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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Hund kommt nicht ins Haus!

© Martina Belzer

1. Phase: Ein Hund gehört in den Zwinger
"Wir haben einen Hund gekauft" Ich war baff. Diese Worte aus dem Munde von Barbara. Täuschte ich mich, oder schwang da sogar etwas Stolz mit? Dabei hatte sich Barbara doch jahrelang den Versuchen ihres Mannes widersetzt, wieder eine Katze ins Haus zu holen. Und nun ein Hund in der Familie Ludwig ...
Ich kannte Barbara nun ca. drei Jahre. Sie war ein lieber Mensch, mitfühlend, sozial, hilfsbereit aber eben leider etwas etepetete. Ich erinnere mich noch an ihren angewiderten Gesichtsausdruck, als sie von der Katze berichtete, die kurzzeitig zur Familie gehörte. Katzenkotze auf dem Parkett, Katzenhaare auf dem Sofa ... Auch bei den Begegnungen mit unseren Hunden, der wuseligen Sheila und dem alten Timmy, wahrte Barbara immer Distanz. Wie wir mit Hunden und Katzen im Haus leben, musste für Barbaras Sauberkeitsempfinden kurz vor dem hygienischen GAU stehen.
Und nun hatten sich also Sohnemann David und Ehemann Herbert doch durchgesetzt, ein Hund war da. "Die schläft erst mal in der Garage, bis wir einen Zwinger gebaut haben. Ins Haus kommt sie nicht", verkündete Barbara.
Nun ließen wir uns genau berichten. Ein Labradormädchen, schwarz, Welpe, 12 Wochen alt. Geistig schlug ich die Hände überm Kopf zusammen. Ein Welpe! In der Garage! Natürlich nicht stubenrein. Ob das gut ging? Auch Barbara schien mir sehr unsicher, ob sie das schaffen würden: "Wenn s nicht klappt, müssen wir sie eben wieder abgeben." Noch hatten sie zwei Wochen Urlaub bzw. Ferien. Aber auch in zwei Wochen würde der Hund noch ein Welpe sein und mehr Zuwendung brauchen als eine Garagenexistenz versprach. Und im Winter, wann würde der Hund da "sein Rudel" sehen, zwei Stunden am Tag vielleicht? Das hieß 22 Stunden warten, ein Leben lang, in Einzelhaft.
Kläffende, verzweifelte Zwingerhunde gab es genug im Ort. So ist das eben bei der bäuerlich geprägten Landbevölkerung, da kommt der Hund nicht ins Haus. Das war früher auch meist nicht so schlimm. Der Hund bewachte den Hof, begleitete den Bauern auf den Acker. Aber früher, da waren die Menschen auch mehr draußen. Wann saß ein Bauer schon mal im Haus?
Herbert kam aus der Landwirtschaft. Er war sehr naturverbunden und liebte Tiere. Der Hund war ein Herzenswunsch von ihm. Sein Beruf zwang ihn zur Bürotätigkeit und seine zahlreichen Hobbys ließen ihm wenig Zeit. Würde er sich überhaupt genug um den Hund kümmern können?
Sohn David war nicht gerade ein kleiner Naturbursche, eher ein etwas empfindlicher Stubenhocker. "Wieder ein Hund, der fürs Kind angeschafft wird und dann an Mama hängen bleibt", dachte ich. Bloß dass Mama den Hund ja gar nicht will. Nein, meine Prognosen waren eher pessimistisch.
Ich ermunterte Barbara doch "das Baby" mal vorbeizubringen. Also kamen sie. Barbara, David, Barbaras kleines Patenkind und Nala. Unsere Sheila war begeistert: Ein Hundebaby! Sie stürmte auf Barbara los. "Lass die Kleine runter", konnte ich gerade noch sagen. Sheila war damals selbst erst ein Jahr alt und sehr dynamisch. Nala wurde auf den Plattenweg gesetzt und schwups, umgestupst. Sheilas Nase schnuffelte den ganzen rundlichen Welpen entlang. Überhaupt glich Nala eher einem Meerschweinchen als einem Hund. Schon hatte sie ihren Spitznamen: "Meerschweinchen". Kaum hatte Nala sich wieder aufgerappelt, wurde sie wieder umgestupst. Ich setzte sie schließlich auf den Rasen, damit das Umfallen bequemer wurde.
Obwohl Nala diese erste Begegnung mit Sheila vorwiegend auf dem Rücken liegend erlebte, war auch sie von der großen fusseligen Sheila begeistert. Die Grundlage für eine innige Freundschaft war gelegt.
David machte mir Sorgen. Er beklagte sich über die Bisse, die Nala ihm beibrachte. "Meine Güte, ist das Kind pienzig", stöhnte ich leise. Allerdings hatte auch unser alter Hund Timmy beim Anblick des Welpen die Flucht ergriffen. Er wusste: Welpen haben spitze Zähne, beißen einen in Nase, Pfoten und Ohren und man darf sich nicht mal wehren.
An einem der drauf folgenden Abende hatten wir die Familie Ludwig eingeladen. Natürlich mit Nala. Bei Grillfleisch und Rotwein versuchten wir vorsichtig die harten Bedingungen zu lockern. Wir wollten ja unsere Freunde nicht vergraulen, aber doch auch Sensibilität für den Hund wecken.
Zunächst lobten wir sie für die kluge Wahl bei der Rasse. Labradors sind unempfindliche, menschenfreundliche Familienhunde. Sie sind keine giftigen Kläffer mit unbeherrschbarem Jagdtrieb wie Terrier oder Dackel. Sie haben auch nicht den schwierigen Charakter, den viele Cockerspaniel zeigen. Sie sind körperlich robust, nicht verzüchtet und geistig stabil. Ideal für Familie Ludwig als Hundeanfänger.
Dann begannen wir vorsichtig zu verdeutlichen, was es für das Rudeltier Hund heißt, allein leben zu müssen. Wir deuteten psychische Störungen an, verwiesen auf die zahllosen Zwingerkläffer im Ort und fragten, was denn im Winter passieren solle.
Barbaras Sorgenfalten wuchsen. Gleichzeitig merkten wir, dass aber auch Nala erste Erfolge verbuchte. Herbert schlief auf der Couch im Wohnzimmer, um näher an der Garage zu sein. Es war Sommer, die Türen standen offen ... Ich setzte auf Herberts weiches Herz, aber ich hätte nie vermutet, wie erfolgreich Nala selbst Schritt für Schritt die Herzen der gesamten Familie eroberte.
Während des Gesprächs tobte David mit Sheila und Nala im Garten. Dabei war Sheila nicht gerade zurückhaltend. "Na, der ist doch kein solches Weichei", stellte ich fest. Da waren Hoffnungsschimmer am Horizont.
2. Phase: Die Eroberung des Erdgeschosses
Lag es an den Verlockungen eines ehelichen Bettes im Vergleich zur ausgelagerten Existenz auf der Wohnzimmercouch, denen Herbert erlag? War es die massive Intervention labradorerfahrener Freunde? Oder war es einfach der jämmerliche Blick des "Meerschweinchens", der an Barbaras Muttergefühle appellierte? Nala durfte im Haus schlafen! "Aber nur unten", sagte Barbara.
Zugegeben - wir mussten grinsen. Geschafft! Der Bann war gebrochen. Nala war nun schon zwei Wochen da und die Überlegung, den Hund wieder abzugeben, erschien Barbara völlig absurd. Doch was in den folgenden Wochen passierte, hätte ich nie erwartet.
3. Phase: Gehirnwäsche
Barbara fing an sich reinzuarbeiten. Und das muss man ihr lassen: Was sie anpackt, macht sie richtig. Sie lieh sich Hundebücher. Sie las alles, was sie über Hundeerziehung, -ernährung, -haltung finden konnte. Einmal wöchentlich fuhr Barbara mit Nala zur Welpenspielstunde. Auch hier lernte sie eifrig dazu.
Was die Ernährung betraf, hatte Nala da eigene Vorstellungen. Nala erwies sich als typischer Labrador und fraß alles. Sie fraß jeden Krümel, der vom Tisch fiel, sie fraß die Beeren von den Sträuchern, sie fraß Pferdeäpfel und Kuhkacke und sie fraß Socken! Getragene Socken waren für sie der Gipfel der Tafelfreuden. Sie fraß sie nicht nur, sie inhalierte sie in Sekundenbruchteilen.
Wieder staunte ich über Barbara. Nicht nur, dass sie heimlich die rausgekotzten Socken entsorgte. - Sie wollte Herbert das Ende seiner Lieblingssocken schonend beibringen. - Barbara untersuchte die Kotze gewissenhaft auf Anzeichen gesundheitlicher Beeinträchtigungen beim Hund. "Ach das macht doch nix, wenn der Hund mal etwas Dreck macht", war Barbaras feste Überzeugung. Ein Glück, dass die Diktatoren der Welt nicht Nalas Geheimnis der Hirnwäsche kennen!
Nala hatte inzwischen die "Meerschweinchenphase" überwunden. Von Woche zu Woche sah sie mehr wie ein Hund aus. Inzwischen konnte sie schon mit Sheila toben. Lief Sheila ihr zu schnell, biss Nala sich im Schwanz fest und ließ sich ziehen. Auch Sheilas Ohren waren praktisch zum Andocken.
Doch auch mit David war eine große Veränderung vorgegangen. Lag es an der vielen frischen Luft bei den Hundespaziergängen oder lag es an der Verantwortung für diesen kleinen Hund? David war inzwischen ziemlicht robust geworden. Es war schon Herbst als mir David mit einigen Freunden auf einem Feldweg begegnete. Sheila sah David, raste ihm entgegen, sprang ihn freudig mit ihren Lehmpfoten an und ließ sich durchknuddeln. Als die Gruppe bei mir vorbei kam, hielt David seine lehmbespritzte Brille in der Hand. "Ist doch nicht schlimm", war sein Kommentar. Die Krallenspuren von Sheila auf seiner Hand, hatte er noch nicht einmal wahrgenommen. Vor drei Monaten hatte er noch wegen der Welpenbisse gejammert!
4. Phase: Die Erziehung zum Hundebegleitmensch
Nala wuchs heran und auch ihr Selbstbewusstsein wuchs. Jeden Samstag ging Barbara mit ihr zur Hundeschule. Erst in die Welpenstunde und dann in den Vorbereitungskurs zur Familienbegleithundeprüfung. Sie war eine vorbildliche Schülerin - in der Schule.
Zu Hause klappte der Gehorsam noch nicht so gut. Vor allem, wenn sie Sheila sah. Dann half alles Rufen nichts. Auch Sheila konnte kaum abgehalten werden, auf Nala loszurasen. Entdeckten wir Nala zuerst, konnten wir Sheila noch halten, war sie erst mal am Rennen, konnten wir nur noch zusehen. Sie kamen dann beide angetobt. Zwei glückliche Hunde!
Weniger glücklich waren Nalas Versuche, durch unseren Jägerzaun zu klettern, um zu Sheila zu gelangen. Es klingelte, Barbara stand vor der Tür. "Nala hängt in eurem Jägerzaun fest!", keuchte sie. Einige Minuten hatte sie schon mit dem Versuch zugebracht, die wuselige Nala, deren Kopf zwischen den Latten steckte, zu befreien. Auch zu zweit gelang es uns nicht. Komisch, ich dachte immer: was reinpasst, passt auch wieder raus. Schließlich holte ich die Brechstange und lockerte eine Zaunlatte. In den nächsten Wochen gab's noch eine Wiederholung dieser Aktion, dann war Nalas Kopf endlich zu dick für unseren Jägerzaun. Dafür krabbelte sie jetzt unterm Törchen durch ...
5. Phase: Abschlussprüfung
Im Sommer war dann sozusagen die Abschlussprüfung von Nalas Menschenerziehung. Ich meine nicht die Familienhundebegleitprüfung, die Nala und Barbara mit Auszeichnung bestanden. Ich meine die Prüfung als Hundeschutz- und -verteidigungsmenschen, die Familie Ludwig bestand.
Besuch hatte sich angesagt. Besuch, der Angst vor Hunden hatte. "Wir sollten Nala wegsperren, während die kommen!", berichtete mir Barbara empört. "Herbert hat ganz klar gesagt, dass Nala zur Familie gehört und nicht weggesperrt wird. Wer uns besucht, muss akzeptieren, dass der Hund auch da wohnt." Wie schon gesagt: Abschlussprüfung als Hundemensch bestanden!
Letztlich hat Nala übrigens auch den ängstlichen Besuch überzeugt. Wer kann dieser Knuddelnase schon widerstehen?



Eingereicht am 07. August 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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