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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ein ganz unbedeutender Morgen

Eine Kurzgeschichte von Eva Markert


An diesem Donnerstagmorgen ging alles schief. Aus irgendeinem Grund hatte der Wecker nicht geklingelt, und er war fünfzehn Minuten zu spät aufgewacht. Dies hatte verheerende Folgen, denn seine morgendliche Routine war bis ins Kleinste durchgeplant. Wahrscheinlich war die Hektik mit daran schuld, dass er beim Zubinden der Schuhe einen Schnürsenkel zerriss. Er musste lange suchen, bis er ein neues Paar fand. Und als er den Kühlschrank öffnete, fiel zu allem Überfluss auch noch der fast volle H-Milch-Karton heraus und ergoss sich auf den Boden. So blieb für ein Frühstück mit Zeitungslektüre keine Zeit. Doch trotz größter Eile verpasste er um Sekunden die U-Bahn um 7.46 Uhr, die er jeden Morgen nahm. Abgekämpft stand er auf dem Bahnsteig und wartete auf den nächsten Zug, der um 7.51 Uhr ging.
An diesem Donnerstagmorgen war sie aus irgendeinem Grund schon aufgewacht, bevor der Wecker schellte. Sie fühlte sich frisch und ausgeruht und stand fünfzehn Minuten eher auf als sonst. Heute schien ein richtiger Glückstag zu sein. Im Radio wurden nur ihre Lieblingssongs gespielt, die Nachbarin hatte ihr schon die Zeitung vor die Haustür gelegt, so dass sie nicht die fünf Stockwerke bis zu ihrem Briefkasten hinunterfahren musste, der Kaffee duftete, das Frühstück schmeckte, und die Sonne schien auf ihren Frühstückstisch. Alles ging ihr so leicht von der Hand, dass sie früher als gewöhnlich an der U-Bahnstation ankam. Sie würde also schon die Bahn um 7.51 Uhr nehmen können.
Es war 7.46 Uhr und 20 Sekunden.
Auf dem Bahnsteig wimmelten Menschen. Der junge Mann, der zufällig neben ihr stand, blickte übellaunig an ihr vorbei in den Schlund des schwarzen Tunnels, aus dem die U-Bahnen herausschnellten, die ins Zentrum fuhren. Schade, dass der junge Mann so griesgrämig vor sich hin starrte, denn eigentlich sah er recht gut aus. Genau genommen entsprach er genau ihren Idealvorstellungen: Er hatte dichtes, dunkles Haar, einen intelligenten Blick, war glattrasiert und hatte einen sensiblen Zug um den Mund. Außerdem war er sehr korrekt gekleidet und duftete gepflegt nach herbfrischem Rasierwasser. Er sah ernsthaft aus und so vertrauenswürdig! In der linken Hand trug er einen Aktenkoffer, und unter den rechten Arm hatte er eine Zeitung geklemmt.
Die Bahnhofsuhr zeigte 7.47 Uhr.
Niemand in der Bank würde etwas dabei finden, wenn er ein paar Minuten zu spät kam. Er selbst aber hasste Unpünktlichkeit, und es fiel ihm auch heute Morgen nicht leicht, sich selbst zu verzeihen. Er seufzte und sah auf die Gleise hinunter. Dabei streifte sein Blick ein Paar knallrote Schuhe. Darin steckten schmale Füße. Die Beine waren braungebrannt. Eine Handbreit oberhalb des Knies begann ein luftiges Trägerkleid, das mit bunten Streublümchen übersät war. Die junge Frau, die dieses Sommerkleid trug, hatte schulterlange braune Locken, muntere braune Augen und einen lachenden Mund. Sie trug eine lederne, reichlich gefüllte Schultertasche, die viel zu groß für sie zu sein schien. Dieses junge Mädchen sah eigentlich genau so aus, wie eine Frau seiner Meinung nach aussehen sollte.
Die Uhr zeigte 7.48 Uhr.
Wenn sie heute fünfzehn Minuten früher als sonst zur Arbeit kam, konnte sie schon die Büros durchlüften und den Kaffee aufsetzen. Ihre Kolleginnen würden sich freuen. Im Augenblick gab es zum Glück nicht allzu viel zu tun. Die Sommerferien hatten gerade begonnen, und viele Familien waren verreist.
Vielleicht würde sie am Abend schon etwas eher nach Hause gehen. Sie hatte heute nämlich noch viel vor! Zunächst wollte sie mit einer Bekannten Tennis spielen, so wie sie es jeden Donnerstag tat. Danach hatte sie sich mit Freunden zu einem Kinobesuch verabredet. Kino - das war ihre Leidenschaft! Es gab nichts Schöneres für sie, als erwartungsvoll in einem Kinosaal zu sitzen, in dem langsam die Lichter ausgingen. Auf heute Abend freute sie sich ganz besonders, denn endlich lief der Film an, auf den sie schon so lange gewartet hatte. Anschließend wollte sie mit ihren Freunden noch eine Kleinigkeit essen gehen und dann in die wohltuende Stille ihrer gemütlichen kleinen Wohnung zurückkehren.
Inzwischen war es 7.49 Uhr.
Er hatte das Gefühl, dass die Zeit unerträglich langsam dahinkroch. Und ausgerechnet heute hatte er in der Bank so viel zu tun! Aber wenn er dort ankam, würde er als erstes dem Bekannten absagen, mit dem er jeden Donnerstag Squash spielte. Heute Abend wollte er nämlich ins Kino gehen. Gestern hatte er in der Zeitung gelesen, dass ein Film anlief, den er unbedingt sehen musste. Er liebte das Kino und ließ sich immer wieder gern von den überlebensgroßen Bildern auf der Leinwand in den Bann ziehen. Seine Miene hellte sich ein wenig auf.
Es war 7.50 Uhr.
Gleich würden die ersten Geräusche zu hören sein, die den nahenden Zug ankündigten: ein entferntes Grollen und dazu dieses hohe, pfeifende Singen. Kurz darauf würden die roten Augen der U-Bahn im Tunnel aufglühen und sich pfeilschnell auf die wartenden Menschen zu bewegen.
Das Wogen der Menge wurde unruhiger. Es waren vor allem Berufstätige, die sich um diese Zeit auf dem Bahnsteig drängten. Einige von ihnen trafen sich jeden Morgen um dieselbe Zeit und kannten sich vom Sehen. Es fehlte nicht viel, und sie würden sich grüßen.
Aber auch eine Mutter mit einem Kinderwagen versuchte, sich bis zur Bahnsteigkante durchzukämpfen. Der kleine Junge schrie aus vollem Halse. Sein Gesicht war schon rot angelaufen, so dass er aussah wie ein zorniger kleiner Teufel.
Die junge Frau im Streublümchenkleid lächelte. Sie war gern Single, aber irgendwann wollte sie auch einen Ehemann haben und so einen kleinen Wicht, um den sie sich kümmern konnte.
Die Mutter stellte den Kinderwagen vor dem korrekt gekleideten jungen Mann ab. Sie hockte sich neben den kleinen Jungen und versuchte, ihn zu beruhigen. Der junge Mann beobachtete sie interessiert.
Tatsächlich hörte das Kind nach kurzer Zeit auf zu schreien. Es schloss erschöpft seine rotgeweinten Augen, steckte den Daumen in den Mund und begann, heftig daran zu saugen.
Der junge Mann und das Mädchen blickten auf den kleinen Jungen hinunter. Dann sahen sie sich kurz an und lächelten flüchtig.
7.51 Uhr.
Die U-Bahn schoss in den Bahnhof, und wie immer hatte man das Gefühl, sie würde nicht rechtzeitig zum Stehen kommen. Die Wagen waren so überfüllt, dass man sich regelrecht hineinzwängen musste.
Der junge Mann und das Mädchen hatten außerordentliches Glück. Wie durch ein Wunder gelang es ihnen, einen Sitzplatz zu bekommen, und durch einen schier unglaublichen Zufall saßen sie auch noch nebeneinander.
Zufrieden blätterte der junge Mann in seiner Zeitung. So kam er wenigstens noch dazu, einen kurzen Blick auf die Schlagzeilen zu werfen.
Die junge Frau saß am Fenster und blickte hinaus, aber in den U-Bahnschächten war die Nacht unendlich. Sie beobachtete das Spiegelbild des sympathischen jungen Mannes. Gerade runzelte er die Stirn und schüttelte dabei leicht den Kopf. War er verärgert? Was las er denn gerade?
Neugierig warf sie einen Blick auf seine Zeitung. Er hatte den Lokalteil aufgeschlagen. "Weiteres Parkhaus in der Innenstadt?" lautete die Schlagzeile. Noch ein Parkhaus? War das wirklich nötig?
Der junge Mann blickte hoch. Erst jetzt bemerkte er, dass die nette junge Frau vom Bahnsteig neben ihm saß. Sie schien sich ebenfalls für die Schlagzeile im Lokalteil zu interessieren, und wenn er den Ausdruck in ihrem Gesicht richtig deutete, hatte sie dieselben Zweifel wie er.
Für einen Moment sahen sie sich wieder in die Augen.
Die U-Bahn näherte sich der Haltestelle "Zentrum".
Der junge Mann faltete seine Zeitung zusammen, stand auf und kämpfte sich zum Ausgang durch.
Die junge Frau musste noch eine Station weiter fahren.




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Eingereicht am 30. November 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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