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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Herbststunden

Eine Kurzgeschichte von Rosemarie C. Barth


Wind, Regenschauer, Frösteln... Hu, ist das ungemütlich.
Ich mummle mich in meinen Wettermantel und schnüre den grauen Mohairschal noch fester. Ich muss schnell zur Post, ein Einschreiben abholen. Sonst wäre ich heute nicht auf diese glitschige Straße gegangen. Es ist Herbst. Schmuddelwetter seit Tagen. Eben die letzten Sommerfreuden noch ausgelebt, schon werden die Tage gnadenlos kürzer. Und der Herbstregen - trist und widerlich. Endlos wird sie wieder sein, diese feuchtkalte Jahreszeit. Keine Lust raus zu gehen, träge entwickelt man sich zum Fernsehfan und Bewegungsmuffel. Ich hasse den Herbst.
Auf zur Post. Das Einschreiben ist meine Kündigung, ich weiß es schon. Wieder hat eine Firma es nicht geschafft. Arbeitslos - im Herbst!
Ich laufe über den Gutenberg-Platz, wo sich inzwischen gewaltige Regenpfützen gebildet haben. Platsch, platsch... Agil springt ein kleiner Junge über die schillernden Wasserlachen. Seine roten Gummistiefel wippen auf und nieder. Er singt lauthals und lacht, während er übermütig umher hüpft. Kopfschüttelnd bleibe ich stehen. Er bemerkt mich und streckt mir seine kleine Kinderhand entgegen. "Schöner Herbst", sagt er und lacht so herzlich, dass ich fast erstarre. Der Steppke bückt sich, hebt kleine Steine auf und wirft sie eifrig in die riesigen Pfützen. Große Kreise bilden sich in der Lache. Er beugt sich darüber und ruft zu mir: "Guck mal, schön!" Der Kleine scheint der glücklichste Mensch an diesem Herbsttag zu sein. Manchmal ist es leichter, ein Kind zu sein, denke ich und mir fällt wieder ein, weswegen ich hier auf dem regennassen Platz stehe.
Ich will weiter gehen zur Post, da packt mich der Junge am Ärmel und sagt: "Spiel doch mit, schöner Herbst!" Er legt winzige Steine in meine Hand und lacht mich glücklich an. "Schmeiß' rein!", ruft er. Und, ich kann nicht anders, ich tue es. Der Junge hat mich mit seinem ungetrübten Spiel und dem herzlichen Kinderlachen angesteckt.
Ich spüre die Trostlosigkeit des Herbsttages nicht mehr. Ich spiele, lache und hopse mit dem Jungen. Und wieder reicht er mir seine schmale Kinderhand: "Sandro heiß' ich."
"Ich bin Marie", sage ich und werfe emsig einen kleinen Stein in die Regenpfütze. Es tut gut, zu beobachten, wie das Wasser spritzt - bis an die Hosenbeine. Das sind die wunderbaren Momente des Herbstes, der auch seine Schönheiten hat.
Man muss sie nur bemerken - ein Kind kann so etwas noch.
Später halte ich mein Einschreiben in der Hand. Ja, ich werde noch heute Bewerbungen schreiben. Es stürmt und regnet, genau das richtige Wetter für einen Neuanfang.




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Eingereicht am 28. November 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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