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Magische Augen

© Marion Treche

Huch! Was ist denn mit dem Huhn passiert? Starr vor Entsetzen kippte es nach hinten, zur Salzsäule erstarrt und die Beine steif in die Höhe gestreckt.
Es waren die Augen des ausgestopften Habichts eines amerikanischen Wissenschaftlers, der das Huhn in diesen Trancezustand beförderte. Doch was geschah mit dem armen Federvieh eigentlich? Hatte es einen Schock erlitten?
Stellte es sich nur tot? Oder war es am Ende hypnotisiert?
Irgendein teuflischer Geist wird sicher nicht aus den Glasaugen des ausgestopften Habichts gesprungen sein. Obwohl, wenn seine Augen hinter einem Tuch verborgen waren, schien keinerlei Gefahr von ihm auszugehen. Das Huhn blieb entspannt und pickte sorglos auf dem Boden nach Grassamen. Was also löste diese Reaktion bei der Henne aus?
Es sind extreme Angstgefühle, die am heftigsten aufkommen, wenn zwei feindliche Augen durchdringend blicken. In der Tierwelt starrt ein Tier ein anderes nur dann unbeirrt an, wenn es das zukünftige Opfer auch fressen will. Kippt das unterlegene Tier in die Rückenlage - die Stellung vor dem Gefressenwerden - wird das Angstgefühl noch gesteigert.
Das ist praktisch, weil eine Vielzahl der Fleisch fressenden Tiere nur bewegte Dinge sehen. Was sich nicht regt, verschwimmt vor deren Augen zu einem dicken Schleier. Deswegen wird beispielsweise eine Schlange auch keine stocksteife Maus verspeisen können. Erst wenn sich das Opfer bewegt, schlägt die Schlange zu.
Und so wird quer durch die gesamte Tierwelt gehext. Vom Insekt bis zum Großwild - reihenweise sacken sie scheinbar leblos in sich zusammen.
Einige zittern geschockt am ganzen Körper, bei anderen trudelt der Kopf nach vorn. Sie müssen nur dämonisch angestarrt werden.
Um unsere Henne brauchen wir uns also nicht zu sorgen. Sie hat ganz normal reagiert und musste keine Federn lassen. Manchmal ist es eben gut, sich nicht zu mucksen.



Eingereicht am 25. Januar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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