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Die Sache mit den Pferden   oder: "Sie kriegen das schon hin!"

Von Klaudia Lissner


Vorwort
Seit 20 Jahren gehören die Pferde zu meinem Leben und ich kann jedem pferdebesessenen Menschen, ob jung, ob alt immer noch dazu raten, sich auf das Abenteuer mit einem eigenen Pferd einzulassen. Um jedoch vor unliebsamen Überraschungen halbwegs geschützt zu sein, empfehle ich dem interessierten Pferdefan folgendes: bevor ein eigenes Pferd angeschafft wird, hole man sich professionelle Hilfe. Die Hoffnung, ohne fundiertes Wissen über das Wesen des Pferdes irgendwie schon klar zu kommen, ist trügerisch. Rückblickend muss ich jedoch eingestehen, dass mein übermächtiger, von Kindesbeinen gehegter Wunsch nach einem pferdeerfüllten Leben mich damals gänzlich unempfänglich machten für solch rationale Überlegungen. Dazu kam, dass vor 20 Jahren die Chancen, den ortsansässigen Pferdeflüsterer aufzusuchen und um Hilfe zu bitten äußerst gering waren. Ich schlidderte vom einen Aha-Erlebnis zum nächsten Auweh-Erlebnis.
Die Situation im Jahre 2004 bietet Alternativen. Wir haben gottlob in jeder Region, und sei sie auch noch so ländlich, mindestens einen kompetenten Fachmann für Fragen rund ums Pferd, der sich freut, gegen Gebühr, sein Wissen mit Ratsuchenden zu teilen.
Die Geschichten mit meinen Pferden mögen zur Erbauung des geschätzten Lesers einerseits, aber auch als gut gemeinte Warnung für pferdeverrückte Einsteiger andererseits dienlich sein. Zusammenfassend lässt sich sagen, ich habe mit viel Glück und guten Reflexen, sowie eisernem Willen meine ersten Pferde überlebt. Ich bin zu einer Fachfrau für Problempferde geworden, aber, mal ehrlich, Hand aufs Herz, wer will das schon? Meine eigene Planung ging eigentlich mehr in Richtung Harmonie und Freude mit einem Wesen, dessen Ziel sein sollte, mir Freude zu bereiten. Die in folgenden Kapiteln vorgestellten Pferdepersönlichkeiten hatten leider ganz andere Vorstellungen darüber, was ihnen Freude bereitete. Also, lieber Leser, lehne Dich zurück, lese und staune, ich berichte von:

Pferdepersönlichkeit Nr. 1: Natja
Endlich erfüllte sich mein größter Wunsch. Ein Pferd, ein Pferd! Ein Königreich..(..na ja, der Rest ist bekannt...). Ein eigenes Pferd! Bemerkenswert dabei ist, dass dieser Jubelschrei nicht etwa einer pubertierenden Jungmädchenbrust entfloh, sondern der einer erwachsenen Frau, Ende Zwanzig, die zeitlebens ein beklommenes Gefühl in der Magengegend empfand, sobald sie eines Pferdes ansichtig wurde, oder nur Stallgerüche schnupperte. Man konnte mich durchaus als Pferdefanatiker in fortgeschrittenem Stadium bezeichnen.
Ich schwebte tagelang in Wolken. Nachdem beinahe fünfundzwanzig Lebensjahre vergehen sollten, bevor ich zum ersten Mal mit den geliebten Geschöpfen engeren Kontakt aufnehmen konnte, erschien es mir als der Höhepunkt meines Lebens, mir endlich ein eigenes Ross finanzieren zu könne. Ich hatte sozusagen alles im Griff. Ich wurde Holzrückerin mit Pferd.
Dem geschätzten Leser, der mit ebengenanter Berufsbezeichnung wenig anfangen kann, sei nur soviel gesagt, es ist eine verdammte Schinderei zum Zwecke, frisch gefälltes Holz aus dem Wald an einen befahrbaren Waldweg zu bugsieren, ohne dabei zu Tode zu kommen, oder den Förster zu verärgern. Und das Ganze eben nich' mit Trecker, sondern mit Pferd.
Soweit, so gut, der Förster hatte grünes Licht gegeben, das betreffende Waldstück lag voll mit jungen, frisch gefällten Fichten und wartete auf uns. Der Stallbesitzer, dessen Pferdepfleger ich seit einem Jahr war, hatte das passende Pferd für mich parat, richtig preisgünstig und bestens für die Waldarbeit geeignet wäre es auch, also was sollte da noch schiefgehen? Ich sollte mich noch wundern! Es ging so ziemlich alles schief, was man sich vorstellen kann, ja mehr noch! Es ging sogar alles schief, was man sich nicht vorstellen kann.
Der Besitzer meines zukünftigen ersten Pferdes wies mich in die Besonderheiten des edlen Tieres ein. Ein prima Pferd zum Holzrücken. Zugfest. Eine alte Dame wäre mit diesem Pferd Kutsche gefahren. Ein wenig kitzelig wäre sie, aber das würde ich schon hinkriegen.
"Sie kriegen das schon hin." In diesem Moment war irgendetwas in mir derart gebauchpinselt und blockierte jegliche Überlegung, dass ein Holzrückepferd alles sein darf, nur nicht kitzelig. Die psychologischen Tricks eines Pferdeverkäufers waren mir damals noch nicht geläufig. Rückblickend kann ich sagen, dass der gute Mann blitzschnell meinen Punkt zum Abschalten logischen Denkens gefunden hatte. Das Ganze erinnert mich an einen Hollywoodfilm, dessen Held, ein liebenswerter junger Mann, der beherzt und wohlüberlegt seine Abenteuer meistert, immer dann blindwütig in den größten Schlamassel gerät, wenn ihn irgendjemand als Feigling bezeichnet. Zum Glück gelingt es ihm dann in Teil Drei, endlich diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Auch ich habe noch manches Pferd gekauft, das ich schon hinkriegen würde, bis ich mich endlich von diesem Fluch befreien konnte.
Natürlich kaufte ich das Pferd. Natja hieß sie, eine dunkelbraune Warmblutstute, sechs Lenze alt. Obwohl ich seit einem Jahr regelmäßig in besagtem Reitstall herumflitzte, war mir dieses Pferd bis dato noch nie aufgefallen, und niemand schien es geritten zu haben. Die Pferde, die ich zu betreuen hatte, waren freundlich und mit einem Anfängerlein wie mir ausgesprochen nachsichtig. Also ging ich davon aus, dass alle Pferde so nett und freundlich sind wie die, die ich kannte. Durch diesen umfangreichen Erfahrungsschatz bestens vorbereitet, betrat ich stolzgeschwellter Brust als zukünftiger freier Unternehmer mit eigenem Pferd hochmotiviert den Stall. Ich wollte mein neues Pferd reiten. Ich betrat die Box, legte das Halfter auf und marschierte in Richtung Putzplatz. Das edle Tier betrachtete mich mit einem Blick, den jeder Laie, außer mir natürlich, als missmutig bis angewidert bezeichnen muss und folgte mir unwillig. Immer noch im Glauben, dass sich die Gattung Pferd durch Gutwilligkeit und Berechenbarkeit auszeichnet, nahm ich die böse Mine meines Pferdes in keinster Weise wahr. Auch die enorme Kitzeligkeit meiner Stute, besonders an den Hinterbeinen verunsicherte mich nicht im Geringsten, es war noch genug Platz zwischen ihren fliegenden Hufen und meinem Kopf. Ich hatte ja gute Reaktionen und würde das schon hinkriegen. Unter ständigem Murren meines Pferdes sattelte und zäumte ich, stieg auf und wollte losreiten. Die Hilfen dafür kannte ich schon, hatte bei den anderen Pferden prima geklappt, also, Beine ans Pferd, Zunge schnalzen, nach vorne lehnen und......ja was? Man stelle sich vor, man sitzt in einem fremden Auto mit defekter Gangschaltung. Im festen Glauben, den Vorwärtsgang eingelegt zu haben, gibt man Gas und fährt...rückwärts. So was Ähnliches geschah nun mit Natja und mir. Das Ross quietschte, buckelte und ging... rückwärts. Zwei, drei Schritte, dann blieb sie stehen und schaute so verbiestert drein, dass es sogar mir auffiel. Zuerst dachte ich, das hätte ich geträumt. Also wiederholte ich die Hilfen zum Antreten vorwärts, leider mit dem gleichen Ergebnis. Mittlerweile hatte sich der Hof mit Beifall klatschendem Publikum gefüllt. Nach weiteren erfolglosen Versuchen, das Tier in Bewegung nach vorn zu versetzen, kam man gemeinschaftlich überein, dass es das Beste wäre, der Dame mit der Gerte auf den Hintern zu klatschen, quasi als Gegenoffensive. Die Operation gelang dann auch, das Untier (meine Euphorie war mittlerweile deutlich geschrumpft) legte unter Protest den Vorwärtsgang ein. Leider bedurfte es noch einige Wochen ebengenannter Hilfestellung, bis Natja den Weg nach vorn ohne Stecken und Stab und ohne zu meckern fand. Bei folgender Begebenheit jedoch war ersichtlich, dass sich bei der Sache mit dem Vorwärts eine weitere Herausforderung gab, nämlich das Regulieren des Tempos auf ein annehmbares Maß.
Natja war ein Holzrückepferd, wie man es sich in den kühnsten Träumen nicht vorstellen kann. Da mir zum damaligen Zeitpunkt die Erfahrung mit gut geschulten und unverdorbenen Holzrückepferden völlig fehlte, fiel mir zwar auf, wie oft wir über die einfachsten Dinge diskutieren mussten, aber ich dachte, das müsse so sein. Eines Tages jedoch geschah etwas, was selbst ich mit meinem sonnigen Gemüt bemerkenswert fand.
Seit einer Woche arbeiteten wir bereits an unserem ersten Auftrag und hatten die Hälfte des Fichtenholzes aus dem Wald gezogen, da beschloss Natja gänzlich unerwartet, nach Hause zu gehen. Fatal war daran nur, dass sie mich dabei an einem Baum abstreifte und unter Mitnahme eines Fichtenstammes gehobenen Schweifes und triumphierend lächelnd in Richtung Stall raste. Ich war so verdutzt, dass ich dem Schauspiel minutenlang tatenlos nachsah und machte mich dann derbe fluchend auf den Weg zum Stall, der ungefähr 2 Kilometer talwärts lag. Die Strecke dorthin war nicht gerade, sondern der Waldweg verlief in Zickzacklinien und mein einziger Gedanke bestand darin, dass ich befürchtete, mein Pferd mit gebrochenen Knochen an einer der Kurven liegen zu sehen. Die Chance, dass Natja den Stall mit einem 12 m langen Stamm als Anhängsel unverletzt erreichen würde, stand meiner Einschätzung nach sehr schlecht. Und wieder hatte ich mich verrechnet!
Als ich endich zu Fuß den Stall erreichte, traute ich meinen Augen nicht. Ich hatte ein Pferd gekauft, das zaubern konnte. Natja stand seelenruhig vor der verschlossenen Stalltüre, und blickte mich freundlich an. Den Fichtenstamm hatte sie auch mitgebracht und der Stallbesitzerin liebevoll in ihren umzäunten Gemüsegarten gelegt. Um dieses zu bewerkstelligen, muss mein Pferdchen unter zwei 30 cm niedrigen Drahtzäunen durchgerobbt sein, sonst hätte sie den Stamm nicht so gekonnt plazieren können, wie ich ihn vorfand. Ich zerbreche mir auch heute noch manchmal den Kopf darüber, wie sie das ohne übersinnliche Mächte geschafft haben konnte. Wir haben wohl beide einen fleissigen Schutzengel, denn mein Pferd war gänzlich unverletzt und bis auf zwei oder drei leicht geknickte Petersilienbüschel hatte Chefins Garten auch nichts abgekriegt. Ich jedoch ging erstmal nach Hause und dann in mich.
Natja und ich haben noch 150 Festmeter Holz miteinander aus dem Wald gezerrt. Sie war ein nettes Pferd, echt prima zum Holzrücken geeignet, nur ein wenig kitzelig. Aber das würde ich schon hinkriegen...
Irgendwie habe ich es auch hingekriegt, Natja verbrachte ihren Lebensabend als super Freizeitpferd und beste Freundin einer mittlerweile erwachsenen jungen Dame. Nur Holzrücken mochte sie nicht mehr. Bei mir sah die Sache anders aus. Mein Wunsch, mit Pferden im Wald zu arbeiten, war trotz Natja unvermindert stark, und so kam es, dass ich mich nach einem kräftigen nervenstarken Pferd umsah, und ich sollte es auch bekommen.

Pferdepersönlichkeit Nr. 2: Hannes
"Sie kriegen das schon hin." Dieser Satz fiel auch im Zusammenhang mit meinem zweiten Pferd und bescherte mir viel Freude.
Durch die Erfahrungen mit meinem ersten Rückepferd Natja bestens vorbereitet, war mir klar, welche Eigenschaften mein neues Pferd haben sollte, nämlich möglichst keine von denen meines letzten Pferdes. Soviel war schon mal klar. Es konnte also gar nichts mehr schiefgehen. Ich studierte die Anzeigen aus dem Tiermarkt und nach einigen Telefonaten erfuhr ich von einem "wirklich korrekten" Pferdehändler, der mir zusicherte, genau das richtige Pferd für mich zu haben. Erwartungsfroh fuhr ich die 200 km zu besagtem Rosshändler und ließ mich dort nach allen Regeln der Kunst einseifen und rasieren. Der Gegenstand dieser Maßnahmen stand gänzlich verflöht, verfettet und verwahrlost neben der Küche einer Bauersfamilie. Nachdem ich mich an einem freilaufenden angriffslustigen ausgewachsenen Puter vorbeigekämpft hatte, der permanent mit grässlichem Geschrei an mir hochflatterte, hatte ich Gelegenheit, mir mein zukünftiges Pferd genauer anzusehen. Ein dunkelbrauner Wallach blickte mich freundlich an, seine augenblickliche Konstitution würde ich schon wieder hinkriegen, 9 Jahre alt wäre er und natürlich auch zugfest. Der Kaufpreis war gering, und ich war begeistert. Dass man das Alter eines Pferdes anhand seines Gebisses bestimmen kann, war mir damals noch nicht geläufig, was recht bedauerlich war. Hätte ich diese für den Pferdekauf unverzichtbare Kunst beherrscht, wäre mir aufgefallen, dass Hannes das Gebiss eines fast 30 jährigen Pferdes hatte. Auch dieser kleine Schönheitsfehler wirkt sich auf die Waldarbeit langfristig nicht eben günstig aus und ist rückwirkend betrachtet zu vermeiden.
Zwei Tage später fuhr ich mit dem Pferdehänger zu besagter Bauersfamilie, kämpfte mich an bereits beschriebenen Puter vorbei, legte meiner Neuerrungenschaft Halfter und Strick an und ging... ja, wohin denn eigentlich? Der hübsche, verfettete, verflöhte 9-jährige Wallach wurde des Hängers ansichtig und schlug sich mit mir am Seil ungeachtet meiner lautstarken Proteste in die Büsche. Mit List und Tücke (man kennt die Zwei von jedem Turnierparkplatz), schafften wir es, seine Majestät in den Hänger zu bugsieren. Klappe zu... und tschüss! Oder vielleicht auch nicht. Mein sorgenvolles Gesicht fiel dem Pferdehändler denn doch auf und er tröstete mich mit den Worten: "Keine Angst, junge Frau, Sie kriegen das schon hin!" Das hatte ich doch irgendwann schon mal gehört, oder? Nähern wir uns der nächsten Problematik, mit der ich es zu tun bekommen sollte. In meiner unsäglichen Sachkompetenz, was Pferde anbetraf, war mir klar, dass die Verladeaktion meines neuen Pferdes nun abgeschlossen war. Ich konnte beruhigt die Heimreise antreten. Also... aufs Gas getreten, schöön vorsichtig, wie gelernt, die Karre setzt sich in Bewegung, ein Knall, ein Schlag, Gerumpel ohne Ende, verdutztes Bremsen, Nachschauen und es nicht glauben war eins! Ich fand im Pferdehänger ein mittleres Chaos vor. Die mittlere Trennwand war aus der Verankerung gerissen, die Querstangen verbogen und das ganze Gelumpe hing wehmütig schräg über dem Rücken des hübschen, 9-jährigen, braven, zuverlässigen und friedfertigen Braunen, der mich äußerst irritiert aus dem Trümmerhaufen heraus anschielte. Verdammte Sch.....!!! Doch was half's, ich sortierte das Gewirr, soweit dies möglich war und begann mit der Prozedur des Anfahrens noch einmal, noch vorsichtiger, noch laangsamer, jedoch mit unbefriedigendem Ergebnis. Das Theater wiederholte sich noch zweimal, bis ich es für sinnvoller befand, dem edlen Ross zur Stabilisierung seiner Statik die hintere Querstange, die jedes Mal dem Pferdegewicht nachgegeben hatte, zu entfernen. So war es dem Hinterteil meines neuen Pferdes möglich, stabilen Halt auf der oberen Kante der Hängerklappe zu finden. Hannes bewältigte die 200 km Heimweg mit herauswehendem Schweif und Hintern sitzend auf der Klappe. Ich fuhr schöön vorsichtig und gaanz langsaam, war echt toll, ´ne prima Tagesreise, habe viel von der Landschaft gesehen.
Wer nun glaubt, dieser Tag hätte genug Ereignisse für mich zu bieten gehabt, irrt. Zu Hause endlich angekommen, wollte ich mein neues Pferd natürlich erst einmal verwöhnen. Das arme Tier war, wie schon erwähnt, in einem schrecklich verdreckten Zustand, und ich beschloss, es gründlich zu reinigen. Es war ein lauer Sommernachmittag, und so kam ich auf den folgenschweren Gedanken, meinen Hannes (so hatte ich ihn getauft) vor dem Stall draußen anzubinden mit der Absicht, den ganzen Dreck abzuwaschen. Gesagt, getan, ich holte einen Eimer Wasser, einen Schwamm und eine Bürste. Als Hannes den Eimer mit dem Wasser sah, rollte er sorgenvoll mit den Augen, erhob sein Haupt und strebte rückwärts. Ich bemerkte dies zwar, aber in der festen Absicht, den nassen Schwamm auf seinem Hals auszudrücken, ließ ich mich von solchen Nichtigkeiten nicht stören. Erst, als mein Pferd mit zerrissenem Anbindestrick das Weite suchte, ließ ich von meinem Vorhaben ab. Es schien jetzt doch sinnvoller zu sein, das Tier wieder einzufangen. Ich erwischte Hannes am Halfter und versuchte, mit ihm zum Anbinder zurückzukehren. Dies lag aber nicht in der Absicht meines Pferdes, das nun langsam genug von mir hatte. Ohne sich im Geringsten um mich zu kümmern, die ich verbissen am Halfter hing, trabte Hannes davon. Nach zehn Metern wurde mir die Sache mulmig, denn ich hatte keinerlei Einfluss auf das Tempo dieses Pferdes. Ich beschloss, halb in der Luft hängend, das Halfter loszulassen. Dann ging alles ganz schnell: ich verlor das Gleichgewicht und geriet unter das Pferd, das mich noch ein paar Meter mitschleifte und mir abschließend ziemlich unsanft auf den Bauch trampelte. Von wegen, Pferde treten nie auf Menschen, jemand hatte vergessen, diese Information an Hannes weiterzugeben! Gong! K.O. in der ersten Runde. Mir schwanden die Sinne und es wurde mir später erzählt, dass gute Leute aus dem Dorfe mich in ziemlich lädiertem Zustand vorfanden und in ein Auto verfrachteten. Anderen beherzten guten Leuten aus dem Dorfe gelang es derweil, mein verärgertes Pferd wieder in den Stall zu treiben. Im Krankenhaus teilte man mir mit, dass ich wohl mit mindestens drei Wochen Arbeitsunfähigkeit zu rechnen habe.
Nachdem ich wieder halbwegs genesen war, und wir uns etwas aneinander gewöhnt hatten, konnte ich mit Hannes in den Wald fahren, um endlich das zu tun, wofür ich ihn angeschafft hatte, nämlich Holzrücken. Auf dem Weg zur Arbeit war ich mir jedoch nicht ganz sicher, ob mein Pferd überhaupt jemals etwas hinter sich hergezogen hatte, aber ich erinnerte mich an die Worte des Pferdehändlers, der mir versichert hatte, dass ich das schon hinkriegen würde.
Glücklicherweise gab es keine Schwierigkeiten, Hannes zu bitten, einen Stamm zu ziehen, aber kleinere Überraschungen gab es doch noch hin und wieder. Im Laufe der Zeit erkannte ich, dass Hannes ein sehr schlaues und seinem Alter entsprechend erfahrenes Pferd war. Hatte Hannes das Gefühl, genug geleistet zu haben und er hätte sich eine kleine Pause verdient, war er unglaublich kreativ. So konnte er sich ins Geschirr werfen und so tun, als wenn er alles geben würde, um den Baumstamm wegzuziehen. Aber leider, leider, der Stamm war zu schwer für ihn. Eigentlich hatte er erfahrungsgemäß viel dickere Brocken mit Leichtigkeit bewältigt und ich fragte mich, was denn nun los wäre. Mehrere Zugversuche scheiterten und ich hatte das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmte. Ich wollte es genau wissen und legte meine Hand unter das Brustgeschirr. Als Hannes einen weiteren fruchtlosen Zugversuch startete, stellte ich fest, dass zwischen meiner Hand und dem Brustblatt keinerlei Druck entstand. Der Kerl simulierte. Ich wusste in diesem Moment nicht, ob ich lachen, oder mich ärgern sollte. Aber sie wissen ja, irgendwie habe ich das schon hingekriegt.
Hannes war ein unvergleichliches Pferd, eine Persönlichkeit im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn er etwas nicht mochte, entdeckte er ungeahnte Möglichkeiten, dies seinen Menschen mitzuteilen. Wollte man Hannes darum bitten, seinen Pferdehänger zu betreten, bedurfte es meistens drei Aufforderungen. Jede unterschied sich von der Vorherigen durch Zunahme der Phonstärke bei gleichzeitiger Benennung seines Namens und entsprechender Steigerung im Grimassenschneiden an beiden Fronten. Irgendwann entschloss sich seine Exzellenz dann, das wackelige Vehikel zu besteigen oder auch nicht. Falls nicht, riss er sich für gewöhnlich los und spazierte davon. Ich durfte dann stundenlang hinter ihm her rennen, bis ich ihn endlich wiederhatte.
Ich verdanke Hannes posthum mehr, als mir damals klar war, nämlich die Erkenntnis, das ein Pferd, das etwas nicht möchte, und sich seiner Stärke auch bewusst ist, mit keiner Kraft der Welt davon abzuhalten ist, dorthin zu gehen, wo es hin will. Ich lernte, dass es aber durchaus möglich ist, ein Pferd zu bitten, mit seinem Menschen zusammenzuarbeiten, indem man seine Sympathie und Achtung gewinnt. Dies bewies mir mein Hannes eines Tages, nachdem wir ein gutes Jahr als eingespieltes Team im Wald gearbeitet hatten. Wir bewegten einen Baumstamm durch unwegsamen Waldboden, als ich stolperte und meinem Pferd direkt vor die Füße fiel. Hannes war bereits in der Bewegung und er hätte mich mit seinem Vorderbein mit Sicherheit erwischt. Doch siehe da! Er blieb sofort stehen, zog seinen Fuß, der ungefähr zehn Zentimeter über meinem Kopf schwebte, zurück und setzte ihn sanft neben mir ab. Dann senkte er seinen großen Kopf zu mir herab und schaute mich interessiert an. Ich wusste es doch! Pferde treten niemals auf Menschen, wenn sie diese mögen! Aber wehe, wenn nicht.
Die Auftragslage im Wald gestattete es mir, zu expandieren und mit einem zweiten Mann und einem zweiten Pferd zu arbeiten. Der Mann war da, es fehlte nur noch das Pferd. Aller guten Dinge sind Drei und es gelang mir, geläutert durch die Erfahrungen mit meinen beiden ersten Pferdepersönlichkeiten, ein Pferd zu bekommen, das die an es gestellten Aufgaben mit Bravour meisterte.

Pferdepersönlichkeit Nr.3: Macek
Macek war ein waschechter Pole, direkt aus der Heimat importiert. Er war neun Jahre alt, was ich diesmal vor dem Kauf überprüfte, denn man hat ja da so seine Erfahrungen. Ein hübscher Brauner war er, gutmütig, zugfest und sehr kräftig, und diesmal war es wirklich so, wie es mir der Verkäufer versichert hatte. Ich hatte mir für den Kauf professionelle Hilfe geholt, in Gestalt eines älteren Kavalleristen, der in der ortsansässigen Reitschule unterrichtete. Gemeinsam kamen wir überein, dass das Pferd in Ordnung sei. Der Handel war perfekt, und der Verkäufer bot mir sogar an, das Pferd zu mir nach Hause zu bringen. Ich freute mich natürlich sehr über dieses Entgegenkommen und nahm das Angebot dankend an. Wer hätte hinter diesem Service etwas Negatives vermutet, oder Sie etwa?
Das Pferd Macek, ein Name, den übrigens alle männlichen Pferde bei besagtem Rosshändler trugen, die Mädels hießen alle Baschka, wurde mir, wie vereinbart, am nächsten Tag gebracht. Es kam sofort in seine Box ohne vorherige Waschungen oder andere Experimente und hatte erst einmal eine Nacht Ruhe, um sich einzugewöhnen. Soweit so gut, am nächsten Morgen wollte ich mit ihm in den Wald fahren. Ich hängte den Pferdehänger an und führte Macek zur Hängerklappe. Erwähnte ich, dass ich wohl bei den Kaufverhandlungen vergessen hatte zu fragen, ob sich das Traumrückepferd auch problemlos verladen lasse? Nein? Offensichtlich gibt es im Polen keine Pferdehänger oder nur ganz schreckliche, denn Macek war durch nichts zu bewegen, in dieses Gefährt zu steigen. Gottlob hatte er nicht den Freigeist und den Durchsetzungswillen eines Hannnes, und so gelang es dann mit der Hilfe des zweiten Mannes, der so gleich die Gelegenheit hatte, sich in die Materie einzuarbeiten, das Pferd in den Hänger zu bugsieren. Dort blieb es aber leider nicht. Macek drückte mit seinem dicken Hinterteil das Gestänge der Mittelwand aus der Verankerung und donnerte rückwärts ins Freie. Nun waren wir wieder da, wo wir angefangen hatten. Etwas Stabileres musste her, um das Tier daran zu hindern, wieder auszusteigen, bevor wir die Klappe schließen konnten. Für Hannes hatte ich mir eine Eisenstange besorgt, die sich durch zwei selbstgebohrte Löcher in den hinteren Bereich der Seitenwände des Pferdehängers schieben und somit stabil befestigen ließ. Diese holten wir uns nun und bugsierten mit viel Theater das Pferd wieder hinein. Die Stange wurde eingeschoben und wir dachten, alles wäre gelaufen. Doch wir hatten die Rechnung ohne Macek gemacht. Bevor ich ihn vorne im Hänger anbinden konnte, drückte er mit seinem dicken Hinterteil die Mittelwand zur Seite, entwand sich mir wie der sprichwörtliche Aal und drehte sich um. Eh man sich's versah, krabbelte er unter der Eisenstange durch und stand wieder draußen. Nein, er mochte keine Pferdehänger. Beim nächsten Versuch gelang das Unternehmen Pferdehänger endlich, weil wir blitzschnell die Klappe hinter ihm schlossen und das übrige Gestänge und Gelörre anschließend befestigten. Dann ging es endlich los. Mit dem beklommenen Gefühl, dass durchaus die Möglichkeit bestehen könne, bei der Waldarbeit auf weitere Schwierigkeiten gefasst sein zu müssen, schirrte ich Macek auf und begann mit der Arbeit. Dort erwartete mich eine freudige Überraschung. Dieser kleine, stämmige Braune erwies sich als das perfekte Holzrückepferd. Ich habe nie wieder ein Pferd getroffen, das mit soviel Elan und Verständnis an die Sache herangegangen ist, wie Macek. Die Arbeit im Wald stellt an Mensch und Tier hohe Anforderungen: ohne Teamarbeit geht gar nichts. Im tiefsten Wald liegen kreuz und quer die frisch geschlagenen Hölzer und rings um sie herum jede Menge abgeschnittene Äste. Das Pferd muss in unwegsamstem Gelände ruhig, sicher, und selbstständig seinen Weg zur nächsten befahrbaren Schneise finden. Der Mensch muss dabei den Weg im Auge behalten, um bei Bedarf das Pferd per Zuruf in Richtung Ziel zu dirigieren. Gleichzeitig ist es sinnvoll, den hinten angehängten Baumstamm nicht aus den Augen zu lassen, weil diese verflixten Dinger mit Vorliebe an irgendeiner Wurzel hängen bleiben. Dann wird das Pferd ziemlich unsanft abgebremst und man darf das Gespann durch geschickte Drehmanöver zurück auf den richtigen Weg bugsieren. Das kostet Zeit und die ist Money. Des Weiteren empfiehlt es sich, leichtfüßig, wie eine Gazelle zwischen all den Ästen und Büschen durchzutänzeln, ohne sich auf die Nase zu legen. Auch dieses kostet Zeit und ist außerdem nicht ganz ungefährlich. Man kann leicht von dem nachfolgenden Stamm über den Haufen gezogen werden. Ein Pferd, das mitdenkt und dabei die Ruhe bewahrt, ist eine echte Hilfe bei der Unfallverhütung. Macek entwickelte im Laufe der Jahre, in denen ich mit ihm zusammengearbeitet habe, einen ausgeprägten Spürsinn für die an ihn gestellten Aufgaben. Er zog die Baumstämme völlig selbständig zu Stapeln zusammen, und man konnte ein Lineal an einem Ende anlegen. Wenn ein Baum nach dem Absägen nicht zu Boden fällt, sondern sich in Nachbarbäumen verhakelt, nennt man so einen Stamm in der Fachsprache treffenderweise einen "Hänger". Solche "Hänger" bleiben ziemlich häufig stehen, und müssen aus Sicherheitsgründen möglichst zügig "abgezogen", das heißt, mit dem Pferd zu Boden befördert werden. Macek liebte "Hänger". Er genoss es, wenn er mit vollem Krafteinsatz, beinahe auf den Knien, den Stamm in Bewegung setzte, und er blieb sofort stehen, wenn der Baum mit viel Getöse hinter ihm zu Boden ging. Kettensägenlärm und Holzrückemaschinen beeindruckten ihn nicht, und die Sache mit dem Pferdehänger verlor sehr schnell für ihn seine Schrecken. Er blieb acht Jahre lang mein treuer Gefährte im Kampf gegen das Unterholz. Ich beschloss irgendwann, die Waldarbeit aufzugeben. Glückliche Umstände hatten es mir ermöglicht, bei außergewöhnlichen Pferdetrainern die Pferdesprache lernen zu dürfen, und ich nutzte diese Fähigkeiten, um Pferde auszubilden. Macek sollte von nun an nicht mehr so schwer arbeiten und seine Zeit genießen. Umso härter traf es mich, als er kurze Zeit später an einer Hufrehe erkrankte. Er wurde, wie in solchen Fällen üblich, auf Diät gesetzt und bekam nur Stroh zu fressen. Am nächsten Tag hatte er Fieber und Bauchschmerzen. Es ging ihm so schlecht, dass der Tierarzt gerufen werden musste. Macek konnte seinen Lebensabend nicht mehr genießen, denn er überlebte die Darmkolik nicht. Noch heute berührt mich der Gedanke an seinen Tod genauso intensiv, als wäre es erst gestern geschehen. Ich verlor an ihm einen meiner besten Freunde, und so was steckt man nicht so leicht weg.
Das Leben ging, wie es dies nun mal tut, weiter und neue Pferdepersönlichkeiten stellten mir neue Aufgaben. Ich hatte es mittlerweile zu einer gewissen Geschicklichkeit in der Ausbildung von Reitpferden gebracht, und traute mir zu, auch mit schwierigen Pferden zurechtzukommen. Die Bewährungsprobe für mein frisch erworbenes Wissen über die Denkweise von Pferden kam in Gestalt einer stolzen Haflingerstute, die eines Tages meinen Weg kreuzte.

Pferdepersönlichkeit Nr. 4: Schnucki
Die Geschichte mit Schnucki, sowie die Erlebnisse mit weiteren außergewöhnlichen Pferden werden auf Wunsch gerne nachgeliefert.


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Eingereicht am 11. August 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.