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Sonntagmorgenprogramm

Eine Kurzgeschichte von Andre Lopez


"Paapppaaa, ich hab Hunger. Kann ich was zu essen haben?" Ich drehe mich um und sehe, dass es halb sieben am Morgen ist. "Oh ich muss aufstehen", denke ich bei mir, "gut dass du mich geweckt hast Maurice." Dann aber fällt es mir ein: Sonntag!!! Na ja, was soll ich machen? Der Große will was frühstücken und seine Mutter kann ich jetzt bestimmt nicht dazu bewegen, ihm was zu geben. Einen Augenblick lang denke ich daran, ihn selber was machen zu lassen, verwerfe den Gedanken aber schnell wieder als mir das Bild der Verwüstung vom letzten Mal vor's geistige Auge tritt.
Während ich in der Küche stehe und versuche, mit den Kornflaks die Kornflakschüssel zu treffen, rechne ich schnell hoch: Maurice ist jetzt sechs Jahre als, er isst am Tag mindestens für zehn Euro Nahrungsmittel. Letztes Jahr brauchte er nur etwa fünf Euro täglich, das heißt wenn er sechzehn ist und man den Pubertätsschub mit einberechnet..... Lieber nicht weiterdenken.
Ich stelle die Kornflaks auf den Tisch, lege mich aufs Sofa und decke mich mit einer Wolldecke zu. Der Große war inzwischen nicht faul. Er hat die Zeit genutzt um den Fernseher einzuschalten. Mit geübten Fingern zappt er sich durch das Morgenprogramm. In Anbetracht der Tageszeit lasse ich ihn gewähren. Auf dem Bildschirm erscheint ein Kojote, der irgendein undefinierbares vogelähnliches Tier durch eine Wüstenlandschaft jagt. Ich fühle mich in meine eigene Jugend zurückversetzt: Der Trickfilm ist brutal, aber ansonsten harmlos. Aber Maurice lässt mich nicht lange in Erinnerungen schwelgen, schon nach ein paar Sekunden schaltet er um. Als nächstes muss ich mir ansehen, wie ein Mann und eine Frau etwas tun, das im deutschen Fernsehen heutzutage wohl schon zum guten Ton gehört: Sie reden ungeheuren Blödsinn. Schwerfällig versucht mein Gehirn den Sinn der Worte zu erfassen.
Es geht wohl um irgendeine Bastelei die so was von toll ist, dass ich zu glauben beginne, dass meine Pay-TV-Gebühren gut angelegt sind. Also ich finde es toll, wenn am frühen Morgen schon Satiresendungen kommen, aber ob das die Kinder schon verstehen? Ach nö, in genau dem Augenblick merke ich, dass es doch keine Satire ist, ist ernst gemeint, denn jetzt ist die Sendung zu Ende und an die Stelle des dämlich grinsenden Paars tritt ein dämlich grinsendes rosa Riesenplüschmonster, das aussieht wie ein ausgestopfter Altkleidersack, sich anhört wie eine Luftschutzsirene im Stimmbruch und das wohl einen knuddeligen Dinosaurier darstellen soll. Die Augen fallen mir zu und das letzte was ich denken kann ist: "Sind leider doch nicht alle ausgestorben, schade. Vielleicht kann man da ja mal nachhelfen". Während ich in der neutralen Zone zwischen Schlaf und Wach bin, dringt zu mir durch den Nebel die penetrante Erkennungsmelodie von "Die Dreisten Drei". Ich reiße die Augen auf, glaube ich mich doch zu erinnern, dass ich diese Sendung schon am Freitag Abend gesehen habe. Muss wohl eine Wiederholung sein. Da sie ganz lustig war, gucke ich mir einem Auge hin. Ich sehe einen Sketsch, in dem eine Frau ihre Hände in den Hosen von zwei Männern hat um die Größe ihres Geschlechtsteils zu ertasten, damit sie die richtigen Unterhosen für ihren Mann finden kann.
Mäßig witzig, aber genau in dem Moment, in dem die Frau zu einem der Männer sagt: "Ja, ihrer ist ja viel größer", fällt mir auf, dass mein Sohn gebannt in den Fernseher guckt und offensichtlich auch zuhört. "Schatz, schalt doch bitte mal um", sage ich schnell zu ihm und zu meiner Überraschung folgt er meiner Bitte ohne Verzögerung.
Horrorfilmsender für Eltern: Super RTL. Die Trickfilme gehen ja noch. Aber die werden immer wieder durch Werbung unterbrochen. Und dann fängt der Horror an: Ferngesteuerte Autos, Superduperknetgummis, Action-Gesellschaftsspiele bei denen ich schon vor zwanzig Jahren eingeschlafen bin, nur in neuer Verpackung, Puppen die selbstständig laufen, sprechen und Exkremente absondern können und Wasserpistolengewehre mit denen man, wären sie in den richtigen Händen, eine Bank ausrauben könnte.
Ich schließe die Augen. In Erwartung des Unvermeidlichen: Gleich kommt er und wird mir ihn um die Ohren hauen, den Satz, den jedes Kind scheinbar mit der ersten Flasche antialleerätischen Milomil aufnimmt: "Das will ich auch haben." Aber zu meiner Überraschung bleibt der Satz weg. Stattdessen fliegen Maurices Finger geübt über die Fernbedienung.
Der nächste Sender. Ich erfahre, dass er demnächst in unsere Kinos kommt. Der zweite Teil der Comicverfilmung X-Man. Während ich mir das Spezial zum Kinostart angucke, kommt Fabio unter meine Decke geschlichen und kuschelt sich an mich. Natürlich nicht ohne dabei die günstige Indenfernseherstarr-Position einzunehmen. Glück gehabt. Er bekommt gerade noch mit, dass es Mutanten auf der Welt gibt, die Feuer aus ihren Augen schießen können und dass es Schulkinder gibt, die statt ihrer Zunge ein schwarzes Etwas im Mund haben, das sie entweder zum neckischen Grüßen ihrer Klassenkameraden einsetzten können, oder auch um unliebsame Gestalten zu liquidieren, die gerade so in der Filmgegend rumstehen. Ganz wie die Laune so ist. Für einen vierjährigen eine unschätzbare Erfahrung.
So langsam gleite ich hinüber in die Schlafwelt. Im letzten Augenblick verpasse ich mir selber einen Tritt, stehe auf und schalte den Fernseher aus. Verwundert gucke ich auf die Uhr: Neunuhrvierzig. Sonntag Morgen. Kornflaks schon lange matschig. Kinderprogramm.
Na ja, während ich ins Badezimmer schlendere höre ich die lauten Protestrufe meiner Kinder. "Paaappaaaa....."




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Eingereicht am 24. November 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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