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Matilda oder die etwas andere Kontaktanzeige

© Petra Block

Sie war so ziemlich die Letzte, mit der ich freiwillig zusammengezogen wäre.
In meinem Gartenhäuschen, das ich im Sommer ein paar Wochen bewohnte, stand ein Doppelstockbett, und eines Abends war sie plötzlich da. Sie nistete sich oben ein, und eigentlich wollte ich sie schleunigst wieder loswerden.
Matilda war ein besonders stattliches Exemplar einer Kreuzspinne, also fett, eklig, scheußlich und doch irgendwie faszinierend.
Unser erstes Date verlief ziemlich dramatisch. Die Dame kroch gemächlich an der nicht sehr hohen Decke meiner Unterkunft entlang, zielgerichtet in die Nähe meines behaglichen Schaukelstuhls.
Wie bewegte man ein solches Tier zur Umkehr? Pusten? Denkste!!!
Ich pustete wirklich ganz vorsichtig, und was tat das Biest? Es ließ sich einfach fallen!
Augenblicklich schoss ich aus dem Schaukelstuhl. In meiner Panik vergaß ich völlig, wie eng es in dem Häuschen war. Folglich riss ich den Mülleimer um, stürzte über den Tisch und fand mich zwischen Schrank und Bett wieder.
Bilanz: Matilda stand bei mir mit drei blauen Flecken, zerschrammten Knien und einer Tasse ohne Henkel in der Kreide.
Wenn ich nur mutig genug wäre, dann würde ich dieses Ungeheuer vor die Tür setzen.
Leider hatte ich so was von Schiss, dass ich ihr nicht näher als einen Meter kommen mochte.
Nach einiger Zeit bildeten wir beide eine fast perfekte Symbiose.
Sobald ich abends die Tür öffnete wanderte mein Blick in die bewusste Ecke.
Wohlige Ruhe überfiel mich jedes Mal, wenn sie dort noch hockte. Nach wortreich gemurmelten Beschwörungsformeln konnte ich mich in aller Ruhe meinem Abendessen hingeben, natürlich argwöhnisch beobachtet von Matilda.
Das Licht im Gartenhaus lockte eine Menge unangenehmer Quälgeister an, die der Dame einen fürstlich gedeckten Tisch bescherten. Madame wurde satt und ich war Motten und Konsorten los.
Der absolute Horror spielte sich allerdings immer dann ab, wenn ich sie einmal nicht sah. Das geschah vorzugsweise nach dem Aufstehen.
Augenblicklich sträubten sich mir die Nackenhaare, die Tür meiner Behausung flog auf und mit ihr sämtliches Bettzeug, Handtücher und Wäsche nach draußen.
Unter Wutgeheul wurde auch die letzte Socke sorgfältig inspiziert und mit wüsten Beschimpfungen auf den abwesenden Krabbler klopfte ich alle Schuhe aus.
Irgendwie bildete ich mir ein wissen zu dürfen, wo sie sich gerade aufhielt.
Nicht dass ich eifersüchtig wäre, aber Auge in Auge mit diesem Feind lebte es sich einfach ruhiger.
So ein achtbeiniges Monster ist nun mal kein Kuscheltier, und allein die Vorstellung, Matilda könnte eines Morgens in meinen Armen aufwachen wollen, war grauenhaft. Bevor es dazu kam verließ ich meine Sommerresidenz.
Für das nächste Gartenjahr wäre ich sehr an einem kampferprobten Herrn interessiert, der es mit dieser Kreatur aufnimmt.
Nun, wer wagt es, Rittersmann oder Knapp?



Eingereicht am 14. Januar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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