weihnachtsmänner, Sterne, Schneemänner und Kerzen. Doch der Schmuck für den Weihnachtsbaum blieb in der Kiste, die wieder in der Abstellkammer verschwand, denn den brauchten sie ja erst Heiligabend, und bis dahin war immer noch so lange hin. Das konnte Nina sehen, als neben das Maßband ein Adventskalender aufgehängt wurde. Er hatte jede Menge verschlossene Türchen, und zwar genau 24, wie ihr Vater ihr vorzählte. Und obwohl jetzt die Zeit bis Weihnachten zweifach gemessen wurde, durch das Zentimetermaß, von dem ihre Mutter immer noch jeden Tag ein Stückchen abschnitt, und durch den Adventskalender, an dem Nina jeden Morgen ein Türchen öffnete, schien sie immer langsamer zu gehen. Es kam Nikolaus - und noch immer war der Adventskalender fast ganz geschlossen. Es kam die Weihnachtsfeier im Kindergarten - und noch immer waren nur wenige Türchen offen. Es kam der Tag, an dem es das erste Mal schneite - und noch immer war das Maßband so lang wie ein Baustein.
Doch dann kam der Tag, an dem Nina das vorletzte Türchen im Adventskalender öffnete. Jetzt war nur noch das letzte, das größte Türchen übrig, und das Zentimetermaß war zu einem winzigen Stückchen zusammengeschrumpft. Heute hatte Nina jede Menge zu tun: Sie musste ihrer Mutter wieder beim Backen helfen, denn fast alle Plätzchen waren schon aufgegessen. Sie musste ihre selbstgebastelten Weihnachtsgeschenke einpacken, und bei der Gelegenheit fand sie, dass es eigentlich zu wenige waren, so dass sie für jeden noch ein Bild malte. Und sie musste mit Papa die Großeltern, die die Weihnachtstage bei ihnen verbringen wollten, vom Bahnhof abholen.
Als sie an diesem Abend ins Bett ging, konnte sie lange nicht einschlafen, denn sie wusste ja, dass am nächsten Tag endlich Weihnachten war. Und weil sie so aufgeregt war, wachte sie auch morgens schon wieder ganz früh auf. Sie lief gleich hinüber ins Schlafzimmer und überbrachte ihren Eltern die frohe Botschaft: "Heute ist Weihnachten". Ihr Vater knurrte: "Gut, dass du uns das sagst. Das hätte ich sonst glatt vergessen und womöglich zu lange geschlafen", aber Nina ärgerte sich nicht über ihn, denn Papa war morgens sowieso immer schlecht gelaunt. Ninas Mutter hob ihre Bettdecke etwas an: "Komm zu mir ins Bett. Auch wenn Heiligabend ist, ist es jedenfalls noch viel zu früh, um aufzustehen". Nina kuschelte sich an die Mutter, aber schlafen konnte sie nicht mehr. Sie musste immer daran denken, was für Geschenke sie heute wohl bekommen würde. Ob alle ihre Wünsche erfüllt würden? Und was war wohl in den Päckchen, die sie gestern, als die Großeltern auspackten, gesehen hatte?
Nach dem Frühstück trug der Vater den Weihnachtsbaum, den er schon auf den Baumständer gestellt hatte, ins Wohnzimmer. Die Weihnachtskiste wurde wieder hervorgeholt, und alle gemeinsam schmückten die große Tanne mit Kugeln und Kerzen und Lametta, bis sie richtig prächtig aussah. "Jetzt können wir Bescherung machen", schlug Nina vor. "Du bist doch ein Quatschkopf", meinte ihre Mutter, "du weißt ganz genau, dass wir damit bis heute Abend warten."
Die Zeit bis zum Abend kam Nina genauso so lange vor wie die letzten drei Monate. Immer wieder fragte sie: "Wie lange dauert es denn noch?" Die Erwachsenen versuchten, sie zu beschäftigen, spielten mit ihr, ließen sie ein Video ansehen und nachmittags gingen ihr Vater und ihr Opa mit ihr spazieren. Aber Nina war viel zu aufgeregt, um das zu genießen; sie sehnte nur den Augenblick herbei, an dem sie endlich ihre Geschenke auspacken konnte. Endlich, als sie meinte, dass sie es nun bestimmt nicht mehr länger aushalten könne zu warten, sagte ihr Vater: "So, Nina, jetzt verschwindest du in dein Zimmer, und Oma und Opa gehen am besten mit. Und wenn wir die Weihnachtsmusik anmachen, dann dürft ihr alle ins Wohnzimmer kommen."
Im Kinderzimmer stand Nina die ganze Zeit, während sie warteten, mit dem Ohr an der Tür, und als sie Musik hörte, stürmte sie sofort los. Das Warten war vergessen, Nina sah nur noch den Weihnachtsbaum mit seinen vielen brennenden Kerzen und darunter viele in buntes Geschenkpapier eingewickelte Päckchen. Endlich war Weihnachten!




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Eingereicht am 09. November 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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