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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Reisfleisch

Eine Kurzgeschichte von Christian Wagner


Er war noch nie in Griechenland gewesen. Ihm schien es aber manchmal so, dass jeder jemand kennt, der schon dort war. Sie wissen schon: Rotwein, Sonnenuntergang, weißer Strand - Romantik für die Unverbesserlichen, Zwangsoptimismus, erzwungene Lebensfreude abgeführt in Handschellen.
Sie war schon in Griechenland gewesen, einige Jahre ehe sie sich kennen lernten, und schwärmte immer noch. Gegen Jahresende, schlug sie vor, zumindest für ein paar Tage. Das sagte ihm zu, noch zwei, drei Monate davon zu träumen und dann, wenn es hier kalt und grau wurde, ab in das Flugzeug und auf in den Süden. Also für alle geographisch nicht so bewanderten: das ist jenes Land in dem fast alles mit "os" endet. Alles klar?
Er und Sie. Auch etwas, das offenbar jeder kennt, genau wie Griechenland. Ein Allerwelts-Platz, im Süden beheimatet, Phantasie beflügelnd, und am Ende doch sehr prosaisch.
Nach einer mehrmonatigen Trennung hatten sie beschlossen, es wieder zu versuchen.
Sagen Sie nicht: was für ein Hirngespinst. Schon einmal Reisfleisch gegessen? Ich meine aufgewärmtes Reisfleisch! Der Reis ist nicht mehr so klebrig, das Fleisch nicht mehr so weich - und vor allem: die Speise ist bekannt. Delikat kann das sein, sehr, sehr delikat.
Sie hatte andauernde Zahnschmerzen, aber das lag nicht am Reisfleisch, das Resultat verlorener Hoffnungen, konserviert, und diese müssen raus aus dem Körper. Kein Arzt, und sie konsultierte mehrere, fand etwas, einen handfesten Grund. Nach dem Motto: Zahnschmelz, Nerv, rechter Siebener - gar nichts. Einer meinte mal leise andeutend, dies könne nur eingebildet sein, zur Hysterie neigend. Aber was nützt das, wenn du nachts nicht schlafen kannst? Die sind einfach da, die Schmerzen.
Reisfleisch braucht Salz genauso wie Pfeffer und so kam es, dass er einige Tage in der Woche bei ihr verbrachte, manchmal auf kleiner, dann wieder auf großer Flamme. Aber: jeder braucht Freiraum, das ist wie die Luft zu atmen, und es ist nicht gut, aufeinander zu kleben. Wie mit dem Reisfleisch: je weniger der Reis klebt umso besser.
Er bekam Nachrichten von ihr "Bin gegen 3 Uhr zu Hause", setzte sich in ein Taxi, oder auch zu Fuß, und sie trafen sich bei ihr in der Wohnung. In der Umarmung tauschten sie sich aus - Griechenland, sie schienen beide angekommen.

Herbst.
Es beginnt öfters zu regnen, aber auch diese herrlichen, besinnlichen, sonnigen Nachmittage. Er nannte sie Lachmittage. September-Gewitter, Nein, sagte er, das mache ihm nichts aus, wenn sie heute nicht. Es machte ihm nicht aus, denn er war gern alleine. Aber es fehlte das Salz, der Pfeffer - und Reisfleisch ohne die elementarsten Gewürze - probieren Sie das einmal! Ihre Nachrichten begann er zu vermissen, diese kleinen Aufmerksamkeiten. "Weißt du, wenn ich dort unterwegs bin, dann bin ich zu den Menschen aufmerksam, daher kann ich dir keine Nachricht zukommen lassen."
Ausreden sind wie Arschlöcher: jeder hat zumindest eines und es gibt immer eine scheinbar plausible Angabe, warum man etwas tut oder unterlässt.
Ich weiß ja nicht, ob Sie Schach kennen. Das läuft in etwa so: Angriff, Ansturm und dann kann es passieren, dass du merkst: irgendetwas läuft nicht so. Also: Rückzug, Defensive, Schadensbegrenzung, es beginnt das mühsame Ringen um die Punkteteilung. Dem Hochgefühl des nahenden Sieges weicht die Erkenntnis, dass es zum ganzen Punkt nicht reichen wird.
Das ist Ihnen zu abstrakt? Probieren wir es doch mit Musik: hören Sie eine Symphonie, und dann treten diese Disharmonien auf - statt dem einzig richtigen C hören wir ein E. Es gibt Menschen die können das hören, andere nicht.
Vielleicht, sagte er, könnten wir uns darauf einigen, einen halben Teller Reisfleisch zu essen, es muss ja nicht ein ganzer sein. Sie gähnte vor sich hin, erklärte, zur Zeit viel Stress zu haben, die Umstellungen. Momentan könne sie nicht einmal einen Viertel Teller essen. "Weißt du, das hat gar nichts mit dir zu tun", sagte sie.
Er liebte dieses "Weißt du" - es soll Authentizität vermitteln. Er mochte von jeher dieses "Weißt du", nur ihm schien, dies sei in den Achtziger Jahren en vogue geworden.
Jene Zeit, an die sich heutzutage niemand mehr erinnert, weil diese Jahre so austauschbar waren. Ich meine: wissen Sie den Unterschied zwischen 1983 und 1988? Eben, es gab keinen. Aber dieses "Weißt du...", zeitlos, hatte sich gehalten, leicht hin gesagt wirkt es wie Gift, schleicht sich dahin, bezieht Stellung in den Blutbahnen und ehe du dich versiehst...
und er anrief, das war gar nicht mehr sooft der Fall, Sie wissen: der Freiraum, hob sie nicht ab. Später, er genoss im Park die Sonne, rief sie zurück.
Dann kam er am Abend, eine halbe Stunde, und ging wieder. Wenn er sie aufwecken sollte, keine Antwort. Es kam ihr Rückruf, vom Festnetz versteht sich, zur Beruhigung, damit er sehen konnte, dass sie zu Hause war. Wieder Begründungen: der Strom, das Telefon, ein dies und ein das. Es lässt sich immer eine Begründung finden.
Er wusste was kommen würde, das Unvermeidliche, wie auf einer schiefen Ebene ging es bergab. Das was er wollte, sie möge einfach sagen: "Es ist jetzt so und so Punkt." Er hätte es gerne gewollt, da er sie in guter Erinnerung, als eine Persönlichkeit, behalten wollte.
Telefon. "He, wie geht es dir", fragte sie," wann sehen wir uns endlich wieder ?"
Die Betonung des Wort "endlich" erheiterte ihn.
"Gut geht's mir, ja, ich weiß nicht, wann." Es folgte ein Vortrag, wann es nicht geht, um schlussendlich festzustellen, dass dann, wenn er Zeit hatte, sie nicht konnte.
Zahnschmerzen, erzählte sie, hatten Kopfschmerzen Platz gemacht, erhöhtes Fieber rundete die Situation ab.
Griechenland. Ach, ja, im Atlas nachgesehen, das war irgendwo im Süden, ziemlich weit weg.
Die "os", na Sie wissen schon.
Wien ist näher; und dann, wenn Wien ganz nah ist: sie lagen am Bett, er spürte Ihren Zorn, der sich von Ihrem rechten Oberschenkel über seinen Körper schlängelte, sich um seinen Hals legte.
Ich brauche jemand, der mir gewachsen ist, erklärte sie. Normalerweise hätte er gelacht, so wie er es in einer Viertel Stunde tun würde. Aber in diesem Moment blieb ihm das Lachen zusammen mit Ihrer Wut im Hals stecken. Es folgte die heftige Erörterung der Schuldfrage, etwas was vielen Menschen sehr wichtig zu sein scheint. Warum etwas nicht funktioniert, aber vor allem, warum man nicht selbst daran Schuld hat. Er hörte es sich an, dann stand er auf, meinte, das Beste wäre es, wenn er gehe, und ob sie schon daran gedacht habe: wenn sie Gleichwertigkeit wolle, das bedeuten könne, dass er runter zu ihr steigen müsse. Das war nicht sehr schön von ihm, er wollte es nicht sagen.
Mit dem Autobus war es nicht weit nach Hause, 15 Minuten. Er war in Wien gelandet, und glauben Sie es oder nicht: es war sehr schön, der richtige Ton war wieder zurückgekehrt.
Jetzt können Sie einwenden: das kann auch am Ohr liegen. Doch ich glaube, es ist die Musik. Trotzdem, Reisfleisch ist etwas schönes, solange das Gehör gut funktioniert.




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Eingereicht am 30. November 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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