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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Brieftauben-Bumerang

© daydreamer

Vor ein paar Jahren stand nachmittags Jörg, ein damals etwas dreizehnjähriger Junge aus der Nachbarschaft, vor unserer Haustür und hielt in seinen Händen eine wunderschöne Brieftaube. Er hatte sie am Aktiv Markt gefunden und sich aufgrund ihres verstörten Zustandes entschlossen, sie mir zu bringen, da ich schon seit Jahren mich immer wieder für Tiere engagiert habe.
Also nahmen meine Eltern und ich das Tierchen auf, setzten es in einen Karton, damit es erst mal seine Ruhe haben konnte und gaben ihm Futter und Wasser. Dieses riet man uns beim Tierschutz, den wir telefonisch kontaktierten. Sie empfahlen uns auch, die Taube zwei bis drei Tage zu päppeln und dann fliegen zu lassen. Diese Tiere würden auf jeden Fall wieder von alleine nach Hause finden. Also päppelten wir und sorgten uns. Warteten noch einen Tag länger, vorsichtshalber.
Am vierten Tag war es dann so weit. Wir entschlossen uns, der Taube ihre Freiheit wieder zu geben und die Gelegenheit, ihr Zuhause aufzusuchen. Ich steckte ihr noch einen Zettel mit Namen, Telefonnummer und Bitte um Rückruf in den Flugring, um sicherzugehen, dass wir bei wohlbehaltener Ankunft auch entsprechend Nachricht erhalten würden.
Es war Sonntag. Wir fuhren extra weit raus, fanden eine schöne, große und übersichtliche Wiese. Ich hielt die Taube in den Händen. Meine Mutter sagte:
"Du musst sie richtig hoch werfen, damit sie Schwung bekommt". Bei dem Wort "werfen" wurde mir übel. Ich kann doch kein Tier werfen?! Nun gut, diese Aufgabe trat ich dann sehr gerne an meine Mutter ab. Sie holte kräftig Schwung, warf die Taube in die Lüfte und das Tierchen flog mit freudigem Flügelschlag davon. Schon nach kurzer Zeit sahen wir von dem schönen Täubchen nur noch ein Pünktchen am Himmel. Erst, als nichts mehr von ihr zu sehen war, setzten wir uns ins Auto und fuhren Richtung Heimat. Ein bisschen Wehmut verspürte ich schon, und auch große Sorge.
Montagmorgen saß ich, wie gewohnt, über meiner Arbeit (ich war damals selbständig und hatte mein Büro zuhause). Gegen Mittag rief mich der Leiter des Aktiv Marktes an und sagte mit freundlicher Stimme: "In unser Geschäft hat sich eine Brieftaube verirrt. Sie scheint hungrig zu sein und wir wissen nicht, was wir machen sollen. Könnten Sie denn das Tier bitte abholen und sich darum kümmern?" Ich überlegte kurz, wie denn der freundliche Herr auf mich gekommen sein könnte, denn die Kinder waren ja noch in der Schule. "Ja, aber natürlich komme ich die Taube abholen. Ich kann in fünf Minuten bei Ihnen sein. Aber eine Frage hätte ich dann noch: Woher haben Sie denn meinen Namen und meine Telefonnummer?" Der Herr am anderen Ende der Leitung sagte mit einem nicht zu überhörenden, ebenfalls leicht verdutzten Unterton:
"Aber… hmm… in diesem Flugring steckte doch Ihre Anschrift nebst Telefonnummer".
Das Täubchen hatte wohl diesen Ort als neuen Schlag anerkannt. Wie auch immer. Es war dieselbe, die wir Tags zuvor hatten fliegen lassen.
Komischerweise kam mir dann in Erinnerung, dass ich auf der Heimfahrt zu meinen Eltern spaßeshalber sagte: "Ich würde mich schlapplachen, wenn sie schön längst wieder bei uns hockt, während wir noch auf der Heimfahrt sind."
Ich telefonierte dann geschlagene zwei Tage quer durch die Republik über alle möglichen Taubenzüchtervereine anhand der Nummer, die in einem Ring eingraviert war, bis ich den Besitzer ausmachen konnte. Er stammte aus der Nähe von Frankfurt. Wir setzten das Täubchen dann in einen luftdurchlässigen Transportkarton und dann ging's nach Hause. Dieses Mal aber nicht per Flügelschlag, sondern per Express. Der Besitzer rief auch wie vereinbart an und teilte uns mit, dass sein Tier wohlbehalten angekommen sei.
Irgendwie wird doch meistens alles wieder gut, wenn auch manchmal einige Umwege nicht zu vermeiden sind.



Eingereicht am 25. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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