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Nur geträumt

Von Desiree Schley


Eine weiße Schneedecke überlagerte das Grün des Grases und dämpfte alle Geräusche. Inmitten der Schneelandschaft lief ein kleines Mädchen. Ihr langes schwarzes Haar wehte im Wind und das weite weiße Nachthemd verschmolz mit dem Weiß des Schnees. Ihr bleiches Gesicht schimmerte im Licht des Vollmondes und der gehetzte Ausdruck darin war deutlich zu sehen. Dicht auf den Fersen lief ein dicker Mann in roter Kleidung. Das Mädchen kannte ihn nicht, aber sie wusste, dass sie vor ihm fliehen musste. Er war böse!
Vor wenigen Minuten noch lag das Mädchen friedlich schlummernd in ihrem Bett. Sie hatte von Weihnachten geträumt, von den Geschenken und von der Familie. Doch plötzlich war sie aufgewacht. Erschrocken sprang sie aus dem Bett als sie einen Mann neben ihrem Bett sah. Den Weihnachtsmann. Aber dieser Weihnachtsmann wollte keine Geschenke bringen. Es war nicht der lächelnde Weihnachtsmann aus ihrem Traum - es war ein Böser. Das Mädchen schrie um Hilfe, aber keiner hörte sie. Wo waren nur ihre Eltern? Schliefen sie so tief, oder war der böse Weihnachtsmann schon bei ihnen gewesen? Die Gedanken des Mädchens rasten. Aber obwohl sie erst sechs Jahre alt war, dachte sie praktisch, drehte sich um und rannte schnell zur Tür.
Der dicke Weihnachtsmann hatte nicht mit dieser Reaktion gerechnet und konnte deswegen nicht so schnell folgen.
Und jetzt war das Mädchen im kalten Wald, barfuss und im Nachthemd. Es fror. Doch der Mann kam immer näher. Es hörte ihn schon schnaufen und seine Blicke schienen ihren Rücken förmlich zu durchbohren. Es hatte Angst. Es hatte sich so auf den morgigen Tag gefreut - Weihnachten. Auch auf den Besuch des Weihnachtsmannes hatte es sich gefreut - aber nicht auf den Besuch des Bösen. Ihr Bruder hatte heute morgen noch erzählt, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt und dass sie noch ein Baby ist. Das Mädchen hatte geweint und geschrieen und dann hatte seine Mutter es beruhigt. Doch der Zweifel saß fest. Und jetzt wo der böse Weihnachtsmann es jagte, wusste es, dass es den Weihnachtsmann gab. Aber er war nicht lieb. Genau wie ihr Bruder heute morgen noch erzählt hatte. Das Mädchen lief und lief, ihre Füße waren vor Kälte schon ganz blau.
Plötzlich Stille! Kein Schnaufen und auch Blicke spürte sie nicht mehr. Das Mädchen blieb stehen und drehte dann ganz langsam den Kopf. Weg! Er war verschwunden! Das Mädchen riss ungläubig die Augen auf. Sie seufzte auf und begann leise zu weinen. Sie hatte sich so weit von zu Hause entfernt, dass sie nicht mehr wusste wo sie war. Das Mädchen schlurfte zurück. Ihr war so kalt und die Füße taten weh. Aber wenigstens der böse Weihnachtsmann war weg. Das Mädchen weinte leise vor sich hin, achtete nicht auf ihren Weg - sie wusste ja sowieso nicht wohin. In Gedanken versunken konzentrierte sie sich weder darauf, wo sie hin lief, noch auf die Umgebung. Plötzlich war er da! Direkt vor ihr stand der böse Weihnachtsmann. Wie aus dem Erdboden gewachsen war er aufgetaucht.
Wimmernd versuchte das Mädchen zu fliehen, aber zu spät. Diesmal hatte der Mann damit gerechnet und verstellte ihr den Weg. Lachend packte er sie am Arm und zog sie mit sich. Das Mädchen wehrte sich, hatte aber gegen den dicken Weihnachtsmann keine Chance.
"Du sollst doch lieb zu mir sein!", schrie das Mädchen verzweifelt. "Du bist der Weihnachtsmann."
Doch dieser lachte nur weiter und schaute das Mädchen böse an. "Du warst aber nicht lieb - also bin ich es auch nicht."
Erschrocken riss sie ihre Augen auf. Woher wusste er das? Sie war immer lieb. Nur heute morgen war sie ausgerastet. Ihr Bruder hatte sie geärgert und dann noch diese Lügen über den Weihnachtsmann. Das kleine Mädchen war böse geworden und hatte ihren Bruder geschlagen und sein Lieblingsspielzeug kaputt gemacht.
Weinend ließ das Mädchen sich hängen. Der Weihnachtsmann lachte jetzt dröhnend laut und zog das Mädchen nach wie vor weiter. Sie wehrte sich nicht mehr. Sie hatte resigniert. Doch plötzlich stoppte der Weihnachtsmann und ließ das Mädchen achtlos fallen. Er hatte aufgehört zu lachen, drehte sich zu ihr um und schaute sie wieder böse an.
"Böse Mädchen bekommen keine Geschenke! Sie bekommen die Rute!"
Bei diesen Worten zog er aus seinem großen braunen Sack einen langen Holzstock. Er hielt das am Boden liegende Mädchen fest, drehte es auf den Bauch und begann die Rute auf ihr Hinterteil sausen zu lassen. Das Mädchen schrie vor Schmerzen laut auf und versuchte sich herauszuwinden. Doch vergeblich. Wie ein Besessener schlug er auf das Mädchen ein. Dabei lachte er teuflisch und sang Lieder über böse kleine Mädchen. Doch dieses hier vor seinen Füßen bekam nichts mehr davon mit, denn sie war längst bewusstlos. Es war in den gnädigen Schlaf der Bewusstlosigkeit gefallen.
Plötzlich wachte das Mädchen wieder auf. Ihr war warm. Es lag eingewickelt in ihre Decke im Bett. Was war geschehen? Sie erinnerte sich noch an den bösen Weihnachtsmann und an seine Rute. War es wirklich geschehen? Schnell sprang das kleine Mädchen aus dem Bett und betastete ihren Po. Er tat nicht weh. Lachend drehte das Mädchen sich um sich selbst. Ein Traum. Sie hatte nur einen bösen Traum. Die Geschichte ihres Bruders war also nicht wahr. Das Mädchen zog sich schnell um und rannte aus dem Zimmer. Heute war Weihnachten, der Weihnachtsmann kommt. Viele Geschenke warteten darauf ausgepackt zu werden. Das Mädchen riss die Tür des Elternschlafzimmers auf und weckte ihre Eltern.
"Weihnachten!", schrie sie. "Aufwachen. Der Weihnachtsmann kommt. Frohe Weihnachten..."




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Eingereicht am 22. Oktober 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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