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Eine Tiergeschichte von Manuela Jäkel


Wohin gehe ich jetzt? Immer weiter, voran voran! Ich muss ihn doch wiederfinden, meinen Herrn, den Anführer unseres Zweierrudels!
Immer weiter, aber es gibt einfach keine Spur, verflixt noch mal!
Neben mir das gleichmäßige Brummen der Automotoren, so viele sind es, doch nie ist das richtige Geräusch dabei. Da vielleicht? Ja, ja das klingt wie unsere "alte Mühle"! So hat Herrchen sie immer genannt. Vorbeigerast! Nicht so schnell Mensch, ich kann doch nicht so... "Wuff, wuff, wuff!" Aus! Wieder nichts.
Immer weiter... Die Pfoten tun weh auf dem Pflaster. Ach egal! Herrchen sucht doch auch verzweifelt, ganz sicher! Wir haben ja nur Stöckchen gespielt, auf dem Parkplatz. Ganz weit hat er geworfen, mein Herrchen hat was drauf, echt super ist der! Ich bin gerast, dass meine Schlappohren nur so flogen! Hab's natürlich gefunden, wie immer! Mit stolzgeschwellter Brust komm' ich zurück... und da ist das Auto weg! Versteh' ich nicht, kann doch gar nicht sein! Ich muss irgend etwas falsch gemacht haben, aber was?
Immer weiter..., was steht denn da vorne? Ohren hochgestellt und nichts wie hin!
Komisch, sieht genau so aus wie unsere "alte Mühle", riecht aber ganz anders.
"Na, Kleener, komm' doch ma' her!"
Hinter dem Auto, auf einem Stein, sitzt einer, nicht meiner natürlich, aber immerhin einer, und kaut Brot. Erst mal wittern..., riecht gut, die Stimme klingt auch freundlich: "Siehst ja aus wie mein alter Harras, du, das gibt's doch gar nicht!" Dann gibt er mir was ab, dafür darf er auch mal streicheln. Das tut gut. Mensch, bin ich kaputt!.
"Ham dich ausgesetzt, was? Dabei biste so'n Feiner, 'n ganz Feiner, dat kannze mir glooben, ick kenn' mer da aus!"
Der streichelt immer weiter. Hat meiner schon lange nicht so ausgiebig gemacht.
"Wie mein Harras, den se mer überfahr'n ham, gar nich' weit von hier, verstehste, ist schon komisch eigentlich..."
Dann sagt er eine ganze Weile nichts mehr, aber das Streicheln hört nicht auf.
Ich denk' gerade, dass ich jetzt weiter muss, da lacht er auf einmal: "Und ick dacht', heut' is' mein Pechtach, absoluter Tiefpunkt, verstehste?" Die Stimme mag ich, da wird mir ganz wohl: "Eegentlich wollt' ich ja nie mehr ein'n ham, seit der Harras..., aber wo wir beede nu ma' übergeblieb'n sind, wie's aussieht..., also, erst ma' müssen wer natürlich die Schrottmühle hier inne Werkstatt schaffen. Aber dann..., überleg's dir!"
Mühle, hat er gesagt, tatsächlich Mühle! Juhu, jaul! Der bringt mich heim, endlich heim!


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Eingereicht am 18. Januar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.