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Ein Leserbrief

Von Reinalde Wahnrau-Sander


Also, ich muss mich jetzt an die Öffentlichkeit wenden. Das ist Hausfriedensbruch!
Ich kenne mich ja nicht gut aus in den Gesetzen. Aber das, was Edith sich da geleistet hat, geht eindeutig zu weit. Damit Sie mich und meine Beschwerde richtig verstehen, muss ich Ihnen den ganzen Sachverhalt schildern:
Ich lebe in diesem Garten, seit ich denken kann. Meine Vorfahren waren hier seit Generationen zuneste. Es ist ein schöner Garten mit vielen Bäumen, Hecken, Rasen, Gemüse- und Blumenbeeten. Rundherum stehen kleine Häuser, die man gut überfliegen kann. Die Menschen, die in den Häusern wohnen, haben Zäune gezogen, so dass der Garten in viele kleine Flächen eingeteilt worden ist. Ich glaube, die Zäune sind dazu da, damit die Menschen wissen, in welchem Stückchen Erde sie buddeln, graben, pflanzen und säen dürfen. Aber die Zäune haben uns nie gestört. Im Gegenteil, man kann so schön auf ihnen sitzen und trällern.
Wie ich schon sagte, seit Generationen nisten wir hier. Wir hatten unser Nest immer im Pflaumenbaum schön hoch über der Erde. Da bin ich auch aus dem Ei geschlüpft. Meine Eltern haben immer großen Wert darauf gelegt, dass sie in der besten Nestlage bauten. Das heißt für Vögel möglichst hoch im Baum oder geschützt in einer undurchdringlichen Hecke, damit die Katzen, die bei den Menschen wohnen, nicht an die Eier und uns Kinder heran kamen. Ich kann immer noch nicht begreifen, wie die Menschen mit diesen entsetzlichen, hinterhältigen Katzen leben können. Aber das ist ein anderes Thema.
Im vergangenen Jahr hat Jürgen unseren Pflaumenbaum abgesägt. Er meinte wohl, der Baum gehöre ihm und er dürfe ihn einfach absägen, nur weil er auf dem Stückchen Garten gewachsen war, das Jürgen eingezäunt hatte. Aber der Baum gehörte uns. Er war unsere Heimat. Das war schon eine Unverschämtheit, uns unser Zuneste wegzunehmen. Aber ich habe mich erkundigt. Er war im Recht. Obstbäume fallen nicht unter die Baumsatzung. Er durfte den Pflaumenbaum fällen. Da kann man nichts machen, leider!
Als es Frühling wurde, mussten mein Mann und ich ein Nest bauen. Klar, das ist unsere Pflicht. Das ist so! Aber wo? Mein Mann meinte, ein guter Platz wäre in Margas Birken. Aber ich hatte da so meine Bedenken. Eine Birke bietet nicht so einen guten Schutz wie ein Pflaumenbaum. Gut, wir hätten das Nest sehr hoch bauen können. Aber Birken schwanken leicht im Wind. Und wussten wir, ob unsere Kinder schwindelfrei sein würden.
Auch in dem Baum mit den wunderbar süßen Kirschen, der in dem Gartenstück steht, das Hans eingezäunt hat, wollte ich nicht nisten. Denn dem Hans würde ich glatt zutrauen, dass er unser Nest aus den Zweigen stochert, wenn wir gerade brüten.
Ich war dafür, in das von Edith umzäunte Gartenstück ein Nest zu bauen.
"Aber sie hat keinen hohen Baum," warf mein Mann ein.
"Das ist richtig," sagte ich, "aber bedenke mal, welche Vorteile es dort gibt. Jedes Frühjahr gräbt sie ihren Garten um. Die anderen Menschen tun das nicht, außer Hans vielleicht. Sonst gibt es überall nur Rasen. Und du weißt selber, wie mühsam es ist, einen Wurm oder eine Larve aus Rasen zu picken. Edith hat frisch umgegrabene Erde und einen Komposthaufen. Hans gräbt gleich im Gartenstück daneben die Erde um. Das Würmerpicken ist da ein Kinderspiel. Wir haben die Nahrungsquelle direkt vor dem Nest.
"Da hast du Recht," antwortete mein Mann, "aber wo willst du ein Nest bauen, das vor Katzen geschützt ist?"
"Kein Problem! Denk doch mal nach! Edith hat diesen Busch gepflanzt, der so viele Stacheln hat und der im Sommer die sauren, grünen Beeren trägt. Da traut sich keine Katze rein."
"Gut," meinte mein Mann, "versuchen wir es dort mit unserem Nest."
Ich sage Ihnen, das war eine gute Entscheidung. Die Edith ist ganz nett. Sie lässt uns im Wesentlichen in Ruhe. Sie freut sich sogar, wenn wir in ihrem Komposthaufen picken. Nur wenn wir die Samenkörner, die sie für uns in die Erde gelegt hat, auch wirklich auspicken wird sie fuchsteufelswild und verscheucht uns. Warum legt sie denn sonst die Samenkörner in die Erde? Verstehen Sie das?
Ich dachte auch, wenn ich in dem stacheligen Beerenstrauch ein Nest baue, ist das ein Vorteil, weil der Strauch, der gleich nebenan steht, diese herrlichen, roten Beeren trägt, die in ganzen Rispen daran hängen. Sie sind gerade dann reif, wenn meine Kinder aus den Eiern schlüpfen. Da brauche ich nicht lange das Nest zu verlassen. Ich kann gleich nebenan Nahrung finden. Wie bequem, dachte ich. Aber die Edtih war gar nicht so nett, wie ich am Anfang dachte. Sie hängte ein ekliges, grünes Plastikgebilde über den Strauch, als die Beeren gerade anfingen rot zu werden. Können Sie sich vorstellen, was das heißt, die roten Beeren durch das Plastikdingsda sehen zu können und sie nicht erreichen zu können? Das ist seelische Grausamkeit. Da war ich schon ziemlich sauer auf diese Edith und habe ihr gehörig die Meinung gesagt. Ich bin auf ihre Terrasse geflogen und habe so laut und ausgiebig geschimpft, wie eine Amsel das nur kann.
Aber gestern! Das war der Hammer! Es fing damit an, dass sie vor ein paar Tagen an den grünen Beeren herumdrückte. Da habe ich noch gebrütet und mich ganz ruhig verhalten. Ich habe sie nur sehr streng angesehen. Sie sollte bloß nicht meinen Kindern zu nahe kommen! Ich merkte doch, wie die Kleinen schon in den Eiern rumorten. Bald würde es soweit sein. Und tatsächlich, gestern, als die Sonne gerade aufging, pickte mein ältestes Kind die Eierschale auf. Oh welch ein Glück! Es war ein Sohn! Mein Mann war total glücklich. Nur wenig später schlüpften auch die drei anderen Kleinen aus ihren Eiern. Alle waren gesund. Wir waren so happy!
Mein Mann war auf Nahrungspicken, als Edith mit ihrer Freundin Reini an unserem Busch vorbeiging. Reini kommt ab und zu. Dann muss sie immer das Gemüse auf der von Edith eingezäunten Erde bewundern. Also, Edith blieb am Busch stehen, drückte wieder eine Beere und sagte:
"Die Stachelbeeren sind reif. Ich werde Marmelade daraus kochen."
Ich habe zwar keine Ahnung, was Marmelade ist und wie man "kochen" macht, aber mir schwante nichts Gutes. Und tatsächlich fing Edith an, nachdem Reini gegangen war, die grünen Beeren von Strauch abzureißen. Da hätten Sie mich mal hören sollen! Ich habe das schlimmste Amselgezeter angefangen, dessen ich fähig bin. Und mein Mann war so was von sauer. Er hat nicht nur geschimpft, er hat auch die Geranienblüten, die Edith auf ihrer Terrasse pflegt, abgerupft. Aber die schmecken bitter, und außerdem hat mein Mann Durchfall davon bekommen. Den hat er natürlich aus Rache auf Ediths Terrasse fallen lassen.
Aber meinen Sie, es hat etwas genutzt? Diese unverschämte Person hat uns ausgelacht und weiter die grünen Beeren abgerissen. Der ganze Strauch hat gebebt. Meine Kleinen haben Todesängste ausgestanden. Sie waren ja noch nicht flügge und gut piepsen konnten sie auch noch nicht. Aber ich habe es trotzdem gewusst, dass sie sich ängstigen
Nun sagen Sie mal, kann man da nicht gerichtlich gegen vorgehen? Das ist doch Nestfriedensbruch, Hausfriedensbruch, wie die Menschen sagen. Oder?
Bitte schreiben Sie mir, wenn Sie mir helfen können.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre Anna Amsel



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Eingereicht am 07. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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