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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Herr Treckingschuh

© Henning Brandes

Herr Treckingschuh hatte sich in seinem bisherigen Leben keine 100 Schritte von seiner Behausung wegbewegt. Wieso auch,... er liebte seine Behausung und hatte viel Zeit und Mühe darin investiert, diese stilvoll einzurichten. Eigentlich, wenn er so darüber nachdachte, hatte er in seinem Leben nichts anderes getan.
Trotzdem empfand er diesen Aufwand nicht als übertrieben und nutzlos. Im Gegenteil, seine Behausung erfüllte ihn stets mit Genugtuung und Stolz.
Er war in der Behausung zur Welt gekommen und schon als kleine Larve hatte er sich in diese verliebt, beim Herumtollen zwischen den Ösen oder beim Versteckspiel im Schaft. Ein kleiner Stoffaufnäher, der über dem Eingang wie ein Namensschild angebracht war, hatte ihm seinen Namen gegeben und überall auf der Wiese kannte man ihn nur als Herrn Treckingschuh.
Herr Treckingschuh bezeichnete sich selbst gerne als Schöngeist, das heißt, er liebte die schönen und geschmackvollen Dinge des Lebens.
Dabei war er durchaus kein Einzelgänger. Er empfand sehr wohl Spaß an einem netten Plausch über den Gartenzaun hinweg, aber eine intensivere Beziehung oder Freundschaft mit den Lebewesen in seiner Nachbarschaft hatte sich nie ergeben.
Dies war umso verwunderlicher, da er sich nach einem niveauvollen Austausch mit einem adäquaten Gesprächspartner sehnte. Denn Herr Treckingschuh war sehr belesen und gebildet, und teilte sich deshalb gerne mit.
Wenn er sich aber in der Nachbarschaft umsah, so konnte er über die Tatsache nicht hinwegsehen, dass die Lebensformen in seiner Umgebung es vorzogen, in Erdlöchern zu hausen oder sich unter Rinden zu verstecken. Dies, so fand er, war keine angemessene Lebensweise und so wahrte er stets eine höfliche Distanz zu seinen Nachbarn.
Herr Treckingschuh überfiel oft ein großes Fernweh. Besonders dann, wenn er sich die Reiseberichte im Fernsehen ansah. Er hatte sie alle schon zum wiederholten Mal gesehen: ‚Die Reise zum Fluss', 'Leben in den Arkaden' oder aber ‚Im Sturzflug über das Weizenfeld'. Letzterer gefiel ihm besonders, vor allem wegen der rasanten Bilder. Und er wunderte sich jedes Mal wieder aufs Neue, wie sie es geschafft hatten, die schwere und sperrige Kamera an der Hummel zu befestigen.
Herr Treckingschuh war mittlerweile 5 Tage alt. Damit befand er sich im goldenen Herbst seines Insektenlebens. Doch auf die Ereignisse, die ihm am Morgen des 6. Tages erwarteten, hatte ihn nichts vorbereitet.
Alles begann wie gewöhnlich. Herr Treckingschuh streckte seine Glieder und betrachtete durch das große Loch in der Decke seiner Behausung den anbrechenden Morgen. Es schien ein schöner Tag zu werden, wie Herr Treckingschuh an der Form der Wolken zu erkennen glaubte.
Zugleich aber ärgerte er sich über sich selbst, da er es immer noch nicht geschafft hatte, dieses Loch in der Decke abzudichten. Was würde passieren, wenn es richtig anfangen würde zu regnen? Er hatte in seinem Leben schon einen Regenschauer erlebt und er erinnerte sich an die fatalen Folgen, die alleine dieser kurze Schauer auf die Inneneinrichtung seiner Behausung gehabt hatte.
Plötzlich wurde Herr Treckingschuh jäh aus seinen Gedanken gerissen.
‚ENDLICH HABE ICH DICH GEFUNDEN'
Eine Stimme wie Donnerhall drang durch das Loch in der Decke.
Jetzt ärgerte er sich doppelt über sein Versäumnis, doch er sollte sich gleich dreifach ärgern, denn was anschließend passierte, sprengte jegliche Vorstellungskraft, die sich Herr Treckingschuh im Lauf seines Lebens angeeignet hatte.
Ein wurmähnliches Lebewesen, so groß, dass es das Loch komplett ausfüllte, zwängte sich durch die Öffnung in der Decke. Herr Treckingschuh war anfangs starr vor Schreck, aber sein plötzlich erwachender Überlebenswille trieb ihn zur Flucht in die hinterste Ecke seiner Behausung. Dort kauerte er sich so klein als möglich zusammen. Der Eindringling hatte sich in der ganzen Wohnung bequem gemacht und seine übelriechenden Ausdünstungen ließen Herrn Treckingschuh schwer atmend und zitternd in seiner kauernden Haltung verharren. Auch schien sich die Behausung jetzt zu bewegen, denn sowohl Herr Treckingschuh, als auch sein Inventar wurden kräftig durchgeschüttelt.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis sich der Besucher wieder verabschiedete. Als Herr Treckingschuh es kaum noch zu hoffen gewagt hätte, verschwand der Besucher so schnell, wie er gekommen war. Das geschah in einer Geschwindigkeit, die man dem Besucher aufgrund seiner Körperfülle niemals zugetraut hätte.
Nachdem Herr Treckingschuh das Ausmaß der Zerstörung seiner Wohnung in Augenschein genommen hatte, rannte er auf den Balkon, um sich einen Überblick über die Lage zu machen.
Die Umgebung erschien ihm seltsam ungewohnt. In einiger Entfernung konnte er zwei Fühler ausmachen, die hinter einem ihm unbekannten Hindernis hervorguckten.
‚Komm da raus!', schrie er ‚ich habe dich gesehen'.
Und schon kam der Besitzer der Fühler hinter einer Schuhbürste hervor und schien gar nicht ängstlich. Mit verschränkten Armen und breitem Gang schritt zum Schrecken von Herrn Treckingschuh eine Kakerlake auf ihn zu.
‚Was machst du hier in unserem Revier?', wollte sie wissen.
‚Die Frage kann ich nur zurückgeben', versuchte sich Herr Treckingschuh zu verteidigen, ‚ich habe hier schon immer gewohnt. '
Gleichzeitig aber wunderte er sich, wie eine bisher so gediegene Wohngegend in so kurzer Zeit so schnell verwahrlosen konnte, dass sie solche Gestalten anzog. Erste Anzeichen einer schleichenden Verwahrlosung hatte er in der letzten Zeit allerdings schon bemerkt. Hatte der Regenwurm von gegenüber ihn nicht bei der letzten Begegnung ignoriert und nicht zurückgegrüßt? Hatte die Fruchtfliege von links hinter dem Klee nicht trotz mehrfacher Ermahnung seinerseits ihre schreienden Larven nicht zur Ruhe gebracht? Und das in der Mittagszeit! Alles erste Anzeichen, denen man mit Entschiedenheit hätte entgegen treten müssen!
‚Ich glaube nicht, dass du hier schon immer gewohnt hast,' meinte die Kakerlake bestimmt, ‚ich habe beobachtet, wie du gerade mit deiner Behausung hier angekommen bist.'
Herr Treckingschuh verstand jetzt gar nichts mehr. Er war bisher ein Insekt gewesen, dass trotz seines Hanges zu schönen Dingen mit seinen vier mit Widerhaken besetzten Beinen auf dem Boden geblieben war. Doch jetzt drohte er anscheinend, den Verstand zu verlieren.
‚Wir sind Kakerlaken,' führte die Kakerlake ungefragt aus, ‚wir haben unseren Evolutionszyklus so verkürzt, dass wir in wenigen Generationen so zahlreich sind, dass wir die Welt beherrschen werden. Willst du dich hier auch vermehren?'
Die letzte Frage war so scharf gestellt, als ob bei einer falschen Antwort das Leben von Herr Treckingschuh davon abhängen könnte.
Doch was seinen Fortpflanzungswillen betraf, konnte Herr Treckingschuh die Kakerlake beruhigen. Er war ein eingefleischter Junggeselle. Nicht, dass er sich generell nicht vorstellen konnte, mit einem Weibchen zusammenzuwohnen. Es hatte sich allerdings noch kein Weibchen gefunden, das seine hohen Ansprüche erfüllen konnte. Dies war ein Zustand, der ihn nicht sonderlich beunruhigte, da er sein Lebensziel nicht wie so viele seiner Artgenossen in der reinen Fortpflanzung sah.
Wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, hatten sich einige hundert Kakerlaken aus verschiedensten Generationen um seine Behausung versammelt. Der reine Fortpflanzungswahnsinn, dachte Herr Treckingschuh, wo soll das noch hinführen?
Aber wenigstens hatten diese Kreaturen Ambitionen!, dachte Herr Treckingschuh, was er bei seinen bisherigen Nachbarn immer schmerzlich vermisst hatte.
‚Ich habe nicht vor, mich hier oder anderswo mit einem Partner fortzupflanzen'.
‚Was nicht bedeuten soll', so fügte er hastig hinzu, ‚dass es sich bei meiner Gattung um Zwitter oder Selbstbefruchter handelt.'
Herr Treckingschuh wollte jede Spekulation über eine etwaige pervertierte sexuelle Veranlagung von vorneherein entgegentreten.
‚Falls sich hier unter Euch eine holde Weiblichkeit berufen fühlt, sich entsprechend meiner hohen Ansprüche einer Prüfung zu unterziehen, soll sie sich bitte melden.'
Ein frühreifes Kakerlakenmädchen wackelte animiert durch seine Worte dreckig und verführerisch mit ihren kleinen, knackigen Hintern. So hatte Herr Treckingschuh das nicht gemeint. Niveau und Ambitionen gehen anscheinend nicht immer Hand in Hand, dachte er resigniert.
Doch Herr Treckingschuh wurde wiederum jäh aus seinen Gedanken gerissen. Der ungebetene Gast von vorhin wollte ihm anscheinend erneut einen Besuch abstatten. Herr Treckingschuh sah die davon stürmenden Kakerlaken und rannte selbst schnell herunter in den Wohnbereich seiner Behausung. Er hatte sich vorgenommen, den Gast diesmal mit einem Tablett Kaffee und Kuchen zu begrüßen. Im anschließenden Gespräch wollte er freundlich aber bestimmt Fragen zur Besuchsregelung erörtern und sein langjähriges Gewohnheitsrecht zur Nutzung der Behausung geltend machen.
Doch der Besucher ignorierte sein Ansinnen, wie er insgesamt wenig Notiz davon zu nehmen schien, dass sich ein Bewohner mit einem durch Gewohnheit erlangten und dadurch verbrieften Nutzungsrecht in der Behausung aufhielt. Deshalb blieb Herrn Treckingschuh nichts anderes übrig, als sich auf den Balkon zu flüchten und von seinem Logenplatz aus neugierig die folgenden Ereignisse zu betrachten.
Zuerst setzte sich seine Behausung nur langsam, dann immer schneller in Bewegung, wobei sie sich wie ein Fahrstuhl auf und ab bewegte.
‚Das ist ja aufregender als ‚Sturzflug über das Weizenfeld', dachte Herr Treckingschuh. Er breitete seine Arme aus und genoss den Flug durch die Landschaft. Plötzlich tauchte eine große Kugel vor ihnen auf. Während Herr Treckingschuh noch überlegte, welch gewaltiger Mistkäfer wohl so eine überdimensionale Kugel rollte, kollidierte seine Behausung mit einem Fußball. Durch die Wucht des Aufpralls wurde Herr Treckingschuh unsanft vom Balkon gerissen. Ein Schock übermannte ihn und er fiel in eine für Insekten typische Todesstarre, ein angeborener Reflex, soviel wusste Herr Treckingschuh, um potentiellen Feinden den eigenen Tod vorzutäuschen und diese von weiterführenden Aktionen abzuhalten. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.
Als er wieder aus seiner Todesstarre erwachte, war der Besucher verschwunden.
Der Besucher hatte Chaos und Zerstörung in seiner Wohnung hinterlassen. Am Schlimmsten hatte es die Maiglöckchenstehlampe getroffen, die sie so schön zu dem geschwungenen Ahornblatttisch im Jugendstilambiente gepasst hatte. Aber der war auch brutal in der Mitte durchgebrochen worden, was Herrn Treckingschuh keineswegs tröstete.
Um ein wenig Ordnung in das Chaos zu bringen, schaffte Herr Treckingschuh die zerstörte Einrichtung nach draußen, wo sie auch direkt von mehreren aufgeregten Kakerlaken begutachtet wurde, die sich sofort nach seinem Eintreffen um die Behausung versammelt hatten. Auch, wenn die Einrichtungsgegenstände zerstört waren, war es für Herrn Treckingschuh unerträglich, sie von neugierigen Kakerlakenhänden betatscht zu sehen.
‚Finger weg, das ist hier kein Flohmarkt!'
Eine besonders aufgeweckte Kakerlake schien sich damit nicht abfinden zu wollen: ‚Wenn das hier ein Flohmarkt wäre, dann würden hier nicht Lampen, sondern Flöhe verkauft.' Die anderen Kakerlaken hatten sich derweil um die wortführende Kakerlake gescharrt und nickten zustimmend.
Soviel Ignoranz und Unwissenheit ließen Herrn Treckingschuh verstummen. Nicht nur, dass sie keine Ahnung davon zu haben schienen, was ein Flohmarkt war, so konnte sich Herr Treckingschuh auch nicht erinnern, dass er seine Einrichtung, obwohl zerstört, so doch immer noch eine Herzensangelegenheit, jemals mit auch nur einem Wort zum Verkauf freigegeben hätte.
Herr Treckingschuh unterdrückte seine Wut, denn etwas Entscheidendes war ihm nicht entgangen: Sie schienen Flöhe zu kennen! Obwohl Herr Treckingschuh selber noch keinem Floh begegnet war, hatte er viele Legenden über diese reisende Spezies gehört. Sie reisten auf sogenannten Hunden, Kreaturen von einer gigantischen Größe, die er genauso wie die reisende Spezies für einen Mythos gehalten hatte.
‚Gibt es hier Flöhe?'
‚Ja sicher, es kommen häufig Flöhe auf dem Hund vorbei.'
Herr Treckingschuh war wie elektrisiert. Es gab sie also wirklich. Ihm wurde plötzlich schwindelig. Er fühlte sich mit Dingen konfrontiert, die um so vieles größer waren als alles, was ihm in seinem bisherigen Leben widerfahren war. Er spürte eine Demut, die er bisher nicht gekannt hatte. Ohne sich um die überraschten Kakerlaken zu kümmern, fiel er auf die Knie, um zu beten: ‚Bitte, mach diesem Wahnsinn ein Ende und bringe mich zurück auf meine Wiese!'
Herr Treckingschuh wurde erst in seinem Zustand innerer Einkehr aufgeschreckt, als er die Kakerlaken wild schreiend davonlaufen hörte. Ein zotteliges Wesen, mindestens fünf mal so groß wie seine Behausung, kam auf seinen vier Pfoten mit einer rasanten Geschwindigkeit auf ihn zu. Diese Kreatur wurde geritten von einer winzigen Gestalt, die sich mit all ihren Gliedmassen in dem Fell des Hundes festgekrallt hatte. Herr Treckingschuh hätte sich dieses groteske Bild noch gerne eine Weile länger angesehen, doch vorerst erschien es ihm ratsamer, sich in seine schützende Behausung zurückzuziehen.
Und der Hund nahm den Stiefel in die Schnauze, trug ihn in den Garten und ließ ihn genau an seiner alten Stelle auf der Wiese fallen.
Herr Treckingschuh war überglücklich.
Sobald der Hund verschwunden war, kamen sie alle aus ihren Verstecken, begrüßten den alten, neuen Nachbarn und bedrängten ihn, ihnen das Abenteuer in all seinen kleinen Einzelheiten zu erzählen. Und das tat Herr Treckingschuh nur zu gerne.
Als Herr Treckingschuh im stolzen Alter von 9 Tagen an einem sonnigen Nachmittag ruhig und friedlich in seinem Schaukelstuhl verstarb, war sein Ruhm und seine Weisheit weit über die Grenzen der Weise hinaus bekannt und ein nicht enden wollender Trauerzug, bestehend aus Insekten der verschiedensten Spezies und Gattungen, gab ihn sein letztes Geleit.



Eingereicht am 04. Januar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.



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