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Der doppelte Tom

Von Andrea Steffens


Mein Vater ist nun nicht gerade ein Mensch, den man zu den Tierliebhabern zählen kann... Alles, was mit Haustierhaltung zu tun hat, ist für ihn nur Arbeit, Schmutz und Krankheits-Übertragung. Umso mehr wunderte es mich, dass er meinem Bruder erlaubte, ein kleines Kätzchen zu behalten, als der es eines Tages unverhofft mitbrachte. Tom, so nannte mein Bruder den schwarzen Kater, war schon bald der Liebling meines Vaters. Eines Tages, als ich gerade zu Besuch bei ihm war, bat er mich, auf Tom aufzupassen, während er eine Nachbarin an die Tür brachte. Ich kniete mich auf den Boden und begann, mit dem kleinen Tierchen zu spielen, warf eine Fell-Maus durchs Wohnzimmer und fand es total süß, wie der Stubentiger hinterher sprang. Es dauerte sehr lange, bis mein Vater wiederkam, ich hörte ihn auch seit geraumer Zeit nicht mehr reden. Atemlos stand er plötzlich in der Wohnzimmer-Tür und keuchte: "Er war schon draußen...!". Ich schaute ihn verdutzt an und fragte: "Wer war schon draußen?" Er rang um Atem und antwortete: "Tom... Ich bin die ganze Straße entlang hinter ihm hergelaufen, er muss irgendwie raus gekommen sein." Ich schaute um die Ecke, wo das Katerchen seelenruhig auf dem Teppich lag und sich ausgiebig putzte. Langsam begann ich am Verstand meines Vaters zu zweifeln... Dieser setzte sich auf die Couch, schaute mich ein wenig finster an, als Tom aufstand und um die Ecke in die Richtung meines Vaters schlenderte. Mein Vater blickte ihn an, als hätte er soeben einen Geist gesehen, fing dann laut an zu lachen, Tränen liefen über sein Gesicht, als er losprustete: "Das war er ja gar nicht!" Ich verstand inzwischen überhaupt nichts mehr und fragte grübelnd: "Wer war was nicht?"
Auf einmal tauchte ein kleines, schwarzes Köpfchen im Türspalt auf und es fiel mir wie Schuppen von den Augen - mein Vater war einer wildfremden Katze hinterher gerannt, die Tom zum Verwechseln ähnlich sah. Nun konnte ich mich auch vor Lachen nicht mehr halten. Beim genaueren Vergleich sah man, dass das Fund-Kätzchen etwas verwahrlost und unterernährt wirkte. Mein Vater fütterte es und setzte es wieder draußen vor die Tür, damit es zu seinem Besitzer zurückkehren konnte. Damit ist die Geschichte aber noch nicht ganz zu Ende, denn am nächsten Tag stand der Nachbar meines Vaters vor der Tür. In der Hand hielt er einen Katzen-Transportkorb und er begrüßte meinen Vater mit den Worten: "Ich habe eure Katze gefunden. Sie lief bei mir durch den Garten." Es war wieder das Kätzchen vom Vortag und nach einer Unterhaltung mit dem Nachbarn beschloss mein Vater, das Tier solange aufzunehmen, bis der Besitzer gefunden war. Aushänge und Anrufe bei Tierärzten und Tierheimen führen allerdings genauso wenig zum Erfolg, wie eine Anzeige in der Tageszeitung und so ist "Finchen" heute, nach fast zehn Jahren, noch immer bei meinem Vater zu Hause. Tom verschwand kurz nach dem Auftauchen von Finchen spurlos und oft beobachte ich meinen Vater, der täglich über die vielen Nachteile der Tierhaltung schimpft, die Katze sogar des Öfteren weggeben will, wie er abends auf der Terrasse steht und vor Sorge eine Zigarette nach der anderen raucht, weil Finchen ein paar Minuten länger draußen im Garten unterwegs ist als üblich. Das würde er aber nie im Leben zugeben.



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Eingereicht am 28. August 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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