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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Rabe

© Stefan Bilgeri

Eines Tages im Frühling. Die Sonne versteckte sich noch hinter ein paar schüchternen Wolken, die Temperatur war bereits recht moderat. In der vorausgegangen Nacht allerdings entluden sich auch einige der dunkleren Wolken über der Kleinstadt. Am Rande dieser Kleinstadt befand sich eine kleine gemütliche Kaserne, keinerlei hektisches Treiben war hinter dem Tor zu erspähen. Lediglich vorne beim Schranken stand ein einsamer Wachsoldat. Seine Schulter zierte mittlerweile sogar ein Sternchen, somit ist er nicht mehr das Letzte in Form eines Rekruten sondern bereits ein Gefreiter. Viel Unterschied macht es nicht, aber immerhin etwas ist es schon. Dieser Wachsoldat stand also als einzig sichtbarer Mensch am Torposten dieser Kaserne, sein Blick war allerdings ausnahmsweise nicht auf seinen sensiblen Wachbereich gerichtet sondern auf ein Plätzchen einige Meter entfernt. Er beobachtete einige der wenigen Bewegungen im Kasernengelände. Ein ganz bescheidenes Schauspiel der Natur trug sich an jenem unscheinbaren Platze ab. Dort hatte sich nämlich in einer Mulde der asphaltierten Straße eine hübsche Wasserpfütze gesammelt. Unweit der Pfütze befand sich auch noch ein wohl längst vergessener Kanaldeckel, was wohl darunter zu finden wäre? Zwischen diesen zwei Dingen allerdings war nun auch ein Lebewesen zu entdecken, ein wortwörtlich rabenschwarzer Rabe. Mit von einem Raben nicht unbedingt erwartetem sanftem Flügelschlag landete er genau zwischen Wasserpfütze und Kanaldeckel. Und wohl das erste Mal an diesem Tag interessierte sich für diese leblosen Dinge nun ein Lebewesen, ein König der Lüfte, so niederrangig er auch sein mag.
Der Rabe nun wendete seine Aufmerksamkeit alsbald jedoch anderen Dingen zu. Denn ganz unbemerkt befand sich zwischen Deckel und Pfütze noch mehr Gegenstände, ein Steinchen und ein Holzstücken. Das Steinchen hatte seinen Ursprung wohl noch vom Splitstreuen in der Winterzeit, das Holzstück muss sich von den unweit entfernten schlanken Bäumen losgerissen haben.
Diese zwei naturellen Gegenstände bekamen nun endlich ihre wohlverdiente Aufmerksamkeit. Doch allzu interessant waren sie dann wohl doch nicht. Nach minutenlangem betasten und untersuchen mit dem Schnabel hüpfte der Rabe weiter. Zuerst auf die Grünfläche, welche einen knappen Meter entfernt, umrahmt von Pflastersteinen, die Straße begrenzt, danach erhob sich das schwarze Wesen mit einem schaurigem Krächzen wieder in die Weiten der Lüfte und verschwand recht flott aus dem Blickfeld des Torpostens. Ganz verlassen lagen nun Wasser, Holz, Stein und Eisen an ihrem Platze. Auch der Wachsoldat wendete bald wieder seinen Blick ab. Nur noch die jungen Bäume, örtlich angesiedelt in der unweiten Grünfläche, wachten noch über sie. Und doch waren die Dinge glücklich, sie hatten ihre Ruhe, eine gewisse Ordnung war regelrecht spürbar, künstlerisch untermalt von einer friedlichen Geräuschkulisse, denn in den Ästen der Bäume sangen einige Singvögel selbstergeben ihre fröhlichen Liedchen.



Eingereicht am 16. Februar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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