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Die Wette

Eine Kurzgeschichte von Heinz Ohnezeit


Voller Scham bedeckte Klaus seine Männlichkeit. Er stand vor dem Dorfbrunnen und ihm war elend zumute. Noch eine volle Stunde war er dem Gelächter der Leute ausgesetzt.
Anfangs hoffte er noch, die Polizei würde ihn wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses mit zur Wache nehmen. Doch schnell war klar, dass er diese Hoffnung begraben konnte. In einem Dorf war so etwas ein Mordsspaß und mit der Großstadt nicht zu vergleichen.
Selbst eine Nacht in einer Zelle wäre ihm recht gewesen, nur nicht nackt hier zu stehen. Doch die Polizisten pfiffen ihm nur spöttisch zu, drehten ihre Runde und verschwanden wieder.
"Oh Mann, welcher Teufel hat mich geritten, als ich mich auf diese Wette einließ", dachte Klaus und sah verstohlen zu Claudia hinüber. Sie schien sich mit ihren Freundinnen köstlich zu amüsieren.
Das war für ihn das Allerschlimmste, denn er war seit über zwei Jahren mit Claudia eng befreundet - sehr eng sogar - und sie genoss seine Situation offensichtlich.
Angefangen hatte alles vor genau sechs Wochen. In der Dorfschänke ging es am Stammtisch wieder einmal hoch her. Die Zeit war schon fortgeschritten, das Bier reichlich geflossen und die Frauen wie immer das Thema Nr.1.
"Ich wette mit euch, dass ich jeden Tag eine Frau kennen lerne - wenn ich das möchte!" Mit breiter Brust schaute Klaus seine Zechkumpane an. Er sah zwar recht gut aus, aber musste er deshalb so auf den "Putz" hauen?
Walter, schon zu Schulzeiten sein bester Freund, nahm die Gelegenheit, ihm eins auszuwischen, sofort wahr. Er war immer nur zweite Wahl, wenn es um das weibliche Geschlecht ging und ein bisschen neidisch auf Klaus.
"Und um was möchte der große Frauenheld wetten?"
Klaus überlegte nicht lange. "Ich wette mit euch, dass ich in 42 Tagen die Telefonnummern von 42 Frauen bekomme."
Es sollte nur ein Spaß sein, mehr nicht. Nie und nimmer war es sein Ernst gewesen. Aber noch ehe Klaus sich bewusst war, was er da geäußert hatte, war die Wette auch schon ausgehandelt.
Würde er gewinnen, woran niemand wirklich glaubte, dann sollte er 5.000 Euro bekommen. Schafft er es aber nicht, muss er sich an einem Samstagnachmittag 6 Stunden, nackt vor den Dorfbrunnen stellen. Klaus willigte ein. Was blieb ihn auch anderes übrig, wollte er sein Gesicht nicht verlieren. Vielleicht war es ja am Ende doch zu schaffen.
Fast jeden Abend fuhr er nach Hamburg. In den Diskotheken und Singletreffs fand Klaus sich schnell zu recht und war bei den Damen eine Zeitlang recht beliebt.
Kaum aber, dass seine Stammtischbrüder die Telefonnummer anriefen, die er ihnen gab, musste er sich so manche Beschimpfungen oder Drohungen anhören und sich anderswo umsehen. Fast alle seine "Eroberungen" wurden recht sauer, wenn sie erfuhren, dass sie nur zum Zweck einer Wette dienten und ihre Hoffnungen begraben mussten. Dann war es ratsam einige Orte zu meiden. Die Sache lief recht gut. Schon nach 30 Tagen hatte er das Soll um acht überschritten. So beschloss er, sich eine Pause zu gönnen und sich um Claudia zu kümmern. Sie war wegen dieser Wette richtig sauer auf ihn. Jedes Mal, wenn sie zusammen waren, kam sie auf die anderen Frauen zu sprechen. Ihre Eifersucht konnte sie nicht verbergen, doch es gelang ihm immer wieder sie zu überzeugen, dass er nichts mit den anderen Frauen hatte. Und er hielt sein Wort immer, auch wenn die Versuchung manchmal groß war.
Zwei Tage vor dem Ablauf der Wette war Klaus überzeugt, es geschafft zu haben. Nur noch eine Telefonnummer und er hatte noch das ganze Wochenende Zeit. Nach dem bisherigen Verlauf durfte das kein Problem mehr sein. Er freute sich schon diebisch auf die dummen Gesichter der Anderen.
Gut gelaunt fuhr Klaus am Samstagabend nach Hamburg. Seine letzte "Beute" wollte er in "Charly' s House" erlegen, dem Singletreff schlechthin.
Während er sich dort noch umsah, sprach sie ihn an. Sie, von der wohl jeder behaupten würde, dass es eine Traumfrau sei.
"Ich heiße Marion. Wie wär's mit einem netten Abend zu zweit?" Lächelnd reichte sie ihm die Hand. Klaus willigte ohne zu zögern ein. Besser konnte es ja gar nicht für ihn laufen. Sie waren sich schnell einig und der Abend verlief viel versprechend.
Gegen zwei Uhr in der Nacht trennten sie sich. Doch als Klaus nach Marions Telefonnummer fragte, schüttelte sie den Kopf. "Nein heute noch nicht, denn ich möchte dich gerne morgen wiedersehen. Erst dann darfst du mich anrufen."
Was soll's dachte Klaus. Was konnte noch schief gehen? Bekam er halt morgen ihre Nummer. Treffpunkt sollte wieder Charly' s House sein.
Pünktlich erschien er am nächsten Tag im Lokal, doch als er auf Marion zugehen wollte, wurde er von sechs Armen festgehalten.
"Halt Freundchen!"
Sie packten zu und schleiften ihn zu seinem Auto, griffen nach dem Schlüssel in seiner Hosentasche und stießen ihn unsanft ins Innere. Ein Typ wie ein Bär beugte sich zu ihm hinunter. Seine Stimme war bedrohlich und Klaus wusste, dass dieser keinen Spaß verstand.
"Deine Spielchen sind ab heute zu Ende. Du verlässt jetzt die Stadt und wehe dir, wenn wir dich noch einmal hier sehen."
Als der Kerl die Autotür zuschlug, hob er noch einmal drohend die Faust. "Wir werden dich auf deiner Heimreise begleiten."
Klaus startete den Wagen und fuhr los. Auf der Heimfahrt sah er im Rückspiegel, dass sie ihm folgten. In einer halben Stunde war die Zeit abgelaufen und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er verloren hatte.
Zu Hause angekommen, ging Klaus sofort zur Dorfschenke. Sie warteten schon auf ihn. Kaum hatte er den Innenraum betreten, brach schallendes Gelächter los. Die Niederlage stand ihm unübersehbar ins Gesicht geschrieben.
* * *
Klaus sah zur Kirchturmuhr. Noch eine halbe Stunde, dann hatte sein Leiden ein Ende. Dann konnte er sich endlich ankleiden, nach Hause gehen und sich in der äußersten Ecke verkriechen. Denn eines war sicher, die nächsten Tage würde er sich nicht mehr vor die Tür trauen, nie mehr würde er eine Wette abschließen und die Zahl 42 wurde von nun an zu seiner persönlichen Unglückszahl erklärt.




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Eingereicht am 01. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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