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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die Fliege

© Annemarie Grillenberger


Der Tag hatte böse angefangen. Schon am frühen Morgen hatte nichts geklappt. Manchmal wird ein Tag, der schlecht begonnen hat, im Laufe der Stunden noch ganz erträglich. Diesmal aber wurde es immer schlimmer. Der Abend schließlich versprach alles in den Schatten zu stellen. Denn dass Cäsar heute seine Wohnung würde verlassen müssen - auf immer! - das schien unausweichlich.
Er lag erschöpft auf seinem Lieblingsplätzchen und versuchte, nicht an die kommende Stunde zu denken. Die Strahlen der untergehenden Sonne wärmten ihn durch das geschlossene Fenster. Die weit auseinander stehenden grauen Augen fest geschlossen, fuhr er mit seiner rosaroten Zunge über die roten Flecken auf seinem Rücken. Aber es war aussichtslos.
Er musste auf Marion warten, nur sie konnte ihm helfen. Aber würde sie es auch tun? Er befürchtete, dass sie heute die Zuneigung zu ihrem schönen Maine-Coone-Kater vergessen würde. Trotz der Sonne wurde ihm kalt.
Er maunzte unglücklich. Zwischendurch schnurrte er auch ein bisschen, weil es so still und so lauschig warm war. Aber immer wieder erinnerte ihn der schreckliche Farbgeruch an seine Missetaten. Warum nur hatte sich diese fette Fliege immer wieder auf seine empfindliche Nase gesetzt? Einmal hatte er sie mit seiner riesigen runden Pfote gestreift, als er sie unwillig vertreiben wollte. Für kurze Zeit war sie zwar mehr getaumelt als geflogen, doch sie hatte sich sehr schnell wieder erholt. Sekunden später war sie wieder da und krabbelte herausfordernd durch die Haarbüschel in seinen Ohren. Als er das leichte Kitzeln spürte, war seine Geduld am Ende.
Er hatte sie durch die ganze Wohnung verfolgt und war so wütend, dass er erst viel später registrierte, was alles während dieser Jagd passiert war.
Das Schachbrett auf dem Couchtisch hatte er bis auf wenige Figuren leergefegt. Marion spielte gegen sich selbst und jeden Abend führte ihr erster Weg sie hierher. Sie blieb kurz stehen, kräuselte die Stirn und überlegte. Es dauerte nie lange, bis sie mit einem triumphierenden Lächeln einen Zug machte. Cäsar war überzeugt, dass die Begrüßung, die sonst immer im Anschluss an den Schachzug stattfand, heute ausfallen würde.
Die wertvolle chinesische Vase - Marions ganzer Stolz - lag zersplittert auf dem hellen Marmorboden des Vorzimmers. Die Fliege hatte sich natürlich mit voller Absicht auf den filigranen Rand dieser Antiquität gesetzt! Sie wollte ihn ruinieren, das war ihm bald klar gewesen.
Im Schlafzimmer gab es gottlob keine Vasen. Seine Feindin saß abwartend auf der königsblauen Bettdecke, starrte ihn an und schien ihn mit ihrem widerlichen Grinsen zu verhöhnen. Geschmeidig sprang er auf das Bett und dachte trotz seiner Wut noch daran, seine Krallen ganz tief einzuziehen. Dennoch zog er einen Faden! Hatte er seinen Kratzbaum zu wenig oft frequentiert?
Sein Herz klopfte viel zu schnell, solche wilden Verfolgungsjagden war er einfach nicht mehr gewöhnt. Er war entsetzt darüber, dass eine simple Stubenfliege ihn dermaßen außer Atem bringen konnte.
Wieder setzte er zum Sprung an, und wieder kam er zu spät.
"Warum habe ich nicht eher aufgegeben?", fragte er sich rückblickend. Denn in der Abstellkammer, in die er ihr gefolgt war, war es stockdunkel, und bis sich seine Augen an das Dunkel gewöhnt hatten, war das Unglück auch schon passiert: wie in Zeitlupe sah er den kleinen Glasbehälter vom obersten Regalbrett fallen und neben ihm auf den Fliesen zerschellen. Die rote Farbe hatte sich nicht nur auf dem Boden, sondern auch auf seinem Rücken verteilt. Sein wunderschönes silbrig schimmerndes Fell! Er war entstellt!
Unglücklich war er ins Wohnzimmer geschlichen, hatte sich müde auf dem Fensterbrett eingerollt und bis jetzt mit seinem Schicksal gehadert. Als er nun hörte, wie Marion die Wohnungstür aufsperrte, stellten sich vor Entsetzen seine Nackenhaare auf. Er war sicher, heute den letzten Tag in dieser wunderschönen Wohnung mit dieser wunderbaren Katzenmutter verbracht zu haben. Was er getan hatte, war einfach unverzeihlich! Er hörte das Knirschen, als sie auf die Scherben der Vase trat, dann ihren Schrei.
"Cä - sar!" Oje, das klang gefährlich! "Wo bist du?" Marion ließ Tasche und Schlüssel mit lautem Getöse zu Boden fallen und stand gleich darauf im Wohnzimmer, die Fäuste wütend in die Hüften gestemmt.
Klägliches Miauen ... ein sehnsüchtiger Blick durch das Fenster. Warum war er hier oben und nicht dort unten? Dann müsste er jetzt nicht die Demütigung erfahren, von seinem Frauchen auf die Straße gesetzt zu werden.
"Um Himmels willen!" Marion nahm ihn auf ihre Arme und betrachtete ihn mitfühlend. "Was ist denn mit dir passiert?" Prüfend roch sie an seinem Rücken. "Wie kommst du denn nur zu meinen Seidenmalfarben?"
"Hoffentlich hast du nicht versucht, dich zu waschen! Die sind sehr giftig!" Ihre Stimme klang gar nicht mehr wütend, nur mehr sehr besorgt. Cäsar ließ ein fürchterlich klägliches Wimmern hören und kuschelte sich Trost suchend in die Mulde ihres Ellbogens. War sie nicht wunderbar?



Eingereicht am 18. Dezember 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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