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Der Elefant

Von Anatufila


Bambu wartete bis es Nacht wurde. Im Licht des Mondes hob er den ersten Baumstamm an. Er legte ihn über den Graben und drückte ihn an den Rändern fest. Er rollte den zweiten Stamm heran, befestigte ihn parallel zum ersten. Dann kam ein Dritter und Vierter. Der Gefahr bewusst, balancierte er vorsichtig der Absperrung entgegen. Behutsam stieg er hinüber. Er war da, wo sonst die Besucher standen. Wehmütig blickte er zurück auf sein enges, eintöniges Gelände. Er stieß einen letzten zarten Trompetengruß aus. Amba, Dala und Mira hatten Zweifel, konnten sich nicht vorstellen, in Freiheit zu leben. Bambu hingegen spürte in sich den Stolz seiner Vorfahren, der die Familientreue aller Elefanten übertönte. Er kehrte dem Gelände den Rücken zu. "Ab heute wird mich jeder Marimbo nennen", sagte er. Eine heimliche Träne im Auge, schritt er tapfer aus. Er blickte den Mond an. "Du wirst mir den Weg in die Freiheit zeigen!". Er versuchte Freude, Mut und Hoffnung in seine Stimme zu legen. Bambu hatte Gehorsam gelernt, damals von seinem Pfleger. Jetzt war er Marimbo. Das große Tor war das letzte Hindernis, das ihm der Zoo entgegensetzte. Geschickt legte er seinen Rüssel an. Es folgte ein Drücken, ein Krachen. Der Bulle zog über das umgestürzte Gitter in die Welt hinaus.
Weg, weg, weg... Er hatte keine Ahnung, wohin sein Gerenne durch die Straßen führte. Es drängte ihn, möglichst viel Abstand zwischen sich und seinem Gefängnis zu schaffen. Alles war ihm fremd und beängstigte ihn. Doch er war sich sicher, irgendwo dort musste es Elefantenland geben. Er würde suchen und finden und dann würde er eines Tages zurückkommen. Er würde das Tor umlegen und Brücken bauen. Amba, Dala und Mira würden ihm folgen.
Je weiter Marimbo sich vom Tierpark entfernte, umso ruhiger wurde er. Schließlich wanderte er in stoischem Gleichmaß vor sich hin. Es versetze ihn in eine Art Trance, so zu gehen. Er musste nicht denken und es gab keinen Raum für die aufkeimende Panik. Er wollte im Land seiner Väter leben. In seinen Träumen umwehte ihn ein leiser wärmender Wind. Unendlich weite Steppen taten sich auf. Riesige Sandgruben boten ganzen Herden Platz. Es gab Seen, so weit und tief, dass mehrere Elefanten gleichzeitig hineinsteigen konnten.
Er spürte das Zittern, das dem Morgengrauen voranging und die Vögel weckte. Mit dem ersten Schimmer am Horizont, begrüßten ihre Stimmen die Welt. "Die Vögel sind Hüter von Zeit und Raum", dachte der Graue. Er beschloss, seinen Weg jetzt nach ihrem Gesang zu richten. Sie kannten Elefantenland. "Wir kommen von dort!", hatten die Schwalben geschrieen. So trugen ihn seine Füße dem lauter werdenden Pfeifen und Trillern entgegen. Die Stadt lichtete sich. Die Häuser wurden weniger, die Straßen schmaler. Mit dem Auftauchen des Feuerballes stand Marimbo vor einem großen, weiten Feld. Eine solche Unendlichkeit hatte er noch nie gesehen. Ein tiefer Seufzer entschlüpfte seinem massigen Körper. Die kleinen Augen, seine breite Stirn staunten den roten Sonnenball an. So heilig war ihm dieser Anblick, dass er sich kaum zu rühren wagte. Dann schnupperte er. Hah, wie das roch! Er zupfte an den frischen grünen Halmen. Er schmeckte sie. Dass es so etwas gab?
"Deine Heimat liegt sehr weit fort", hatten die Schwalben gesagt. Marimbo war so weit gekommen, dass er sich kaum vorstellen konnte, wie weit. Er machte sich auf den Weg über das Feld. Das wusste er, dahinter lag Elefantenland. Nach dem Feld kam noch ein Feld und immer wieder ein weiteres. Mittlerweile taten ihm die Fußsohlen weh. Die Masse seines Leibes drückte ihn. Er hatte Hunger und Durst. Die Gräser schmeckten gut, aber sättigten nicht. Wasser war nirgends zu sehen. Manchmal, wenn der Verkehr auf einer Straße seine Wanderung bremste, stellte er sich an den Rand und stieß einen wütenden Trompeter aus. Das wirkte. Autos stoppten. Fahrer starrten ihn an. Nur wenn er Martinshörner vernahm, versteckte er sich. Deren Gejaule quälte ihn.
Zum Abend holte ihn die Hoffnungslosigkeit ein. Er hatte sich wundgelaufen. Seine Eingeweide brannten. Er hatte Elefantenland nicht finden können. Er kam an einen Abhang und unten lag wieder eine Stadt. In höchster Not schüttelte er den Kopf, tanzte auf der Stelle. "Beruhige dich. Beruhige dich." Er würde ein verzweifelter, wütender Elefant werden. Ein Moped knatterte über den Weg. Er würde losrennen, die Maschine mitsamt seinem Fahrer niedertrampeln. "Sei kein verrückter Elefant! Friede! Friede!" Marimbo wusste, dass er an der Grenze dessen war, was er ertragen konnte. Schon hämmerten sich überschlagende Stimmen auf ihn ein. Er wollte auf ihr "Renn los!" und "Mach ihn tot!" nicht hören. Marimbo weinte bittere Tränen. Er wollte Führer von Amba, Dala und Mira sein. Jetzt war er eine so klägliche Gestalt. "Amba, Dala. Dala, Mira", wiegte er sich, trat ihre Namen mit den Sohlen in den Sand. Er wurde ruhiger. Das Moped entfernte sich.
Er wollte sich verbergen, nicht von Geknatter und Wutanfällen erschreckt werden. Er fand eine abgelegene Straße. Der Asphalt ging in Lehmboden über. Er entdeckte ein einsames Haus, daneben einen Garten, einige Schuppen, einen Wald. Der Bulle hatte kaum Mühe den leichten Gartenzaun niederzudrücken. Aus einer gefüllten Wanne genoss er Wasser in tiefen Züge. Er fand etwas Heu. Er kratzte es zusammen und stopfte es in sein hungriges Maul. Zwei Äpfel lagen auf einem Fensterbrett. Wer war so freundlich zu einem verschreckten Elefanten? War er doch auf dem Weg zu seinem Land?
Es war fast dunkel. Die Vögel hatten sich in ihre Nester geduckt. Jetzt herrschte Stille und nichts würde mehr geschehen. Sollte er sich zum Schlafen zwischen die Bäume stellen? Vorsichtig sondierte er das Gelände. "Bambu", rief eine leise Stimme, "Bambu" und wieder "Bambu". Wie vertraut ihm diese Stimme war. Unablässig rief sie ihn. Er drehte den massigen Kopf, versuchte die Dunkelheit zu durchdringen. Er hob den Rüssel, er zeigte seine Hauer. Er witterte einen bekannten Geruch. Er stieß den zärtlichsten seiner Trompetentöne aus. Sein Pfleger kam auf ihn zu, drei Brotlaibe im Arm, den kurzen Holzstab in der Hand. "Bambu", sagte der Pfleger, kraulte ihm das Maul, legte ihm Brote hinein, lehnte sich mit seinem ganzen Menschengewicht gegen ihn. Lange, sehr lange standen sie so. Der Mond war wieder hervorgekommen. Später rollte der Wagen heran. Ein bisschen fürchtete Bambu-Marimbo sich. Doch die Sehnsucht war mächtig. Der Elefant wurde im Wagen angeschnallt, die Rampe geschlossen. Vorn stieg sein Pfleger zu. Er öffnete ein Fenster, sprach mit ihm während der ganzen Fahrt.
Er konnte seine Freudenposaunen nicht unterdrücken. Man hatte ihn tatsächlich zurückgebracht. Hier lebte er, seit er denken konnte. Er kannte jeden Winkel. Man führte ihn ins Elefantenhaus. Seine Kühe jubelten. Er fraß sich voll. Er wurde gebürstet. Er rieb sich mit Sand. Er rüsselte mit der neben ihm stehenden Mira. Er war glücklich. Später, als die Türen geschlossen und die Menschen fortgegangen waren, fragten die Kühe ihn aus. "Oh, ja", sagte er, "das Elefantenland habe ich gefunden. Aber es ist längst nicht mehr das, was es mal war." Da seufzten Amba, Dala und Mira. Sie glaubten ihm, und sie waren froh, ihn wieder bei sich zu haben.


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Eingereicht am 09. April 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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