www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Entführen Aliens auch Hunde?

© daydreamer

Es war ein angenehmer Sommernachmittag. Nicht zu warm, ein laues Lüftchen wehte. Meine Mutter fuhr, wie fast jeden Nachmittag, mit ihrem kleinen Auto ins Grüne. Mit von der Partie war natürlich wieder Sunny, mein erster Westie. Sie starteten also, Sunny ließ heute ausnahmsweise meine Mutter ans Steuer und nahm auf der Hutablage Platz. Da war es am schönsten. Von dort konnte man nach hinten Ausschau halten, war immer bereit, falls ein Streitopfer des Weges kommen würde und gleichzeitig von schützendem, metallicblau glänzendem Blech umgeben. Es war aber auch der geniale Platz, um mit allen möglichen Autofahrern zu flirten, ja sogar mehrmals die Gesetzeshüter mit einem superlieben Blick, einem tierischen Grinsen und einem freudigen Schwanzwedeln zu bestechen. Dieser Tag heute verlief wie immer. Sie fuhren also los, wir machten wie gewöhnlich eine Zeit aus, wann die beiden Streuner spätestens zurück sein wollten. Meine Mutter nahm den Weg, den sie am liebsten fuhren. Doch schon nach ungefähr fünf Minuten mussten sie aufgrund eines Fahrfehlers des Vordermanns etwas schärfer abbremsen. Vorher vergewisserte sie sich noch geistesgegenwärtig und gewissenhaft, ob ihr Fahrgast auch sicheren Halt habe. Dem war scheinbar so. Also bremsen! Blick nach vorne, Blick in den Rückspiegel. Gott sei Dank, nix passiert. Aber - oh Schreck: der Hund war weg!
Meine Mutter rief seinen Namen, drehte sich, so gut dieses, ohne andere Verkehrsteilnehmer und sich zu gefährden, möglich war, mehrmals nach hinten, um nach ihrem Mitfahrer zu schauen, aber er bliebt verschwunden. Die Fenster waren geschlossen, die Türen ebenfalls. Und Sunny? Kein Mucks, kein Hund.
Nichts. Stille. Panik überkam meine Mutter. Ihr, der absoluten Realistin, schwirrten plötzlich die irrwitzigsten Ideen durch den Kopf.
Wie soll das möglich sein? Vor ein paar Sekunden sah sie ihn noch wohlbehalten auf seinem Stammplatz sitzen, nun hatte er sich scheinbar in Luft aufgelöst. Abgetaucht? Per Telekinese ins Reich der übersinnlichen Hunde befördert? Oder ist er doch abgehauen, um sich von DSDS casten zu lassen? Nein, das kann alles nicht wahr sein. Das Schlimmste, was einem schon fast militant realistisch denkenden und fühlenden Menschen passieren kann: etwas nicht erklären zu können. Vor allem es sich selbst nicht erklären zu können.
Der absurdeste Gedanke schoss ihr durch den Kopf: "Mein Gott, hat meine Tochter vielleicht doch Recht mit ihrem Akte X und PSI-Kram? Gibt es vielleicht doch Aliens? Entführungen? Es kann nur so sein. Es stimmt alles.
Und irgendwelche Aliens haben UNSEREN Hund entführt! Dieser Gedanke schnürte ihr die Kehle zu, ließ diesen Alptraum zur Megapanik ausarten. Sie begann zu hyperventilieren und entschloss sich, zum Friedhof zu fahren, dort fand sich immer ein Parkplatz, es war am nächsten gelegen.
Dort angekommen parkte sie, so ruhig es ihr irgend möglich war, versuchte erst einmal, vom Hyperventilieren zur Normalatmung überzugehen. Wieder Rufen, Schauen: wieder keine Reaktion. Sie stieg aus. Umzingelte, umkreiste das Auto. Mehrmals. Immer und immer wieder rief sie Sunny. Aber er antwortete nicht. Also, noch mal kurz hinsetzen, tief, ganz tief durchatmen.
Rufen, suchen … Noch einmal das Gefährt umkreisen wie der Löwe die Beute. Ah!
Was sah sie? Den Griff der Laufleine auf dem Rücksitz. Nur die Leine? Kein Hund? Aber wo um Himmels Willen war das Ende der Leine, und vor allem: WAS könnte man erwarten, an diesem vorzufinden? Fox Mulder? Frank Parker? Ein Abschiedsgruß, eine Autogrammkarte von Lassie? Alles schien heute möglich.
Aber fast unmöglich der banalste und wahrscheinlichste Gedanke, dass es "nur" Sunny sein könnte…
Ein Geistesblitz und meine Mutter öffnete nach diesem langen Martyrium endlich den Kofferraum. Und wer saß da, voll cool, lediglich etwas erstaunt über ein Frauchen, was wohl dem irdischen Tode nie näher war? Sunny! Seine großen Augen leuchteten, er blieb brav sitzen und war wohl sehr über den Anblick meiner Mutter verwundert, über ihren offensichtlich maroden Zustand.
Sie war bei seinem Anblick hingegen nur noch erleichtert.
War wohl nichts mit Aliens, nichts mit DSDS. Das ganze hatte eine völlig einfache Erklärung, aber eine noch absurdere Auswirkung. Das Auto war morgens beim Reifenwechsel, wurde von der Firma mittags wieder gebracht.
Durch den Umstand, dass die Reifen im Kofferraum befördert wurden, war wohl die Hutablage nicht korrekt eingerastet und aufgrund dessen gelockert. Als meine Mutter nun schärfer als sonst bremsen musste, sprang der Deckel hoch, durch den Schwung plumpste mein Sunny in den Kofferraum und war eben einfach verschollen.
Aber ein solch cooler und tapferer kleiner Draufgänger wie er hätte nie und nimmer gejammert. Nein, kleine Hundeindianer weinen doch nicht! Und wer die Westies kennt, der weiß um ihre Sturheit und dass sie selbst beim verzweifeltsten und allerliebsten Rufen ihres Namens keine Reaktion zeigen, wenn sie nicht mögen. Anscheinend hat es unserem kleinen Höhlenforscher in dem dunklen Kämmerlein wohl auch recht gut gefallen.
Ihm ging es blendend, ihm fehlte absolut nichts. Nur meine arme alte Mutter war, ohne groß zu übertreiben, am Rande eines Herzinfarktes. Sie hockte sich erleichtert auf den Fahrersitz. Dann kamen auch schon Anwohner und boten ihre Hilfe an, darunter war zufälligerweise ein Krankenpfleger. Er hatte zwar Mitleid mit ihr, konnte sich aber ein breites Grinsen nicht verkneifen.
Er hatte dieses Spielchen beobachtet und sich verwundert, was in aller Welt eine ältere Dame dazu veranlasst haben könnte, wie ein Indianer beim Aufführen eines Fruchtbarkeitstanzes ein Auto zu umkreisen und scheinbar dabei fast zu kollabieren. Als sie ihm die ganze Story erzählte, musste er herzlich lachen. Auch die Anwohnerin, welche freundlicherweise mit etwas kaltem Wasser für Umschläge zu Hilfe kam.
Die schönste "Moral" dieser Geschichte ist jedoch: durch diesen unmöglich möglichen Vorfall kam der junge Mann auf den Hund!
Ein Geheimnis habe ich bis heute gewahrt und hoffe auf die Verschwiegenheit der Leser: Sunny gestand mir, dass er irgendwie doch ein klein wenig auf den Geschmack gekommen sei und sich ein kleines tragbares Gerät gebastelt habe, mit welchem er sich, wie in seiner Lieblingsserie, von einem Ort zum anderen beamen kann. Welche Serie er sich da wohl wieder angeschaut hat?!



Eingereicht am 25. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.



Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unsere Autorin / unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.



»»» Weitere Tiergeschichten «««
»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««
»»» HOME PAGE «««