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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Zuhause

© Annette Mertes


Der rot blinkende Kreis, der gerade eben noch von einem schwarzen silhouettenförmigen Schatten umgeben war und dessen akkurate Bewegungen fast Furcht vor seiner Ungewissheit aufkommen ließen, wird allmählich von einer konkreten Form eines mittelgroß zu erkennenden Vierbeiners ersetzt.
Das Blinken der roten Birnchen auf dem gelb reflektierenden Joggerhalsband scheint schwächer zu werden. Die Sonne steigt langsam, jedoch mit zielgerichteter Macht am Horizont der Felder empor. Der 42 cm und damit für seine Rasse gemäß FCI-Standard definiert leicht zu groß geratene Vierbeiner ist nun deutlich zu erkennen. Das schwarze Fell, dessen Länge vor einigen Tagen zweier Scheren zum Opfer fiel, ist ebenso wenig standardkonform wie die Größe, geschweige denn der Charakter von Tiny. Seine kurzen, schwarzen Locken erinnern eher an die Erscheinung eines Kleinpudels mit ebenso wenig angepasster Rasur.
"Hier", ertönt der Ruf der rothaarigen Frau mit Bestimmtheit. "Komm hier - schnell", ruft sie ein zweites Mal und wartet darauf, dass Tiny sich auf den Weg über das kaum verkennbar frisch gedüngte Feld in Richtung des Fußballplatzes macht, worauf spätestens um 13:00 h die SchülerInnen sich wieder zum Spiel der gegenseitigen Herausforderung treffen. Der noch vor 15 Minuten rot blinkende Kreis war nun deutlich in einem Erdloch abgetaucht ist, welches den Anblick des Hundekörpers nur noch von den Schultern bis zur Schwanzspitze zulässt, scheint auf die Rufe der rothaarigen Frau nicht zu reagieren. Frida greift in die Tasche ihrer grünen, Wolfskin Jacke, deren rot abgesetzte Streifen bereits deutlich verwaschen sind und so bezeugen, dass sie bereits mehrere Hundegenerationen überlebte. Der Trick des verführerischen Raschelns der mit Käsewürfel gefüllten Tüte, welches auch bei Tiny bereits auf die kurzzeitige Befriedigung aktuell anstehender Gelüste konditioniert ist, lässt ihn die eigenen Ziele des Buddelns nach Feldmäusen vergessen und heraneilen. Wie Tiny reagierten auch bereits seine Vorgänger und die meisten seiner Kameraden, auch wenn sie von der äußeren Erscheinung deutlich angepasster an den von der FCI vorgegebenen Standard schienen. Tiny eilt mit großer Zielstrebigkeit behände über das Feld, ohne sich von den verführerischen Gerüchen einer Mischung aus Gülle und Hinterlassenschaften anderer Vierbeiner ablenken lassen zu wollen, direkt zu dem Objekt seiner Begierde. "Komm", "Sitz", "Guck" und "Pfötchen" auf einmal und all das, für einen kleinen Bruchteil des am Vorabend frisch gewürfelten schweizer Käse einer Billigmarktkette, den Frida aus dem Leckerlibeutel hervorzaubert. Früher, als Frida ihm die Käsewürfel noch nicht in kleinsten Stücken anbot kam Tiny zwar auch mit interessiertem Blick herangeeilt, aber das Glänzen seiner braunen, treuen Hundeaugen trug nicht den gleichen Glanz einer Erwartungshaltung nach Erfüllung deutlich erkennbarer höchster Gelüste. Mit einem metallischen "Klick" wurde die mentale Verbindung zwischen Tiny und Frida durch eine Hundeleine aus silbrigen Kettengliedern mit Ledergriff fixiert. Ebenso wenig wie Tiny's Größe die Richtlinien des durch den FCI festgelegten Standard für Tibet Terrier erfüllt, sein Fell Anhaltspunkte auf seine Rasse gibt, ergänzt die Leine mit dem schwarzen Ledergriff und den Kettengliedern aus Metall sein bunt besticktes Halbband aus leuchtend rotem Stoff. Die Widersprüche in Bezug auf Konformität von Standards scheinen für Tiny seit seiner Geburt von besonderer Bedeutung zu sein. Trotz seiner kleinen Widersprüchlichkeiten, die in der Summe eine beträchtliche Abweichung verkörpern, ist Tiny ein liebenswerter Hund, der keinerlei Probleme damit hat sich von Passanten und Nachbarn Leckerchen und Streicheleinheiten zu erbetteln. Dennoch, irgendwelche Regulaarien müssen schließlich zum Erhalt einer Rasse dienen. Was wäre, wenn wir die zunehmende Größe von Tibet Terriern ebenso einfach hinnehmen würden wie Abweichungen in der Länge und Beschaffenheit des Haarkleides? Worin bestünde der Unterschied, z. Bsp. Zwischen einem Tibet Terrier und einem Königspudel?
Wäre die Definition zwischen einem Königspudel und einem Tibet Terrier nicht konkret im Detail festgehalten, so verwischten entscheidende Anhaltspunkte und Merkmale, ohne diese die Hundezucht nicht auf dem heutigen Stand wäre.
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Zufrieden leckt Tiny sich über sein Näschen, um auch die letzten Krümel noch zu erwischen, während er bereits in Richtung Sofa unterwegs ist, um die nächsten Stunden bei einem ausgiebigen Nickerchen dort zu verbringen. Es dauert nur wenige Minuten, bis das kleine, schwarz gelockte Bündelchen sich zusammengerollt an das rote, herzförmige Samtkissen anschmiegt. Ein leises, gleichmäßiges Schnarchen verrät, dass Tiny an seinem Lieblingsplätzchen eingeschlafen ist. Ganz entspannt, ganz gleichmäßig ist sein Atem an dem Ort, wo er sich sicher und geborgen fühlt. Lediglich das Zucken der Pfoten, das leichte Vibrieren seines Körpers und die gestikulierende Mimik im Gesicht verraten, dass Tiny von einem seiner Abenteuer träumt, die er in seinem abwechslungsreichen Leben der vergangenen 12 Monate bereits erleben durfte.
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Eingereicht am 25. November 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.



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