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Der Weihnachtseinkauf

Eine Weihnachtsgeschichte von Michael Schimanski


Er ging mit den schweren Tüten vor. Beim Einkaufen bekam er immer seine eigenen Schlüssel. Er brachte zuerst die schweren Tüten in die Wohnung und ging ihr dann wieder entgegen, um ihr die restlichen Einkaufstüten abzunehmen. Meistens schaute sie auf dem Weg noch Schaufenster an oder ging in die Geschäfte. So war er immer schnell wieder bei ihr und sie musste die anderen Tüten nicht so lange tragen.
Sie war eine nette alte Dame aus der Nachbarschaft und sie kannte seine Eltern und ihn schon seit er klein war. Als er zehn wurde, durfte er ihr dann beim Einkaufen helfen. Seitdem ging er einmal in der Woche mit ihr Besorgungen machen. Meistens kaufte sie ihm dafür etwas Süßes oder ein Eis, und manchmal bekam er sogar ein bisschen Geld. "Du bist doch schon so groß, du möchtest dir bestimmt selbst etwas kaufen.", sagte sie dann immer.
Zur Weihnachtszeit gingen sie auch zum Weihnachtsmarkt. Darauf freute er sich immer besonders, weil es dort die kleinen Schmalzkuchen gab. Die mochte er am liebsten, und natürlich bekam er auch eine Tüte.
Er sollte aber erst mal die schweren Tüten wegbringen. Sie wollte noch in ein Geschäft reinschauen und danach würden sie sich für die Schmalzkuchen wieder am Stand der Bäckerei treffen, ansonsten würden die Kuchen ja kalt werden.
Als er über die Kreuzung gegangen war, stellte er die Tüten kurz ab um sich auszuruhen, denn an Weihnachten kauften sie immer ein bisschen mehr ein.
In diesem Moment hörte er hinter sich ein Reifenquietschen und einen ohrenbetäubenden Knall. Er zuckte zusammen und hätte dabei fast die Tüten umgeschmissen. Als er sich umdrehte, sah er, dass ein Auto gegen eine Straßenlaterne gefahren war. Einige Leute liefen zum Auto um nachzusehen, ob dem Fahrer etwas passiert war. Neben dem Auto standen aber noch andere Leute und immer mehr kamen hinzugelaufen. Sie standen in einem Kreis und sahen auf etwas hinunter, genau an der Stelle, wo er selbst eben noch mit ihr gestanden hatte.
Aber er konnte sie nicht sehen. So sehr er sich bemühte, er konnte sie einfach nicht entdecken. Langsam wurde er unruhig. Es musste etwas passiert sein.
Einige Leute schrieen, es solle doch jemand einen Krankenwagen rufen. Er wurde nervös und seine Augen füllten sich mit Tränen. Gerade als er die Tüten nehmen wollte um zurückzugehen und sie zu suchen, sah er etwas.
Mitten in der Menschenmenge erschienen Lichter. Die Lichter waren groß, aber schwach. Dann leuchteten sie immer stärker wurden zu Gestalten. Die Gestalten sahen aus wie Menschen, aber sie leuchteten undeutlich in einem wunderschönen Gold und hatten riesige Flügel auf dem Rücken. Und sie standen mitten in den Menschen drin!
Er konnte nicht glauben, was er da sah. Er hatte noch Tränen in den Augen und die anderen Menschen bemerkten die Gestalten nicht. Er schien der einzige zu sein, der sie sehen konnte. Er blinzelte und die Gestalten waren immer noch da. Und als eine der Gestalten sich zu ihm umdrehte und ihn ansah, stockte ihm der Atem.
Die Gestalt kam auf ihn zu. Als sie vor ihm stand, bemerkte er erst, wie groß sie wirklich war. Er musste seinen Kopf weit in den Nacken legen, um zu ihr hoch zu schauen. Aber auch jetzt, als die Gestalt direkt vor ihm stand, konnte er sie nicht genau erkennen. Sie hatte keine richtigen Konturen. Er konnte sie sehen und doch wieder nicht. Sie schimmerte einfach in diesem wunderschönen Gold.
Die Gestalt trug ein langes Gewand und hatte zwei mächtige Flügel auf dem Rücken, die ihre Schultern noch weit überragten. Sie hatte wunderschöne, lange, gelockte Haare und sie war so schön, wie das reine Gold in dem sie schimmerte.
Und dann ergriff etwas sein Herz und drückte es fest. Aus seinem Herzen strömte eine Wärme, die er nie zuvor gespürt hatte, und erfüllte seinen ganzen Körper.
Die Gestalt schien in die Knie zu gehen. Ihr Gesicht war jetzt kurz über seinem. Er konnte es nun besser sehen, den Mund, die Nase, die Augen und die langen, gelockten Haare. Es schien so rein und so schön, und doch konnte er es nicht genau erkennen, denn auch das Gesicht schimmerte in diesem goldenen Licht.
Die Gestalt öffnete den Mund, wie um zu sprechen. Sein Herz schien zu zerspringen, aber die Gestalt sprach mit einer sanften Stimme: "Du musst nicht traurig sein. Es geht ihr gut." Eine Träne lief seine Wange hinunter. Die Gestalt berührte die Träne und sie verschwand wie von Geisterhand.
Dann leuchtete die Gestalt so stark auf, dass er, wie geblendet, nichts anderes mehr sehen konnte als einen goldenen Schein. Und plötzlich waren die Gestalt und die Wärme aus seinem Körper verschwunden. Auch die anderen Gestalten waren nicht mehr da. Nur die Menschen standen immer noch versammelt und er bemerkte, dass jetzt ein Krankenwagen da war.
Er starrte wie gebannt auf die Menge. Er wurde wieder unruhig und bekam Angst. Da verspürte er wieder ein wenig von dieser Wärme in seinem Körper.
Er lächelte und fing an zu weinen.




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Eingereicht am 02. November 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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