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Uhuhu! Miauu!

Eine Kurzgeschichtevon Cara Lindberg


Es war Anfang Juli und wir wollten nach Eckernförde in den Urlaub fahren. Ich hatte Kai-Uwe, einen Bekannten gefragt, ob er wieder die Vertretung in meiner Kleintierpraxis machen könne, und er hatte gern zugesagt.
Freitagabend hatten wir alles gepackt und waren bereit, mit Paula, Van Gogh, Miezekatze und Jack loszufahren. Paula und Van Gogh saßen angeschnallt auf dem Rücksitz, die Katzen waren ebenfalls auf dem Rücksitz in ihrer Transportbox untergebracht.
Wir waren kaum ein paar Meter gefahren, als Van Gogh anfing zu jaulen. Er jaulte jedes Mal beim Autofahren, mal lauter, mal leiser. Auf Kurzstrecken war es auszuhalten, doch die knapp zwei Stunden nach Eckernförde hatte ich ihn sonst immer auf dem Schoß, wobei ich mit ihm auf der Rückbank saß. Diesmal war der Wagen bis unter das Dach beladen, so dass auf der Rückbank kein Platz mehr war.
"Wir setzen ihn neben Paula", hatten wir beschlossen.
Wir hatten gerade ein paar Meter zurückgelegt, da fing es an:
"Uhuhuhuuu!"
"Das geht ja schon gut los", brummte Christopher. Er musste an einer roten Ampel anhalten und Van Gogh beruhigte sich etwas. Als Christopher wieder anfuhr und auf der Autobahnauffahrt beschleunigte, steigerte sich das Geheule allerdings wieder.
"Denk' dran, nicht schneller als 140 zu fahren", erinnerte ich Christopher.
"Ja, ja, ich weiß, sonst fängt Jack an zu maunzen."
Jack hatte sich ganz gut ans Autofahren gewöhnt, doch wenn man schneller als 140 km/h fuhr, tat er regelmäßig seinen Unmut mit lautem Gemaunze kund. Meistens fiel dann auch Miezekatze mit ein, so dass im Auto ein ohrenbetäubendes Katzenkonzert zu hören war.
Wir waren eine Weile gefahren, als Christopher einen Laster überholte. Er gab Gas.
"Miauuuu!!" "Uhuhuhuh!!"
Außerdem waren jetzt von hinten rüttelnde Geräusche zu hören. Ich drehte mich um, und sah gerade noch eine graugetigerte Katzenpfote zwischen den Gitterstäben des Korbes verschwinden. Wenige Sekunden später war sie wieder da und krallte in das Gitter. Dabei bebte der ganze Käfig.
"Miezekatze, was soll das denn!", schimpfte ich.
"Miauu!"
Dies aus tiefster Kehle kommende Maunzen finde ich persönlich am nervigsten, besonders, wenn man es einige Zeit am Stück hören muss.
"Uhuhuhuuu!", fiel Van Gogh in das Konzert ein.
"Ich werde gleich wahnsinnig!", rief Christopher völlig enerviert.
Wir hatten gerade mal eine Viertelstunde Fahrt hinter uns gebracht und waren schon mit den Nerven völlig am Ende.
"Fahr' beim nächsten Parkplatz raus", bat ich. "Ich werde Van Gogh nach vorne auf meinen Schoß nehmen. Dann beruhigt wenigstens er sich etwas."
Ich wurde von erneutem Gerüttel und Randalieren im Transportkäfig unterbrochen.
"Diese Katze demoliert noch die ganze Transportbox!", schimpfte Christopher.
Ich blickte mich wieder um und sah, dass Miezekatze es bereits geschafft hatte, eine Ecke des Türgitters aus der Halterung zu reißen.
"Au weia, die Tür vom Korb ist gleich offen."
Ich hatte kaum ausgeredet, als auch schon die obere Verankerung aufsprang. Triumphierend sprang Miezekatze aus der Box.
"Achtung, die Katzen sind los!"
Zumindest senkte sich jetzt der Lautstärkepegel, denn es war nur noch Van Goghs Geheule zu hören.
"Da kommt ein Parkplatz", sagte Christopher erleichtert. Er blinkte und fuhr auf den Parkplatz.
"Pass bloß auf, wenn du aussteigst. Nicht, dass uns hier noch die Katzen abhauen", warnte mich Christopher.
Vorsichtig öffnete ich die Beifahrertür und stieg aus.
"Achtung, Jack kommt!" rief Christopher mir zu. Schnell schlug ich die Tür zu und stieg hinten wieder ein. Dort genoss ich erst einmal die Stille, denn Van Gogh hatte mit seinem Geheule aufgehört, sobald Christopher den Motor abgestellt hatte.
"Schön leise, nicht? Am Besten verbringen wir den Urlaub hier. Ist doch auch nett."
Ich grinste Christopher an, der ein wenig gequält zurückgrinste.
"Na gut, dann fange ich jetzt die Katzen wieder ein."
Zum Glück ließen sich Jack und Miezekatze problemlos in die Transportbox verfrachten. Dies ist nicht selbstverständlich, wie mir viele Katzenbesitzer immer wieder versichern. Die Tiere stemmen sich mit allen vier Pfoten gegen den Korb und lassen sich nur mit viel Mühen dazu bewegen, den Korb zu betreten.
"So, Van Gogh, du hast gewonnen. Du darfst auf meinen Schoß."
Van Gogh quittierte seinen Sieg mit einem Schwanzwedeln.
"Wenn ich bisher noch nicht urlaubsreif war, jetzt bin ich es bestimmt", seufzte Christopher.
"Da sagst du was, ich auch", stimmte ich inbrünstig zu.
Als ich mich einigermaßen bequem auf dem Beifahrersitz eingerichtet hatte, fuhren wir weiter. Christopher fuhr jetzt höchstens 120.
"Sicher ist sicher", erklärte er.
Jack und Miezekatze hatten nach dem Erkunden des Autos offensichtlich genug und blieben mehr oder weniger ruhig. Ebenso wie Van Gogh, der den Rest der Fahrt auf meinem Schoß verschlief.
"Warum nicht gleich so", erklärte Christopher erleichtert.
Wir kamen wohlbehalten in Eckernförde an.
"Für die Rückfahrt gibt es aber Valium-Tabletten", verkündete Christopher mit ernstem Blick.
"Das finde ich aber nicht so gut, die Katzen für die zwei Stunden Fahrt zuzudröhnen", entgegnete ich.
"Doch nicht für die Katzen, für mich!"
Lachend ließ ich die Katzen aus dem Korb und sie verschwanden sofort in der wohlbekannten Umgebung. Sie fühlten sich in Eckernförde so wohl, dass wir sie nur für kurze Stippvisiten am Futternapf sahen.
Leider war es nicht möglich, im Haus eine Katzenklappe einzubauen. Deswegen ließen wir nachts das Fenster offen. So konnten sie nach Lust und Laune kommen und gehen.
Eines nachts wurden wir von Jacks Gejaule wach.
"Oh nein, er hat bestimmt eine Maus mitgebracht", stöhnte ich und stand auf.
Jack stand im Wohnzimmer und hatte ein Maus im Maul.
"Raus mit dir, lass' die Maus bloß nicht hier laufen." Mit diesen Worten scheuchte ich ihn wieder nach draußen. Beleidigt trollte Jack sich, denn er hatte mir voller Stolz die Maus präsentieren wollen.
Miezekatze hatte bisher noch nie eine Maus gefangen, und ich traute es ihr auch nicht zu. Sie hatte nämlich - ob von dem Unfall oder generell - Probleme, Entfernungen abzuschätzen. Deshalb sprang sie nur sehr ungern und auch oft nicht sehr sicher. Sie kletterte lieber den Kratzbaum herunter, während Jack immer elegant heruntersprang.
Deshalb dachte ich einige Nächte später, dass es wieder Jack sei, der mit einer Maus ins Schlafzimmer gekommen war. Schlaftrunken wollte ich ihn wieder nach draußen verfrachten, als ich zwei Dinge feststellte: Erstens war es Miezekatze, die eine Maus mitgebracht hatte, und zweitens war diese Maus gerade dabei, unter unserm Bett zu verschwinden.
"Mieze, fang sofort die Maus wieder ein!", brüllte ich.
Christopher fuhr erschrocken aus dem Schlaf hoch.
"Was ist denn?"
"Mieze hat eine Maus unter unserem Bett ausgesetzt."
"Was!", entsetzt sprang Christopher aus dem Bett, um sofort mit einem absolut olympiareifen Sprung wieder hineinzuhechten.
"Sagtest du unterm Bett?"
"Ja. Pass auf, sie klettert den Pfosten hoch!"
"Wo?", schrie Christopher entgeistert.
Ich kugelte mich vor Lachen.
"Stimmt gar nicht."
Ich bückte mich, um unter das Bett zu schauen.
"Sie sitzt da noch."
"Du blöde Kuh!" Christopher war beleidigt.
"Dein Sprung sah echt klasse aus", ärgerte ich ihn weiter.
Jetzt schmollte Christopher.
"Ich hole jetzt mal einen Stiefel, um die Maus zu fangen", lenkte ich ein.
"Wie soll das denn funktionieren?", fragte Christopher versöhnt.
"Man hält der Maus den Stiefel vor die Nase. Da es darin dunkel und sicher aussieht, läuft die Maus hinein, und man kann sie - schwuppdiwupp - in den Garten befördern und wieder laufen lassen." Soviel zur Theorie.
"Da bin ich ja mal gespannt."
Ich machte mich auf die Suche nach einem Stiefel, konnte aber auf die Schnelle keinen finden. Deshalb beschloss ich, meinen Hausschuh zu benutzen. Ich hielt der Maus den Schuh vor die Nase. Sie zögerte nur kurz und rannte hinein.
"Ich hab' sie, war gar kein Problem", erklärte ich lässig.
"Hilfe, sie rennt mir den Arm hoch!"
Gar nicht mehr lässig ließ ich erschrocken den Schuh fallen und schüttelte die Maus von meinem Arm herunter. Diese hatte inzwischen die Nase von uns voll und rannte ins Wohnzimmer. Dort verschwand sie hinter dem Schrank.
"Mist, sie ist hinterm Schrank."
"Na toll, und was machen wir jetzt?" Christopher war todesmutig aus dem Bett gestiegen und mir ins Wohnzimmer gefolgt.
"Würdest du sie mit dem Besen rausjagen? Ich suche noch mal nach dem Stiefel und versuche dann, sie damit einzufangen."
Ich fand einen alten Gummistiefel und hielt ihn an dem einen Ende an den Schrank. Von der anderen Seite stocherte Christopher mit dem Besenstiel hinter dem Schrank herum.
"Was mache ich denn, wenn sie auf meiner Seite rausrennt?", fragte Christopher besorgt.
"Mach' dir keine Sorgen, ich hab' sie!", rief ich triumphierend. Ich raste zur Tür und schüttelte draußen die Maus aus dem Stiefel. Sie verschwand sofort im Blumenbeet.
"Uff, das hätten wir geschafft."
Erleichtert ließen wir uns aufs Sofa fallen. Draußen wurde es langsam hell. Ich schaute auf die Uhr.
"Erst halb fünf. Lass uns wieder ins Bett gehen."
"Gute Idee! Aber Miezekatze bleibt erst mal draußen."
Nachdem Christopher das Fenster geschlossen hatte, gingen wir wieder ins Bett.


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Eingereicht am 22. Januar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.