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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Bacchi & Banka

© Jacqueline Stauber

Alles begann in der tiefen Stille der Nacht, die durch das leichte Pfeifen des kalten Windes durchbrochen wurde.
Der Wind wehte über die weiße Schneelandschaft, war wie tausend spitze Nadeln. Er wirbelte die weiße Pracht auf, die mit dem pechschwarzen Himmel und dem glühenden Vollmond eine eigene Welt schuf.
Die Gegend war karg, es gab keine Vegetation und kaum Leben. Und fast unsichtbar lag ein Wesen, das schwarze Streifen zierte, in dem eisigen Kunstwerk und wärmte zwei neugeborene Jungen. Doch irgendetwas stimmte nicht, die Tigerin hatte ein Gespür dafür. Der Wind zog anders über die Tundra. Trauriger.
Sie stand auf und sofort krümmte sich eines ihrer Jungen zitternd vor Kälte zusammen, suchte die Wärme der Mutter, doch das andere rührte sich nicht. Suanri, die Tigerin blickte auf zum Mond, der Nacht für Nacht zeitlos über die Ebene strahlt und über sie wacht. Dann packte sie das leblose Bündel vorsichtig am Nackenfell und trug es dem Horizont entgegen. Ohne seine Mutter war Banka, das andere Kleine verloren. Er würde sterben - wie sein Geschwister.
Zur selben zeit streifte ein ähnlich imposantes Wesen durch die Nacht. Vorbei an feuchten Gewächsen und über sumpfigen Boden, durch den tiefen Dschungel. Die dichte Geräuschkulisse, die zirpenden Insekten, die vereinzelt quakenden Frösche, das Rascheln an jeder Ecke, gaben dieser Tigerin perfekte Deckung für die Jagd. Nicht weit von ihr, gebettet in den dicken, wachsigen Blättern einer Farnpflanze, hat auch sie ihr Baby versteckt. Das Kleine lag noch wach und schaute mit seinen smaragdgrünen Äuglein der Mutter nach. Doch die kräftige Denva lief unbeirrt weiter. Sie hatte schließlich Hunger.
Der hilflose Banka lag inzwischen auf einem dünnen Wasserfilm und war total unterkühlt. Da erkannte er in der Ferne die Silhouette eines Tigers. Doch Banka spürte genau, dass das nicht seine Mutter war.
Der sich nähernde Tiger hatte ein dickes, zotteliges Fell und das elegante Spiel seiner Muskeln zeichnete sich im Lauf unter seiner Haut ab. Der eisige Wind blies gegen seinen kräftigen Backenbart, der fast eine Mähne war. Es musste ein männlicher Tiger sein. Und er kam dem kleinen Banka immer näher. Der kleine Tiger zitterte nicht mehr vor Kälte, sondern vor Angst. Wie alles Leben hier, würde auch der mächtige Tiger vor ihm hungrig sein.
Endlich kam Suanri zurück. Als sie den männlichen Tiger nahe ihrem letzten Sohn sah, verzog sie ihren Gesichtsausdruck schlagartig und stürmte zu ihrem Jungen. Der knirschende Schnee unter ihren Pfoten verriet dem Tiger, wer sich ihm plötzlich näherte.
Er drehte sich um und erblickte die wütende Mutter. Die beiden Tiger schienen sich zu kennen. Ohne den Blick auch nur ein Mal von dem Bedroher ihres Jungen zu wenden, stellte sie sich schützend vor Banka, duckte sich tief in den Schnee und legte die Ohren flach an. Überraschend zog der muskulöse Tiger ab, obwohl er leicht gegen Suanri angekommen wäre.
Endlich hatte der kleine Tigerjunge seine Mutter wieder und schlummerte trotz der Kälte zufrieden ein.
Diese Nacht war kurz und ging schnell vorbei. Und nach ihr folgten noch viele Tage und Nächte. Die damals neugeborenen Tiger waren nun neun Monate alt.
Die Sonne ging mit ihrer wundervollen Pracht über den Dschungel auf. Ihre Strahlen zogen sich über das ganze Land. Nur mitten im Wald merkte man noch nichts vom neuen Tag. Hier war es immer stickig, feucht und dunkel, egal ob Tag oder Nacht. Die dicken Blätter der meterhohen Bäume und die dichte Vegetation ließen kaum Licht durch.
Eine kleine Tigerin jagte einen Frosch durch den Regenwald, es war ein blauer Pfeilgiftfrosch. Der kleine Hüpfer sprang wendig durch die moorige Gegend und kam schnell über jedes Hindernis. Die kleine Tigerin überrannte diese einfach und war dem Frosch dicht hinterher. Die wilde Verfolgungsjagd endete schließlich in einer Lichtung.
Ohne sich umzusehen, stürmte das Tigerkind aus dem Dschungel heraus in die Lichtung, wurde ganz plötzlich vom grellen Licht geblendet und gab die Verfolgung auf. Der Pfeilgiftfrosch sprang behände weiter und entkam.
"Bacchi, was habe ich dir gesagt?"
Plötzlich trat Denva, Bacchis Mutter aus dem Gebüsch.
"Du sollst doch nicht auf offenen Flächen spielen!"
"Aber da war dieser Frosch und… und du hast doch gesagt, ich soll einmal jagen lernen so wie…"da hörte Bacchi ein merkwürdiges Geräusch… drehte sich um… und sah den kleinen blauen Frosch wieder. Nun wollte sie ihrer Mutter beweisen, dass sie eine echte Jägerin war.
Ohne die Worte ihrer Mutter im Hintergrund zu beachten, duckte sie sich auf den Boden und pirschte sich an den kleinen Frosch heran, der mittlerweile auf einem Stein saß.
"Zuerst ducken…" dachte sich Bacchi "dann schleichen…und dann… springen!" mit einem hohen Satz, einem zu hohen Satz sprang die kleine Jägerin auf den Frosch zu. Doch sie war noch ziemlich tollpatschig und übersprang den Stein, auf dem der Frosch saß. Bacchi landete unsanft auf dem Boden, und der Frosch war mal wieder entwischt.
" Bacchi, hörst du mir überhaupt zu?"
Die verwirrte Bacchi drehte sich um.
"Weißt du, ich will dir nicht den Spaß verderben, aber in der Lichtung ist es alleine nun mal gefährlich. Hier hast du nicht den Schutz der dichten Pflanzen, du kannst dich nirgends verstecken."
"Ich weiß, Mama"
Auch im Norden ging die Sonne aufund ließ ihre warmen Strahlen auf die gefrorene Landschaft fallen. Es war still. Man konnte klirrende Luft förmlich hören. Hier bekam.
Scharfe Augen würden ein schneeweißes Huhn, das durch seine Tarnung mit der Umgebung verschmolz, erkennen und Tiger haben für gewöhnlich scharfe Augen.
Auf ein Mal flog das Schneehuhn erschrocken auf, denn ein gestreifter Tigerschwanz war über einem Hügel aufgekommen. Dann folgte ein ganzer Tiger.
"Das passiert mir jedes Mal" sagte der kleinSuanri, die aus einem versteck heraus die Szene beobachtet hatte, wusste, was ihr Sohn falsch machte.
"Banka, ich glaube, du machst etwas falsch."
"Ich bin doch diesmal gegen den Wind gestanden…und ich habe aufgepasst, dass der Schnee unter meinen Pfoten nicht knirscht…und…"
"Hast du auch aufgepasst, dass dein Schwanz nicht zu sehen ist?"
Banka dachte eine Sekunde nach, und wusste nun, welchen Fehler er gemacht hatte. Er's ah sich um und wollte sein Glück noch einmal versuchen, doch kein Tier weit und breit.
"Komm mit, Banka, ich will dir etwas beibringen."
Der kleine Tiger folgte seiner Mutter zu einem zugefrorenen See. So etwas hatte Banka noch nie gesehen.
Doch Suanri fand nicht das vor, was sie erwartet hatte. Der mächtige Tiger lag auf dem Eis und verschlang ein totes Schneehuhn.
"Du bist ein guter Jäger" sagte der Tiger zu dem kleinen Banka, der verdutzt auf das Huhn starrte.
"Aber nicht gut genug" fügte der Tiger lachend hinzu und setzte Banka den Kadaver vor.
Banka wusste nicht woher er diesen Tiger kannte, doch plötzlich überkam ihn die Angst und er schmiegte sich nahe an seine Mutter.
"Charga! Wir hatten eine Abmachung." fuhr Suanri den Tiger an.
"Ich gebe dir das Revier und dafür lässt du meinen Sohn in Ruhe."
"Wie du weißt ist das Revier nutzlos, es gibt nicht zu fressen…" sagte Charga gemütlich und näherte sich dem kleinen Banka.
"Aber keine Angst… Ich werde unserem Sohn nichts tun… zumindest jetzt noch nicht."
"Ich warne dich Charga, du wirst Banka nichts tun!" sagte Suanri, obwohl sie Charga eigentlich mit nichts drohen konnte.
"Ah! Banka hast du ihn also genannt. Wie nett. Ich kannte auch mal einen Banka! Mittlerweile müsste ich ihn eigentlich schon verdaut haben…" sagte Charga spöttisch.
"Ach, Suanrilein, wo ist eigentlich dein anderes Kind?"
Ohne Worte drehte sich die Tigermutter um und lief mit ihrem Sohn davon.
Zuhause angekommen setzte Suanri ihren Sohn stillschweigend ab und setzte sich neben ihn. Einige zeit verging ohne das ein Wort gesagt wurde.
"Mama, was meinte er mit "dein anderes Kind"?"
Die Tigermutter war sich nicht sicher, ob sie ihrem Sohn die Geschichte erzählen sollte und ob sie sie überhaupt erzählen konnte.
"Weißt du Banka…" fing Suanri an zu erzählen. Doch sie brachte es nicht übers Herz.
"Ich… ich erzähle es dir ein anderes Mal…"
Am Abend im Dschungel, waren Denva und Bacchi gerade dabei im Tümpel ein Bad zu nehmen. Klitschnass hatte Bacchi schließlich genug vom Baden. Sie stieg aus dem Wasser und schüttelte sich kräftig.
"Brr! Ist das kalt!"
Denva fing an zu lachen.
"Du weißt doch gar nicht, was kalt ist. Komm mit, Bacchi, ich zeige dir was wirklich kalt ist.
Denva stieg ebenfalls aus dem Wasser und Bacchi folgte ihr in die Lichtung.
"Ich dachte, ich darf nicht auf offene Flächen." sagte Bacchi
"Du darfst nicht allein auf offene Flächen. Das ist ein Unterschied.
Denva setzte sich und Bacchi wurde ungeduldig.
"Das soll kalt sein?"
"Sieht du die Berge am Horizont?"
"Ja." antwortete Bacchi staunend, richtige Berge hatte sie noch nie gesehen.
"Dort ist es richtig kalt. Fast kein Tier kann dort überleben."
"ich kann es bestimmt! Wieso sind die Berge eigentlich so… weiß?"
"das ist Schnee!"
"Schnee?" fragte Bacchi und sah ihre Mutter an. "Was ist Schnee?"
Denva wusste nicht, wie sie Schnee erklären sollte und deshalb sagte sie:
"Schnee ist… eine weiße Decke, die das Land bedeckt und …Schnee ist sehr kalt."
"Kalt…" sagte Bacchi verträumt. Wie gerne wäre hätte sie einmal Schnee gesehen.
"Aber woher weißt du das alles, Mama. warst du schon mal dort?"
"Ja."
"Wirklich?"
" Dein Vater kam dort her. Wir hatten uns dort kennen gelernt."
Plötzlich schlug Denvas Ton um.
"Bacchi. Du darfst niemals dorthin! Es ist gefährlich!"
"Können wir nicht mal zu den Bergen gehen? Bitte?"
"Nein. Und jetzt komm, die Sonne geht schon unter."
Verträumt und mit sehnsüchtigem Blick sah Bacchi noch mal zu den Bergen hoch, bevor sie ihrer Mutter folgte.
Die Sonne war noch nicht aufgegangen, da schlich sich eine kleine gestreifte Gestalt durch den Regenwald. Es war Bacchi.
Sie hatte schließlich die Lichtung erreicht, doch auch hier war es noch dunkel. Die kleine Tigerin sah sich um und entdeckte ihre geliebten Berge. Dann machte sie sich auf den Weg. sie wollte schließlich Schnee sehen.
Nach langer Zeit, kam es Bacchi vor, als sei sie schon eine Ewigkeit gelaufen. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und Denva suchte verzweifelt nach ihrer Tochter. Sie konnte ja nicht ahnen, was diese vorhatte. Denva sah beim Tümpel nach, unternahm die lange Reise zu Bacchis Lieblingsbaum und suchte auch in der verbotenen Lichtung. Schließlich, nachdem sie wirklich den ganzen Dschungel durchkämmt hatte gab sie die Suche auf. Sie hoffte immer noch darauf, dass ihre Tochter zurück zu ihrem Zuhause kam. Doch es wurde Abend und Bacchi kam nicht.
Bacchis Reise war länger als es sich die kleine Tigerin je vorgestellt hatte. Und es wurde immer noch nicht kälter. Im Gegenteil, Bacchi lief durch eine Halbwüste, in der es noch heißer als in ihrem Dschungel war. Es kam ihr jedoch schon so vor, als sei sie ihrem Berg näher, als zuvor. Bacchi lief und lief.
Die Halbwüste wurde mit der Zeit zu einem Sumpfgebiet, welches in einem dichten Tannenwald endete. Mitten im Wald, merkte die Tigerin plötzlich, dass sie von hier den Berg nicht mehr sehen konnte, denn der Wald war dicht und es dämmerte schon. Bacchi überlegte, ob sie nicht doch umkehren sollte, doch sie hatte schon einen Tagesmarsch hinter sich und war sich sicher, dass sie den Berg bald erreicht hätte. Nun ging sie immer geradeaus, um nicht vom Weg abzukommen. nach einiger Zeit war der Tannenwald endlich zu Ende und der Wind hier draußen war ungewöhnlich. Er war kalt!
Bacchi trat ein paar Schritte vorwärts und bemerkte, das der Boden von einer durchsichtigen schicht bedeckt war. Es war sehr rutschig und das Tigermädchen kam kaum vorwärts, doch sie wusste, dass sie hier richtig war, denn es war endlich kalt!
Und tatsächlich, ihr Berg war nicht mehr am Horizont, sondern nahe vor ihr. Vor Freude stürmte sie dem Berg entgegen und fiel sofort auf die Nase. Sie hatte ja das Eis völlig vergessen.
Nach knapp einer halben Stunde machte Bacchi Bekanntschaft mit der kalten weißen Decke - Sie hatte den großen Berg erreicht. Doch es war sehr dunkel, die Sonne hatte sich verzogen und Bacchi hatte vor lauter Freude ihre Müdigkeit vergessen. Aber übermütig wie sie war erklimmte sie eine steile Klippe des Berges. das konnte nicht gut gehen. Sie rutschte ab, schlug im Fall mit ihrem Kopf gegen einen vereisten Felsblock und landete im Schnee. Sie war bewusstlos.
Der neue Tag brach an, doch es war ein trauriger Tag für Denva. Die Tigerin hatte die ganze Nacht nicht geschlafen und lag nun wach in ihrem versteck, immer noch auf die Rückkehr ihrer Tochter wartend.
Für Banka hatte an diesem Morgen, wie jeden Tag der Jagdunterricht begonnen. diesmal war er einem Schneehasen auf der Spur. Banka versuchte alles richtig zu machen. er duckte sich, stand entgegen der Windrichtung und passte auf, dass sein Schwanz nicht zu sehen war. Er schlich sich nun langsam an den Hasen heran, der damit beschäftigt war, Pflänzchen aus dem Schnee zu graben, und passte auf, dass der Schnee keine Geräusche machte. Banka hätte das Tier geschnappt, wäre es nicht zufällig in diesem Moment einen Abhang hinauf gesprungen. Banka sprang ihm sofort hinterher und krallte sich, wie er es gelernt hatte in den vereisten Abhang. Nun rannte er den Berg hinauf, hatte den Hasen schon im Maul, rutschte aber unerwartet den Berg auf der anderen Seite herunter und landete unsanft im Schnee. Diesen Moment nutzte der Schneehase um zu entkommen.
"Mist, wieder kein Glück" schrie Banka. "Was soll ich Mutter nur sagen? Ich habe ihr versprochen Beute mit nach Hause zu bringen."
Doch da entdeckte er etwas, das neben ihm im Schnee lag. Banka, der nicht erkannte, dass dies ebenfalls ein Tiger war, lief zu seiner Mutter um ihr seine Beute zu zeigen.
"Was? Du hast die Beute liegen gelassen?" sagte Suanri zu ihrem Sohn.
"Du sollst doch keine Beute liegen lassen. du kennst doch diese Aasfresser! Hoffentlich ist noch etwas übrig, wenn wir da sind."
Als die beiden Tiger zu der Stelle kamen, erkannte Suanri sofort, um was es sich hier handelte. Als sie den kleinen, hilflosen Tiger sah, dachte sie sofort an ihr eigenes Junges, das sie damals vergraben hatte. Suanri hatte eine Idee. Sie trug den Tiger vorsichtig nach Hause und Banka folgte ihr. Dort legte die Bacchi sanft in den Schnee und merkte, dass sie noch lebte, denn das Tigerkind öffnete die Augen.
" Wie ich sehe, hast du die "Beute" nicht getötet." sagte Suanri.
Banka, der wusste, dass seine Mutter ihn durchschaut hatte, sagte nichts mehr.
"Wo bin ich?" sagte Bacchi plötzlich im Halbschlaf.
"Du bist Zuhause" antwortete Bankas Mutter und leckte der Tigerin über die Wange.
Ihr Sohn sah Suanri verwundert an, doch bevor er etwas sagen konnte erklärte seine Mutter:
"Banka, Gestern hast du mich gefragt, was Charga mit "dein anderes Kind" gemeint hatte. Nun, das hier ist deine Schwester…"
Ein paar Wochen später wollte Banka Bacchi den zugefrorenen See zeigen, und die beiden machten sich auf den Weg
"Aber vor Sonnenuntergang seid ihr wieder hier!" rief Suanri den Beiden nach.
"Ja, Mama!" riefen die Zwei gleichzeitig zurück.
Mitten in ein Gespräch vertieft, merkten Bacchi und Banka nicht, dass sie von einem Tiger verfolgt wurden. Doch es war nicht Charga, denn er hatte smaragdgrüne Augen.
"Kannst du überhaupt schwimmen?" fragte Bacchi.
"Brauch ich doch gar nicht!" antwortete Banka."
"Hast du nicht gesagt, wir wollen zum See?"
"Gehen wir auch! Du wirst schon sehen."
Kurz darauf hatten sie den See erreicht. Der Tiger, der sie verfolgt hatte, saß nun auf einem morschen Baum und beobachtete die Jungtiere.
Diese hatten gerade einen Hasen im Visier. Ohne die Regeln des Jagens zu beachten, stürzten sich Banka und Bacchi auf das Tier und eine wilde Jagd begann. Bacchi hatte einen Plan. Sie trieb den Hasen nicht wie Abgemacht zu Banka, sondern scheuchte ihn auf den See zu.
"Was machst zu da ?" fragte Banka
"Wart's nur ab, Brüderchen!"
Bacchi wusste, dass Hasen wasserscheu sind und wollte ihn mit diesem Trick fangen.
Der5 Schneehase lief also dem See entgegen, hoppelte aber zu Bacchis großem erstaunen einfach über das Wasser.
"Das gibt's doch nicht!" meinte Bacchi. "Hast du das gesehen? er ist einfach über das Wasser gelaufen!"
"Das ist Eis!" sagte Banka und sprang auf den gefrorenen See.
"Eis?" fragte Bacchi und wollte das auch mal probieren. Vorsichtig wagte sie einen schritt auf das Eis und…rutschte aus. das kannte sie irgendwoher! es fiel ihr nur nicht ein.
"Komm schon!" rief ihr Banka zu und schlitterte über das Eis.
Ohne dass die Kleinen es bemerkten, tauchte Charga auf und lief gemächlich auf den heimlichen Beobachter der Beiden zu. Der Tiger mit den smaragdgrünen Augen schien zu wissen, dass dieses Revier Charga gehörte, und sprang vom Baum herunter. Der fremde Tiger machte ein paar schritte rückwärts und verschwand dann.
Charga drehte sich nun den Tigerkindern zu und umkreiste diese.
" Ah, Banka… schön dich wieder zu sehen."
Banka versuchte zu entkommen doch Charga ließ ihn nicht vorbei.
"Warum denn so eilig? hast du etwa Angst?
Plötzlich durchbrach Bacchi den Kreis und rannte davon.
"Sieh nur, Banka" sagte Charga.
"Deine kleine Freundin, denkt, sie könnte entkommen. ist sie nicht süß?"
Charga drückte seinen Sohn auf den Boden, bereit ihn zu töten.
"Will sie nicht herkommen, um dich zu retten?"
Als Bacchi das hörte, war sie gezwungen, zu Charga zu gehen. Der kleine Banka zappelte, doch als Bacchi kam, ließ Charga von ihm ab.
"Ist das deine Schwester? ich hatte sie etwas anders in Erinnerung, aber das ändert hoffentlich nichts am Geschmack."
Charga fuhr seine Krallen aus und diesen Moment nutzten die beiden Tiger zur Flucht.
Sie retteten sich auf den morschen Baum neben dem See, doch der schwere Charga folgte ihnen.
"Spring!" rief Bacchi und beide Tiger sprangen gleichzeitig in die Mitte de Sees. Das Eis knackste etwas, da es in der Mitte sehr dünn war. dann sprang Charga ihnen schwermütig hinterher und landete auf der zerbrechlichen Eisfläche.
"Gleich stürzt er ein." hoffte Banka, doch das Eis hielt gerade noch so stand. Charga, der sich auf dem See hingesetzt hatte, sah sich schon als Gewinner.
"Pech gehabt, meine Lieben." sagte er und trat einen Schritt in Richtung Tigerkinder.
Dann gab das Eis nach. mit einem lauten Platscher fiel Charga ins eiskalte Wasser. Tiger können zwar schwimmen, aber Bacchi und Banka waren längst über alle Berge.
Die Tigerkinder wuchsen in dem Glauben Geschwister zu sein zu großen, stattlichen Tigern heran. Tigermutter Denva glaubte inzwischen längst nicht mehr daran, Bacchi könne noch leben.
An einem regnerischen Tag bekam Denva Besuch von einem Tiger, den sie zu kennen schien.
"Hallo Denva."
Sagte der Tiger und umkreiste sie. Er hatte smaragdgrüne Augen.
"Was willst du?"
" Warum so unfreundlich? Ich habe dir doch nichts getan. Ich bin nur hier, um dir zu sagen, dass sie groß geworden ist. Hätte ich von deiner Tochter nicht erwartet."
"Bacchi? sie ist am Leben? Wo ist sie?"
Doch der Tiger war verschwunden.
"Azrel ! Warte!"
So schnell sie konnte, rannte Denva ihm hinterher. so schnell war sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gerannt.
Bacchi saß an einem kleinen Tümpel und betrachtete ihr Spiegelbild im Wasser. Sie hatte angefangen zu zweifeln. Banka und sie waren so verschieden. Obwohl sie hier aufgewachsen ist, war ihr hier alles fremd.
Da erkannte sie neben ihrem Spiegelbild das Abbild der großen, verschneiten Berge. Schlagartig kam eine Erinnerung. Sie erinnerte sich, dass sie das schon einmal gesehen hatte. Es war sehr warm, der Himmel war rosa…
Ihre Erinnerung war sehr verschwommen.
Und …neben ihr.. stand ein Tiger… ihre Mutter?
Bacchi konzentrierte sich, sie musste sich erinnern. Da verdeckte Bankas Gesicht auf ein Mal die Spiegelung der Berge. Bacchi drehte sich um. Sie sah Bankas Pfoten an. Sie waren viel größer und mit dickerem Fell bedeckt als ihre.
"Banka, sag mir die Wahrheit. Bin ich wirklich deine Schwester?"
Eine solche Frage hatte er nicht erwartet.
"Natürlich! Wieso zweifelst du?"
"Es ist nur… wir sind so verschieden. Sieh nur."
Bacchi hob ihre Pfote gegen seine. Nun bekam auch Banka Bedenken. er dachte an den Moment zurück, in dem seine Mutter ihm gesagt hatte, dass dieses Tigermädchen, das er gefunden hatte, seine Schwester war. Er musste Bacchi alles erklären. Sie hatte nicht gewusst, was Eis und Schnee sind. Banka zweifelte nun noch mehr wie Bacchi.
"Vielleicht hast du Recht. Ich muss dir etwas sagen."
Bacchi sah ihn aufmerksam an und Banka begann ihr die Geschichte zu erzählen…
Inzwischen hatte Denva den Tiger eingeholt.
Außer Atem stellte sie Azrel zur Rede:
"Wo ist Bacchi? Wo ist meine Tochter? sag es mir endlich."
"Ich habe keinen guten Grund dafür… oder kennst du einen?
"Bitte Azrel, ich flehe dich an. Sag mir wo sie ist."
"Nun, deine Tochter scheint eine Vorliebe für… Kälte zu haben."
Sie dachte scharf nach. Natürlich! Die Berge!
Denva begab sich nun auf die gleiche Reise, wie damals ihre Tochter.
Nach einem langen Gespräch, waren Banka und Bacchi davon überzeugt, nicht miteinander verwandt zu sein.
Sie wollten nun von Suanri die Wahrheit erfahren und liefen nach Hause.
"Ja, es ist wahr." Sagte Suanri mit gesenktem Haupt.
"Bacchi ist nicht meine Tochter."
Bei diesen Worten wurde Bacchis Erinnerung immer klarer. Sie erinnerte sich an den Dschungel. Nur an ihre richtige Mutter konnte sie sich nicht richtig erinnern.
"Aber wer sind dann meine richtigen Eltern?" fragte sie, doch Suanri wusste es nicht.
"Ich muss nach Hause, ich muss zurück in den Dschungel." sagte Bacchi entschlossen und stolzierte davon.
"Warte" schrie Banka ihr nach.
"Ich komme mit dir!"
Bacchi wartete einen Moment und Banka holte sie auf. Doch Suanri konnte ihren Sohn nicht gehen lassen:
"Banka, nein! ich möchte nicht noch ein Kind verlieren. Bleibt bitte hier…bitte!"
Banka sah zu seiner Mutter zurück
"Ich wollte es dir nie sagen, Banka aber du hattest mal eine Schwester. Sie starb kurz nach der Geburt."
Banka ging zurück zu seiner Mutter um sie zu trösten.
"Das war auch der Grund, warum ich Bacchi aufgenommen habe. ich dachte, ich könnte mein anderes Kind vergessen."
"Ich passe auf mich auf, Mama. versprochen."
Schwermütig ließ Suanri ihren Sohn los und sagte:
"Mach's gut, mein Kleiner."
Bacchi und Banka machten sich nun auf den Weg.
Ohne Worte durchliefen sie da Gebiet und kamen schließlich zum Tannenwald, an den sich Bacchi wieder erinnerte.
"Ich kenne den Weg" sagte sie zu Banka
"´Bist du sicher?"
"Ganz sicher!"
Sie durchquerten also den Wald und kamen auch zügig durch das Sumpfgebiet. Nur als sie dann die halbwüste erreichten, machten ihnen ein Rudel Wildhunde Probleme. gegen drei oder vier von diesen Bestien, wären Banka und Bacchi leicht angekommen, aber sie wurden von einem ganzen Rudel umzingelt.
Die zwei Tiger kämpften mit aller Kraft gegen die Horde an, doch es waren einfach zu viele. Die Lage schien aussichtslos. Auch schwanden Bankas Kräfte bald bei dieser Hitze.
Dennoch schafften sie es einen grossteil der Hunde in die Flucht zu schlagen, doch nun waren sie verletzt und die Tiere rissen ihnen unentwegt Wunden ins Fell.
Aus einem unerklärlichen Grund verzogen sich die restlichen Aasfresser, obwohl sie gute Chancen gehabt hätten, zu gewinnen.
Eine kräftige Tigerin hatte sie vertrieben. Sie betrachtete die beiden erschöpften Tiger und erkannte sofort ihre Tochter.
"Bacchi! Du lebst!"
"Mutter?"
"Ich habe gedacht, du wärst tot! Wie ist das möglich?"
Die beiden Tigerinnen begrüßten sich herzlich und Bacchi erklärte ihrer Mutter Denva, was geschehen war.
"Und wer ist dieser junge Tiger an deiner Seite?" fragte Denva
"Das ist Banka." verlegen sahen sich Bacchi und Banka an und erkannten, dass sie für einander bestimmt waren. Denva verstand und stellte keine Fragen mehr.
"Komm, Bacchi, wir gehen nach Hause."
Bacchi zögerte. Sie wusste nicht, was sie tun sollte.
"Mama? ich möchte bei Banka bleiben. Dort ist mein Zuhause."
Traurig ließ Denva ihre Tochter gehen, denn sie konnte ja jetzt auf sich selbst aufpassen. Sie umarmten sich ein letztes Mal und dann machten sich alle auf den Weg in ihr Zuhause. Denva in den Dschungel , Bacchi und Banka in die Tundra.



Eingereicht am 10. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.



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