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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Klaras olivgrünes Kleid - oder: "Interessiert es Sie, welcher Farbtyp Sie sind?"

Eine Kurzgeschichte von Rosemarie C. Barth


Klara York entdeckte die Annonce in der Zeitung: "Neueröffnung - Beauty-Boutique, Farb-, Typ- und Stilberatung für Dame. Die ersten elf Kundinnen erhalten 50 Euro Rabatt." Sie überlegte nur kurz und rief in der Boutique an. "Hallo hier York, ich interessiere mich für Ihr Angebot Farb- und Stilberatung."
"Hallo Frau York, gerne, wünschen Sie einen Termin oder schauen Sie unverbindlich vorbei?", fragte eine helle Stimme.
"Falls es in der nächsten Stunde klappt, komm ich noch heute."
"Gern, ich merke Sie für 11 Uhr vor, Sie erhalten sogar Rabatt."
"Danke, das ist super, bis dann."
Klara freute sich auf die Beratung. Sie zog ihr olivgrünes Leinenkleid an. Zufrieden war sie mit ihrem Aussehen nie. Oft sah sie sich ratlos im Spiegel an und dachte, ich muss was für mich tun... Aber was?
Eine halbe Stunde später fuhr Klara zum Schönheitssalon. Sie stand vor dem farbig dekorierten Schaufenster. Ja, so auffallend muss eine Beauty-Boutique strahlen, freute sie sich und betrat gespannt das Geschäft.
"Hallo, ich bin Frau York, hatte ich vorhin mit Ihnen telefoniert?"
"Ja, willkommen, Frau York, Sie sind die zehnte Kundin, die heute terminiert hat. Mein Name ist Ulla Schön, bin Farb- und Stilberaterin. Nehmen Sie einen winzigen Moment Platz, bitte", lud die junge Frau ein und zeigte auf einen grünen Polsterstuhl.
"Besten Dank, Frau Schön. Ja ich warte. Übrigens, Ihr Name passt wunderbar zu Ihrem Beruf", lobte Klara.
"Danke, dass Sie das merken, ich schmunzele auch oft darüber."
Eine attraktive Frau, dachte Klara. Superchic gekleidet, ein perfektes Gesicht. Die strahlenden Augen, ihr glänzendes langes Haar. Alles an ihr wirkt so ästhetisch. Sie versteht eben was von ihrem Fach...
Zehn Minuten später saß Klara auf dem ledernen Beauty-Sessel.
"Haben Sie einen bestimmten Wunsch? Oder darf ich Ihnen mein gesamtes Angebot vorstellen?", fragte die Beraterin.
"Wissen Sie, ich glaube, ich brauche mal den totalen Kick! Finden Sie meinen Typ! Verändern Sie mich! Ich fühle mich nicht wohl, wie ich heute wieder aussehe... Machen Sie was Fesches aus mir!"
"Danke für Ihr Vertrauen, Frau York. Ich verspreche, Sie werden es nicht bereuen. Zuerst muss ich Ihren Hauttyp ermitteln, dann empfehle ich Ihnen passende Pflege. Mit einer Kosmetik, die ideal auf Typ und Teint abgestimmt ist, sieht jedes Gesicht strahlend aus."
Nach dem halbstündigen Test wusste Klara, sie hat eine Mischhaut. Dafür erhielt sie die adäquate Pflegeserie.
"Interessiert es Sie, welcher Farbtyp Sie sind?", fragte Frau Schön.
"Farbtyp? Was meinen Sie damit?"
"Es ist so: Jeder Mensch gehört zu einem Farbentyp, dem gewisse Töne und Nuancen besonders gut stehen. Mit akkurat Couleur sieht dieser Typ faszinierend frisch aus. Auf Haut-, Augen- und Haarfarbe abgestimmte Töne der Kleidung verleihen ein optimales Aussehen, die brillante Ausstrahlung. Zehn Jahre jünger wirkt eine Frau mit den exzellenten Farben und passenden Accessoires. Das gilt auch für den Herrn. Falls Sie die Beratung wünschen, kann ich anhand von Tuchfarben Ihren Typ analysieren. Sie detailliert beraten und diesen speziellen Farb-, Haar-, Stilpass aushändigen", erklärte Frau Schön.
"Also, das klingt ja, als hätte ich viel im Leben versäumt..." Klara schaute auf ihr olivgrünes Kleid. "Natürlich möchte ich! Bitte, tun Sie das! Ermitteln Sie den Farbtyp. Beraten Sie mich, ich brenne drauf!"
Die Schönheitsberaterin legte Klara Farbpaletten, Accessoires und Tücher vor. "Die Farbtypen wurden nach unseren vier Jahreszeiten festgelegt. Das sind Farben des Frühlingstyps, intensiv leuchtend warme Farben. Gold, hellblau, apricot, lindgrün, beige, sand, camel, wollweiß. Die Kleidungsfarben unterstreichen die zarte Frische der Frühlingstypen."
"Kaum zu glauben", rief Klara, "bin neugierig, wie's weiter geht."
"Das ist die Kategorie der Sommertypen. Ihre Haut weist einen kühlen Unterton auf, das Haar hat einen aschigen Schimmer. Blaue, hellbraune oder grüne Augen sind spezifisch. Da! Zum femininen Sommertyp passen kühle, pastellfarbene Töne. Basisfarben sind hellgrau und blau. Kombinationstöne sollten meergrün, rosa, violett, jeansblau oder limonegelb sein."
"Ich bin begeistert!", rief Klara, sah abermals an ihrem olivgrünen Kleid herunter und bekam erste Zweifel an dieser Farbe.
Ulla Schön freute sich über Klaras steigendes Interesse und führte sie zum nächsten Tisch. "Bitte, die Farbkollektion vom Herbsttyp."
"Oh, klasse, wirklich, als ginge man im Laubwald spazieren! Diese Leuchtkraft, die Naturfarben, als scheinte die goldene Sonne drauf."
"Ja schauen Sie, alles was der Sommerfrau gut zu Gesicht steht, ist für die Herbstfrau tabu. Der Herbsttyp verfügt über einen warmen, gelbgoldenen Hautton, sieht reizvoll in den Farben der Herbstsaison aus. Orange, sonnengelb, kupfer- und tomatenrot, kastanienbraun, olivgrün oder khaki, so glänzt die Herbstfrau. Die Töne harmonieren zu Augen und Haaren, die rotbraun oder braungoldig schimmern."
"Wie kleidet sich der Wintertyp vorteilhaft?", fragte Klara fiebrig.
"Oh ja, die Winterfrau ... Mir gefällt, wie interessiert Sie sind, Frau York." Frau Schön versuchte die Spannung ein wenig aufzuhalten.
"Die Winterfrau hat Ähnlichkeit mit Schneewittchen. Ihr Teint ist porzellanweiß mit leicht bläulichem Unterton, die Haare sind dunkel, oft schwarz und sehr dicht. Schneeweiß, royal- und marineblau, wein- oder knallrot sind ihre Farben. Auch in eisigem zitronengelb, giftgrün, knallpink und schwarz sieht die Winterfrau fabelhaft aus."
"Ich bin beeindruckt, Frau Schön. Sie können sich ja denken, ich kann es kaum erwarten, welcher Typ ich bin!"
"Das merke ich Frau York, und darum fange ich nun mit der groben Farbbestimmung an. Ich lege Ihnen zuerst ein warm goldenes, dann ein kalt silbernes Tuch um den Hals. Dabei erkenne ich, ob Teint und Augen strahlen oder fahl aussehen. Wie Ihr Gesicht mir dann verraten wird, sind Sie entweder ein warmer oder ein kühler Farbtyp. Da, schauen Sie selbst, goldfarben - und wie finden Sie sich damit?"
"Ehrlich gesagt, Frau Schön, ich kann nichts entdecken."
"Gut, Gegentest in Silber. Ist das ein Unterschied? Hat sich Ihr Teint verändert hat. Leuchten Ihre Augen? Und glänzt Ihr Haar?"
"Genau weiß ich das nicht, aber ich glaube Silber wirkt besser, frischer und klarer oder ....?"
"So ist's. Sie sind ein kalter Farbtyp. Nun müssen wir rausfinden, ob Sie der Sommer- oder Wintertyp sind."
Im Wechsel folgten kühle, zurückhaltende Farbtücher des Sommers mit knalligen Kontrastfarben des Winters. Und dann rief Ulla Schön: "Frau York, Sie sind exakt der Schneewittchentyp - ja, die klassisch-elegante Winterfrau!"
"Oh!", rief Klara und lächelte ihr Spiegelbild mit den Knalltönen an.
"Ja! Sehen Sie, Ihr Gesicht schimmert und die Augen brillieren."
Klara bekam einen Farb-, Haar- und Stilpass für den nächsten Einkauf ihrer Winterkollektion.
Mondän geschminkt mit eleganter Hochsteckfrisur und einem breiten schwarz-weiß-roten Seidentuch, das Frau Schön Augen zwinkernd um Klaras olivgrünes Kleid gelegt hatte, verließ Klara strahlend jung den Salon. Warum Klara morgens im Spiegel nicht optimal aussah, wusste sie jetzt. Was soll ich mit einem olivgrünen Kleid?, dachte sie und betrachtete zufrieden den tollen Farbenpass. Ihr neues Wissen wollte sie sofort anwenden. Im nahe gelegenen Bekleidungshaus probierte sie ein royalblaues Seidenkostüm und eine schneeweiße Glanzbluse.
"Die Sachen nehm' ich!", sagte Klara selbstbewusst zum Verkäufer. Leise murmelte sie aber: "Ich schwebe wohl im Kaufrausch." Trotzdem konnte sie ihren passenden Farben nicht widerstehen... Viel Geld hatte sie ausgegeben, meldete sich prompt ihre innere Stimme. Ich musste mal an mich denken, beruhigte sie sich schnell wieder. An mich allein!
Freudig dachte sie dann an ihren Ehemann. Claudio würde staunen, seine Klara ist eine Winterfrau!




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Eingereicht am 03. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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